Wege durch den Krieg — IG Kultur

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INHALT 03/2008

 

Wege durch den Krieg

Jochen Becker

„Im Krieg haben wir diejenigen, die uns gestern noch kolonialisiert hatten, nackt gesehen. Wir haben Seite an Seite mit ihnen gekämpft, Hunger und Durst gemeinsam erlitten und über denselben Schmerz geweint. Danach war klar: Es gibt eigentlich keinerlei Unterschiede zwischen uns. Aber: Die Franzosen haben sich eher mit feindlichen deutschen Soldaten angefreundet als mit uns, ihren schwarzen Kameraden. Das hat uns verbittert. Diese Erfahrungen haben vieles verändert.“[1]

Der 8. Mai 1945 gilt als Tag der Befreiung Europas vom Nationalsozialismus, manifestiert durch die alliierten Truppen. In Wirklichkeit überzog der Zweite Weltkrieg fast den gesamten Globus und zwang Millionen von Menschen an Orte, die sie selbst nicht bestimmen konnten. Damit meine ich nicht alleine die in Lager Deportierten und Ermordeten oder die Kriegsgefangenen, Vertriebenen und Verjagten. So gesehen hat der Zweite Weltkrieg also nicht nur Europa (Schaffung der EU bzw. des Warschauer Pakts) und die USA (Weltmachtführer) verändert, wie es die gängige Geschichtsschreibung nahe legt, sondern auch den afrikanischen oder asiatischen Kontinent neu formiert sowie das Verhältnis zwischen dem Globalen Süden und dem Norden nachhaltig verändert. Algerien erinnert den 8. Mai 1945 als Tag des Massakers, verübt von französischen Kolonialtruppen in Sétif und de Guelma. Das Ende des Weltkriegs, bei dem die französischen Streitkräfte zu Zehntausenden auch durch algerische Truppen verstärkt worden waren, sollte wie überall im Land gefeiert werden. Doch als in den Gedenkzügen die algerische Unabhängigkeit gefordert wurde, schritten französische Sicherheitskräfte ein. Bis zu 15.000 Algerier wurden dabei ermordet. In der Rückschau begann hier der erst 18 Jahre später mit der Befreiung beendete algerische Unabhängigkeitskrieg. Die sogenannte „Dritte Welt“ war als Schlachtfeld, Bestandteil der Kriegswirtschaft und Rekrutierungsressource eine entscheidende Grundlage für den Zweiten Weltkrieg. Die koloniale „In-Wert-Setzung“ natürlicher und menschlicher Ressourcen, der Raubbau an Rohstoffen (das Uran der Atombomben stammte aus der Kolonie Belgisch-Kongo) und landwirtschaftlichen Produkten, die Verwüstung durch Kriegshandlungen (Zerstörung der Subsistenzwirtschaften) und durch Kriegswirtschaft bleibt aus Geschichtschreibungen zumeist ausgespart. Noch nach dem Krieg wurde der Wiederaufbau Frankreichs und Großbritanniens mit Rohstoffen aus den Kolonien bewerkstelligt und mit Kolonialwaren die Dollarschulden an den USA abgetragen. So gesehen war dies wirklich ein Guerre Mondial, der auch keine „Stunde Null“ kannte. Mit Ausbruch des Zweiten Weltkriegs eroberte Großbritannien als größte Kolonialmacht ein Imperium, welches ein Viertel der Weltbevölkerung umfasste. Frankreichs Kolonialreich wiederum war zwanzig Mal größer als das „Vaterland“ und hatte mehr als 100 Millionen EinwohnerInnen. Schon 1939 begann auch in den französischen Kolonien die Mobilmachung. In Nord-, West- und Zentralafrika wurden bis zum Mai 1940 eine halbe Millionen Soldaten zumeist zwangsweise ausgehoben und quer durch die nordafrikanischen Länder bis nach Europa verfrachtet. Rund ein Fünftel der über 500.000 Zwangsrekrutierten fielen bereits in den ersten Kriegsmonaten, und 90.000 gerieten sogleich in deutsche Gefangenschaft.

(Nous sommes les) Indigènes (de la République)

Die Kriegsopfer der „Dritten Welt“ wurden und werden nicht mitgezählt. Erst nach der Unabhängigkeit in den 1960er Jahren beginnt die Geschichtsschreibung der vormals Kolonialisierten. In den 1990er Jahren konnten westafrikanische Veteranenverbände zumindest durchsetzen, dass das Gedenken sie nicht länger ausblendet. Noch heute kämpfen die Überlebenden um gleichen Sold wie ihre aus Frankreich stammenden Mitkombattanten. Der Spielfilm Indigènes (wörtlich „Eingeborene“, englischer Titel Days of Glory, 2006) des algerischen Regisseurs Rachid Bouchareb zeigt den winterlichen Feldzug nordafrikanischer Soldaten auf dem Weg durch Frankreich in Richtung Deutschland. „Wir kommen aus den Kolonien weit und sind zum Kampf fürs Vaterland bereit“, heißt es im „Lied der Infanteristen“. Ihre Ausrüstung war veraltet, sie trugen Sandalen statt Stiefeln und steckten in Uniformmänteln aus dem Ersten Weltkrieg. Fronturlaub wird ihnen verweigert, genauso wie Beförderungen. Sie sind zudem Opfer von Schmähungen und Schikanen. Indigènes hat dazu beigetragen, diese Debatte in die nächsten Generationen zu tragen. Rachid Bouchareb versteht sein 14,5 Millionen Euro-Projekt nicht nur als historische Wiedergutmachung, sondern auch als identitätsstiftende Hilfe für die Nachfahren der Immigranten. So tourte der Regisseur mit Film und Darstellern durch die Vorstadtkinos französischer Metropolen: „Die Jugendlichen brauchen Koordinaten, Vorbilder und Gründe, stolz und hoffnungsvoll zu sein. Meine Helden sind ihre Vorväter, Menschen mit Mut und Opferbereitschaft, allesamt Kinder Frankreichs und der Republik“. Unter dem Aufruf „Nous sommes les indigènes de la République“ (Wir sind die Eingeborenen der Republik) hatten zuvor schon Nachkommen der Zuwanderer und Soldaten ihre Rechte eingeklagt.

Rot lag in der Luft

Der 2007 verstorbene senegalesische Regisseur Sembène Ousmane hat in Emitai (Gott des Donners, 1971) sowie in Camp de Thiaroye (Camp der Verlorenen, 1988) den Einsatz der Soldaten aus den französisch kolonialisierten Teilen Afrikas zum Spielfilm-Thema entwickelt. Emitai berichtet in Anlehnung an einen Vorfall aus dem Jahre 1942 vom erwachenden Widerstand eines senegalesischen Dorfes, in dem die französische Kolonialmacht zuerst Rekruten, später die Reisernte requirieren will. Die Rekruten werden zur „Verteidigung des Vaterlandes“ – gemeint ist Frankreich – nach Europa verschifft, um gegen den Faschismus zu kämpfen. Im Dorf selbst wird ein Poster des neuen „Chefs“ de Gaulle aufgehängt. Die Frauen organisieren den Widerstand. Betrachtet Sembène Ousmane mit Emitai die Zeit vor dem Kriegseinsatz, so beginnt Camp de Thiaroye mit der Demobilisierung auf afrikanischem Boden. Stolz darauf, „für Frankreich" gekämpft zu haben, kehren westafrikanische Soldaten der unterschiedlichen französischen Kolonien zurück ins Übergangslager Camp de Thiaroye bei Dakar. Um miteinander zu kommunizieren, sprechen sie die Kolonialsprache Französisch mit ihren jeweiligen Dialekten. Sie haben ihre Reise durch diverse afrikanische und europäische Länder schon hinter sich. 1.300 Tirailleurs kamen damals aus Europa zurück und wurden vom Hafen ins Militärlager gebracht. Von hier aus sollten sie die Heimreise in ihre jeweiligen Länder antreten und vorher den versprochenen restlichen Sold, die Abfindungen und Entlassungenprämien erhalten. Schlechtes Essen, Verachtung und schuldig gebliebene Entlassungsprämien werden nun zu ihrem täglichen Brot, die aus Frankreich mitgebrachten Franc wurden in die Kolonialwährung Communauté Financière Africaine (CFA) umgetauscht und somit um die Hälfte abgewertet. Als Vichy-Sympathisanten die afrikanischen Soldaten wieder in alte koloniale Muster pressen wollten, begehrten die schwarzen Befreier von Europa auf. Am 31. November 1944 umstellten daraufhin französische Panzer das Lager und eröffneten um 5 Uhr früh das Feuer. Die Leichen der vormaligen Befreier wurden sarglos in der Erde verscharrt, die genaue Zahl der Toten ist nicht bekannt. Die Akten hierzu sind immer noch „Geheime Verschlusssache“. Zugleich erschütterte das Massaker von Thiaroye ganz Westafrika und die Nachricht davon verbreitete sich wie ein Lauffeuer. Sembène Ousmane bearbeitete mit Emitai und insbesondere Camp de Thiaroye nahezu vergessene Geschichte auf dem Weg zur Entkolonialisierung. Der Regisseur und Schriftsteller schloss sich 1942 den französischen Kolonialtruppen an, kämpfte bei der Artillerie und war an der Befreiung des Elsass beteiligt. 1947/48 nahm er am großen Streik der Bahnarbeiter entlang der Strecke Dakar-Niger teil, einem Schlüsselereignis für die afrikanische Politik der Selbstbestimmung. Danach ging er als Dockarbeiter nach Marseille, wurde Gewerkschafter und trat der kommunistischen Partei bei.

Marokkaner in Tirol

Österreich wurde wie Deutschland unter den vier alliierten Siegermächten aufgeteilt. Dass die französische Armee als Siegermacht einmal auch im vormaligen Gau Tirol-Vorarlberg sowie in Wien einmarschieren und das Land in die Nachkriegszeit überführen würde, war bis kurz vor Ende des Krieges keineswegs beschlossene Sache. Tirol erreichten die französischen Truppen spät und übernahmen den Sektor erst am 4. Juli 1945 von den rascher einmarschierten US-Truppen. Erster französischer Oberkommandant mit Sitz in Innsbruck war General Marie-Emile Béthouart, vormals Soldat in Marokko. Zwei Räume im Erdgeschoß der heutigen Landes-Galerie im Taxispalais dienten der französischen Besatzungsmacht schon 1945 als Dokumentationszentrum und Bibliothek. Noch 1951 wurde hier eine Indochina-Ausstellung gezeigt, mit dem sich Frankreich im Vietnam-Krieg kolonial verbunden wusste. Im Juli 1945 nahm die Direction de l’Information genannte Propagandastelle in Innsbruck ihre Arbeit auf, wurde aber schon im November nach Wien verlegt. Die im August 1945 eingerichtete Direction de l’Education et des Beaux Arts für Unterricht, intellektuellen Austausch und Entnazifizierung verblieb in Innsbruck. Das im Juli 1946 gegründete Französische Kulturinstitut Innsbruck zeugt bis heute von der französischen Präsenz im Nachkriegs-Tirol. Das Nachkriegs-Österreich sollte vom Deutschen Reich losgelöst und die Achse Deutschland-Italien zerschlagen werden. Schon früh wurde das Land von französischer Seite als Opfer des Nationalsozialismus definiert: Die an der Grenze zur französischen Zone angebrachten Schilder „Ici l’Autriche Pays Ami“ (Hier Österreich Freundesland) sollte den einrückenden Truppen klarstellen, dass Österreich – im Unterschied zu Deutschland – als befreit und nicht als besiegt angesehen wurde. General de Gaulle bezeichnete Österreich gar als „Schlüssel Europas“ und meinte damit den Osten Europas, der jedoch in Folge des Kalten Krieges machtpolitisch der Sowjetunion zufiel. Mehr als die Hälfte der 550.000 Männer, die 1944 in der französischen Armee kämpften, überquerten zuvor das Mittelmeer, um das „Vaterland“ zu verteidigen. Sie kamen aus dem Maghreb und dem frankphonen Westafrika, um Europa vom Faschismus zu befreien. Wenig bekannt ist, dass ein Gros der 30.000 Mann starken französischen Armee in Österreich aus Kontingenten marokkanischer Soldaten bestand. Die Besatzungstruppen wurden zunächst vor allem von der 4. Marokkanischen Gebirgsdivision gestellt, welche am 29. April 1945 die Grenze zum Gau Tirol-Vorarlberg überschritt, gefolgt von der 2. Marokkanischen Infranteriedivision, die bis nach Landeck in Tirol weitermarschierte. Schon seit September 1945 wurden die marokkanischen Soldaten von der 27. Gebirgsdivision aus Grenoble abgelöst, welche sich aus Truppen des (weißen) französischen Widerstands zusammensetze. „Le blanchissement“ (Weißwerdung bzw. Weißwaschung) hieß dies. Mit den zunehmenden Kriegshandlungen an der Front in Indochina wurden die übrigen Truppen 1953 nahezu vollständig aus der französischen Zone abgezogen.

Rapoldi-Park

Schlagzeilen wie „härteres Durchgreifen in der Marokkaner-Szene“, „Marokkaner: Ohne Personalien Schubhaft“ oder „kriminelle Nordafrikaner-Szene in Innsbruck“ prägen die aktuelle lokalpolitische Debatte der Landeshauptstadt Innsbruck. „Marokkaner“ als „kriminelle Elemente der Rapoldiparkszene“ stehen hierbei synonym für „Drogendealer“. Das lokale Stadtblatt zitiert Österreichs ehemaligen Innenminister Günther Platter mit den Worten: „Innsbruck muss für diese Leute ein möglichst unattraktiver Standort sein“. Tirols Ex-Landeshauptmann Herwig van Staa forderte gar Internierungslager für „kriminelle Asylwerber“.

Jeden Montag-Mittag lädt das städtische Jugendamt auf Cous Cous und Minztee ins Jugendzentrums Z6 ein. Mor Dieye steht den jungen nordafrikanischen Männern als Streetworker auch für Behördenangelegenheiten zur Verfügung. Selbst aus dem Senegal hat er beim Studium in Kairo arabisch gelernt, ist mit einer Tirolerin verheirat, praktizierender Muslim und genießt das Vertrauen der jungen Männer. Seit wohl vier Jahren leben verstärkt Jugendliche aus dem Maghreb in Innsbruck, einige verticken über Verbindungen nach Italien leichte Drogen in der Stadt. Sie besuchen regelmäßig Obdachloseneinrichtungen und kennen sich zum Teil noch aus der Zeit als Straßenkinder am Rande von Casablanca. Einige haben mittlerweile Innsbrucker Freundinnen, auch Kinder. Wie schon bei den „Besatzungskindern“ aus binationalen Beziehungen nach 1945 stößt dies auf große mediale Aufregung. Noch heute wollen viele Angehörige von den Liaisons zwischen marokkanischen Vätern und österreichischen Frauen aus der Nachkriegszeit nicht öffentlich sprechen. Der 1962 in Marokko geborene Autor und Psychologe Hamid Lechhab, der Liebe wegen nach Vorarlberg gezogen, unternimmt seit kurzem mit einigen „Besatzungskindern“ Reisen in das Land der Väter.

From/To Europe

Europäische Truppen – so etwa die britische Armee gegen das deutsche Afrika-Korps – kämpften auf Schlachtfeldern im Norden Afrikas, während afrikanische Soldaten durch Frankreich, Italien, Deutschland und Österreich zogen. Im allgemeinen Medienbild wird vor allem der D-Day, also die Invasion an der nordfranzösischen Küste durch US-Truppen, in den Vordergrund gestellt. Unterschlagen wird hierbei, dass über das Mittelmeer hinweg auch vom Süden aus, quer durch Frankreich, Italien und die Alpen hinweg, um ein antifaschistisches Europa gerungen wurde. Womöglich haben sich ihre Wege, Angriffe und Rückzugsgefechte gekreuzt. Der 8. Mai 1945 ist ein Tag der Befreiung Europas vom Nationalsozialismus, erkämpft von Soldaten aus aller Welt und zu einem großen Teil vom afrikanischen Kontinent. Ihre Kinder und Enkel, die hier bleiben werden, können darauf stolz sein.

Literatur:

EISTERER, KLAUS (Hg) (2002): Tirol zwischen Diktatur und Demokratie (1930-1950). Innsbruck: StudienVerlag.
LECHHAB, HAMID (2005): Mein Vater ist Marokkaner. Die vergessenen Kinder des Zweiten Weltkriegs in Vorarlberg. Eigenverlag.
REINWALD, BRIGITTE (2005): Reisen durch den Krieg: Erfahrungen und Lebensstrategien westafrikanischer Weltkriegsveteranen. Berlin: Klaus Schwarz Verlag, Zentrum Moderner Orient.
Rheinisches JournalistInnenbüro (Hg.) (2005): „Unser Opfer zählen nicht“ Die Dritte Welt im Zweiten Weltkrieg. Berlin: Verlag Assoziation A.

Jochen Becker ist Kritiker, Dozent und Kurator. Mitglied der Filmgruppe Remember Resistance. Lebt in Berlin.

Der vorliegende Text ist eine Kurzfassung eines Katalogbeitrages des Autors zur Manifesta 08.

 
 

Erhältlich in folgenden Buchhandlungen:

  • a.punkt, 1010 Wien
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  • Leporello, 1010 Wien
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