Täter, Opfer und Gerechtigkeit. Zum aktuellen Zustand der SPÖ.
Die Forderung von Gerechtigkeit ist eng verbunden mit dem Prinzip der Gleichheit.
Wer der Überzeugung ist, dass die Menschen nicht nur ungleich, mit ungleichen
Voraussetzungen und Chancen geboren werden, sondern es auch bleiben sollen,
braucht sich um Gerechtigkeit nicht zu kümmern. Traditionell war es die Sozialdemokratie,
die Gerechtigkeit nicht nur als Ziel proklamierte, sondern auch zur
Maxime ihres politischen Handelns machte. Das ist bloß noch Geschichte.
Ein gründlich gestörtes Unrechtsbewusstsein
Der Bund Sozialdemokratischer Akademikerinnen und Akademiker (BSA) in
Österreich ist ein bemerkenswertes Beispiel für die sozialdemokratische Auffassung
von Gerechtigkeit, genauer: für ein gründlich gestörtes Unrechtsbewusstsein.
Denn was eine soziale, gar eine sozialistische Politik von einer konservativen
grundsätzlich zu unterscheiden hätte, wäre die Durchsetzung von Verteilungsgerechtigkeit,
und zwar nicht nur bei der Verteilung von gesellschaftlichem Reichtum,
sondern auch und gerade von Gerechtigkeit selbst. Sechzig Jahre (sechzig
Jahre!) nach Kriegsende hat der BSA herausgefunden, was man längst wusste:
dass er nach 1945 massenhaft Nationalsozialisten angeworben, gedeckt und mit
Karrieren belohnt hat.
Zur Präsentation der in Auftrag gegebenen Studie Die
Rolle des BSA bei der gesellschaftlichen Reintegration ehemaliger Nationalsozialisten wurde
unter dem Titel „Wunden schließen“ ins Parlament eingeladen. Der Präsident
des BSA erklärte feinsinnig, es ginge darum, Wunden offen zu legen, damit sie
heilen könnten. Wer aber hat diese Wunden geschlagen? Und wer hat sie erlitten?
Der BSA-Präsident hilft mit einem Vergleich, dieses Rätsel zu lösen. Er
beruft sich auf das Beispiel der südafrikanischen Wahrheitskommissionen.
Diese Wahrheitskommissionen wurden bekanntlich
von den Opfern der Apartheid gebildet. Sie waren ein großzügiges Angebot an
die Folterknechte von gestern. Worin also besteht für den Präsidenten des BSA
die Analogie? War der BSA, der die Nazis aufnahm und förderte, das Opfer? Hat
man jene, die vor und nach 1945 von diesen Nazis diskriminiert wurden, nach
ihren Wunden gefragt? Hat man sie um Amnestierung gebeten?
Die Selbstamnestierung der Täter
Der BSA amnestiert sich selbst. Die Verfasser der Studie stellten einmal mehr
fest, dass man nach 1945 nicht versucht habe, österreichische Emigranten aus
dem Exil zurückzuholen. Als ob es zwischen der Durchsetzung des BSA mit
alten Nazis und Antisemiten und diesem Versäumnis keinen Zusammenhang
gäbe! Dass auch die ÖVP Nazis umworben hat, macht den Skandal nicht kleiner.
Was geht bei Leuten vor, die die Verwirrungen in den Köpfen der heutigen
Wundheiler im BSA nicht durchschauen, die sie gar für einen Ausdruck antifaschistischer
Courage halten? Wo bleibt auch nur die Spur eines Unrechtsbewusstseins,
wenn man die Verletzungen der Täter pflegt und die Wunden ihrer
Opfer nicht einmal wahrnimmt? Der Schriftsteller Hans Joachim Schädlich
bemerkte einmal: „Manchmal geschieht es, dass Untäter sich entschuldigen. Sie
sagen zu den Opfern: ‚Wir entschuldigen uns.‘ Sie bitten nicht um Entschuldigung,
sie entschuldigen sich. Sie sprechen sich von Schuld selbst frei. Da könnten
sie ebenso gut sagen: ‚Wir verzeihen uns.‘ Der schlampige Gebrauch des
Wortes ‚entschuldigen‘ fällt niemandem so recht auf. Wer kann denn wen entschuldigen?
Nur die Opfer können entschuldigen. Nur die Opfer können vergeben.
Wenn sie aber tot sind, können sie es nicht.“
Fehlentscheidung, irritierend, Fehler …
In seinem Stück Der einsame Weg lässt Arthur Schnitzler den jungen Felix sagen:
„Ein Geständnis hebt eine Schuld nur auf, solange der Schuldige dafür bezahlen
kann.“ Der BSA hat mit seinem Geständnis so lange gewartet, bis kaum noch
jemand vorhanden ist, um die Schuld zu bezahlen. Und jene, die – nicht zu
schlecht, jedenfalls besser als ihre Opfer vor und nach 1945 – überlebt haben,
denken, wie auch der BSA als Organisation, überhaupt nicht daran, zu bezahlen.
Genau genommen sind sie sich keiner Schuld bewusst. Prompt traten einige
prominente Sozialdemokraten aus dem BSA aus, als dieser sich anschickte, seine
Wunden erst offen zu legen und dann zu schließen. Nicht die Nazis in ihrer
Organisation störten sie, sondern das Eingeständnis ihrer Rolle im BSA. Die
verspätete halbherzige Offenbarung der „braunen Flecken“ verurteilen sie als
Hetze, wie die Profiteure der sozialen Ungleichheit jedes Gerechtigkeitsverlangen
als Hetze der Neidischen diffamieren.
Und Heinz Fischer? In einem Gespräch mit der Presse
vom 12. Februar 2005 (einem für Sozialdemokraten symbolischen Datum) sagt
der gegenwärtige österreichischen Bundespräsident: „Renners ‚freudiges Ja‘ zum
‚Anschluss‘ ist eindeutig eine arge Fehlentscheidung gewesen und etwas, was ich
sehr irritierend finde. Ich glaube aber, dass sich Renner dieses Fehlers bewusst
wurde, und er soll einmal gesagt haben, er sei glücklicherweise in die Lage versetzt
worden, im Jahr 1945 an der Wiedergutmachung dieses Fehlers zu arbeiten.“ Fehlentscheidung,
irritierend, Fehler … Gerne wüsste man, worin genau die „Wiedergutmachung“
des ersten Bundespräsidenten der Zweiten Republik bestanden hat.
Bestraft wird jedenfalls, wer nichts wieder gut zu machen hat. Karl Renner hatte
kein Problem, den Anschluss an das nationalsozialistische Deutsche Reich mit
einem „freudigen Ja“ zu begrüßen und dann Bundespräsident eines befreiten
Österreich zu werden, in dem das Bildungsinstitut der SPÖ nach wie vor seinen
Namen trägt. Was wiegt da eine „irritierende Fehlentscheidung“?
Thomas Rothschild
ist Literaturwissenschafter
an der
Universität Stuttgart
