Immerwährender Kunststreik — IG Kultur

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INHALT 04/2003

 

Immerwährender Kunststreik

Gerhard Pilgram

Kärnten ist, wie Sie wissen, ein Land verschärfter Gegensätze und Widersprüche. Manches verhält sich hier zu einander wie Pech und Schwefel, das sich woanders wohl verträgt. Die deutschsprachige Mehrheitsbevölkerung und die slowenische Minderheit zum Beispiel oder die Künstler und die Kulturpolitik. Vielleicht auch die sprichwörtliche Sangesfreudigkeit der Kärntner und ihre tatsächliche Musikalität. Oder das Erscheinungsbild ihrer Behausungen und die Schönheit der Landschaft. Nirgendwo in Österreich klaffen Regierungspropaganda und Wirklichkeit so weit auseinander wie bei uns (vor allem auf dem Gebiet der Wirtschaft), und nirgendwo sind Intelligenz und Wählerverhalten, bzw. Vernunft und "Volksempfinden" so unversöhnt wie in Kärnten. Unter solchen Umständen ist es verhältnismäßig einfach, als Kulturschaffender das Image des kritischen Geistes zu erlangen bzw. sich plötzlich in der Rolle des Dissidenten wiederzufinden. Was andernorts vielleicht als pointierte Meinungsäußerung, als engagierter Diskussionsbeitrag oder als erfrischende Polemik aufgefasst wird, gerät in Kärnten rasch in den Verdacht der Nestbeschmutzung, des Landesverrates oder der Majestätsbeleidigung.

Das Universitätskulturzentrum UNIKUM, ein autonomer Kulturverein, genießt den Ruf, ein Widerstandsnest zu sein, ein Ort der Zivilcourage und Subversion. Für manche ist das gleichbedeutend mit "links" oder gar "linkslinks", was einer gewissen Logik nicht entbehrt, wenn man in Betracht zieht, dass in Kärnten der Rechtsextremismus mehrheitsfähig ist und somit die politische "Mitte" darstellt. In Kärnten als widerständig und unbeugsam zu gelten, bedarf es aber, wie gesagt, nicht viel. Das UNIKUM tat es u.a. mit einigen öffentlicher Statements gegen die freiheitliche Kulturpolitik der Förderung rechtsextremer Heimatverbände oder in verschiedenen Kunstprojekte, die sich kritisch mit der Geschichte und den sozialen Verhältnissen im Lande auseinander setzten. Dazu kommt unser Eintreten für die Rechte der Kärntner Slowenen, das wir durch mehrere Aktionen zum Ausdruck brachten.

Statt uns, wie das seine sozialdemokratischen Vorgänger stets erfolgreich praktizierten, mit Nichtbeachtung zu strafen, war der Landeshauptmann und Kulturreferent Kärntens so schlecht beraten, uns im Jahr 2000, nach seinem Amtsantritt, sofort und mit der fadenscheinigen Begründung fehlender Budgetmittel sämtliche Subventionen zu streichen. So konnten wir das Privileg für uns in Anspruch nehmen, das erste Opfer seiner intoleranten Kulturpolitik zu sein - Opfer eines Kulturkampfes von oben, der die Unterwerfung der Künstler bzw. Instrumentalisierung der Kunst zum Ziel hat. Stichwort: "Die Kunst ist eine Hure", O-Ton Andreas Mölzer, damals Kulturbeauftragter des Landes Kärnten. Als der freiheitliche Kulturreferent der Stadt Klagenfurt dem Beispiel Haiders folgte und ebenfalls eine 100%ige Subventionskürzung verfügte, drohte dem UNIKUM der Ruin.

Die Rettung aus der finanziellen Not kam vergangenes Jahr buchstäblich in letzter Minute, und zwar aus Brüssel in Form einer EU-Förderung für ein trilaterales, ganzjähriges Kunstprojekt im Dreiländereck Sloweniens, Friauls und Kärntens. Titel SCHÖNE ÖDE / LEPA PUSCA / BELLA BRULLA - Thema: die Auseinandersetzung mit der Geschichte und Alltagskultur in der Region, und zwar mit den Mitteln des künstlerischen Experiments. So konnte das UNIKUM mit dem Segen der Europäischen Union und - wie wir uns ausmalten - begleitet von den Verwünschungen des Landeshauptmannes sein angeblich "subversives" Werk fortsetzen.

Partner in Italien war das kleine Bergbaumuseum in Cave del Predil/Raibl bei Tarvis, dessen Bürgermeister uns jegliche organisatorische und behördliche Unterstützung angedeihen ließ. Schon beim Erstkontakt, gewissermaßen im italienischen Exil, konnten wir eine völlig ungewohnte Erfahrung machen: nämlich die, dass unser Anliegen und unsere Arbeit bei einem Politiker auf wohlwollendes Interesse stieß und Anerkennung fand. Bei einem Politiker, der noch dazu voller Stolz auf die Mehrsprachigkeit seiner Gemeinde verwies und gleichzeitig um Verständnis dafür bat, dass die Bürger im Umgang mit zeitgenössischer, experimenteller Kunst vielleicht noch wenig Übung hätten. Die Pointe: Der charmante und gebildete Bürgermeister von Tarvis, Signore Sindaco Baritusio, ist - wie wir feststellen mussten - Funktionär der Alleanza Nazionale, ist also, für unsere Begriffe, ein Rechtsextremist, wenn nicht gar Neofaschist.

Damit ist die Geschichte nicht zu Ende. Denn sein sozialdemokratischer Amtskollege in Feistritz/Bistrica im Rosental, Bürgermeister Hubert Gradenegger, kündigte dem UNIKUM in dem Moment die Freundschaft auf, als dieses um die Genehmigung zur temporären Anbringung mehrsprachiger Texttafeln für einen poetischen Sprachlehrpfad ansuchte. Da half auch keine Beteuerung, dass es sich um ein völlig unpolitisches Kunstprojekt handeln würde. Jeder Lokalaugenschein und jedes weitere Gespräch wurden verweigert. Und in Jesenice, Slowenien, wo das erwähnte Projekt ebenfalls durchgeführt wurde, gab es zwar die unumschränkte Unterstützung der Gemeinde, dafür fielen die Installationen des UNIKUM binnen Stunden dem Vandalismus der ortsansässigen Jugendlichen zum Opfer. Wenige Tage später beendete Jörg Haider sein Subventionsembargo und genehmigte dem UNIKUM erstmals seit drei Jahren eine Landesförderung.

Gehätschelt von der Alleanza Nazionale, behindert von der regionalen Sozialdemokratie, sabotiert von der slowenischen Jugend, subventioniert vom freiheitlichen Kulturreferenten - ein schwerer Schlag für das UNIKUM, das sich bis dahin eindeutig "positioniert" wähnte und sich nun, gewissermaßen über Nacht, auf der falschen Seite einer vermeintlich klaren Frontlinie wiederfand. Und das, obwohl es weder seine "Grundsätze" aufgegeben, noch sich inhaltlich, also in seiner konkreten künstlerischen Arbeit geändert hatte. Was war also passiert?

Ich könnte es mir einfach machen und den Rückzieher Haiders auf unsere "Unbeugsamkeit" zurückführen - und somit als Sieg des Lichts über die Mächte der Finsternis feiern. Ein richtiges Triumphgefühl will allerdings nicht aufkommen. Stattdessen schleicht sich ein beunruhigender Gedanke ein: Was, wenn der Landeshauptmann von Kärnten seine Haltung nicht aus taktischen Gründen geändert hat, sondern weil er erkannte, dass die Sanktionen gegen das UNIKUM ein Irrtum waren? Weil unsere Arbeit möglicherweise gar nicht im Widerspruch zu seinen kulturpolitischen Ambitionen steht? Und weil sich unsere Kunst vielleicht im Grunde ganz hervorragend in sein Konzept der Heimat- und Traditionspflege fügt?

Ganz so abwegig ist der Gedanke nicht. Die sogenannte Nestbeschmutzung - ist sie nicht Ausdruck einer ganz besonderen "Heimatliebe"? Sind nicht die zeitgenössischen Künstler, wenn sie sich "kritisch" mit ihrem Land, mit ihrer Region auseinandersetzen, die eigentlichen Patrioten? Wenn sie beispielsweise mittels künstlerischer Interventionen oder "Experimente" den Blick schärfen wollen für verborgene Reize, für regionale Eigenheiten, für das Besondere im Alltäglichen usw., wenn sie "Identität stiften" wollen durch die Auseinandersetzung mit den kulturellen Wurzeln, wenn sie sich gegen Landschafts- und Ortsbildzerstörung durch sogenannte Verschönerung wenden usf. - sind dann nicht sie, die Künstler, die wahren Traditionspfleger?

Es gibt im Kulturbetrieb derzeit einen Trend, den "Dialog" mit der Tradition zu suchen. Es ist modern geworden, sich künstlerisch mit der sogenannten Volkskultur auseinander zu setzen bzw. volkskulturelle Elemente in zeitgenössische Kulturprojekte einfließen zu lassen. Volkskultur wird zum künstlerischen Rohstofflager: Die bedenkliche Herkunft und Beschaffenheit der Bestände werden dabei meist vornehm unter den Teppich gekehrt. Jedes "zeitgenössische", "grenzüberschreitende", "experimentelle" Kunstprojekt, das - unter dem Motto der kulturellen Vielfalt und des Austausches - mit dieser "Volkskultur" gemeinsame Sache macht, muss sich die Frage gefallen lassen, ob es nicht zur Aufwertung und (politischen) Rehabilitierung dieser Kultur beiträgt. Und ob es damit nicht der Heimattümelei, wie sie dieser Tage überall boomt und politisch gefördert wird, Vorschub leistet. Indem es ihr einen modernen, "fortschrittlichen" Anstrich verleiht.

Das Argument, man dürfe die "Heimat" nicht den konservativen und reaktionären Kräften in der Gesellschaft überlassen, ist verräterisch: Impliziert es doch, dass es so etwas wie "Heimat" tatsächlich gibt, womit bereits eine grundlegende Übereinkunft mit eben diesen Kräften getroffen wird. Auch das UNIKUM gibt sich in gewisser Weise "heimattreu". Da ist in der Projektbeschreibung der SCHÖNEN ÖDE von der "Stärkung der reagionalen Identität" die Rede und von der "Erhabenheit scheinbar schäbiger Orte" usw. Solche und ähnliche Formulierungen wurzeln im Glauben, dass man als Künstler oder Kulturschaffender tatsächlich etwas für "sein Land" oder "seine Region" tun kann - und sei es auch nur, einen Beitrag zur Steigerung der Nächtigungszahlen zu leisten. Dafür - um zum verlängerten Arm der Tourismuswirtschaft zu werden - ist dem Künstler kein Opfer zu groß. Oppositioniell verhält er sich dann nur noch sich selbst gegenüber: Er arbeitet zu viel, er raucht zu viel, er trinkt (wahrscheinlich) zuviel, und er nimmt (womöglich) Drogen. Alles zum Wohle der Region. Das nennt sich dann Umwegrentabilität. Dahinter steckt ein starkes Bedürfnis nach Integration und Akzeptanz. Dieses Verlangen ist manchmal so stark, dass man dafür bereit ist, notfalls den Applaus von der falschen Seite in Kauf zu nehmen bzw. diesen dialektisch als Erfolg hartnäckiger Überzeugungsarbeit umzudeuten. Wer von uns träumt nicht davon, irgendwann wenigstens im Museum der Heimatgemeinde gewürdigt zu werden? Stellt sich also die Frage, ob wir, die nicht-etablierten Künstler und Kulturschaffenden, nicht einer Selbsttäuschung unterliegen, wenn wir für uns in Anspruch nehmen, das "ganz Andere" darzustellen, zuständig zu sein für Gegenentwürfe zum Bestehenden, für das Neue, für die Utopie. Vielleicht ist unsere angebliche Nonkonformität nur eine Behauptung, mit der wir die Tatsache verschleiern möchten, dass unsere Bereitschaft zu Konvention und Anpassung viel größer ist, als wir es zugeben wollen. Vielleicht konstruieren wir Gegensätze und Unvereinbarkeiten, die in dieser Form gar nicht existieren. Lange genug haben wir kulturelle Vielfalt eingefordert und daraus unsere Existenzberechtigung als Künstler oder Kulturinitiative bzw. das Recht auf kulturelle Freiräume abgeleitet. Nun, nachdem dies weitgehend zur kulturpolitischen Selbstverständlichkeit geworden ist, finden wir uns in in einem schalen Brei der Beliebigkeit wieder, in dem sich jede "Gegenkultur" konturlos aufgelöst hat. So kompensieren wir den Mangel an Unterscheidbarkeit durch Geschmacksverstärker. Wir setzen "Kontrapunkte", wir "konterkarieren", und wir machen "Kontrastprogramm", was das Zeug hält - "kontroversielle" Kunst, wohin man blickt. Lauter Versuche, dem faden Ganzen etwas Würze zu verleihen, mehr Thrill zu erzeugen und den Sinnesreiz zu steigern. Da wird selbst der Tabubruch zum Marketinginstrument und jede Provokation zur Dienstleistung. Kunst als Ersatzhandlung, der Künstler als Stellvertreter des Publikums, das sich selbst mit den Verhältnissen arrangiert hat.

Auch das künstlerische "Experiment" reduziert sich auf diese Weise auf den Nervenkitzel. Der (angeblich) ungewisse Ausgang erhöht die Aufmerksamkeit, die Möglichkeit des Scheiterns sorgt für zusätzliche Spannung. Und was immer dabei herauskommt, es ist jedenfalls "neu". Experimentelle Kunst als Konsumententest bzw. als Facette einer Unterhaltungskultur, die unaufhörlich nach "Innovationen" heischt. Sind also die (inneren und äußeren) Kräfte der Affirmation tatsächlich so stark, dass es sich in der Kunst bzw. in der Kulturarbeit stets so verhält wie im Märchen vom Hasen und vom Igel - dass nämlich, wo immer man künstlerisch ankommt, bereits die Vereinnahmung wartet und unausweichlich ist?

Zum Abschluss unseres Zyklus SCHÖNE ÖDE / LEPA PUSCA / BELLA BRULLA erlaube ich mir folgende Frage: Wäre es angesichts der Funktionalisierung, die die Kunst und die Kulturarbeit erfahren, nicht angebracht, einfach nichts zu tun? Wäre es nicht besser, in den immerwährenden Streik zu treten, statt kreative Pionierarbeit für die Unterhaltungs- und Tourismusindustrie zu leisten? Sollten wir uns nicht endlich "ausklinken", statt uns vereinnahmen zu lassen und zu kollaborieren mit der politischen Macht? Keine Kunst, keine Kultur, keine Experimente, keine SCHÖNE ÖDE. Alles abgesagt. Die vollständige Verweigerung, die Negation, vielleicht sogar die Destruktion - wäre nicht das der wahre Kontrapunkt im derzeitigen Kulturbetrieb?


Gerhard Pilgram ist Künstler und UNIKUM-Mitarbeiter, lebt in Klagenfurt. Der Text ist die gekürzte Version einer Rede beim NACHSPIEL/EPILOG/POSTLUDIO in Feistritz im Rosental/Bistrica v Rozu.

 
 

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