Brutalphraseologie und Kühle des Denkens — IG Kultur

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Brutalphraseologie und Kühle des Denkens

Burghart Schmidt

Zu ideologischer Verblödung durch Provokanzsucht: Interview mit Slavoj Zizek betreffend

Oh!, diese vielen Zeilen des Aneinanderreihens von Brutalphrasen, mit denen keine Theorie, keine Praxis und keine Theorie-Praxis etwas anfangen können, die des weiteren nichts zu Kunstproblemen enthalten und keine Einsichten bieten, außer dass dem Herrn Slavoj Zizek am demokratischen Alltag alles schnell so fad wird. Aber immerhin, Zizek bastelt sich seine Brutalphrasen am laufenden Band selber [1], während der ihm mittlerweile in Sachen Brutalphrasen so geistesverwandt gewordene Rudolf Burger solche seinem offensichtlich selbst erstellten Buch geflügelter Brutalwörter entnimmt und dann mit so großartigen Namen wie etwa Jean Paul Sartre oder Alexandre Kojève versehen kann. [2] Während er, Burger, seine eigenen Sätze eincremt mit scheinbar antibrutalen Wortbildern wie Pietät, Schonung, Achtung, Würde, Rücksichtnahme, Redlichkeit.

Man könnte ja über das Provokanz heischende Brutalphrasische besser schweigen, weil es in der Tat viel schneller langweilig und abgestanden wird, als dem Zizek-Burgerschen das demokratische oder liberale oder gutmenschliche Gerede, dem sogar noch vorgeworfen wird, dass es höchste Werte laufend instrumentalisiere. Denn dem Zizek-Burgerschen, dem sonst nach Eigenvorgabe nichts selbstverständlich sein darf, ist offensichtlich selbstverständlich, dass Instrumentalisieren das Schlechthin-Böse sei. Dabei versteht sich ja von selbst, dass, entgegen einem berühmten Satz von Kant, die Menschen sich reversibel und gegenseitig immer wieder hin und wieder zum Mittel machen müssen, sonst wäre keine Art von Vergesellschaftung denkbar.

Das Instrumentalisieren selber selbst von Menschen und ihren höchsten Werten kann also nicht so einfach das Schlechthin-Böse sein, wie uns die Brutalphraseure versichern wollen.

Aber gut, man könnte ihre Textproduktionen beiseite lassen, wenn diese nicht ganz gewiss auf eine bestimmte Weise instrumentalisiert würden für Ideologiebildung und politische Propaganda: Ah! selbst Linke und kritische Köpfe stehen ganz im Einklang mit Einstellungen des Rechtsaußen. Daher muss man doch anlässlich solcher Texte weiter nachüberlegen. Etwa Zizek wie Burger betonen ihre Herkünfte aus altkommunistischen Hintergründen. Wenn gleich als ferne und längst verlassene bzw. ohnehin nur mittelbare und nicht ihre eigenen. Ließe sich daher vermuten, dass zum Verständnis ihrer Brutalphraserei ein Zug dessen heranziehbar sei, worüber Theodor W. Adorno mit einer großen Anzahl von Partnern wie Mitarbeitern während der frühen dreißiger Jahre des vorigen Jahrhunderts zu forschen begann und was schließlich den Projektnamen "Der autoritäre Charakter" erhielt? Ich meine jene Untersuchungsperspektive daraus, nach der aus indirekt empirischer Ermittlung von Charakterstrukturen zu schließen war, dass viele Kommunisten gar kein Problem damit haben würden, über Nacht vom Kommunismus zur Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei zu wechseln.

Übertragung einer solchen Einsicht auf die Einschätzung der Sympathieerklärung etwa von Burger und Zizek für Haider, bzw. bei Zizek weitergehend auch für Le Pen und Buchanan ist freilich sehr cum grano salis zu nehmen. Denn beide erklären sich ja in anhaltender Opposition dazu, obwohl sie keine oppositionellen Inhalte angeben, vielmehr, wo es um Inhalte geht, veröffentlichen sie Übereinstimmungen mit den expressis verbis Abgelehnten.

Nun aber zu den Sympathiebekundungen, beleuchtet durch die Einsicht des Adorno-Teams von früher, eine fragende Mutmaßung, mutmaßende Frage: Sollten altkommunistische Tiefengründe dafür gesorgt haben, dass Leuten wie Zizek und Burger das Wiedererscheinen von veraltetem Rechtsaußen wie quasi-heimatlich vorkommt? Fast vielleicht in der Hoffnung, das Etabliertwerden eines veralteten Rechtsaußen bewirke die Rückkehr einer veralteten Linken, worin sie dann zuhause wären?

Im Übrigen helfen ja ihre Texte keinen Deut weiter. Sie verlaufen in Leerformeln. Intelligenter sein als Haider, heischt Burger. Das war's! Von Haider lernen, die Wirtschaft der Politik unterzuordnen, heischt Zizek. Das war's? Nein, bei Zizek nicht ganz. Er fordert zugleich in selbst dialektisch unentwickelbarem Widerspruch dazu, für alles von der real-existierenden Wirtschaft auszugehen, dem einzig entscheidenden Motor der Vergesellschaftung. Das ist gut altmarxistisch, doch in Konfrontation mit dem Marxischen und dem Engelsischen. Denn Marx-Engels’sches kannte noch Komponenten der Vergesellschaftung in relativ gewordener Selbständigkeit zum Wirtschaftlichen. Doch keine Andeutungen von Zizek über solche Komponenten unter den Bedingungen des heutigen Ökonomismus, der sich wachsend das Politische unterordnet, vielmehr viel Verachtung für das entsprechend so eingeschätzte Gerede über die Möglichkeit solcher Komponenten und um sie herum. Also bleiben nur Haider, Le Pen, Fini, Buchanan etc. als Realfaktoren von echtem Schrot und Korn?, hört man heraus.

Zu lesen bekommt man aber eben lang sich hinziehende Brutalphraserei, gewürzt durch das Herausposaunen der klammheimlichen Sympathie, wie sie skizziert wurde. Hough: Mit welchen intellektuellen Glanzleistungen müssen wir uns noch herumschlagen durch die veränderungsfeindliche Beharrlichkeit einer Altlinken? Oder sollte das Heimweh noch viel tiefer gehen, im altösterreichischen Feld etwa zu der Frage, ob Standpunktbildungen wie die von Rudolf Burger, das wäre auch bei Zizek zu fragen, bei Burger aber in Sachen Vergessensprogrammatik, ihre geheimen Hintergründe haben in nachhaltig wirkendem Josephinismus (sprich: aufgeklärtem Absolutismus)? Burger und der Josephinismus

In Österreich also steht die Betriebs-Ideologie wieder auf dem Stand, mit ältesten Täuschungsmanövern zu arbeiten, sozusagen aus der Mottenkiste. Verliehene "Professoralität" muss wie im Josephinismus dazu herhalten, schwerste philosophische Grundfehler wie des Wahrheitsverdachts fähige Philosophie erscheinen zu lassen. Nur deswegen hat man mit Bedacht und Abkühlung auf Rudolf Burgers neuestes Programm Österreichischer Wert- und Ideologieforderungen zu reagieren, aus methodologischen Gründen. Ansonsten hat zum Inhaltlichen Hans Rauscher (Der Standard, 12.6. 2001) schon die entlarvende Frage gestellt: Wem verlangt Burger programmatisch Vergessen ab und wem nicht?

1. Aber hier soll nun das Methodische beleuchtet werden. Und da tritt zuerst die Methodik des Zuspitzens von Begriffen auf, die immer so schön philosophisch wirkt und dabei das Philosophieren vertreibt durch Übertreiben des Zuspitzens. Deshalb schließt sich ja Burger begeistert dem Paul Valery-Satz an, Denken sei per se brutal. Das gilt jedoch nur in Formal-Logik und ihr nachgebauten Klassifikationssystemen, schon nicht mehr in Einsteins Relativitätstheorie, und schon gar nicht mehr in allen Theorien, denen das Individuum ineffabile (Th. W. Adorno) wesentliches Thema bleibt. Doch Burger stellt sich in einem Gelände, wo sie versagen muss, auf die Klassifikation ein. Das Gewissen erklärt er dabei mit Abschrift von länger herliegenden Argumentationsgirlanden Martin Walsers zu einer privaten oder individuellen Angelegenheit, die allem Kollektiven fremd sei. Richtig ist das in Hinblick auf das Existierende der Gewissenskämpfe und Gewissensqualen. Solches muss individuell gelebt werden. Aber woher kommen dem Gewissen seine Kriterien? Überwiegend doch wohl aus der Geschichte der gesellschaftlichen Normativitäten.

Und die Folgen der Gewissensarbeit? Sie wirken zum wesentlichen Teil auf das Gesellschaftliche zurück. Es handelt sich bei der Individualkomponente des Gewissens, diesem vorzüglich sozial Individualen/individual Sozialen, vor allem nur um ein Durchlaufmoment. Nichts ist es also mit der blanken Privatheit des Gewissens. Im Übrigen zu all dem Gerede darüber, was nicht kollektiv sein könne: Alles Kollektive setzt sich aus Individualitäten zusammen, ist also durchzogen von deren Strukturen sowie umgekehrt, in Transformationen der Kommunikation als Prozess einerseits, in Zuständen der Kommunikation als Institution andererseits.

2. Zum zweiten methodischen Trick der Burgerschen programmatischen Bildung von Ideologie: Aus Begriffsgleichklängen lässt sich der Eindruck hervorziehen, als wäre in den Gleichklang ein ursächlicher oder Wirkungszusammenhang einbegriffen. So erzeugt Burger die Meinung, die Kollektivschuldthematik habe sich von der Tiefenpsychologie Carl Gustav Jungs gerade hergeleitet. In Wirklichkeit verhält es sich genau umgekehrt. Carl Gustav Jung hat sich mit dem hier benannten Trick von seinem kollektiven Unbewussten her an das Kollektivschuldthema angehängt, um seine lange große Sympathie für die Nazi-Ideologie zu vernebeln. Dagegen war Kollektivschuld rechtlich-politisch gemeint, damit die Leistungen der Bundesrepublik Deutschland an die Juden, die in die Geschichte eingegangen sind unter dem Wort der Wiedergutmachung, eine Basis des Charakters von Entschädigung hätten, und nicht etwa für Geschenke, Spenden oder Zuwendungen zu nehmen sind. Ich habe das mit dem Wort Wiedergutmachung so zögerlich ausgedrückt, weil auch ich wegen des Umstands, dass die Verbrechen des Dritten Reichs nicht wiedergutzumachen sind, die Wortwahl als unzutreffend empfinde. Man hätte zur Klarsicht ethisch weniger aufgeladene Rechtsbegriffe wie eben Entschädigung oder Schadensersatz oder Schadensvergleich wählen sollen. Vergleichbar ist mir unbehaglich bei dem Wort "Vergangenheitsbewältigung", da bin ich mit Burger einig. Die Vergangenheit lässt sich nicht bewältigen, als ließe sie nach Gelingen dessen sich abheften. Aber Burger meint ja auf anderem Weg, dem des Vergessens, das Nämliche, ein großes Abheften, Wegheften zur Fachhistorie hin, wobei die Fachhistoriker die allgemeine Öffentlichkeit in Ruhe lassen sollten; um so reiner bliebe dann die Reinheit ihres Fachwissens.

Gegen solche Ansinnen geht es um eine immer wieder aufzunehmende Auseinandersetzung mit der Vergangenheit auf allen Ebenen einer differenzierten Öffentlichkeit. Und hierfür darf man die Kollektivschuld als Historie erläuternde rechtspolitische Kategorie überhaupt nicht preisgeben. Aber auch in einer anderen Hinsicht bleibt sie, übers Politisch-Historische hinaus, vorerst weiterhin und auf lange Sicht gültig. Dabei geht es um breit gesehen indirekte wie direkte Beeinflusstheit unserer Generation (ich meine die, die 1945 noch sprachlos lallendes Baby war) durch die von der Nazi-Ideologie durchwachsene Elterngeneration bis ins Unterbewusste und Unbewusste hinein. Es geht also um ein sozusagen didaktisches Erbe, das auch dann vorliegt, wenn man sich seiner erwehrte und erwehrt. Und von dem gehen weitere Strukturen in die nächste Generation und darüber hinaus. Es ist schon etwas dran an der Ahnung des Bibelworts vom Gang der Schuld bis ins dritte und vierte Glied.

Diese indirekte Kollektivschuld durch "didaktischen" Erbgang ist freilich zu unterscheiden von direkter Individualschuld. Sie ist zu veranschlagen als Vorsichtsanzeiger gegen einen selber. Gerade darum verlangt sich von ihr her ein Einspruch gegen jede Programmatik des Vergessens. Und ihr historischer Abbau wird durch Rückfälle des Ideologischen jedes Mal rückgebaut. Eine Programmatik des Vergessens, wie aus Burger-Text erlesbar, halte ich schon für so einen Rückfall, der den Abbau der indirekten Kollektivschuld behindert. Und im Übrigen ist sie ganz überflüssig. Man muss keine Propaganda des Vergessens treiben. Denn Vergessen passiert aus Faulheit und Eitelkeit übergenug und wie von selbst. Allein Nichtvergessen bedarf der Anstrengung.

3. Das Sprachspiel zwischen Amnesie und Amnestie, nun den ideologischen Trick des scharfsinnig scheinenden Begriffsverschubs einsetzend, stimmt ja hinten und vorn nicht, wie es uns Burger, gewürzt mit lexikalisch ermittelten Pfefferkörnern der historischen Belesenheit, vorsetzt. Da tummelt sich zwar, wie so oft, nur der Unterschied eines Buchstabens. Nichtsdestoweniger macht das den Unterschied zwischen einem politisch-praktischen Vergessen und einem intellektualen Vergessen. Das politisch-praktische Vergessen ist aber eigentlich keines, es ist nur das "Vergessen" von Sanktionen gegenüber einer Schuld, ein metaphorisches oder symbolisches Vergessen, das nur ans Vergessen irgendwie anklingt. Und so verhielt sich das auch real-historisch.

Ich will nur ein Beispiel aus den mehreren, die Burger herbeizieht, aufgreifen, die Amnestie Ludwigs XVIII. für die Französische Revolution und den Napoleonismus im 19. Jahrhundert. Praktische Sanktionen waren damit aufgehoben in einem groben Sinn und ganz oberflächlich gesehen, aber intellektuales Vergessen war am wenigsten gemeint. Man beschäftige sich nur mit der breiten realistischen und naturalistischen Literatur Frankreichs aus dem gemeinten Jahrhundert, mit den französischen Sozialutopisten und dann spät im Jahrhundert mit Hippolyte Taine, wohlgemerkt 100, nicht 50 Jahre danach. Oder zu diesem Taine: ist er ein Fachhistoriker, der bei seinen Fachleuten blieb?, nein!, seine Werke wandten sich bis in die Schreibweise an die breite allgemeine Öffentlichkeit. Und das werden entgegen Burgers Verdikt die Historiker weiterhin so machen. Außer es kommt eine Zensur, oder ein Historie-Diktat vom Typ, den der Ostblock einmal betrieb. Nichts ist es mit dem intellektualen Vergessen trotz in der Tat realisierter Amnestien. Übrigens zum Wiedermiteinanderkönnen auf gesellschaftlicher Ebene bedarf es eines solchen auch gar nicht und ebenso wenig des Verzeihens. Eine Neutralisierung der das Erinnern begleitenden Gefühle reicht völlig aus für das Überwinden von Hassdispositionen. Ja, das Erinnern verhilft im ergründenden Charakter zu solchem Neutralisieren.

Und das ist es ja, dass von Amnestie Österreich zusammen mit der Bundesrepublik Deutschland übergenug erhalten hat durch die Sieger des 2. Weltkriegs bei der Rückgliederung in die westliche Industrie-Gesellschaft, weil diese Siegermächte am wenigsten einem Burger-Konzept gefolgt waren und sogar das gerechtfertigte Versailles wie seine Folgen nicht vergessen hatten. Sonst hätten sie den durchaus ebenso gerechtfertigten Morgenthauplan verwirklicht und nicht den quasi ungerechtfertigten Marshall-Plan. Dabei, was Marshall-Plan betrifft, erhielt Österreich im Unterschied zur Bundesrepublik Deutschland einiges über Amnestie hinaus. Es musste die Gelder nicht zurückzahlen, ihm wurden sie geschenkt. Zudem war es nicht beteiligt bei den Wiedergutmachungsleistungen, sie kamen nur von der BRD.

Warum denn immer noch mehr? Jetzt soll noch so getan werden, als hätte Österreich nichts je getan? Dazu darf man am wenigsten vergessen, dass die Diskussion von Amnestie eine Angelegenheit derer ist, die Amnestie zu vergeben haben. Wenn die, die sie erhalten sollen/wollen, dazu Forderungen stellen, zieht ein Zug des Lächerlichen ein, Frechheit beigemischt, oder ein Zug von Frechheit, Lächerlichkeit beigemischt. Auf solchen Wegen hat Schüssel die österreichische Außenpolitik kaputtgemacht. Darum ist die Bundesrepublik Deutschland wohlberaten, international stärkst anzuzeigen, dass sie mit der Politik des gegenwärtigen Österreichs nichts zu tun hat. Denn von ihr her würde politisch-offizielle Mischung aus Lächerlichkeit und Frechheit ganz andere Stör- und Verwirr-Dimensionen annehmen im ohnehin schwierigen internationalen Politik-Netz Europas.

4. Aber zurück zu Burgers Manifest des Vergessens, weil noch ein dicker philosophischer Denkfehler darin steckt, den man sich zu heutigen Debatten in Österreich einmal klarmachen muss: Denkfehler oder Denktrick. Wenn irgendein Sinn in Burgers Berufung auf Freud sein soll, nach der der Begründer der Psychoanalyse das der Verdrängung Abgetrotzte dann wiederum dem Vergessen anempfohlen habe, dann wäre dieser Sinn nur unter der Unterstellung denkbar, ein Nichtvergessen sei ein ständiges bewusstes Darandenken. Dem ist aber nicht so: Nichtvergessen, als ein Vagheitszustand, den Begriffsüberspitzungen Burgers gewiss zuwider, aber real, meint nur ein abrufbares Bereithalten, wie es etwa in der aktiven Sprachkompetenz eines Menschen vergleichbar vorliegt, auch nicht ständig präsent im wachen Licht des Bewusstseins. Das wäre der Status, dem das der Verdrängung Abgetrotzte zuzumessen wäre. Alles andere ist Freud-Verdrehung.

5. Im Übrigen wird die Politik nicht auf Gedenkpolitik verzichten in etwas weiteren Zukünften. Die Diskussion betrifft nur eine mehr oder weniger brauchbare oder abzulehnende Gedenkpolitik. Wenn man sich hier aus Bereichen zurückzieht, dann werden andere sie besetzen. Da hat Rauscher schon ganz richtig in Umkehr gefragt, welches Vergessen denn im allgemeinen Faltenumwurf des Vergessens das Burgersche Programm meint. Und genauso verhält sich das mit der Mythisierung und dem Mythengebrauch im Politischen. Es liegt nicht am Mythischen überhaupt. Von Ernst Cassirer über Ernst Bloch, Walter Benjamin, Theodor W. Adorno, Georg Picht, Hans Blumenberg, Claude Levi-Strauss, Roland Barthes wurde das Bewusstsein gewonnen, dass im Mythos auch Aufklärung steckt. Burger wirkt demgegenüber mit seinem schlichten und einfachen Abweisen des Mythos wie Aufkläricht und unterstützt damit nur das bornierende Mythische wie in seinem Atheismus.

6. Bei allem Irrealismus durchzieht aber das Burgersche Programm ein ideologischer Pragmatismus der Formel: Wahr sei, was dem gegenwärtig offiziellen Österreich nützt. Das passt ja bestens zu jenem Josephinismus redivivus, den Peter Kampits durch glänzende Parallelzitierungen zwischen josephinischer Universitätsordnung und der gegenwärtig laufenden Hochschul- und Universitätsreform Österreichs in einem Standard-Kommentar der Anderen ermittelt hat. Dem Kampits wird dabei unheimlich, Burger hingegen beginnt sich darin offensichtlich wohl zu fühlen, auch wenn er in linker Restspur Geschäftemachen gemäß seinem einfach übersichtlichen, graden Denken noch schlicht für verwerflich hält, als hätten wir die Wahl zwischen Medienpräsenz/Profitmacherei einerseits und "anständiger" Verweigerung dessen andererseits. Dem wird er höchst medienwirksam mit dem nächsten Vergessensprogramm abhelfen. Eine kleine Hoffnung für ihn, etwas realen Boden wiederzugewinnen?

Aber man muss sich noch einmal dem Wissenschaftsgestus von Rudolf Burger zuwenden, wenn es ums Methodische der Ideologiebildung geht. Denn er hat seinem variiert verschieden publiziertem Essay Interviews nachgeschickt (Wiener Zeitung und Format), in denen er sich als Wissenschaftler hinstellt gegen Mythenbildung und Kitsch.

Drei Thesen gibt er für wissenschaftlich fundierte Hypothesen aus, für die er wissenschaftliche Argumentation einfordert, falls Einwand. Die erste These von der Überholtheit der Verdrängungstheorie wird er hoffentlich nicht für die Tiefenpsychologie generell meinen, weil dann seine wissenschaftliche Begründung für sie als Hypothese einigermaßen zu dürftig ausfiele, um ernst genommen zu werden. Also begrenzt auf Nazizeit und Drittes Reich? Da wirft, was damit zusammenhängt, genügend Verdrängung provozierende Schuld und Scham auch unserer und der nächsten Generation noch ab, wie ich, anders gerichtet, zuvor schon sagte. Denn Verdrängung bezieht sich nicht nur auf unerträgliche Schuldgefühle, sondern auch auf unerträgliche Scham. Sodass zu ihren Feldern etwa ebenso der Umstand gehört, durch den wir aufs schwerste unsere Elterngeneration verurteilen müssen und mussten. Und die große Gefahr einer explosiv unsteuerbaren Rückkehr des Verdrängten besagt nur ein Potenzial, nicht eine Notwendigkeit.

Die nächste These als wohlbegründete Hypothese genommen? Die These davon, dass Nichtvergessen gerade das Unheil eines unaufhörlichen Revanchismus gezeugt hätte? Daran ist von Fall zu Fall etwas Richtiges. Aber Burger generalisiert aus einigen Fällen und schreitet zu der Universalbehauptung fort, Nichtvergessen zeuge Unheil stets und immer. Dabei bietet sich denn doch sofortige Widerlegung. Ich sprach schon von dem Nichtvergessen der Revolution in Frankreich weit über 100 Jahre hinaus. Und das hat gewiss Wiederholungen wenigstens gedämpft und vorsichtig gemacht, trotz der Mordarbeit gegen die Pariser Kommune 1871. Ein deutsches Beispiel der Dreißigjährige Krieg, dessen Nichtvergessen über Schillers Wallensteinarbeit hinaus in die Diskussionen zur Deutschen Misere weit über 100 Jahre ebenfalls umspannte und wenigstens bis ans 20. Jahrhundert heran einem solchen Ausmaß an Totalität des Kriegs in der Quere stand, zwar nicht Kriege verhindernd, aber sie dämpfend in ihrem Vernichtungsgrad. Auch hier liegt die Unhaltbarkeit der These sofort auf der Hand. Daher bietet sich auch kein Argument darin an, dass schließlich unsteuerbar explosive Rückkehr des Verdrängten mit Übertrumpfen des Originals ausgeblieben wäre.

Und die dritte These ist ohnehin eine bloß ästhetische auf der Basis der bürgerlichen Geschmacksästhetik. Und gerade auf dieser Basis lässt sich über Geschmack nicht streiten. Also seinen Ekel aus ästhetischer Gesinnung des 19. Jahrhunderts darf man als Privatangelegenheit Burger nicht streitig machen. Aber disputieren und argumentieren kann man darüber nicht. Auch heute noch ist es jedem zu erlauben, dass er ein feiner Pinkel sei und mit unwissenschaftlichen Kategorien wie Pietät, Würde, Redlichkeit nur so um sich wirft. Da hilft auch nicht das Verständnisbemühen Konrad Liessmanns weiter (Der Standard, 24.7. 2001), dass alle Kunst durch Distanz entspanne und verharmlose, "schicksalhaft" an Genuss gebunden. Und deswegen sei für das ungeheuerliche Lebensschreckliche Kunstdarstellung, ja Darstellung überhaupt zu vermeiden, weil Darstellungen dieses Thema nicht erreichen würden. Richtig daran ist, dass alle Kunstdarstellung nicht mit dem Erlebensoriginal verwechselt werden darf, Letzteres ist nicht wiederholbar. Aber Kunstdarstellung durchleuchtet und erhellt jede Art von Erleben und ist insofern eine Steigerung des Erlebens. Nicht im emotionalen Sinn, sondern im intellektualen Sinn. Denn in der Tat: die Schrecken der Kunst sind emotional nicht irgendwie schrecklicher als die gelebten Schrecken, aber sie verdeutlichen gelebten Schrecken, sie stehen dazu in Unvergleichbarkeit, während das Leben der Schrecken blind zu bleiben vermag.

Verdeutlichen, Klären heißt aber nicht Entspannen und Verharmlosen zu Genuss. Mit Letzterem steht auch Liessmann voll in der Geschmacksästhetik des 19. Jahrhunderts, ohne stoische, aristotelische oder augustinische Hintergründe. Doch ohnehin, wenn man auch Geschmack und Geschmacksurteile anthropologisch oder psychologisch als menschliches Verhalten wissenschaftlich zu diskutieren vermag, so nicht ihre spezifischen Gehalte, über diese lässt sich eben nicht streiten. Burgers Ekelthese hat also mit Wissenschaftlichkeit nichts zu tun. Aber alles trägt er in den Formulierungsweisen der Wissenschaftssprache vor, obwohl es sich bei allen drei Thesen um schlichte Vorurteile der Art handelt, die sich durch sich selber der Überprüfbarkeit entzieht. Das eben nenne ich Wissenschafts- oder Theoriekitsch. Und Burgers ständiges Reden von Ekel wie Verachtung für das Meinen und Verhalten anderer Menschen ebenso wie sein Werben für Pietät und Würde zeigen kaum die beanspruchte Kühle des Denkens an.

Burghart Schmidt ist Philosoph und Professor an der Hochschule für Gestaltung in Offenbach/Main, Schwerpunkt: Sprache und Ästhetik.

[1]
Zizek also [vgl. Kulturrisse 03/01, S.5-8]: "Was ich an Haider sogar sympathisch finde, und was auch die Leute mögen, ist die Tatsache, dass - wenn auch auf eine verdrehte, verzerrte, rassistische Art - Leute wie Haider und Le Pen in Frankreich die Einzigen sind, die noch immer auf eine gewisse Weise die Wirtschaft politisieren.... Was mich an Haider interessiert, ist, dass - soweit ich weiß, er die einzige ernsthafte politische Kraft ist..., okay Haider ist kein gutes Beispiel, er spielt ein eher liberales Spiel [ach nee! B.S.]; aber zum Beispiel Le Pen in Frankreich... oder Buchanan in den Vereinigten Staaten: Sie sind die Einzigen, die sich wenigstens auf irgendeine Art auf einen antikapitalistischen Diskurs einlassen, ihn riskieren". Die Einzigen, die den Ökonomismus durch Politik durchbrechen? Auch sozialdemokratische, sozialliberale und grüne Programme suchen noch das Ökonomische politisch zu überrunden. Und man denke an die seit einigen Jahren zur Debatte stehenden Globalisierungskritiker mit den Ansätzen zu einer Bändigung des neoliberalistischen Kapitalismus durch Politik. Ganz abgesehen von Theoretikern wie Pierre Bourdieu und John Tobi etwa. Der Politikprimat der von Zizek berufenen Rechtsaußen? Er zeichnet sich demgegenüber nur durch besonders verschmälernde Schmalspur mit besonders starkem Phrasencharakter aus, durch bloßen Appell an unverstanden abgestandene oder verdreht auf der Straße liegende Werte, so dreckig eingesetzt, wie sie vorgefunden wurden. Sollte es das sein, was Zizek fasziniert, Schmalspur und Abgestandenheit? Denn das Antikapitalistische eben dieser Rechtsaußen mag man als besonders stammtischige Phrase überlesen und belächeln... Und dann soll nach Zizek doch wieder alles Wirtschaft sein und die Wirtschaft alles entscheiden. "Aber es tut mir leid, ich bin ein altmodischer Marxist: Wo ist die Wirtschaft? Mein Gott, dort werden die Dinge entschieden. ...Mein Gott! Die besonders wichtigen Dinge passierten im letzten Jahr in der Wirtschaft!" Also doch Ökonomismus! Und dann: mitten in den Realisationsprozessen einer wie immer gearteten profitablen Eigentumsstrukturierung im Cyberspace, die zu erwarten war, weil Kapital investiert wurde, tönt Zizek, in den 70er Jahren stehen geblieben: "Vielleicht hat ja heute der Cyberspace dieses explosive Potential. ...Ich sage nur, dass Cyberspace uns mit einer neuen Gesellschaft konfrontiert, die definitiv nicht mehr auf Privateigentum orientiert sein wird." Mal soll alles von der Wirtschaft her gedacht werden, mal soll die Politik den Primat über die Wirtschaft haben, dann wird sie wieder verachtet, mal soll die Politik kulturalisiert werden, holterdipolter durcheinander. Mal hat der Westen den Fehler gemacht, nicht sofort im auseinanderdriftenden Jugoslawien interveniert zu haben, mal wird dem Westen seine Scheinheiligkeit der Intervention vorgeworfen. Und dann Zizeks Reden über Gewalt: Wenn zu dem so schwierigen Thema so perfekt phrasiert wird, man solle sie von links her (Zizek doch links trotz Haider-Le Pen-Buchanan-Bewunderung) nicht den Rechtsradikalen überlassen (alte abgedroschene marxistische Phrase), dann geht mir ein Sinn der ebenso alten Konvergenzideologie auf, nach der Gewalt gleich schlimm sei, komme sie von rechtsradikal, komme sie von linksrdadikal.

[2]
Brutalphrasische Zitate bei Burger etwa (ihnen eignet gewöhnlich, dass sie nicht oder das Gegenteil vom Werk des jeweiligen Denkers ausdrücken, also irgendwo gesagte heftige Ausrutscher sind, die in der aufmotzenden Verwendung von Burger zu Ornamenten der Scheinidentifikation verkommen):

1. Sartres Spruch, Moral sei ein Loch im Kopf. (Wollte man diesen Spruch statt zu bloßem Scheinidentifizieren des Gebrauchs ornamentaler Art doch auf Sartres Gesamtwerk beziehen, dann hieße das allerdings: a) Moral hängt in Entscheid, und das bedeutet einen voluntaristischen blinden Fleck des Setzens von Entscheidung, b) Moralentscheid verlangt auch das Riskieren des eigenen Lebens, c) erst mit dem Tod lässt sich ein Leben als moralisch beurteilen, sonst wäre es immer noch von Opportunismus überwucherbar, usw. All das unterdrückt der Burgersche ornamentalisierende Gebrauch des Worts als eines "geflügelten".)

2. Kojèves Spruch, es sei nichts passiert, weil, es sei kein Blut geflossen. (Burgers ornamentalisierender Gebrauch des Worts als eines "geflügelten" will den Eindruck erwecken, als sei ihm wie Kojève immer nur etwas passiert, wenn Blut geflossen sei. In der Tat aber hat Kojève meinen können, wenn jemand fragt: Was sei passiert, dann sei solchem so Fragenden immer nur etwas passiert, falls sich ihm berichten ließe, Blut sei geflossen.)

3. Mc Luhans Spruch, Moralisches im Meinen erschwere es so sehr, die Meinung eines Idiotoen idiotisch zu nennen. (Burgers ornamentalisierender Gebrauch des Worts als eines "gflügelten" vergisst oder will vielmehr vergessen machen, dass Mc Luhan gerade in die Tradition derer gehört, die darauf bestanden, sie hätten eigentlich noch nie etwas ganz Unwahres gehört. In deutschsprachiger Tradition gehören dazu Leibniz, Goethe und Hegel.)

4. Man könnte auch und besonders den von Spinoza bezogenen Spruch nehmen: Wer Moral beurteilen will, muss sich zu diesem Urteilsgegenstand so verhalten wie bei einer Untersuchung von Fliegen oder Mücken. Was Burger in den Spruch als dessen Problem hineinliest, die unbeteiligte Objektivität, war in seinem Aufklärungselan dem Spinoza gar keines, sondern eine Selbstverständlichkeit. Seine metaphorische Ausdrucksweise sollte vielmehr vermitteln, dass es in der Wirkweise des Moralischen so zuginge wie im Wirkungszusammenhang der Natur. Die Wirkfaktoren seien nicht große Kräfte und großartige Motive, sondern Minima. Verkitschend-ornamentalisierendes Instrumentalisieren von Sprüchen führt eben immer an ihrem tatsächlichen Sinn vorbei und ist eine Ohrfeige für Hermeneutik, die sie sich nicht verdient hat.
(Ich wollte mit den 4 Punkten einige Denker, die Burger mit seiner Textausschmückungsmethode des Zitierens verheizt, etwas in hermeneutischen Schutz nehmen, wie sieht, wer las.)

Vgl. dazu auch den Beitrag von Stefan Nowotny in dieser Ausgabe.

 
 

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