Ein kurzer langer Sommer – der Tod meines Vaters — IG Kultur

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INHALT 03/2009

 

Ein kurzer langer Sommer – der Tod meines Vaters

Christina Nemec

Diesen Sommer wollte ich irgendwie mit Arbeiten, Baden und Musikmachen überbrücken. Ich bin gerade dabei, mit FreundInnen ein Plattenlabel zu gründen, und damit ist viel Vorbereitungsarbeit verbunden. Abgesehen von dem ganzen Pipapo wie Öffentlichkeitsarbeit muss zuerst einmal ein kleines Programm stehen. Welche Bands beziehungsweise MusikerInnen wollen wir präsentieren und unter welchen Produktionsbedingungen? Und wollen die das auch? Geld haben wir ja nicht viel, jedoch durch ein befreundetes Indielabel etwas Know-How und Ressourcen. Die Katalognummer Eins bekommt mein Debutalbum: derive – ein Titel, der mit den Ideen, die auch der gleichnamigen Zeitschrift zugrunde liegen, zusammenhängt.

Irgendwie eierte ich also im Sommerloch herum, als mein Vater ins Krankenhaus musste. Mir ist zwar schon aufgefallen, dass er von Treffen zu Treffen weniger wurde – tatsächlich: dünner, kleiner. Doch wurde mir das mit Medikamenten gegen Übergewicht erklärt, die mein Vater bekommen hatte, als er gerade mal geringes Übergewicht hatte. Mein Vater war 65 Jahre alt, Arbeiter und nie dick, regelmäßiger Blutspender und bei der Vorsorgeuntersuchung. Im Vorzeigekrankenhaus der Stadt Wien wurde ihm eine Leberzirrhose attestiert, somit war er kein Fall mehr für die Klinik, ein Alkoholiker ist ja selber „schuld“. Mein Vater setzte sich zur Wehr, er wäre kein Alkoholiker, das steht auch im Patientenbrief. Geglaubt hat ihm niemand. Er wurde irgendwie behandelt, irgendwie falsch – das kann man im Nachhinein sagen. In der Zwischenzeit stellte sich heraus, dass er an einer schwer zu diagnostizierenden tödlichen Krankheit litt, die äußerst selten auftritt und meist viel zu spät erkannt wird. Es hat sich jemand entschuldigt. Der Oberarzt in einem anderen Krankenhaus, in dem mein Vater mittlerweile gelandet war. Eine Leberzirrhose ist das Symptom einer Krankheit, die eine völlig andere Ursache hat. Durch ein Betroffenenforum lernte ich in kurzer Zeit die Geschichten von verschiedenen Menschen in Deutschland und der Schweiz kennen, die alle ungefähr in einer ähnlichen Situation waren. Eine Ärztin aus Deutschland, die sich seit Jahren mit dieser Krankheit beschäftigt – AL Amyloidose – war äußerst hilfreich und gab uns noch in den letzten Stunden große Hoffnung. Der Vater hat gelacht, wir dachten, irgendwie wird er sich schon wieder derfangen, auch wenn keiner der Ärzte mehr davon sprach. „Panzerherz“, sagte der Oberarzt. Keine Chance.

Ich nahm mir frei und fuhr täglich ins Krankenhaus. Einmal brachte ich Grüner Tee-Kapseln mit, ein anderes Mal einen Granatapfelsaft. Ich dachte, das geht jetzt noch Monate so dahin. Bis zum Herbst jedenfalls. Die Tage waren kurz und lang zugleich. Das Hinfahren, das Dortsein, das Heimfahren, das Anrufen. Das Angsthaben, wenn er sich nicht am Telefon meldet. In den letzten Tagen bekam mein Vater sein erstes eigenes Mobiltelefon. Am Freitag wurde der Vater er in das Intensivzimmer verlegt und an alle möglichen Apparate angeschlossen. „Endlich“, sagt er, „werde ich Ernst genommen. Endlich, ist es klar, was mir fehlt“. „Aber, wie viel Zeit haben wir verloren?“, sagte er – und lächelte trotzdem. Ich bin fast handlungsunfähig vor Schmerz. Meine Mutter ist auch da. Sie ist jetzt allein, bis auf mich.

Wir erledigen die zum Teil sehr mühsamen bürokratischen Wege und verabschieden uns im Familienkreis. Noch heute bekommen wir von seiner ehemaligen Lebensversicherung Post – ob der Vater nicht wieder eine abschließen will. Wir ziehen weiter. Ich brauche noch ein paar Tage Meer.

 
 

Erhältlich in folgenden Buchhandlungen:

  • a.punkt, 1010 Wien
  • Walther König, 1070 MQ
  • Anna Jeller, 1040 Wien
  • Phil, 1060 Wien
  • Leporello, 1010 Wien
  • Lentos, Linz
  • Pro qm, Berlin
  • b_books, Berlin

 

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