Schöne neue (rauchfreie) Welt – Glossen zur Biopolitik — IG Kultur

Direkt zum Inhalt | Direkt zur Navigation

Benutzerspezifische Werkzeuge
Anmelden

INHALT 04/2005

 

Schöne neue (rauchfreie) Welt – Glossen zur Biopolitik

Gerhard Unterthurner

Nur die Bösen rauchen
Wenn man sich alte Hollywoodfilme – beispielsweise mit Lauren Bacall – anschaut, wo noch hemmungslos geraucht wurde, befällt einen als Raucher die Nostalgie. Die Zeiten sind jedoch längst vorbei, in Filmen rauchen höchstens noch die Bösen. Dass Rauchen ungesund ist, weiß jeder, auch wenn vielleicht gerade das zum Genuss dazugehört. Wenn man sich jedoch die Berichterstattung und die Gesundheitspolitik ansieht (wie z. B. die jüngsten Rauchverbote in Irland und Italien), scheint Rauchen zu einem wesentlichen Problem geworden zu sein. So konnte man auch im „Standard“ vom 27.11.2004 lesen: Raucher sind öfters arbeitslos, fehlen mehr am Arbeitsplatz, sind öfters krank, verringern das Bruttosozialprodukt, auch weil die „Produktivität […] durch stillschweigend geduldete Zigarettenpausen geschmälert“ wird – und das ganz abgesehen von den enormen Gesundheitskosten, die die kranken Raucher verursachen. Vielleicht gibt es daher bald Aufstände der Nichtraucher, die auf die Barrikaden gehen, weil ihr geliebtes Unternehmen wegen den Rauchern weniger Gewinn macht. Mal was Neues in der Geschichte der Aufstände.

Körperkult und neoliberale Responsibilisierung

Man könnte jetzt einwenden, dass durch das frühere Ableben der Raucher auch die Rentenversicherung entlastet wird. Aber anstatt in dieser Aufrechnung von Kosten und Nutzen zu verbleiben, sei angedeutet, was möglicherweise dahintersteckt 1. In Zeiten der „flüchtigen Moderne“ (Bauman) scheint der Körper zunehmend zur letzten Identitätsbasis zu werden, den es vor allem Fremden und Ansteckenden, allem, was die Körpergrenzen überwindet und bedroht (wie das Rauchen), zu schützen und konsumistisch-produktiv zu nützen und designmäßig herzustellen gilt. Moderne Politik ist zu einem Gutteil „Biopolitik“ (Foucault), insofern der Körper und das Leben Gegenstand moderner Machttechnologien sind. Vor diesem Hintergrund lässt sich für westliche Gesellschaften zudem seit geraumer Zeit ein Übergang vom alten Wohlfahrtsstaat zu einem neuen (neoliberalen) Kontrollregime konstatieren, wo der Einzelne zum Unternehmer seiner selbst wird, sich mittels Selbstmanagement „fit“ halten und sein „Humankapital managen“ muss für die Erfordernisse eines unsicheren Arbeitmarktes. Dabei werden alle gesellschaftlichen Bereiche und damit auch das Gesundheitswesen zunehmend einer Ökonomisierung unterworfen. Am Beispiel des Rauchens lässt sich gut zeigen, wie das wohlfahrtsstaatliche System, das in Bezug auf die Krankenversicherung die Beiträge am Einkommen orientiert hat, langsam abgelöst wird durch das Modell einer „versicherungsmathematischen Gerechtigkeit“ (Schmidt-Semisch), die Gerechtigkeit an den Risiken ausrichtet. Hier findet eine Umcodierung von Begriffen wie Gerechtigkeit und Solidarität statt, die gerade das alte Versicherungssystem als ungerecht bezeichnet, da Raucher z.B. mehr rauskriegen als einzahlen würden. Krankheit wird nun zur Frage des Risikomanagements, jeder hat die Pflicht, einen verantwortlichen Lebenswandel zu führen und dem Kollektiv nicht zu viele gesundheitliche Kosten zu verursachen. Statt über Moralisierung läuft dieses Verantwortlichmachen und diese Kontrolle vermehrt über Statistiken und Risikokurven. Der „mündige Patientenkonsument“ ist insofern für seine Krankheiten und (genetischen) Risiken selbst verantwortlich, und vielleicht wird es bald Gesundheitskonten geben, die verzeichnen, wie viel jemand für seine Gesundheit tut. Wer wahrscheinlich in naher Zukunft dann nicht ins Fitnessstudio geht, der wird wohl höhere Prämien zahlen müssen, Raucher werden gemeldet oder, wie schon praktiziert, keinen Job bekommen etc. Von den Drogen- und Gentests, die zunehmend die Arbeitwelt bestimmen (werden), ganz zu schweigen.

Raucherzonen

So scheinen gegenwärtige Gesellschaften zunehmend Teilungen aufgrund von Risikopopulationen durchzuführen. Je nach Risikopotenzial werden den Bevölkerungsgruppen gewisse Lebensläufe und Räume zugewiesen, Kontrolle wird zunehmend durch Raumaufteilungen und Zugang zu gewissen Räumen durchgeführt. Wer raucht, kann es tun, aber nur in dafür vorgesehenen Zonen, und er sollte sich über dieses „unvernünftige“ und „unverantwortliche“ Verhalten und diese Gefahr für den Bevölkerungskörper klar sein. Vielleicht wird man eines Tages die alten Hollywoodfilme gar nicht mehr verstehen und werden nur mehr diejenigen rauchen, die sich ein Fitnessstudio nicht leisten können.

Literatur

1 _ Siehe zum Folgenden: H. Hess, B. Kolte, H. Schmidt-Semisch, Kontrolliertes Rauchen. Tabakkonsum zwischen Verbot und Vergnügen, Freiburg, 2004;

M. Lindenberg, H. Schmidt- Semisch „Aber bitte nicht hier!“ Zur Zukunft des Umgangs mit riskanten Substanzen, in: Th. Hengartner, Ch. M. Merki (Hg.), Tabakfragen. Rauchen aus kulturwissenschaftlicher Sicht, Zürich, 1996, S. 185–202;

U. Bröckling, S. Krasmann, Th. Lemke (Hg.), Gouvernementalität der Gegenwart. Studien zur Ökonomisierung des Sozialen, Frankfurt / M., 2000.

Gerhard Unterthurner ist „freier“ Wissenschaftler, Lektor und Lehrbeauftragter an der Universität Wien.

 
 

Erhältlich in folgenden Buchhandlungen:

  • a.punkt, 1010 Wien
  • Walther König, 1070 MQ
  • Anna Jeller, 1040 Wien
  • Phil, 1060 Wien
  • Leporello, 1010 Wien
  • Lentos, Linz
  • Pro qm, Berlin
  • b_books, Berlin

 

Kulturrisse -

Zeitschrift für radikaldemokratische Kulturpolitik

 

seit 1996

Oppositionen
gegenhegemoniale Konzepte und Unternehmen im zivilgesellschaftlichen Bereich

Kulturpolitiken
kritische Kommentare zu neuesten Entwicklungen der Kulturarbeit, Kulturpolitik, Kulturfinanzierung und der Kulturverwaltung

Kunstpraxen
Schlaglichter auf gelungene künstlerische Interventionen

Kosmopolitiken
Andocken an Diskurse jenseits der Grenzen des Nationalismus

IG KULTUR Österreich
Gumpendorfer Straße 63b
A-1060 Wien