Rosa Lila Guerilla - Love Attack. Liebesattacken vom anderen Ufer — IG Kultur

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INHALT 03/2007

 

Rosa Lila Guerilla - Love Attack. Liebesattacken vom anderen Ufer

Marty Huber

Seit 1996 gibt es die so genannte Regenbogenparade in Wien. Die in anderen Städten unter dem Namen Christoper Street Day bekannte Parade soll Lesben, Schwulen, Transgenders, Queers, Intersexuellen etc. mehr Sichtbarkeit verleihen und zu mehr Akzeptanz in der Gesellschaft beitragen. Historisch erinnern diese Paraden an eine fünftägige Straßenschlacht, die sich Ende Juni 1969 in der Christopher Street in New York zutrug: ein Mix aus Drag Queens, Lesben und Schwulen hatte es satt, dass ihr Lokal – das Stonewall Inn – ständig von der Polizei mit Razzien bedacht und ihre BesucherInnen verhaftet wurden. „Gay Pride“ war der Schlachtruf dieser Nächte und sie waren der Anstoß für weitere zivilgesellschaftliche Bewegungen dieser Tage, wie der Bürgerrechtsbewegung der USA. In vielen nordamerikanischen, wie auch europäischen Städten folgte ein regelrechter Boom an diesen Paraden und immer öfter stellte sich die Frage, was ihrer Festivalisierung und Exotisierung entgegen zu stellen wäre. Wohl gemerkt häufen sich in den letzten Jahren die Meldungen über gewalttätige Angriffe auf Paraden in Städten wie Belgrad, Moskau, Jerusalem usw. Anderswo hört man Klagen über die fortschreitende Kommerzialisierung. So wird nicht nur in Wien versucht, mit Interventionen innerhalb der Parade verschiedene Aspekte im Feld von Sichtbarkeitspolitiken zu bearbeiten.

Nach Hallamasch folgt Regenbogenspaß

Vielleicht erinnern sich noch manche an Hallamasch – dem Festival der Kulturen, das von der Stadt Wien gerne als Beweis ihrer Weltoffenheit herangezogen wurde, als ein Beispiel funktionierender Folklorepflege mit tourismusbelebendem Charakter. Heute findet sich unter www.hallamasch.at längst eine Eventagentur, die u.a. das Wiener Stadtfest mit „exotischen KünstlerInnen“ und StraßenakrobatInnen versorgt. Wie aber kann einer Karnevalisierung der Regenbogenparade entgegen getreten werden? Lockt sie doch insbesondere deshalb so viel Publikum an, weil es sich zu einem Großteil an den „bunten Vögeln“ ergötzen will, um dann wieder in den „grauen“ (etwa heterosexuellen?) Alltag zurückzukehren. Wenn man bei Michail Bachtin nachschlägt, gibt es im wirklichen Karneval kein Publikum. Haben wir also, wie sich daraus folgern ließe, die Karnevalisierung noch nicht weit genug getrieben? Haben wir uns nur an so genannten „Ghettogrenzen“ entlang geschummelt? Aber wer vom anderen Ufer ist, weiß auch, dass ein Meer der Möglichkeit zwischen uns liegt, deswegen erfand die Rosa Lila Guerilla die Aktion „Love Attack“, um diese unnötigen Grenzen für ein paar Stunden abzubauen.

Um insbesondere jenes Publikum in diese Straßenparty zu assimilieren, das mit Fotoapparaten bewaffnet sich Jahr für Jahr das Recht nimmt, die Regenbogenparade abzufotografieren, nahmen wir uns wiederum das Recht, sie als Homo-Schwestern und Homo-Brüder zu identifizieren und ihnen zu ihrem Coming Out zu gratulieren.

Der Love Attack Schlachtplan

Unser Plan war es, kleine rosa-lila Einsatzkommandos zu bilden, die sich unter das Publikum mengten, um Menschen zu ihrem Coming Out zu begrüßen, die eher den Anschein erweckten, als würden sie sich mit dieser Identifikation nicht anfreunden können. Zuerst wurde jeder Person ein Sticker in Form eines Coming Out-Ordens angeheftet und Gratulations- und Begrüßungsreden wurden ge-schwungen. „Schön, dass Sie da sind, wir gratulieren zum Coming Out! Super, dass Sie sich endlich zu ihrem Schwul-sein bekennen!“, „Eine weitere Lesbe, die den Mut hat, zur Parade zu kommen! Willkommen!“ oder ähnliches wurde unseren neuen Community Mitgliedern schulterklopfend vermittelt. Und dann folgte endlich das obligatorische Foto für „unser“ Familienalbum. Wer hat da nicht den Disco-Schlager „We are family!“ im Ohr. Also rückten wir alle schnell zusammen, um dann unzählige Bilder zu knipsen von jenen, die ansonsten immer nur uns fotografierten. Wir spielten für sie Community und sie wurden assimiliert in etwas, das es nur im imaginären Raum gibt: Lesbischwuletransqueeretc Einigkeit.

Irritiert, amüsiert und desidentifiziert

Meist waren die so behandelten ZuschauerInnen ziemlich irritiert, manchen sah man es buchstäblich an, dass ihnen die Situation unheimlich anmutete: Sie könnten, weil sie sich auf der Regenbogenparade befanden, als Schwule oder Lesben wahrgenommen werden? „Warum sollte das ausgerechnet mir passieren?“, „Es heißt doch immer, die erkennen sich gegenseitig!“, „Könnte mir das in Zukunft öfter passieren, und mich die Menschen nicht mehr als heterosexuell einstufen?“ Wahrscheinlich haben die wenigsten sich soweit Gedanken gemacht, aber für einen Augenblick waren die Kameras und die Blicke auf sie gerichtet, für einen Moment stand die Infragestellung einer normativen Heterosexualität im Raum – der queere Aktionsradius der Parade hatte sich um das Publikum erweitert. Die Parade wurde das Tableau Vivant, auf dem die Umkehrung einer queeren Normalität möglich wurde, jener Normalität, immerzu als heterosexuell eingestuft zu werden. Diese Alltagserfahrung umzuwenden und in die heterosexuelle Mehrheitsgesellschaft einzuführen produzierte nicht nur Verwirrung bei den Des-identifizierten, sondern ermöglichte es den ProtagonistInnen, den öffentlichen Raum „Regenbogenparade“ selbstermächtigend zu gestalten.

Interessant waren hingegen die Reaktionen beim Gruppieren zum Familienfoto: Waren einige aus dem Publikum vorher noch angespannt und fühlten sich sichtlich unwohl, kam es wohl durch das Wiederholen bekannter Handlungen, wie eben einem Gruppenfoto, zu einer Entspannung, die den Fotografierten ins Gesicht geschrieben ist. Vielleicht doch eine körperliche Einübung in Freundlichkeit.

Marty Huber ist Aktivistin im Lila Tipp, der Lesbenberatung in der Rosa Lila Villa und Sprecherin der IG Kultur Österreich.

 
 

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