Willkommen im Spiegelkabinett — IG Kultur

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INHALT 03/2008

 

Willkommen im Spiegelkabinett

Marty Huber

Die Wahlen sind geschlagen, und alle wundern sich unbedarft, warum gerade die bis 30-jährigen und die ErstwählerInnen gar so weit rechts gewählt haben. Nichts, gar nichts darf einem im Land ohne Konsequenzen wundern. Die Jugend protestiert nicht, sondern reflektiert auf die Fratzen, die sie im Spiegelkabinett traf. Sie wissen genau, wem sie ihre Stimme gegeben haben. Die Projektionen auf die Alten (Parteien), die „Ausländer“, die Schwulen, die Muslime funktionieren in ungebrochener Weise, auch wenn sie nie „ihren“ Türken meinen, wenn sie schreien „Raus, alles muss raus!“.

Alles was raus muss, sind die anderen, sind die, die noch mehr mit ihren auf Kredit gekauften Diesel-Jeans angeben, die mehr Gel in den Haaren haben als HC, die immer beieinander stehen und hämisch lachen, weil sie auf dem Schulhof eine andere Sprache sprechen. Dass die „anderen“ auch HC gewählt haben, ist in dieser POP-Politik nicht weiter verwunderlich. Live fast, die young, wir haben die weißeren Zähne und die cooleren Sprüche. Ein Bundeskanzler, Fred Sinowatz, belacht, weil er meinte, das wäre alles ziemlich kompliziert, heute undenkbar.

Nichts darf länger dauern als ein Werbespot, ein Gedankengang nicht länger als eine Plakatzeile, ein Argument findet sich kaum noch zwischen den Texten der Demagogie und der sinnentleerten Phrasen. Wer lacht wann, wenn nicht jetzt? Die Freiheit, die sie meinen, beschränkt sich auf ein Spiegelkabinett, das den Blick dahinter ständig verhindert, das die Wände ständig geschickt verschiebt, wie in einem Labyrinth, das trotz der existenziellen Fragen, die behandelt werden, vielen wie ein Spiel erscheint. Wahlfreiheit wird in den Mund genommen für Schulen, deren Lehrpersonal immer noch um Stunden bangen muss. Doch im Projektionslicht flackert des Öfteren der Klassenkampf, immer dann wenn sie von Elite, von unseren Leute sprechen. Aber die Folien auf denen dieser daher kommt, ist nicht etwa internationale Solidarität oder soziale Rechte für alle, es sind die Politiken des schnellen Konsums, der Werbung, der Integration von nationalen Gefühlen in den Wertemarkt. Jugendliche sprechen darauf an, weil es die Sprache der Zeit ist und so, wie sie allgemein ein Markenbewusstsein entwickelt haben, wissen sie auch, auf welche politische Marke sie setzen. Es ist nicht Desinteresse, es sind die Slogans, die die Leere der Argumentationslosigkeit gefüllt haben. Es ist nicht der Mangel an repräsentativen Figuren, es ist auch ein Ende der Leidenschaft in der Politik abseits der Demagogie. Eine Lücke, die die Demagogen, weil auch talentiert, meisterhaft füllten.
Nun ist einer der großen Projektoren tot, wie sehr sein Erfolg an seiner Persönlichkeit lag oder doch in den Strukturen von österreichischer Obrigkeitsliebe vorausgesetzt ist, wird sich zeigen. 22 Jahre wurden von Jörg Haider mit Verharmlosungen von Nazitum, mit Hetze gegen alles, was ihm gerade opportun erschien, gefüllt. Diese Jahre haben es mit verunmöglicht, die Reflexionen über die Nazi-Vergangenheit Österreichs auf einen Stand zu bringen, der vergleichbare deutsche Parteien kleingehalten hat. Wenn aber nicht die politische Auseinandersetzung wieder aufgenommen wird, anstatt rechtsrechte Hassredner zu kopieren, dann steuern wir weiterhin auf eine Gesellschaft zu, in der ich nicht leben will, nie leben wollte. In einem Land ohne Konsequenzen.

 
 

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