Für eine Sprache ohne Rassismus — IG Kultur

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INHALT 03/2007

 

Für eine Sprache ohne Rassismus

Daniela Koweindl

Ein Gupf, rund, mehr breit als hoch – ein Bergplateau eben: der Schöckel bei Graz. Und aufgrund seiner Form gut geeignet als neue (lokale) Bezeichnung der beliebten Nachspeise aus heißem Schokoladekuchen mit heißer Schokoladesoße. Der „Schöckel im Hemd“ ist ein Vorschlag für einen antidiskriminatorischen Sprachgebrauch, der im Juni 2007 in der Steiermärkischen Landeshauptstadt an der Außenfassade einer Straßenbahn zu lesen war.
AFRA, das International Center for Black Women’s Perspectives, und das Künstlerinnenkollektiv Klub Zwei (Simone Bader und Jo Schmeiser) haben sich für ein Projekt im öffentlichen Raum Graz auf die Suche nach selbstermächtigenden Bezeichnungen sowie Alternativen zu rassistischen Begriffen, die unseren Alltag prägen, gemacht. Freilich nicht nur für das erwähnte Dessert. So bekam etwa die Universität Graz temporär einen neuen Namen, der auf Transparenten am Mitteltrakt des Hauptgebäudes zu lesen war: „Josefine Soliman Universität“, denn (so der Plakattext weiter): „Es gibt Utopien die ermächtigend sind“. Oder (ebenfalls unübersehbar an einer Straßenbahn): „Ich kann sagen Afroösterreicherin. Es gibt Namen, die selbstbestimmt sind.“

Eine Straßenbahn als mobiler und städtisch sehr präsenter Träger für eine antirassistische Plakatserie war kein neuer Plan. Bereits vor zwei Jahren haben Klub Zwei und die Schwarze Frauen Community (SFC) im Rahmen des Projekts arbeiten gegen rassismen für den öffentlichen Raum Wien eine Plakatserie mit acht antirassistischen Forderungen entwickelt. Zentrale Elemente des größeren Projekts hätten an den Innen- und Außenwerbeflächen von Straßenbahnen angebracht werden sollen. Doch die Wiener Linien legten sich quer: „Aussagen wie ‚Schafft das Ausländerbeschäftigungsgesetz ab‘ sind nicht geeignet, an den Fahrzeugen der Wiener Linien angebracht zu werden“, teilte der Generaldirektor der für die Werbeflächen der öffentlichen Verkehrsmittel Wiens zuständigen Werbegesellschaft kurz vor Drucklegung mit und ersuchte „dringend“, das Projekt in die Richtung zu überarbeiten, dass keine „Aussagen getroffen werden, die politisch-agitatorischen Charakter haben.“ Eine Überarbeitung fand nicht statt. Stattdessen entschieden sich Klub Zwei und SFC alle Plakatarbeiten auf Werbeflächen entlang der geplanten Straßenbahnlinie (und außerhalb des Einflussbereichs der Wiener Linien) zu zeigen. In Graz hat es nun geklappt. Ein Monat lang führ eine Straßenbahn mit antirassistischen Positionen durch die Stadt.

Ich kann sagen …

In der aktuellen Serie von Plakaten und Postkarten beschränkten sich AFRA und Klub Zwei letztlich auf drei Statements. Schließlich ging es nicht um ein dogmatisches Vorhaben, den einen oder anderen konkreten Vorschlag als der Sprache letzter Schluss zu behaupten, vielmehr zeigt das Projekt exemplarisch verschiedene Strategien, gegen vorherrschende Ausschlüsse, Unsichtbarkeiten und rassistische Begriffe anzukämpfen.

Jeder Plakattext beginnt mit dem Satz „Ich kann sagen“. So entsteht einerseits ein unverbindliches Angebot an die LeserInnen, den jeweiligen Vorschlag für den eigenen Sprachgebrauch zu übernehmen, andererseits ist die Verantwortung jeder/s Einzelnen angesprochen, selbst kreativ nach Alternativen zu Rassismen in der eigenen Sprache zu suchen und bewusst an einer Veränderung (mit) zu arbeiten. Dazu ruft schließlich auch der Titel der Plakatserie auf: Für eine Sprache ohne Rassismus. Mit diesem Titel nehmen AFRA und Klub Zwei Bezug auf die Plattform für eine Welt ohne Rassismus (1999-2003; von antirassistischen Gruppen nach der Ermordung von Marcus Omofuma gegründet) und machen so weitere antirassistische Kontexte sichtbar.

WIR sind viele

Die Plakat- und Postkartenserie von AFRA und Klub Zwei war eine von insgesamt vier künstlerischen Position zum Thema Migration im Rahmen von Crossing Culture (Afro-Astiatisches Institut Graz) unter dem Projekttitel WIR sind viele.

Anna Kowalska setzte sich in ihrem Projektbeitrag ebenfalls mit Sprache auseinander und konzipierte das Sprechstück Lost in Translation, das im freien Radio Steiermark (Radio Helsinki) gesendet wurde. Sprecherinnen mit unterschiedlichen Muttersprachen lesen Texte von zweisprachigen AutorInnen. Anna Kowalska ging dabei Spuren der „sprachlichen Anpassung, des Erlernens einer neuen Sprache (…) als Übersetzungsprozess“ nach.
Fendo Ertl führte im Zuge einer eintägigen Aktion auf dem Grazer Hauptplatz die Anzahl der in der Steiermark lebenden AsylwerberInnen vor Augen und füllte mit Unterstützung einiger HelferInnen 3500mal Schablonen von Schuhabdrücken mit Sand während über Lautsprecher Erzählungen von AsylwerberInnen über ihr Leben in Österreich zu hören waren. Am Ende des Tages wurden die Sandzeichen zusammengekehrt und abtransportiert. Von der Aktion bleibt eine Foto- und Videodokumentation.
Martin Krenn erarbeitete in einem Workshop mit mehreren TeilnehmerInnen eine Performance, die sich mit Ausschlussmechanismen und Menschenrechtsverletzungen durch das geltende Fremdenrecht auseinandersetze. Die dabei entstandenen Foto-Text-Plakate mit dem Titel Ich verliebe mich grenzenlos waren anschließend auf dem Tummelplatz in Graz ausgestellt und informieren in mehreren Sprachen über die prekäre Rechtslage von binationalen Paaren in Österreich.

Zum Projekt WIR sind viele (kuratiert von Werner Fenz und Evelyn Kraus; Projektentwicklung & Durchführung: Katja Simettinger) ist eine Publikation erschienen.

Links
www.blackwomencenter.org
klubzwei.at

Daniela Koweindl setzt sich seit ein paar Jahren in Text- und Projektarbeiten mit antirassistischen Strategien im Kunst- und Kulturbereich auseinander.

 
 

Erhältlich in folgenden Buchhandlungen:

  • a.punkt, 1010 Wien
  • Walther König, 1070 MQ
  • Anna Jeller, 1040 Wien
  • Phil, 1060 Wien
  • Leporello, 1010 Wien
  • Lentos, Linz
  • Pro qm, Berlin
  • b_books, Berlin

 

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