60 Jahre Schüssel. Die Regierung feiert sich, und die Opposition feiert die Regierung
Wenn es irgendeinen Unterschied im Zugang von rechts und links zur
Frage der Macht gibt, dann ist es folgender: Wenn die Rechte an die
Macht kommt, beginnt sie alle nicht-rechten Strukturen gnadenlos zu
zerstören und ihre Hegemonie abzusichern bzw. auszubauen. Wenn die
Linke an die Macht kommt, dann entschuldigt sie sich dafür und tut
nichts. In Österreich ist die Sache noch dramatischer. Hier
entschuldigt sich die Linke (so man SPÖ und Grüne überhaupt links
nennen kann) bei der rechten Regierung dafür, auch noch als Opposition
nichts zu tun. Im Fall des Jubiläumsjahr 2005 hat es die "linke"
Opposition sogar aufgegeben, sich für ihre sogenannte Oppositionsarbeit
zu entschuldigen, und ist zur wesentlich einfacheren Lösung
übergegangen, die Regierung gleich abzufeiern. Denn das Jubilieren über
Österreich, in das die Opposition mit einstimmen will, ist ja nichts
anderes als ein Vorwahlkampf der Regierung. Indem sie sich von
vornherein an diesem Regierungswahlkampf zu beteiligen gedenkt, wird
sich die Opposition endgültig selbst ausgeschaltet haben.
Auf diese Weise wird unter der Fahne des Austropatriotismus ein so
selbst zu Zeiten der "Sanktionen" nicht dagewesener nationalistischer
Schulterschluss zelebriert, der dazu dienen soll, die schwarz-blaue
Koalition mit einem riesigen Fest endgültig auf nationaler wie
internationaler Ebene zu rehabilitieren. Die Logik dahinter ist völlig
klar: Wie sie das immer tut, so wird sich die Regierung auch diesmal
als identisch mit dem nationalen "Volksganzen" erklären, "Schwarz-Blau"
wird zum anderen Namen für "Österreich" und Wolfgang Schüssel selbst
zum Schutzpatron aller ÖsterreicherInnen. So war es auch kein
geringerer als der große Kanzler, der persönlich das Jahresprogramm den
Medien präsentierte. Dabei machte er deutlich, inwieweit es sich bei
den Aktivitäten des Jubiläumsjahres nicht zuletzt um ein riesiges Fest
für ihn selbst handeln wird. Denn auch Wolfgang Schüssel hat
Geburtstag. Er wird 60. Dazu meinte er auf der Pressekonferenz: "Wer
2005 wie die Zweite Republik 60 wird, der darf auf ein Zeitalter des
Friedens und des Wohlstands zurückblicken". Kein Zweifel, wem wir 60
Jahre Friede und Wohlstand eigentlich zu verdanken haben. Das goldene
Zeitalter wurde von dem Stern über Hietzing angekündigt: Schüssel ward
uns geboren, und Friede und Wohlstand brachen aus.
Da ist es nur natürlich, dass "volksfremde" Elemente, so genannte
Nestbeschmutzer und Österreichvernaderer, aus der nationalen
Gemeinschaft ausgeschieden oder zumindest an den Pranger gestellt
werden müssen, ganz nach dem Modell der letzten EU-Wahlen. Dieser
Gefahr will sich die Opposition natürlich nicht noch einmal aussetzen,
denn das würde ja bedeuten, dass sie ihre Oppositionsrolle wahrnehmen
müsste. So weit darf es nicht kommen. Es wäre deshalb weit gefehlt zu
glauben, dass etwa von Seiten der Stadt Wien offensiv Gegengeschichten
zur schwarz-blauen Nationalfeier in Umlauf gesetzt werden würden.
Selbstverständlich leistet die SPÖ ihren Beitrag zur nationalen
Selbstfindung. Die Stadt Wien beteiligt sich am Fest für Schüssel mit
einem Drittel des Geldes für die geplante Staatsvertragsausstellung im
Belvedere. Auch nach dem Rückzug von Manfried Rauchensteiner und der
Übernahme seines Amtes als Belvedere-Chefpatriot durch Günter Düriegl,
vormals Direktor des Historischen Museums der Stadt Wien, werden die
politischen Differenzen zu Schwarz-Blau, die von der SPÖ eingeschleust
werden, mit der Lupe zu suchen sein. Auch dort steht selbstverständlich
das Abfeiern der Nation im Mittelpunkt: "Ein rot-weiß-rot leuchtender
Umriss Österreichs über dem Balkon des Oberen Belvedere wird während
der Ausstellung ein weithin sichtbares Zeichen setzen". Das Event
bleibt ein Event für Schüssel, und die SPÖ trägt kräftig dazu bei.
Das ganze Jubiläumsjahr steht damit unter folgendem Motto: Die ÖVP
feiert sich selbst, und die SPÖ feiert die ÖVP. Es ist ein würdiger und
mit der bisherigen Politik konsistenter Höhepunkt von
Oppositionsarbeit, dass die Opposition sich endlich dazu durchgerungen
hat, den Wahlkampf der Regierung zu finanzieren. (Ausnahme sind
natürlich die Grünen, die ihre Gegnerschaft zum patriotischen Taumel
dadurch zum Ausdruck bringen, dass sie die Neutralität abschaffen
wollen).
Nun wird man, setzt man eine etwas analytischere Brille auf, wohl bald
erkennen, dass der flächendeckend verordnete Austropatriotismus einer
langfristigen Hegemonialstrategie der ÖVP entspricht, die über das
Wahljahr 2006 hinausreicht und sich in diesem Fall auf Ebene der
Geschichtspolitik äußert. Es reicht einfach nicht, will man die eigene
Hegemonie absichern, alle irgendwie relevanten Positionen mit eigenen
Leuten zu besetzen und feindliche Strukturen dauerhaft zu zerschlagen.
Man muss auch die ideologische Hegemonie in den Köpfen der Leute
erringen. Zu diesem Projekt gehört an zentraler Stelle die Umfärbung
der Geschichte. 2004 hat als austrofaschistisches Jubiläumsjahr bereits
angezeigt, wie weit die Hegemonie der ÖVP über das kollektive
Gedächtnis (und den öffentlichen Diskurs darum) bereits gediehen ist.
Die Diskussion in den Medien wurde völlig von der Perspektive der ÖVP
bestimmt, der Austrofaschismus als Widerstand abgefeiert.
2005 wird dieses Projekt an anderer Stelle fortgesetzt und Österreich
zum ultimativen Opfer – zuerst der Nazis, dann der Alliierten –
erklärt. Die unvollendete Entnazifizierung bleibt völlig ausgeblendet.
So ist auf der Homepage des Jubiläumsjahres das Ende des Zweiten
Weltkriegs, die Befreiung der Konzentrationslager und die Niederlage
des Nazi-Regimes keine Erwähnung wert. Geschweige denn, dass über die
Geschichte Österreichs als NS-Nachfolgestaat gesprochen würde. Die
weitaus meisten der unzähligen Jubiläen nehmen ohnehin nicht auf 1945
Bezug, sondern auf 1955. Österreich wurde in diesem Bild ganz
offensichtlich nicht 1945 von den Alliierten befreit, sondern 1955 von
den Alliierten befreit. Wo der Geschichtsbezug der offiziellen
Regierungsveranstaltungen die verklärende Feierlichkeit kurz
durchbricht und sich auch den "dunkleren" Kapiteln zuwendet, dort wird
der Blick einmal mehr von der Geschichte der eigenen Verbrechen
abgelenkt und widmet sich der "russischen Besatzungszeit" und dem
Nachkriegsalltag der "Vertriebenen".
Man könnte nicht sagen, diese patriotische Verdrängungspolitik wäre
nicht von Anfang an Teil der offiziellen Linie Schüssels gewesen. Man
erinnere sich nur an Schüssels Gespräch mit der Jerusalem Post vom
November 2000, wo er erklärte, die Österreicher seien die ersten Opfer
des Naziregimes gewesen: "Die Nazis nahmen Österreich mit Gewalt. Die
Österreicher waren das erste Opfer." Damit wollte er den Israelis wohl
signalisieren, dass die armen Österreicher schon Opfer waren, bevor die
Juden noch wussten, wer überhaupt Hitler ist. Folglich brauche man dem
Dollfußreliquienbewahrer Schüssel gar nicht blöd mit Kritik an
Schwarz-Blau daherkommen, sein Ahnherr war schließlich das erste aller
Opfer. Dieses Einrücken der Österreicher (mit und ohne Naziparteibuch)
in die ultimative Rolle des Opfers dient dazu, die wirklichen Opfer der
Nazis aus dem kollektiven Gedächtnis zu verdrängen und diese Stelle mit
anderen, eigenen "Opfer"-Geschichten zu überschreiben. So setzte sich
Schüssel, dem im Jahr 2001 in Augsburg der Sudetendeutsche Karlspreis
verliehen wurde, für einen Entschädigungs- und Entwicklungsfonds für
Sudetendeutsche ein und nahm sich in der Parlamentsdebatte am 7. Juli
2000 das "Recht, jetzt zu sagen: Es gab und gibt auch andere Opfer, und
diese sollen auch nicht vergessen sein!" In derselben Rede bekräftigte
er seine Position zum Opferstatus Österreichs: "Österreich war ein
Opfer des Nationalsozialismus, Österreich wurde von der Landkarte
ausradiert, ist untergegangen, war daher Opfer."
Das Jubiläumsjahr wird die beste Gelegenheit, bislang schon in der
nationalen Erzählung unterdrückte oder marginalisierte Geschichten mit
der patriotischen Standardgeschichtsversion endgültig zu überschreiben.
Die Regierung wird sich dabei der medialen Patriotismusmaschine ORF
plus Kronen-Zeitung bedienen, die sich ja immer schon als eigentliche
Bewahrer der nationalen Identität verstanden haben. An den Schulen wird
die Österreichhuberei mit einem "Österreichquiz" umgesetzt, wo u.a.
folgende Fragen zu beantworten sind: "Wer waren die Vier im Jeep und
was war ihre Aufgabe? Wann, wo und von wem wurden die berühmten Worte:
‚Österreich ist frei' ausgesprochen? Welches Ereignis feiern wir
jährlich am 26. Oktober?" Der zu erwartende Höhepunkt dieser Absurdität
wird das TV-Finale des Österreichquiz: "In einer Extra-Quizrunde
spielen die Bundesfinalisten um die Teilnahme am Schlusswettbewerb im
ORF. In der ‘Millionenshow’, moderiert von Armin Assinger, geht es dann
um die Kür des Superstars unter den Staatsvertrags-Spezialisten."
So ein Quiz ist natürlich eine feine Idee, und ein Skifahrer ist der
richtige Mann dafür. Aber um bisher unterdrückten und marginalisierten
Vergangenheiten im Jubiläumsjahr etwas mehr Sichtbarkeit zu
verschaffen, würden wir u.a. folgende alternative Fragen vorschlagen:
Wer wurde wo und wann zwischen 1938 und 1945 von Österreichern
umgebracht? Aufgrund welcher Interessen welcher nun feiernder Parteien
wurde Österreich nie durchgreifend entnazifiziert? Warum saßen keine
PartisanInnen im Jeep, und warum wird der Kriegsbeitrag der Tito-Armee
bis heute in Österreich nicht öffentlich gewürdigt? Welcher
Landeshauptmann weigert sich nach wie vor, weitere zweisprachige
Ortstafeln anzubringen und ignoriert entsprechende Urteile des
Verfassungsgerichtshofs? Oder etwa auch: Welche Lehren hat der
NS-Nachfolgestaat Österreich aus seiner Mitverantwortung für die
damaligen Morde und Vertreibungen für seine heutige Asylpolitik
gezogen?
Oliver Marchart ist politischer Theoretiker. Nora Sternfeld ist Kunst-
und Kulturvermittlerin.
