Neues aus der Kleingartensiedlung: KleinkriegerInnen — IG Kultur

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INHALT 03/2008

 

Neues aus der Kleingartensiedlung: KleinkriegerInnen

Andi Wahl

Liebe Freundin, lieber Freund des KleingärtnerInnenvereins Graswurzel, heute will ich mich einmal mit einem Thema beschäftigen, das manche Leute abschrecken mag. Dennoch gehört es zur Kleingartenpflege wie der Gully zur Fleischhauerei. Dieser in den Boden eingelassene Abfluss ist ja auch nicht dazu da, um lyrische Gedichte hinein zu sprechen, sondern dazu, das bei der Schlachtung anfallende Blut abfließen zu lassen. Auch wenn es im Kleingarten bei weitem nicht so martialisch zugehen mag, so hat die Kleingärtnerin/der Kleingärtner doch Feinde, die es zu bekämpfen oder zumindest in Schach zu halten gilt. Blattläuse, Maulwürfe, Schnecken (die ein immer größer werdendes Problem darstellen), Schling- und Kletterpflanzen, Nachbarn, Erdholler und kotende Hunde sind nur einige davon. Die Strategien in diesen Kämpfen variieren je nach Feind und nach Naturell der Kleingärtnerin/des Kleingärtners zwischen friedlicher Koexistenz und absolutem Vernichtungswillen.

Wenn Sie also das nächste Mal durch eine Kleingartensiedlung spazieren und sich an der geballten Idylle erfreuen, so bedenken Sie bitte, dass diese nur möglich ist, weil wir einen zähen Abwehrkampf, ja regelrechte Kleinkriege zu führen bereit sind. Im Winter allerdings ruht das Kriegshandwerk traditionell. Nun ist Zeit, sein Kriegsmaterial zu sichten, gegebenenfalls zu reparieren oder zu erneuern. In den kommenden Monaten werden daher Rattenfallen entrostet, wird verklumptes Unkrautsalz entsorgt, das Schneckenkornlager aufgefüllt, werden Heckenscheren geschliffen und geölt, der Rasenmähertraktor bekommt Stollenreifen, ja, sogar das eine oder andere Schrotgewehr wird geputzt und geölt.

Die Wintermonate sind aber auch jene Zeit, in der es der Kleingärtnerin/dem Kleingärtner vergönnt ist, sich vermehrt der Zeitungslektüre zu widmen und sich mehr ins gesellschaftliche Leben einzumischen. Und genau bei diesem Mix aus Waffenpflege und Zeitungslektüre baut sich seit Jahren eine Spannung auf, die immer mehr zu ihrer Entladung drängt. Versetzen Sie sich doch bitte einmal in unsere Lage: Sie setzen dem Rechen neue, spitze Zähne ein, wetzen die Sense, und beim Kaffee zwischendurch lesen Sie, dass einmal mehr die SteuerzahlerInnen die Rechnung für die Gier zahlreicher BörsenspekulantInnen und AktienbesitzerInnen zahlen müssen. Sie schärfen die Messer an Ihrem Rasenmäher, stapeln das Unkrautsalz (das unter Einwirkungen, die Ihnen wohl bekannt sind, zu manch prächtigen Detonationen verwendet werden kann) und werden von wahlwerbenden Parteien behandelt, als seien Sie grenzdebil. Sie lackieren Ihre Mistgabel, machen Drahtschlingen wieder funktionstüchtig, und nebenbei erzählt Ihnen Ihre Tochter, dass das Ladegerät des alten Handys nicht zum neuen Handy passt, obwohl es von demselben Hersteller kommt. Ihnen fällt ein, dass auch die Steckverbindungen beim neuen Laptop genau soviel verändert wurden, dass Sie die alten Kabel nicht mehr verwenden können. Sie schmieren den Verschluss Ihrer Schrotflinte, und im Radio meint irgendein Vollkoffer, dass die EU nur eine neue Fahne und eine neue Hymne bräuchte, und die Menschen eine „europäische Identität“ entwickeln würden. Müssten Sie nicht einen drängenden Impuls unterdrücken, der Ihnen gebietet, fürs erste einmal das Radio und in weiterer Folge den Urheber dieser Aussage zu erschießen?

Verehrte Wirtschaftskapitäne, PolitikerInnen und PR-BeraterInnen – liebe Eliten, ich will Ihnen gewiss keine Angst machen. Ich will Sie nur daran erinnern, dass auch Geduld und Langmut derer, die Sie die „einfachen Menschen“ nennen, begrenzt sind. Und in zahlreichen Kellern und Hütten werden in nächster Zeit, ja in diesem Moment tausende Spieße, Schlingen, Messer, Gifte, Flinten, Schneiden gewartet und funktionstüchtig gemacht. Bedenken Sie daher bei allem, was Sie tun: Ihnen gegenüber steht ein Volk unter Waffen. Und diese Waffen sind mit einer kleinbürgerlichen Beharrlichkeit und Akribie „in Schuss gehalten“, dass einem angst und bang werden kann.

 
 

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