Angehen im Anblick — IG Kultur

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INHALT 03/2010

 

Angehen im Anblick

Drehli Robnik

Es ist mehr an Bedeutungs- und Geschichtsmächtigkeit im Spiel, als es zunächst scheint: Diesen Eindruck hinterlassen die in Dagegen muss ich etwas tun porträtierten AkteurInnen wie auch die Art, wie der Film sie in Szene setzt – in ihrem unerwarteten Mehr an Mächtigkeit. Zunächst sieht es ja ganz bescheiden aus: Ausgangsmaterial ist ein Gespräch mit Hilde Zimmermann, Widerstandskämpferin gegen den Nationalsozialismus und Insassin des Lagers Ravensbrück, geführt bereits 1999 für das Projekt Wege nach Ravensbrück. Nach Zimmermanns Tod 2002 hat Film- und Theaterregisseurin Tina Leisch das Material ergänzt, um Erzählungen ihres Ehemanns, ihres Bruders, ihrer besten Freundin, die ebenfalls aus antifaschistischen Zusammenhängen des Roten Wien stammen. Alte Leute, die in Videokameras reden, ein paar Fotos, stumme Home Movie-Fragmente am Ende, dazu ein altes Lied. Wie aber sieht das Spiel mit diesem Material aus, das die Inszenierung, zumal Leischs Auswahl und Montage, in Gang setzt? Und wie steht ihr Film im Kontext heutiger Medienbilder von NS-Geschichte, zumal Dokus mit ZeitzeugInnenerzählungen? Im Geschichtsfernsehen kursiert etwa das Modell Guido Knopp: ZDF-Event-Dokus mit ZeitzeugInnen, die vor schwarzem Hintergrund kurze Wortspenden abgeben –, was dem Sendungsdesign ebenso entgegenkommt wie dem Gestus, Soundbites, Archivbilder, Reenactments, Toneffekte und ominöse Kommentare zu einem Panorama des Nachtschwarz-Abgründigen zu montieren. Die ORF-Reihe Der Zweite Weltkrieg hingegen ließ 2009/2010 ZeitzeugInnen in deren Alltagsumgebungen und ohne Unheilsausleuchtung zu Wort kommen. Dabei allerdings wurden etwa Gesprächsfragmente von Wehrmachtsdeserteuren einmontiert in ein auf Schock, Schmerz und christliche Opfermetaphorik zielendes Natur- und Stimmungsbild, das die Bemühung um Anerkennung der Deserteure als NS-Justiz-Opfer ins Leidensmalerische hob und das Aktivitätsmoment des Desertierens tendenziell verunkenntlichte.

Bilder: Wie die geht …
Sie selbst und andere im Widerstand und in Ravensbrück seien „keine Opfer“ gewesen; „Verfolgte des Nazi-Regimes“ sei ein „präziserer Ausdruck“, sagt Zimmermann in Dagegen muss ich etwas tun: Hier sprechen Interviewte weder im Schwarz eines Traumas, das, vom Lager bis zur Bombennacht, alle kommensurabel machen soll, noch im Chor mit Illustrationen ihres Leidens. Sie sprechen im Zimmer, bei Tisch, vorm Garten – Alltagsorte, gefilmt in sparsamem Setting, nicht auf Establishing Shots und sinnige Zwischenschnitte hin, die sie zum „Milieu“ eindicken würden – und mit Verweis auf Bilder: Schwarzweißfotos werden nicht ominös einmontiert, sondern gehalten und besprochen von den Er-zählenden selbst. „Erklärst’ uns das Bild, bitte?“, fragt die Interviewerin; Zimmermann erklärt: Das Foto sah sie ca. 1942, als ihr Bruder, nunmehr Wehrmachtssoldat, von der „Ostfront“ erzählte; zu sehen ist, wie „russische“ Kriegs- gefangene abgeführt werden, zudem eine Frau, der die Exekution als Partisanin droht. An deren Bild sieht – und zeigt uns – Zimmermann eine Haltung, im vollen Sinn: „So wie die geht: I muss auch, i muss dagegen was tun.“ Man mag sich da entfernt an Momente mit Schwarzweißfotos von Frauen (eine Jüdin im Trenchcoat vor einem NS-Deportationszug an der Kamera vorbeigehend; eine im Zugriff französischer Kolonialmacht unverschleiert abgelichtete Algerierin) in Harun Farockis Bilder der Welt und Inschrift des Krieges erinnert fühlen: Das Bild schaut uns an. Ein Anblick als (ethischer, politischer) Appell, ein Angehen, das von einem „Gehen“ – hier: in den Tod durch Rassenkrieg – ausgeht.

Im empathischen Bündnis der Frau aus dem Roten Wien mit dem Bild der sowjetischen Partisanin verdichten sich Facetten in Zimmermanns Erzählung von (antinazistischen) Kämpfen. Da sind erstens Momente des Sich-in-Beziehung-Setzens zu Menschen, die als SlawInnen von NS-Gewalt besonders betroffen waren; so rief ihr etwa ein Häftling in einem Gefängnishof zu: „Ich bin ein Albaner und kämpfe für die Freiheit und Menschenwürde!“ Heute, da es Usus ist, Albanien bloß durch die Optik des Elends wahrzunehmen, hat dieser stolze Satz etwas Archäologisches; das gilt insgesamt für das Vermächtnis „roter“ Kämpfe, das der Film zweitens mit artikuliert. Und da ist drittens der Kommunismus der Frauen: Das Lied Die Frauen der Commune der Schmetterlinge rahmt den Film, in dem von herrenmenschlichen Vergewaltigern erzählt wird, vor allem aber von Frauen im Widerstand.

… und was man nicht hat: Erinnerungen
Leischs voriger Film Gangster Girls zeigte heutige Gefängnisinsassinnen, die in pittoresker Theaterschminke von sich erzählen und sich dabei ebenso ent-identifizieren, gegenüber einer Ohnmacht auferlegenden Ordnung, wie inszenieren, als Subjekte ihrer virtuosen Rede. Diese Girl-Erscheinungen und die Widerständlerinnen, sie strahlen einander über die Differenz ihrer Situationen hinweg an: Wie die Zimmermann spricht, schaut, raucht – da kommt Glamour ins Spiel. Ist das frivol gesagt? Nein, das ist jene Art von Aufführung, die „Biografie“ heißt: Nach 1945 war Zimmermann als Brillendesignerin u.a. für Dior erfolgreich und oft auf Modeschauen; auch dafür prägt sie (ähnlich wie für „Verfolgte“) ein Wort: „hinter die Kulissen der kapitalistischen Welt schauen“. Genau: Inszenierung ist ein Terrain von Politik; es geht ums Schauen, um Bilder, die zurückschauen und etwas festhalten – unseren Blick wie auch historische Kämpfe. Sich (trotz des Stalinismus) an kommunistischen Ideen von Freiheit und Würde „aufzurichten“, wie Zimmermanns Bruder sagt, dieser Wunsch hallt in Leischs Haltung des Dokumentierens nach: Beiden geht es um ein Bewahren. Ein Erinnern, das tastet und dem immer wieder soviel entgleitet – auch dafür hat Hilde Zimmermann prägnante Worte: „Was man net hat, hat man net.“

Drehli Robnik ist Filmwissenschaftler; Lehrtätigkeit in Wien, Brno, Potsdam, Frankfurt/M; forscht und schreibt zur Geschichtlichkeit des Films; Autor von: „Film ohne Grund. Filmtheorie, Postpolitik und Dissens bei Jacques Rancière“ (Wien/Berlin 2010); „lebt“ in Wien-Erdberg.

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