Amt, Ehre, Freiwilligkeit — IG Kultur

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INHALT 03/2009

 

Amt, Ehre, Freiwilligkeit

Radostina Patulova

Neulich kam mir im Netz eine so genannte Akademie für Ehrenamtlichkeit unter, die das Ehrenamt als die Chance für jede und jeden anpries, sich – bemerkenswerterweise als einzelne/r – einzumischen und mitzugestalten. Wie so oft, wenn das Wort „Chance“ vorkommt, löste dies einen begründbaren Verdacht bei mir aus, spricht man doch für gewöhnlich gerne dort von Chancen, wo wenig Rechte zu verorten sind. Doch diesmal bannte einmal nicht das nach dem Prinzip der Kommunizierenden Gefäße aufgebaute Verhältnis zwischen Chancen und Rechten meine Aufmerksamkeit, sondern das Wort „Ehrenamt“.

Die Sprache, wie auch die mit ihr in mehr oder weniger loser Verbindung stehende Realität, hält immer wieder ein paar Überraschungen parat – für EinsteigerInnen, Fortgeschrittene und InsiderInnen. Einiges braucht manchmal erst mal ein bisschen Zeit, um so richtig unverständlich zu werden. Nicht anders auch die Deutsche Sprache. Unzählige Tage und Nächte angestrengten Denkens, gar das Vertrauen in die als allerhöchstes Gut beschworene Qualität dieser Sprache – ihre angebliche Rationalität – stehen manchmal am Spiel. Denn wie ist sonst für nicht EtymologieexpertInnen beispielsweise der Titel „Geheimrat“ ohne einen Anschlag auf die Grundsätze der Logik oder zumindest auf den „gesunden Verstand“ zu verstehen? Das klingt geradezu so, als würde Agent 007 auf seinen alles könnenden Kugelschreiber fett „Geheimwaffe“ eingravieren lassen.

Nicht unähnlich ergeht es auch beim Wort „Ehrenamt“. Was soll das eigentlich mit diesem Amt und der Ehre, wie kommen sie überhaupt zueinander? Man könnte bei diesen Überlegungen richtig ins Schwärmen hineinschlittern: Handelt es sich dabei um ein Amt, das nur den Ehrenvollen vorbehalten ist oder ist es etwas, das alles, was mit ihm in Kontakt kommt, ehrenvoll macht? Geht es um einen gut bezahlten Posten ohne Arbeit oder doch um ein Amt, das Ehren aller Art austeilt, ja diese erst erdenkt? Bald stoßen solch amüsante Überlegungen jedoch an ihre natürliche Grenze – die Realität. Die eigene nämlich. Denn in dieser Umgebung läuft es immer wieder bzw. immer öfter eher genau umgekehrt – zuhauf viel Arbeit, dafür aber verschwindend wenig (Arbeits)Plätze, sprich Jobs, sprich Gehalt, sprich Kohle plus/minus soziale Leistungen, sprich soziale Sicherheit. Dafür entdeckt man die Vorzüge der ehrenamtlichen Arbeit, neulich auch für die so genannte Integration. Locker steigt inzwischen die als „Generation Praktikum“ bekannt gewordene Altersklasse in ihr drittes Jahrzehnt, ohne das muntere Hopping zwischen fragwürdigen Praktika, zweifelhaft bezahlten Jobs und Ehrenamtlichkeit – die oft schon die Voraussetzung für den Erhalt von besseren Praktikumsplätzen bildet – aufgeben zu können.

Die gegenwärtigen Bemühungen, lieber von „freiwilligem Engagement“ zu reden, markieren somit eine spezifische Sprachgrenze, an der zugleich vom Amt Abstand genommen und der Begriff in Richtung neoliberale Persönlichkeitsentwicklung hin verschoben wird. Fortan sollen die individuellen Züge vorteilhaft in Erscheinung treten. Damit auch die Generation Praktikum Höhepunkte in ihren Lebensläufen haben darf.

 
 

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