Modischorange. Die Salzburger Festspiele feiern "Hochzeit mit Nestlé" — IG Kultur

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INHALT 03/2007

 

Modischorange. Die Salzburger Festspiele feiern "Hochzeit mit Nestlé"

Marlene Streeruwitz

In der Hauspostille der Salzburger Festspiele „Daily“ finden sich dann die Beweise. Ganz ungeniert. Ja. Treuherzig selbstverständlich erzählt da die Macht von sich und stellt sich als Familienereignis vor.

„Hochzeit mit Nestlé“ steht da geschrieben und dann wird die Liste der Anwesenden angeführt. Hochzeit. Das ist das familiärste Ereignis, das möglich ist. Zwei Familien werden über die Vereinigung des Paares zusammengeführt und beschließen, die Kinder dieses Paares als zur Familie gehörig anzuerkennen. Eine Erbgemeinschaft wird eingegangen. Hochzeit hat bei uns immer noch weitreichende rechtliche Folgen, die alle den beiden Familien Zugehörigen betreffen. Und. Es gibt Geschenke. Das Ereignis des Beginns einer neuen Familie wird von einer Flut von Geschenken begleitet.

Was bedeutet es also, wenn die Salzburger Festspiele „Hochzeit mit Nestlé“ zu ihrem Hauptsponsor verkünden. Zuerst einmal erinnern wir uns wieder einmal daran, daß die Salzburger Festspiele aus Steuergeldern finanziert sind. Sponsoren setzen sich auf diese Basis. Und. Sponsoren berechnen ihre Investition aufs Genaueste. Und. Sponsoren wollen einen persönlichen Gewinn beziehen. Deshalb lädt der Präsident von Nestlé zum Empfang vor dem Opernabend ein und die Salzburger Festspiele nennen das dann „Hochzeit“. Eine innige Verbindung wird damit beschrieben. Eine Verbindung der Personen ist das. Und ein langer Zeitraum wird mit diesem Begriff angedeutet.
Selbstverständlich hat das alles mit Kultur nichts mehr zu tun. Hier wird in aller Deutlichkeit offenkundig, daß die Festspielbesucher sich selbst inszenieren. In der barocken Kulisse wird neofeudal Gesellschaft gespielt. Das Geld stellt hier die Verwandtschaften her. Diese Inbesitznahme eines symbolischen Raums, der aus Geschichte und der historisierenden Reproduktion von Kulturereignissen hergestellt wird. Da sind die Inbesitznahme und der symbolische Raum nicht nur nicht demokratisch. Dieser Vorgang ist antidemokratisch. Und selbst wenn Nestlé oder Credit Suisse oder wer immer die gesamten Festspiele finanzierte. Es wäre immer noch öffentlicher Raum, der besetzt wäre. Und in einer globalisierten Welt bliebe die Frage zu stellen, woher das Geld des Sponsorings letzten Endes wirklich herkäme. Das Geld von Nestlé. Da gibt es reichlich Nachtseiten.

Daß es nicht um Kultur geht. Das beweist dann der letzte Programmpunkt der „Hochzeit mit Nestlé“. Am Ende des Hochzeitsempfangs mit Promis aus Wirtschaft und Politik tritt dann der Intendant Flimm auf und gibt eine Einführung in Mozarts Meisterwerk. Nun hat ein Mann, der alles, also auch Opern inszeniert, sicherlich eine Meinung zu Mozart und dessen Meisterwerken. Aber das ist eine Meinung. Aber. Das ist dann auch schon alles, wofür eine solche Sponsorgemeinschaft sich interessieren mag.

Hier wird konsequent der unerträgliche Dilettantismus des Mozartjahrs weitergeführt. Es wird nicht jemand eingeladen, der oder die zu Mozart forscht. Fachpersonen, deren Auskunft auf der wissenschaftlichen Suche nach Wahrheit beruhte. Es wäre zu erwarten, daß man sich nur die Besten herbeiholte und so die Grundlage des „Kunstgenusses“ aufs luxuriöseste aufbaute. Nein. Eine solche Privilegierung will man sich bei der „Hochzeit mit Nestlé“ nicht leisten. Wie der Clown bei der Kinderjause tritt einer auf und erzählt, was er sich halt so denkt, wenn er eine Mozartoper im Auto hört. Ja. Das ist tief. Das ist grandios. Das ist doch unübertroffen. Ein unwissentlicher Universalismus des Geniekults kann so aufrechterhalten werden. Das tut allen nach dem Champagnercocktail gut. Nur nichts Schwieriges. Aber dafür Sentimentales. Und alle können sich selber tief und grandios und unübertroffen fühlen. Alle halt, die sich einladen und die sich dieses Salzburg kaufen. Die, die gekauft werden, die müssen einen Beitrag leisten. Wie so eine Einführung. Aber auch das entspricht dem Ritual der Kinderjause. Das ärmste Kind muß beim Karaoke am schönsten singen. 

Anmerkung der Redaktion

Der vorliegende Text der Schriftstellerin Marlene Streeruwitz, welcher sich mit der in diesen Zahlen zum Ausdruck kommenden Problematik beschäftigt, ist der neunte Teil einer von den Salzburger Nachrichten (SN) in Auftrag gegebenen Kolumne, dessen Publikation von Seiten des SN-Chefredakteurs jedoch kurzfristig untersagt wurde (vgl. profil 37/07). Die Teile 1 bis 8 der 2007 im Monatsrhythmus erschienenen Kolumne können auf der Website der Autorin nachgelesen werden:

Marlene Streeruwitz ist freiberufliche Schriftstellerin und Regisseurin, lebt in Wien und in Berlin.

 
 

Erhältlich in folgenden Buchhandlungen:

  • a.punkt, 1010 Wien
  • Walther König, 1070 MQ
  • Anna Jeller, 1040 Wien
  • Phil, 1060 Wien
  • Leporello, 1010 Wien
  • Lentos, Linz
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