Schöne neue (rauchfreie) Welt – Glossen zur Biopolitik
Nur die Bösen rauchen
Wenn man sich alte Hollywoodfilme – beispielsweise mit Lauren Bacall –
anschaut, wo noch hemmungslos geraucht wurde, befällt einen als Raucher die
Nostalgie. Die Zeiten sind jedoch längst vorbei, in Filmen rauchen höchstens
noch die Bösen. Dass Rauchen ungesund ist, weiß jeder, auch wenn vielleicht
gerade das zum Genuss dazugehört. Wenn man sich jedoch die Berichterstattung
und die Gesundheitspolitik ansieht (wie z. B. die jüngsten Rauchverbote in
Irland und Italien), scheint Rauchen zu einem wesentlichen Problem geworden
zu sein. So konnte man auch im „Standard“ vom 27.11.2004 lesen: Raucher sind
öfters arbeitslos, fehlen mehr am Arbeitsplatz, sind öfters krank, verringern das
Bruttosozialprodukt, auch weil die „Produktivität […] durch stillschweigend
geduldete Zigarettenpausen geschmälert“ wird – und das ganz abgesehen von
den enormen Gesundheitskosten, die die kranken Raucher verursachen. Vielleicht
gibt es daher bald Aufstände der Nichtraucher, die auf die Barrikaden
gehen, weil ihr geliebtes Unternehmen wegen den Rauchern weniger Gewinn
macht. Mal was Neues in der Geschichte der Aufstände.
Körperkult und neoliberale Responsibilisierung
Man könnte jetzt einwenden, dass durch das frühere Ableben der Raucher auch
die Rentenversicherung entlastet wird. Aber anstatt in dieser Aufrechnung von
Kosten und Nutzen zu verbleiben, sei angedeutet, was möglicherweise dahintersteckt
1. In Zeiten der „flüchtigen Moderne“ (Bauman) scheint der Körper
zunehmend zur letzten Identitätsbasis zu werden, den es vor allem Fremden und
Ansteckenden, allem, was die Körpergrenzen überwindet und bedroht (wie das
Rauchen), zu schützen und konsumistisch-produktiv zu nützen und designmäßig
herzustellen gilt. Moderne Politik ist zu einem Gutteil „Biopolitik“ (Foucault),
insofern der Körper und das Leben Gegenstand moderner Machttechnologien
sind. Vor diesem Hintergrund lässt sich für westliche Gesellschaften zudem seit
geraumer Zeit ein Übergang vom alten Wohlfahrtsstaat zu einem neuen (neoliberalen)
Kontrollregime konstatieren, wo der Einzelne zum Unternehmer seiner
selbst wird, sich mittels Selbstmanagement „fit“ halten und sein „Humankapital
managen“ muss für die Erfordernisse eines unsicheren Arbeitmarktes. Dabei
werden alle gesellschaftlichen Bereiche und damit auch das Gesundheitswesen
zunehmend einer Ökonomisierung unterworfen.
Am Beispiel des Rauchens lässt sich gut zeigen, wie
das wohlfahrtsstaatliche System, das in Bezug auf die Krankenversicherung die
Beiträge am Einkommen orientiert hat, langsam abgelöst wird durch das Modell
einer „versicherungsmathematischen Gerechtigkeit“ (Schmidt-Semisch), die
Gerechtigkeit an den Risiken ausrichtet. Hier findet eine Umcodierung von
Begriffen wie Gerechtigkeit und Solidarität statt, die gerade das alte Versicherungssystem
als ungerecht bezeichnet, da Raucher z.B. mehr rauskriegen als
einzahlen würden. Krankheit wird nun zur Frage des Risikomanagements, jeder
hat die Pflicht, einen verantwortlichen Lebenswandel zu führen und dem Kollektiv
nicht zu viele gesundheitliche Kosten zu verursachen. Statt über Moralisierung
läuft dieses Verantwortlichmachen und diese Kontrolle vermehrt über Statistiken
und Risikokurven. Der „mündige Patientenkonsument“ ist insofern für
seine Krankheiten und (genetischen) Risiken selbst verantwortlich, und vielleicht
wird es bald Gesundheitskonten geben, die verzeichnen, wie viel jemand
für seine Gesundheit tut. Wer wahrscheinlich in naher Zukunft dann nicht ins
Fitnessstudio geht, der wird wohl höhere Prämien zahlen müssen, Raucher werden
gemeldet oder, wie schon praktiziert, keinen Job bekommen etc. Von den
Drogen- und Gentests, die zunehmend die Arbeitwelt bestimmen (werden), ganz
zu schweigen.
Raucherzonen
So scheinen gegenwärtige Gesellschaften zunehmend Teilungen aufgrund von
Risikopopulationen durchzuführen. Je nach Risikopotenzial werden den Bevölkerungsgruppen
gewisse Lebensläufe und Räume zugewiesen, Kontrolle wird
zunehmend durch Raumaufteilungen und Zugang zu gewissen Räumen durchgeführt.
Wer raucht, kann es tun, aber nur in dafür vorgesehenen Zonen, und er
sollte sich über dieses „unvernünftige“ und „unverantwortliche“ Verhalten und
diese Gefahr für den Bevölkerungskörper klar sein. Vielleicht wird man eines
Tages die alten Hollywoodfilme gar nicht mehr verstehen und werden nur mehr
diejenigen rauchen, die sich ein Fitnessstudio nicht leisten können.
Literatur
1 _ Siehe zum Folgenden:
H. Hess, B. Kolte, H.
Schmidt-Semisch,
Kontrolliertes Rauchen. Tabakkonsum
zwischen Verbot und
Vergnügen, Freiburg, 2004;
M. Lindenberg, H.
Schmidt- Semisch „Aber
bitte nicht hier!“ Zur Zukunft
des Umgangs mit riskanten
Substanzen, in: Th.
Hengartner, Ch. M. Merki
(Hg.), Tabakfragen. Rauchen
aus kulturwissenschaftlicher
Sicht, Zürich, 1996, S. 185–202;
U. Bröckling,
S. Krasmann, Th. Lemke
(Hg.), Gouvernementalität der
Gegenwart. Studien zur Ökonomisierung
des Sozialen,
Frankfurt / M., 2000.
Gerhard Unterthurner
ist „freier“ Wissenschaftler,
Lektor und
Lehrbeauftragter an
der Universität Wien.
