10 Jahre Dayton.
Die einzige Zukunft Bosniens liegt in Europa. Darüber
sind sich die Experten einig. Egal ob Wirtschaft,
Politik, Kultur – das Ziel der Bemühungen ist klar:
Bosnien muss aufholen, anschließen, beitreten. Es
ist zunächst nicht ganz klar, warum sich alle Parteien
zwar darauf einigen können, gemeinsam in Europa
zu leben, nicht aber in Bosnien, das vor allem durch
gemeinsame Spaltung vereint wird. Aber was soll’s?
Wird etwa geschossen? Na also.
Dass dem so ist, verdanken wir Dayton.
Zur Erinnerung: Im November 1995 einigten sich in
Dayton, einer amerikanischen Airbase in Ohio, nach
wochenlangen Verhandlungen drei nationale Parteien,
die davor drei Jahre teils gegen- teils miteinander
Krieg in Bosnien und Herzegowina geführt, ein viertel
Million seiner BürgerInnen getötet, weitere zwei
Millionen vertrieben und das Land in Schutt und
Asche gelegt hatten, auf einen Friedensvertrag. Zwei
der Hauptprotagonisten dieses Ereignisses, der bosnische
Präsident Alija Izetbegovic und der kroatische
Präsident Franjo Tudjman sind inzwischen verstorben,
der dritte, Serbiens ehemaliger Präsident Slobodan
Milosevic, steht, angeklagt wegen Kriegsverbrechen
und Genozid, vor dem internationalen Tribunal
in Den Haag. Damals in Dayton einigten sie sich,
nicht weil sie so friedfertig waren, sondern weil sie
unter Druck gesetzt wurden. Geeinigt haben sie sich
aber – und seither schweigen die Waffen. Warum?
Weil erst dieser Frieden paradoxerweise den Krieg zu
einem Erfolg gemacht hat. In Dayton erhielt das, was
vorher wilde ethische Säuberung war, Verfassungsrang.
So entstand zum ersten Mal in Bosniens
Geschichte ein ethnisch und religiös getrenntes
Gebilde, in dem Einigkeit nur über die Durchsetzung
weitgehender Teilung besteht. Und das meint auch
die europäische Union, auf deren Minderheitenverordnungen
sich bei der Segregation alle berufen.
Etwa Schulen, die zwei verschiedene Eingänge für
katholische und muslimische Schüler haben, obwohl
sie die gleiche Sprache sprechen. Die Einführung
dieser Schulen ist ein wirklicher Meilenstein auf dem
Weg Bosniens nach Europa. Treiben wir das europäische
Prinzip also ein bisschen weiter: wenn bosnisch,
serbisch und kroatisch als verschiedene Sprachen
unterrichtet werden, wieso dann nicht gleich – sagen
wir, serbisch als erste und kroatisch als zweite Fremdsprache
lehren? Wieso dann nicht gleich internationale
Schulen schaffen, in denen die Muttersprache
als fremdsprachlicher Unterricht gilt?
Angesichts dieses Beispiels
wird eines klar. Bosniens Zukunft liegt nicht
in Europa. Nein: Europas Zukunft liegt in Bosnien.
Denn auch dort ist keineswegs die Frage gelöst, wie
diverse Nationalitäten unter einem politischen Dach
wohnen sollen. Für diese Zukunft gibt es zwei Möglichkeiten:
Im besten Fall kehrt Europa in Bosniens
Vergangenheit zurück und somit in die Banalität des
Zusammenlebens. Im schlimmeren Fall wird jedoch
eben jene bosnische Gegenwart, die es selbst schafft,
zu einer gesamteuropäischen Zukunft. Und schon ist
zu sehen: Europa holt mächtig auf.
