Aus gegebenem Anlass: Gegen das Verwaschen und Verschwimmen von Täter- und Opferperspektive — IG Kultur

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Kulturrisse Ausgaben 04/2003 Kulturpolitiken Aus gegebenem Anlass: Gegen das Verwaschen und Verschwimmen von Täter- und Opferperspektive
 

Aus gegebenem Anlass: Gegen das Verwaschen und Verschwimmen von Täter- und Opferperspektive

Peter Gstettner

Es ist schon richtig, wenn gesagt wird, im Tode sind alle Menschen gleich, und auch Schmerz und Trauer, die wir angesichts der Toten fühlen, seien "unteilbar", also ununterscheidbar; auch sie wären demnach "gleich". In jeder Gesellschaft, so wird weiters gesagt, gedenken deshalb die Menschen ihrer Toten, unabhängig davon, ob sie durch Gewalteinwirkung von Fremden, von "Feinden", durch Selbstmord oder durch eine heimtückische Krankheit oder im hohen Alter gestorben sind. Wenn ich hier dennoch gegen diese weit verbreitete Meinung einige Einwände erhebe, dann nicht gegen das individuelle und stille Totengedenken. Niemand von uns wird etwas gegen religiöse oder spirituelle Gefühle einzuwenden haben, die auch den Toten des 2. Weltkriegs entgegen gebracht werden, unabhängig davon, ob sie bei der Gestapo, Polizei, SS oder "nur" bei der Deutschen Wehrmacht gedient haben. Auch befassen wir uns hier nicht mit theologischen Fragen von Schuld und Sühne, von Vergeltung oder Vergebung.

Wir befassen uns mit der gesellschaftlichen Wahrnehmung von Todesumständen massenhaft ermorderter Menschen "im Schatten des Krieges" und abseits der großen Schlachten. Uns interessiert die gesellschaftliche Wertung der Toten, die uns im Nachhinein als ermordet unter dem Faschismus oder als ermordet unter dem Antifaschismus präsentiert werden. Hier werden doch erhebliche Unterschiede gemacht, mit welchem Aufwand und mit welcher Würde der jeweiligen Opfer gedacht wird. Das heißt aber auch, dass die individuelle Trauer um die Toten unterscheidbar ist von den kollektiven Gedenkritualen, mit denen die Gesellschaft als Ganze dieser Toten gedenkt und sie in der Erinnerung würdigt.

Eine Gesellschaft, die sich am Ulrichsberg versammelt, um der Kriegsveteranen und Heimkehrer zu gedenken, eine Gesellschaft, die mit ihren Ritualen zum Ausdruck bringt, dass sie in erster Linie der Führertreue und Pflichterfüllung von Wehrmachtssoldaten gedenkt - und nicht der Opfer dieser "Pflichterfüllung" -, so eine Gesellschaft hat eine Entscheidung gefällt: die Entscheidung, nicht den Widerstand und die Freiheit, sondern die Anpassung und die Unfreiheit zum Erinnerungswert zu machen.

Die Historiker sind sich weitgehend darin einig, dass die Verbrechen der Nazis einzigartig waren und mit herkömmlicher Kriegsführung kaum etwas zu tun hatten. Die Nazis führten im Osten einen weltanschaulich motivierten Eroberungs- und Vernichtungskrieg, auch und vor allem gegen die Zivilbevölkerung. Der französische Historiker Pierre Vidal-Naquet fasst diese Erkenntnis so zusammen: "In der Tat besteht kein Zweifel daran, dass der Krieg mit dem Einmarsch in die UdSSR seine Natur verändert. Am Programm stehen zwei Kategorien von Feinden: die einen, Slawen, im Wesentlichen zur Sklaverei verurteilt, (...) und die anderen, "jüdische Bolschewiken", gegen die ein Vernichtungskrieg ausgerufen wird. Die Vernichtung der Juden und jene des "Kommunismus" sind also Zwillingsoperationen." (S.172) Und diesbezüglich war die Anweisung konsequent: Juden sind als Kommunisten und Partisanen zu erschießen.

Mit diesem Vernichtungsprogramm, das sich schon beim Überfall auf Polen abzeichnete, begann Hitler 1939 den Zweiten Weltkrieg und brachte ganz Europa den entscheidenden Unterschied bei zwischen dem Soldatentod, dem Tod "auf dem Felde der Ehre" und dem "anderen Tod", dem permanenten Sterben in der industriellen Tötungsmaschine der Nazis. Jean Améry, österreichischer Schriftsteller und selbst Überlebender von Auschwitz, Buchenwald und Bergen-Belsen, hat diesen Unterschied einmal so ausgedrückt: Der Soldat starb den Helden- oder Opfertod; der Häftling den des Schlachtviehs. Die Historiker sind sich auch dahingehend einig, dass der Nazismus vorsätzlich, das heißt per Programm, alle bisherigen Regeln der Kriegsführung gebrochen und alle mörderischen Instinkte des Menschen aktiviert, gebündelt und für sein rassistisches Vernichtungsprogramm eingesetzt hat.

Einmaligkeit und Ausmaß der Verbrechen, geplante und vorsätzliche Durchführung der Massenmorde und das massenhafte Erzeugen von Befehlsgehorsam und absolutem Pflichtgefühl (bei gleichzeitigem Fehlen von Unrechtsbewusstsein und Schuldeinsicht), dies sind die Kriterien, die die Naziverbrechen historisch einmalig machen. Der Holocaustforscher Saul Friedländer schreibt dazu: "Man kann unschwer den Beweis führen (...), dass der Nazismus in Bezug auf jedes dieser Kriterien bis an eine äußerste Grenze gegangen ist, die sich nicht mehr überschreiten lässt." (S.32) Deshalb also, weil der Nazismus dieses extremste Vernichtungspotenzial verkörpert, müsse auch, so Friedländer, das Gedenken an den Widerstand und an die Opfer des Nazismus außergewöhnlich sein; jede Nationalisierung und Heroisierung der soldatischen Pflichterfüllung, jede Gleichstellung der gefallenen Soldaten mit den Naziopfern müsse sich verbieten. "Es ist das erste Mal in der neueren Geschichte, dass eine Gesellschaft nicht ohne weiteres ihrer Toten gedenken kann, ohne einen Schritt über das traditionelle Nationalgefühl hinauszugehen. (...) Wäre es nicht historisch und moralisch verständlich und notwendig, dass eine vollkommen normale Gesellschaft einer vollkommen unnormalen Vergangenheit auf außergewöhnliche Weise gedächte?" (S.34/35)

Eine "normale Gesellschaft" hätte also der Opfer des Naziterrors in besonderer Weise zu gedenken, sie hätte den Widerstand gegen den Nazi-Faschismus hervor zu heben als die einzig akzeptable "Pflichterfüllung" gegenüber dem eigenen menschlichen Gewissen. Was aber tut unsere abnormale, anomische Gesellschaft? Sie hält - in gespielter Unschuld und mit scheinbarer Unparteilichkeit - das Hakenkreuz neben den Titostern und schickt sich an, "objektive" Vergleiche anzustellen. Das Hakenkreuz, unter dem Millionen Menschen in Europa versklavt und ermordet wurden, soll mit dem "Roten Stern" kontrastiert werden, der für ebenso viele Menschen die Hoffnung auf Befreiung aus den Ghettos, Konzentrationslagern, "Arbeitserziehungslagern", Kriegsgefangenenlagern, Gestapo-Gefängnissen und Folterzellen verhieß. Das Kontrastmittel zum Hakenkreuz soll also "Titostern" heißen, und die Verbrechen, die unter dem Titostern begangen wurden, sollen spiegelbildlich zu denen betrachtet werden, die die Nazis begangen haben. Ziel ist eine Pattstellung bzw. ein Null-Summenspiel: Ich spiele mein totalitäres Regime aus, wenn du deines ausspielst. Zeige mir dein Massengrab und ich zeige dir meines.

Die Naziverbrechen werden parallel zu den Racheakten der Partisanen gestellt. Ist das eine politische Strategie, unsere Wahrnehmung zu lenken und neu zu fokussieren, oder ist das eine historische Methode des Systemvergleichs? Worauf soll das hinauslaufen? Historische Aufklärung oder Verharmlosung des Holocaust? "Die Schuldenlast des Holocaust sucht immerfort Entlastung" (S.232) , schreibt der bekannte Kulturwissenschafter Dan Diner. So eine Parallelführung eignet sich schon sehr gut als psychische Entlastungsaktion zugunsten der willigen Unterstützer und Vollstrecker des NS-Programms.

Entlastung und Entschuldung der Tätergesellschaft unter dem Deckmantel der historisch objektiven Geschichtsdarstellung? Vertreibung, Bombenkrieg, Verschleppungen, willkürliche Rachejustiz der Sieger, alles das schuf "natürlich" auch Opfer aufseiten der Tätergesellschaft. Und diese Opfer werden nun gegen-erinnert, ihr Leid wird dem der Holocaustopfer entgegen gehalten bzw. parallel dazu dargestellt. Unter der Hand erscheint der Holocaust gar nicht mehr so "einmalig"; die Verbrechen der Nazis haben auf einmal ein Pendant; die Befreiung vom Nazismus erscheint nun doppelbödig, denn unterschwellig wird die Frage in den Raum gestellt: Hat der grausame Befreiungskampf der Partisanen nicht ebenso viel Leid über die Menschheit (in Kärnten und Slowenien) gebracht, wie die deutsche Okkupation dieser Gebiete?

Ich halte die Wanderausstellung "Unter Hakenkreuz und Titostern / Med kljukastim krizem in rdeco zvezdo" keineswegs für eine unpolitische Angelegenheit, die lediglich für kleine und harmlose Verunsicherungen im kärntner Geschichtsbild sorgen wird. Ich glaube mehr an ein tektonisches Beben mit Aussicht auf eine Kontinentalverschiebung im politischen Wertesystem: Die Singularität des Holocaust soll untergraben werden, der Antifaschismus unter dem "Roten Stern" soll als linksfaschistisches Gewaltsystem denunziert werden, der bewaffnete antinazistische Widerstand soll in eine Linie mit den Verbrechen von SS und Wehrmacht gestellt werden.

Zwar betonen die Ausstellungsmacher bei jeder Gelegenheit: Wir wollen mit dieser Ausstellung keine "Aufrechnung" betreiben. Aber komischerweise sehen fast alle Besucher in der Ausstellung ein Angebot zur Aufrechnung. Wenn jemand ständig betonen muss, "... wir wollen nicht aufrechnen", dann sind diese Beteuerungen an den Erkenntnissen der Psychoanalyse zu messen, die besagen: Das Unbewusste kennt keine Verneinung. Auf unseren Fall angewandt: Wer ständig betont, dass nicht aufgerechnet werden soll, dessen Unbewusstes sagt: Ich will, dass aufgerechnet wird!

Keine Frage: Aus der Ausstellung "Unter Hakenkreuz und Titostern" spricht das deutschkärntner kollektive Unbewusste zu uns. Es sagt uns: Über die Verbrechen des Nationalsozialismus darf nur geredet werden, wenn man gleichzeitig den Blick auf die "Verschleppungen" und die Gewaltexzesse der Partisanen wirft. Eine eindeutige Unterscheidung von NS-Tätern und NS-Opfern ist gar nicht möglich. Eine Parteinahme für eine der beiden Gruppen erübrigt sich. - Kennen wir nicht diese Botschaft schon seit fünfzig Jahren?

Die Ausstellungsmacher selbst schreiben im Katalog dazu: "Die Verhältnisse zwischen den Tätern und Opfern änderten sich ständig und oft derart grundlegend, dass so mancher Täter im Laufe der Ereignisse selbst zum Opfer wurde und umgekehrt." (S.11) Ich denke, diese Verwirrung der Ausstellungsmacher ist nicht unsere. Dieses Oszillieren zwischen Täter und Opfer ist nicht zufällig und liegt in der spezifischen kärntner Geschichtsbetrachtung, die bekanntermaßen eine ideologische ist. Diese existiert eigentlich seit 1918/1920 und heißt auf eine Kurzformel gebracht: Es gab einen Krieg zwischen zwei Ideologien, zwei Völkern und zwei Sprachen; sie kämpften um ein Territorium. So einfach war aber die Geschichte nicht. Was sich von 1938 bis 1945 in diesem Land abgespielt hat, war etwas anderes als ein deutsch-slowenisches (und später ein innerösterreichisches) Heimspiel zwischen kärntner Nationalsozialisten und jugoslawischen Titokommunisten. Der deutsche Vernichtungsfeldzug hatte auch hier in Kärnten und Slowenien (damals Oberkrain) dieselbe globale Vernichtungsdimension wie überall im rückwärtigen Kriegsgebiet des Ostens, dieselbe wie auf den griechischen Inseln oder wie im Warschauer Ghetto, dieselbe wie in den KZ-Lagern von Theresienstadt, Dachau, Buchenwald, Mauthausen, Auschwitz-Birkenau und anderswo. Die kärntner Slowenen waren davon betroffen. Also mussten sie sich dem deutschen Vernichtungsfeldzug entgegenstellen oder zumindest versuchen, ihm zu entgehen. Alles andere wäre keine Alternative gewesen: Mitmachen? Zusehen? Wegschauen? Das war wohl eher der Part der deutschkärntner Nazianhänger und -sympathisanten. Die kärntner Slowenen und Sloweninnen haben sich gewehrt, viele haben ihr Leben riskiert, um die Nazis zu stoppen und um das Land von der braunen Pest zu befreien. Deshalb stehen wir hier und erinnern uns daran, dass auch die kärntner Partisanen und Partisaninnen einen Beitrag dazu geleistet haben, dass dieses Land vom Joch des Hakenkreuzes befreit wurde. Dies zu bezeugen, stehen wir hier bei diesem Denkmal. - Hvala lepa, vielen Dank!


Peter Gstettner ist Professor für Erziehungswissenschaften an der Universität Klagenfurt, Vorstand des Mauthausen Komitees Kärnten/Koroπka, Gedenkstätte Loibl KZ Nord.

Die Rede wurde gehalten anlässlich einer Gedenkveranstaltung beim Partisanendenkmal in Ferlach/Borovlje am 31.10.2003.

 
 

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