Ehrenamt zwischen Ausbeutung und Emanzipation — IG Kultur

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INHALT 03/2009

 

Ehrenamt zwischen Ausbeutung und Emanzipation

Gisela Notz

„Arbeit ohne Geld und Ehre.“ Das war der Titel meines ersten Buches über ehrenamtliche Arbeit[1]. Es erschien 1986 und war Ergebnis eines Forschungsprojektes, in dessen Rahmen ich mich mit der Methode „teilnehmende Beobachtung“ in drei ausgewählte, bereits real existierende Gruppen, die ehrenamtliche Arbeit leisteten, begab, sie beobachtete und mit ihnen arbeitete. Dabei lernte ich die Ambivalenz kennen, die mit dieser Arbeitsform verbunden ist. Es wurde deutlich, dass die Frauen zwar mit einigen Komponenten ehrenamtlicher Arbeit unzufrieden sind, diese ihnen aber gleichzeitig Chancen zur sonst verwehrten „Selbstverwirklichung“ bietet. Unter kapitalistischen Bedingungen dient sie also weder nur der Ausbeutung, noch per se der Emanzipation.

Freiwillige Arbeit

Damals gab es kaum öffentliche politische Diskussionen zu diesem Thema. Ich wurde immer wieder danach gefragt, was „Ehrenamt“ denn mit Arbeit zu tun hätte, denn was nicht bezahlt wurde, erschien auch nicht als Arbeit. Seit sich die Megakrisen türmen, ist der Scheinwerfer öffentlicher Aufmerksamkeit auf dieses Arbeitsfeld gerichtet. Vor allem an den Orten, wo die Auflösung „gewachsener“ nachbarschaftlicher und sozialer Strukturen und der damit zusammenhängende gefährdete Zusammenhalt in unserer Gesellschaft beklagt wird.

Es kommt in immer neuen Gewändern mit immer wieder neuen Namen daher. Neues Ehrenamt, freiwillige Mitarbeit, Bürgerschaftliches Engagement (BE), Arbeit für den Gemeinsinn und Bürgerarbeit sind soziale Erfindungen der letzten Jahre, durch die der nach Ansicht vieler Ehrenamtlicher missglückte Begriff ersetzt werden soll. Der ständige Verweis auf die Unbezahlbarkeit der Arbeit suggeriert, dass Arbeit schon deshalb wertvoller und humaner ist, weil sie nicht bezahlt wird und (scheinbar) nicht bezahlt werden kann. Verschwiegen wird, dass in Zeiten von hoher Erwerbslosigkeit, von Sozialabbau und Einsatz des Rotstiftes vor allem im Sozial- und Gesundheitsbereich Alternativen zur „Freiwilligen“ unbezahlten Arbeit für viele „freiwillige“ ArbeiterInnen gar nicht zur Verfügung stehen. Zudem sollte bezahlt und unbezahlt verrichtete Arbeit freiwillig sein. So jedenfalls ist es im Grundgesetz für die BRD verankert.

Bürgerschaftliches Engagement und freiwillige Arbeit erscheinen als soziale Innovation, scheinbar befreit von Muff und Staub, die dem alten karitativen Ehrenamt anhaftet. Kaum einer wagt zu sagen, dass es sich hier um alten Wein in neuen Schläuchen handelt.

Seit dem Entstehen der Wohlfahrtsverbände, der Entwicklung des Sozialstaates und beruflich organisierter personenbezogener Dienstleistungen wurde das „Freiwillige Engagement“ zum unverzichtbaren Bestandteil sozialer und gesundheitlicher Sicherung. Seither bezeichnet es unbezahlte, nicht über den Markt vermittelte, scheinbar unbezahlbare Arbeit. Unentgeltlich ist sie nicht. Sie kostet für die „Freiwilligen“ Geld und Zeit, und nicht selten geht sie auf Kosten ihrer eigenständiger Existenzsicherung. Die Unkostenerstattung für die Ehrenamtlichen ist ein Dauerbrenner. „Freiwilliges Engagement“ muss man sich – zumindest in einigen Bereichen – leisten können; das gilt für die Freiwilligen selbst.

Tatsächlich lebt unser Gemeinwesen von der Mitwirkung und Mitgestaltung seiner BürgerInnen. Und diese leisten bezahlte und unbezahlte Arbeit. In beiden Bereichen bestimmen sie die Lebensqualität entscheidend mit. Ohne sie wäre die immer kälter werdende Ellbogengesellschaft nicht auszuhalten. Ohne ehrenamtliche Arbeit würde das System der sozialen Dienste und der gesundheitlichen und kulturellen Versorgung zusammenbrechen. Damit blieben viele der Sorge und Hilfe bedürftigen Menschen unversorgt, und Kultur würde (wieder) ein teures Gut werden, das sich nur wenige leisten können. Daraus speist sich das große Interesse an dieser Arbeitsform. Eigeninitiative wird als Antwort auf (fast) jedes Krisensymptom betrachtet.

Vielfältige Arbeitsverhältnisse

Der Arbeitsmarkt bestand in den meisten Bereichen, in denen ehrenamtlich gearbeitet wird, schon immer aus einem Nebeneinander unterschiedlichster Arbeitsformen. Die berufliche Vielfalt reicht vom gut bezahlten Geschäftsführer über Beamte, Angestellte in unterschiedlichsten Funktionen, Aushilfs- und Honorarkräfte, freie MitarbeiterInnen, Selbstständige, oft arbeiten auch sie prekär, im Nebenberuf Tätige bis hin zu in Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen Beschäftigten, geringfügig Beschäftigten, Zivildienstleistenden sowie „SchwarzarbeiterInnen“. In vielen sozialen Einrichtungen, Projekten im Gesundheitsbereich, aber auch in kulturellen und soziokulturellen Zentren sind oft mehr als die Hälfte der Beschäftigten „ganz ohne Geld“ tätig. Seit dem 1.1.2005 kommen in Deutschland im Rahmen von Hartz IV „1-Euro-Jobs“ – auch in den sozialen und kulturellen Einrichtungen – hinzu. Was früher scheinbar unbezahlbare Arbeit war, wird jetzt zu „Arbeitsgelegenheiten“, mit dem billigsten Stundenlohn abgegolten und obendrein mit Arbeitszwang belegt.

„Was ich kann, ist unbezahlbar. Tun, was man will. Und nicht, was man muss. Mit freiwilliger Arbeit“. Das war einmal ein Slogan zur bundesdeutschen Kampagne zum Internationalen Jahr der Freiwilligen 2001. Seitdem entstanden neue Unterschichtungen und damit neue Unübersichtlichkeiten zwischen verschiedenen Beschäftigtengruppen, 1-Euro-JobberInnen und Ehrenamtlichen. Solidarität sei in vielen Einrichtungen zum Fremdwort geworden. Klassen- und schichtspezifisches Widersprüche verschärfen sich zunehmend.

Der Gesellschaft geht die Arbeit nicht aus

Die heiß geführten Diskussionen um das „freiwillige Engagement“ zeigen, dass Arbeit und Arbeitsgesellschaft nicht deshalb in der „Krise“ sind, weil es nicht genügend zu tun gäbe, sondern weil die Arbeit ungleich verteilt ist, oder erst gar nicht als Arbeit in Erscheinung tritt. Die unbezahlten Arbeiten in der Familie und in anderen (Zusammen)Lebensformen, bei der Erziehung der Kinder, der Pflege der Alten, Behinderten und Hilfsbedürftigen, in der Nachbarschaftshilfe, im „Freiwilligen Engagement“, in Selbsthilfe und im Ehrenamt gehen der Gesellschaft ganz gewiss nicht aus; für viele entsteht zunehmend eklatanter Personalmangel.

Es geht darum, Kosten zu sparen, Wunden zu heilen und nicht darum, (gleichzeitig) die Missstände anzuprangern und an den gesellschaftlichen Wurzeln zu rühren, durch die die Wunden verursacht werden. Das Einrichten von „Tafeln“ mit aussortierten Lebensmitteln für Arme und Hilfsbedürftige mindert den Reichtum der Wohlhabenden ebenso wenig, wie es das Verteilen von Armensuppe zu Beginn der Industrialisierung getan hat. Es ist aber geeignet, das soziale Prestige der Wohltätigen zu mehren und die Hungernden zu demütigen. Sie sind die BittstellerInnen, und sie bleiben arm. Plausibel wäre es, auf die Krise und die zunehmende Armut mit politischem Engagement zu reagieren und nicht alleine mit Initiativen der Mildtätigkeit und mit Einrichtungen der Barmherzigkeit.

Die Glorifizierung der ehrenamtlichen Arbeit

Wohlfahrtsverbände weisen immer wieder darauf hin, dass es Sorge zu tragen gilt, dass Freiwilliges Engagement nicht missbraucht wird, um Löcher im sozialen Netz zu stopfen. Studien belegen jedoch immer wieder den „Mehrfachnutzen“ des sozialen Ehrenamtes: „ergänzend, entlastend und auch kostensenkend“, das waren die „bemerkenswerten Ergebnisse“ einer Studie aus Baden Württemberg. Gleichzeitig, so wurde festgehalten, gehen vom ehrenamtlichen Engagement zahlreiche „kreative und innovative Impulse aus“. Das unterstellt, dass Menschen, die für ihr soziales Engagement bezahlt werden, weniger oder keine kreativen und innovativen Ideen haben. So wird die Unbezahltheit der Arbeit ideologisiert. Die Aussage: „Ich möchte helfen, etwas lernen und mit netten Leuten zusammen sein“, könnte auch von „bezahlten Kräften“ stammen. Denn auch für sie waren das nicht selten Gründe, sich für ihren Beruf zu entscheiden.

Freiwillige Aktivitäten als Gemeinschaftsaktivitäten müssen keinesfalls immer positiv bewertet werden; in der viel zitierten Zivilgesellschaft sind sie situativ vieldeutig. Auch Neonazis und religiöse Fundamentalisten sind oft gemeinschaftlich aktiv und übernehmen freiwillige Aufgaben. Der Kampf gegen rechts, gegen Neo-Konservative und selbsternannte Lebensschützer wird selten belohnt. Wer Felder von Genmais befreit, muss entweder 1.000 Euro Ordnungsstrafe zahlen oder wird ins Gefängnis geworfen.

Solidarität und Nächstenliebe

Freiwillig Engagierte fordern, dass auch in Zeiten leerer Kassen Freiwilliges Engagement nicht Hauptamtliches ersetzen oder verdrängen darf, und dass auch für Frauen Ehrenamt kein Ersatz für Erwerbsarbeit sein darf. Ehrenamtliche Arbeiten können erst dann wirklich freiwillig und aus Liebe verrichtet werden, wenn die eigenständige Existenzsicherung der Helfenden gewährleistet und die notwendige professionelle Versorgung der Hilfsbedürftigen sichergestellt ist. Erst dann können sich auch Solidarität und Nächstenliebe entfalten; und beide sind in einer immer kälter werdenden Welt notwendiger denn je.

Auch ExpertInnen sehen eine Funktionalisierung der Freiwilligenarbeit zum Stopfen staatlicher Haushaltslöcher negativ, weil so versucht wird, vorhandene Strukturen und Leistungsangebote mit Hilfe des Ehrenamts (vorübergehend) zu stützen und zu bewahren, nicht aber sie zu verändern und langfristig neu zu strukturieren.

Zukunft der Arbeit

Es ist die Frage, wie Ermöglichungsstrukturen geschaffen werden können, damit durch ehrenamtliche Arbeit weder der Sozialstaat aus seiner Verantwortung entlassen wird, noch geschlechtshierarchische Rollenverteilungen in Familie Beruf und Ehrenamt fortgeschrieben werden. Denn einer ganzen Frauengeneration gleichwertige Bildungschancen einzuräumen und sie hochqualifiziert weit überwiegend in sozialen und pflegerischen Bereichen – für die sie oftmals gar nicht qualifiziert sind – unbezahlt beschäftigen zu wollen, ist eine auf die Dauer teure Irrationalität.

Angesichts von Millionen erwerbsloser Menschen und angesichts von zunehmender Orientierungslosigkeit und Armut kann weder Freiwilliges Engagement noch Selbsthilfe als Lösung von arbeitsmarktpolitischen und sozialen Problemen angesehen werden. Notwendig wird es in diesem Zusammenhang, Vorschläge zu entwickeln, wie die gesellschaftlich nützlichen (jetzt) bezahlt und (jetzt) unbezahlt geleisteten Arbeiten auf mehr Menschen und auf Menschen beiderlei Geschlechts verteilt werden können, damit die Übernahme der „unbezahlbaren Arbeiten“ nicht auf Kosten der eigenständigen Existenzsicherung geht und nicht zu weiteren Unterschichtungen und Festschreibungen auf überkommene Familienstrukturen führt.

1 Ich beziehe mich in diesem Beitrag im Wesentlichen auf die unbezahlte Arbeit im Sozial-, Gesundheits- und Kulturbereich.

Gisela Notz ist Sozialwissenschaftlerin und Historikerin, war bis Mai 2007 Wissenschaftliche Referentin im Historischen Forschungszentrum der Friedrich-Ebert-Stiftung und von 1985 bis 1997 Redakteurin der Zeitschrift beiträge zur feministischen theorie und praxis, jetzt LunaPark21.

 
 

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