10 Jahre Dayton. — IG Kultur

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INHALT 04/2005

 

10 Jahre Dayton.

Boris Buden

Die einzige Zukunft Bosniens liegt in Europa. Darüber sind sich die Experten einig. Egal ob Wirtschaft, Politik, Kultur – das Ziel der Bemühungen ist klar: Bosnien muss aufholen, anschließen, beitreten. Es ist zunächst nicht ganz klar, warum sich alle Parteien zwar darauf einigen können, gemeinsam in Europa zu leben, nicht aber in Bosnien, das vor allem durch gemeinsame Spaltung vereint wird. Aber was soll’s? Wird etwa geschossen? Na also.

Dass dem so ist, verdanken wir Dayton.

Zur Erinnerung: Im November 1995 einigten sich in Dayton, einer amerikanischen Airbase in Ohio, nach wochenlangen Verhandlungen drei nationale Parteien, die davor drei Jahre teils gegen- teils miteinander Krieg in Bosnien und Herzegowina geführt, ein viertel Million seiner BürgerInnen getötet, weitere zwei Millionen vertrieben und das Land in Schutt und Asche gelegt hatten, auf einen Friedensvertrag. Zwei der Hauptprotagonisten dieses Ereignisses, der bosnische Präsident Alija Izetbegovic und der kroatische Präsident Franjo Tudjman sind inzwischen verstorben, der dritte, Serbiens ehemaliger Präsident Slobodan Milosevic, steht, angeklagt wegen Kriegsverbrechen und Genozid, vor dem internationalen Tribunal in Den Haag. Damals in Dayton einigten sie sich, nicht weil sie so friedfertig waren, sondern weil sie unter Druck gesetzt wurden. Geeinigt haben sie sich aber – und seither schweigen die Waffen. Warum? Weil erst dieser Frieden paradoxerweise den Krieg zu einem Erfolg gemacht hat. In Dayton erhielt das, was vorher wilde ethische Säuberung war, Verfassungsrang. So entstand zum ersten Mal in Bosniens Geschichte ein ethnisch und religiös getrenntes Gebilde, in dem Einigkeit nur über die Durchsetzung weitgehender Teilung besteht. Und das meint auch die europäische Union, auf deren Minderheitenverordnungen sich bei der Segregation alle berufen. Etwa Schulen, die zwei verschiedene Eingänge für katholische und muslimische Schüler haben, obwohl sie die gleiche Sprache sprechen. Die Einführung dieser Schulen ist ein wirklicher Meilenstein auf dem Weg Bosniens nach Europa. Treiben wir das europäische Prinzip also ein bisschen weiter: wenn bosnisch, serbisch und kroatisch als verschiedene Sprachen unterrichtet werden, wieso dann nicht gleich – sagen wir, serbisch als erste und kroatisch als zweite Fremdsprache lehren? Wieso dann nicht gleich internationale Schulen schaffen, in denen die Muttersprache als fremdsprachlicher Unterricht gilt? Angesichts dieses Beispiels wird eines klar. Bosniens Zukunft liegt nicht in Europa. Nein: Europas Zukunft liegt in Bosnien. Denn auch dort ist keineswegs die Frage gelöst, wie diverse Nationalitäten unter einem politischen Dach wohnen sollen. Für diese Zukunft gibt es zwei Möglichkeiten: Im besten Fall kehrt Europa in Bosniens Vergangenheit zurück und somit in die Banalität des Zusammenlebens. Im schlimmeren Fall wird jedoch eben jene bosnische Gegenwart, die es selbst schafft, zu einer gesamteuropäischen Zukunft. Und schon ist zu sehen: Europa holt mächtig auf.

 
 

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  • Leporello, 1010 Wien
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