Benin-Kings and Rituals — IG Kultur

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INHALT 03/2007

 

Benin-Kings and Rituals

Kwame Opoku

„In der Ausstellung sind Werke zu sehen, die Benin (Nigeria) berühmt gemacht haben. Sie erinnert die Welt noch einmal an eine von den imperialen Mächten der Kolonisatoren zerstörte Zivilisation. Die ausgestellten Werke sind 300 unterschiedliche Stücke aus Bronze und Elfenbein, die gewaltvoll von den Briten, die 1897 Benin eingenommen haben, aus dem Palast meines Urgroßvaters entfernt wurden. Die Briten behielten einen Teil der Beute und verkauften den Rest an europäische und amerikanische Käufer. Heute schmücken diese Werke öffentliche Museen und private Sammlungen in der ganzen Welt.“[1]

Die Ausstellung Benin – Könige und Rituale wurde am 8. Mai 2007 inmitten großer Aufregung und Erwartungen eröffnet. Die Leitung des Museums für Völkerkunde Wien, eine sehr große und starke Delegation der Royal Family (Königliche Familie) von Benin, sowie der nigerianische Kultur- und Tourismusminister, Prof. Babalola Borisade und der General Direktor der Nigerian National Commission of Museums, gaben einleitend Impulse. Traditionelle Tänze und Musik der Edo wurden von der Edo Community in Wien dargestellt, was sowohl für die Prinzessin, als auch für den Kultur- und Tourismusminister ein gebührendes Willkommenheißen war. Im Großen und Ganzen war die Eröffnung ein sehr spektakuläres und aufregendes Ereignis in den Räumlichkeiten des Museums in der Neuen Burg, die vor kurzem renoviert worden sind. Die Anwesenheit der nigerianischen Delegation und der Benin Royal Family in ihrer glanzvollen Kleidung hat zweifellos zum Glamour des Ereignisses, das von mehr als 800 Personen besucht wurde, beigetragen.

Die Royal Delegation machte sehr klar und deutlich, dass sie ihre Kunstwerke zurück in Benin haben will. Prinz G.I Akenzua, Enogie von Evbuobanosa, Bruder des Oba, erkannte an, dass das Museum für Völkerkunde und alle, die mit der Ausstellung in Verbindung standen, bei der Zusammenstellung der 300 Stücke und Kunstobjekte aus Benin in Wien lobenswerte Arbeit geleistet hatten. Jedoch warnte er, dass die Teilnahme der Royals an der Ausstellung auf keine Weise als ein Erdulden oder Ignorieren des Überfalls und Angriffs der Briten auf Benin im Jahr 1897 interpretiert werden soll. Einige Werke werden zum ersten Mal öffentlich ausgestellt. Auch die Benin Royals sahen einen Teil der Werke, die die Briten 1897 plünderten, zum ersten Mal. Sie waren dankbar, dass ihre Kunstwerke in Wien ausgestellt wurden, aber sie hätten eine Ausstellung in Benin, wo die Kunstwerke hingehören, bevorzugt. In Bezug auf die so genannte Verschiebung der Wertschätzung von Beninkunstobjekten in Europa, von seltsamen Objekten oder „primitiven Kunst-Objekten“ hin zu Werken von hohem ästhetischen Wert, betonten die Benin Royals, dass diese Objekte Beweisstücke ihrer Kultur sind, die für die Datierung ihrer Geschichte und für das Lehren der Kultur und Geschichte notwendig sind.

Die Forderung Benins, die Kulturobjekte zurückzugeben, wurde vom Bruder des jetzigen Oba in einer klaren, einfachen und standhaften Sprache formuliert, sodass es unmöglich war, dies misszuverstehen. Offensichtlich gab es seitens der österreichischen Delegation, die bei der Eröffnung sprach, keine Reaktion. Die ÖsterreicherInnen, die bei der Eröffnung Reden hielten, erweckten den Eindruck, als würden sie lieber die Kunstfertigkeit der KünstlerInnen aus Benin loben, als das Thema der Entschädigung und Rückgabe anzusprechen.

Ein Versuch, das Nichtrechtfertigbare zu rechtfertigen

Im einleitend zitierten Geleitwort gab der Oba von Benin folgendes bekannt: „Wir freuen uns, an dieser Ausstellung teilzunehmen. Es verbindet uns auf nostalgische Art mit unserer Vergangenheit. Während Sie diese Vergangenheit heute präsentieren, beten wir, dass die Bevölkerung und die Regierung Österreichs Menschlichkeit und Größe zeigt und uns einen Teil der Objekte, die den Weg in ihr Land gefunden haben, zurückgeben.“

Im Katalog zur Ausstellung, nach der sehr bescheidenen Bitte des Obas an die Länder und Museen, die illegal erworbene Objekte haben, kommt meiner Meinung nach die Reaktion von vier MuseumsdirektorInnen aus Ländern des Westens im Rahmen eines bemerkenswerten Vorworts, das in seinem Eurozentrismus, seiner Arroganz, seiner Unsittlichkeit und seinem Zynismus vielleicht nur von der berüchtigten Declaration on Universal Museums übertroffen werden kann:

„1897 hat eine britische Strafexpedition herausragenden Werke der Bronze- und Elfenbeinkunst aus dem Palast der Könige von Benin beschlagnahmt. Anschließend kamen diese in Museen in ganz Europa, den Vereinigten Staaten und Nigeria. Aus unserer Sicht im 21. Jahrhundert scheint diese Militäraktion nicht rechtfertigbar; allerdings müssen wir erkennen, welche Rolle diese Aktion gespielt hat, um diesen Kunstwerken viel größere Aufmerksamkeit zu verschaffen. Diese Werke sind nun auf der Weltkarte der Kunst verewigt und wir fühlen uns erhoben durch diese außerordentliche Ästhetik und kulturelle Leistung, die sie präsentieren. [...] Die gegenwärtige Berücksichtigung dieser Werke in vielschichtigen Diskursen über die Vergangenheit – und über die Identität in den konkurrierenden Zusammenhängen und Ansprüchen der lokalen Tradition, des Nationalstaates und der Globalisierung – ist ein wesentlicher Bestandteil der Veränderungen von Bedeutungen und der fortbestehenden Bürden dieser materiellen Dokumente der Vergangenheit. Ethnologische Museen können sich nicht damit begnügen, westliche Befindlichkeiten im Hinblick auf andere Kulturen zu bedienen, sondern müssen auch darum bemüht sein, die allgemeinen Ursachen und die spezifischen Ausprägungen der kulturellen Vielfalt der Welt in Vergangenheit und Gegenwart zu erklären. Dieser Zugang steigert das Wohlgefallen am ästhetischen Genuss und schafft gleichzeitig die notwendige Basis für das Verständnis des kulturellen Inhalts hinter den sichtbaren Erscheinungsformen. [...] Geschichte, ob tragisch oder glorreich, liegt für immer hinter uns. Wir stehen auf ihren Schultern und richten unseren Blick auf das, was vor uns liegt. Wir vertrauen darauf, dass diese Ausstellung zum laufenden Dialog zwischen Vergangenheit und Gegenwart sowie zwischen Afrika, Europa und Nordamerika beiträgt und folglich auch zur kollektiven Gestaltung der Zukunft vor dem Hintergrund der Lektionen der Geschichte.“[2]

Lassen wir die Art und Weise, wie im Text der brutale und unprovozierte Angriff auf Benin und das Plündern und Verbrennen von Benin City dargestellt wird, bei Seite. Es wird nicht erwähnt, dass die gestohlenen Objekte später verkauft wurden. Im Text wird lediglich dargelegt, dass diese anschließend in Museen kamen. Es wird auch versucht, den Staat Nigeria und nigerianische Museen in die illegalen Aktivitäten mit einzubeziehen, obwohl es diesen Staat 1897 noch gar nicht gab.
Die Einleitung der westlichen MuseumsdirektorInnen ist ein dreister Versuch, das Nichtrechtfertigbare zu rechtfertigen und Tatsachen zu verbergen, die offen dargelegt werden sollen. Es ist wahr, dass an anderen Stellen im Katalog diese Angelegenheiten im Detail besprochen werden, aber für ein klares Verständnis der Implikationen dieser unabweisbaren Aussagen brauchen wir Fakten.

Die Verweigerung eines aufrichtigen Dialogs

Was sind die Implikationen der zitierten Aussage im Vorwort?

a) Auch wenn wir meinen, der britische Angriff auf Benin sei nicht zu rechtfertigen und illegal (die DirektorInnen nehmen dazu nicht Stellung), „müssen wir erkennen, welche Rolle diese Aktion gespielt hat, um diesen Kunstwerken viel größere Aufmerksamkeit zu verschaffen“. Mit anderen Worten, die nachfolgende Verbreitung dieser Objekte in der Welt wird vorangetrieben, um die Schwere des anfänglichen Angriffs zu rechtfertigen. Wenn wir der Logik der DirektorInnen folgen, dann könnte man/frau das Argument aufstellen, dass, so schlimm die Versklavung auch war (dazu wird auch nicht Stellung genommen), Amerika dadurch entwickelt wurde, oder, um im Bereich der Kunst zu bleiben, einer breiteren Masse dadurch der Reichtum und die große Vielfalt der afrikanischen Kultur näher gebracht wurde. Würde man/frau jemandem dieses Argument abkaufen?

b) In ihrem originalen Umfeld drückten die Benin-Objekte Werte aus, die durch Religion und dynastische Interessen bestimmt waren. Durch das Verweilen im Westen haben sie neue Werte bekommen, die auf „technische Brillanz, formale Eleganz und die ikonografische Komplexität ihrer Ausstellung“ basieren. Diese Veränderung der Zuschreibung von Werten sollte gegenwärtig innerhalb der „konkurrierenden Zusammenhänge und Ansprüche der lokalen Tradition, des Nationalstaates und der Globalisierung“ gesehen werden. Dieses Argument beinhaltet die Behauptung der BesitzerInnen der Beninkunstwerke im Westen, dass diese Werke in der Vergangenheit Religion symbolisierten, weshalb die Benindynastien Anspruch darauf erheben konnten, aber jetzt, da sich ihre Werte verändert haben und sie hauptsächlich ästhetischen Wert tragen, technische und formale Eleganz (festgelegt von den BesitzerInnen im Westen), gehören sie nicht Benin allein. Die AutorInnen geben an, der Staat Nigeria habe eigene Ansprüche und zusätzlich Ansprüche, die in der Globalisierung begründet liegen. „Globalisierung“ repräsentiert vermutlich das Interesse der AutorInnen und der BesitzerInnen im Westen. Selbst wenn es von Seiten Nigerias ein konkurrierendes Interesse gäbe (anstatt Benin bei der Rückforderung der gestohlenen Besitztümer zu unterstützen), wobei ich keine konkreten Beweise dafür habe, scheint es sehr seltsam, dass das von den MuseumsdirektorInnen zum Ausdruck gebracht wird und nicht vom nigerianischen Staat.

c) Die Aussage, dass „Geschichte, ob tragisch oder glorreich, für immer hinter uns liegt“ ist sehr verwunderlich, da sie von einer Gruppe von AkademikerInnen aus der westlichen Welt stammt, deren Geschichte von großem Wert zu sein scheint und von MuseumsdirektorInnen, für die der historische Beweis, ob in Form von Objekten oder Dokumenten, von primärer Bedeutung ist. Hier teilen diese AkademikerInnen der Bevölkerung Benins (und in Folge allen Afrikanerinnen und Afrikanern) mit, sie sollen ihre Geschichte vergessen, oder zumindest nicht so viel Wert auf historische Ereignisse und Fakten, wie die Plünderung, Ausbeutung und den Überfall der Briten auf Benin 1897, legen. Sie sollten ihre Geschichte vergessen und die Gegenwart akzeptieren und somit auch den fortgesetzten illegalen Verbleib ihrer kulturellen Güter in den Museen und privaten Sammlungen der westlichen Welt.

Dies bestätigt meine Theorie, dass, wenn es um Afrika geht, einige westliche Intellektuelle und ihre Regierungen uns oftmals bitten, unsere Vernunft und unsere Fähigkeit zu denken aufzugeben. Welche Erklärungen gibt es sonst für die oben genannten Aussagen? Könnte man/frau sich vorstellen, diese Aussagen würden in Bezug auf Briten, Franzosen, Deutsche, Österreicher oder US-Amerikaner getätigt werden?
Es scheint, als sei der Dialog, der in mehreren Reden und im Vorwort gefordert wird, nicht ernst gemeint, oder ein Dialog mit vorherbestimmten Schlüssen, aber kein Aufruf zu einer seriösen und aufrichtigen Betrachtung der komplexen Beziehungen in diesem Zusammenhang zwischen Afrika und dem Westen. Ein aufrichtiger Dialog erfordert einen ehrlichen und offenen intellektuellen Ideenaustausch. Aber wie soll dies möglich sein, wenn uns Argumente dargelegt werden, die von Voreingenommenheit bestimmt werden und für alle, die ein wenig reflektieren können, deutlich sind.

(1) OMO N’OBA EREDIAUWA CFR, Oba von Benin, in seinem Geleitwort zum Katalog der Ausstellung Benin Kings And Rituals, Court Arts from Nigeria (Snoeck Publishers 2007, S. 13).

(2) Das Vorwort ist gezeichnet von Christian Feest, Direktor, Museum für Völkerkunde Wien, Jean-Pierre Mohen, Direktor, patrimoine et collections, musée du quai Branly, Paris, Viola König, Direktorin, Ethnologisches Museum, Staatliche Museen zu Berlin, James Cuno, Präsident und Eloise W. Martin, Direktor, The Art Institute of Chicago.

Anmerkung

Die Ausstellung Benin – Könige und Rituale. Höfische Kunst aus Nigeria wurde vom Museum für Völkerkunde Wien-Kunsthistorisches Museum in Kooperation mit der National Commission for Museums and Monuments, Nigeria, dem Ethnologischen Museum-Staatliche Museen zu Berlin, dem Art Institute of Chicago und dem Musee du Quai Branly, Paris erstellt.
Die Ausstellung war in Wien vom 9. Mai bis zum 3. September 2007 zu sehen, danach in Paris (2.10. 2007 bis 6.1. 2008), Berlin (7.2. bis 25.5. 2008) und Chicago (27.6. bis 21.9. 2008).

Der vorliegende Artikel ist die gekürzte Version eines in englischer Sprache auf der Website afrikanet.info erschienenen Textes. Übersetzung: Njideka Stephanie Iroh

Mehr Information zum Thema gibt es auf der Website: www.afrikanet.info

 
 

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