So zeitgenössisch und privat wie nie. Kulturpolitische Fragen im Kontext der Istanbul Biennale 2007 — IG Kultur

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Kulturrisse Ausgaben 03/2007 Kosmopolitiken So zeitgenössisch und privat wie nie. Kulturpolitische Fragen im Kontext der Istanbul Biennale 2007
 

So zeitgenössisch und privat wie nie. Kulturpolitische Fragen im Kontext der Istanbul Biennale 2007

Övül Durmuşoğlu

Kürzlich hat mir das Forbes-Magazin eine E-mail mit der Bitte geschickt, eine Umfrage zu beantworten, in der ich jene Menschen nennen sollte, die zeitgenössische Kunst heute in der Türkei prägen. Das Interesse eines solchen auf den Finanzsektor und auf InvestorInnen als Zielgruppe spezialisierten Magazins verweist auf das Engagement des privaten Sektors im Bereich zeitgenössischer Kunst. Der private Sektor hat immer schon zu den Hauptfinanziers in diesem Bereich gehört, da der Staat in der Türkei nicht in Kunst investiert. In der letzten Zeit allerdings sprießen an verschiedenen Orten in Istanbul Kunstmuseen mit den Namen großer Familien aus dem Boden: Istanbul Modern unter der Leitung von Eczacıbaşı, das Pera-Museum der Familie Koç, das Sabancı Museum und zuletzt Santralistanbul unter der Führung von Oğuz Özerdem, dem Gründer der privaten Bilgi Universität. Die Familie Koç gab bekannt, dass sie während der nächsten sieben Jahre die Istanbul Biennale finanzieren wolle. Gerüchten zufolge soll der vertraglich zugesicherte Betrag zwar keineswegs ausreichen, ein solches Riesenprojekt zu realisieren, doch so läuft das eben. Die großen Familien wollen die Kunst als PR-Instrument benützen, um ihre Namen mehr mit Kultur in Verbindung zu bringen. Durch die Biennale, die anlässlich der Eröffnung mehr als 3000 ausländische BesucherInnen aus dem internationalen Kunstfeld angezogen hat, wurde Istanbul zu einem wichtigen Ort des internationalen Kulturtourismus. Außerdem wurde es für 2010 zur Europäischen Kulturhauptstadt gewählt. Und all diese reichen Familien wollen zeigen, dass sie auf der Seite der „Modernisierung“ der Türkei stehen, indem sie in den Kunst- und Kulturbereich investieren.

Die 10. Internationale Biennale von Istanbul begann mit einem Boom von Eröffnungen und Veranstaltungen, nie zuvor hatte es eine solche Anzahl von begleitenden Projekten gegeben, auch war deren Qualität nie so überzeugend – dies bedeutete aber auch, dass es in dem Sinne keinerlei Off-Events gab, alles im Bereich der zeitgenössischen Kunst war Teil der Biennale. Die Biennale selbst positionierte sich, indem sie sich auf verschiedene Orte und Projekte über die Stadt ausbreitete. Die gewählten Hauptorte, vor allem das Atatürk Kulturzentrum AKM und das IMC, ein modernistischer, mehrteiliger Baukomplex für Groß- und Einzelhandel, erbaut im progressiven Geist der 1950er Jahre, waren schon immer Orte, die von Ideologie und Modernität überfrachtet waren. Beide Orte sind architektonische Symbole des Kemalismus und seiner Inhalte, wobei hinzuzufügen ist, dass beide der Gefahr radikaler Gentrifizierungsprozesse ausgesetzt sind. Diese Gefahr kann im Sinne des Konflikts zwischen den kemalistischen Eliten und der neuen, muslimischen Liberal-Bourgeoisie an der Regierung gelesen werden, die auf die Privatisierung staatlicher Einrichtungen aus ist. Alle Museen eröffneten ihre Ausstellungen in der Eröffnungswoche für die internationalen Gäste. Zwischen ihnen gab es ganz offensichtlich einen Konkurrenzkampf darum, mehr Menschen anzuziehen. Anscheinend wollten alle das Maximum aus der Beachtung herausholen, die Istanbul während der Biennale zuteil wird. Während der Eröffnung der Biennale trug ein Mann ein Schild, um die Leute zu einem Shuttle-Boot anlässlich der Eröffnung des Sabanci Museums zu bringen – allerdings „nur mit Einladung“. Noch bemerkenswerter war die Informationsbroschüre der für „Istanbul 2010“ verantwortlichen Organisation: „Dieser September ist eine Art Sneak Preview auf Mikroebene für das, was Sie 2010 erwartet.“

Die Ironie des AKM

Während „Istanbul 2010“ den Anspruch auf verschiedene Errungenschaften geltend macht, leiden wir an einem allgemeinen Mangel an Kulturpolitik und öffentlichen Förderungen. Gleichzeitig wird die Übernahme des Kunstfelds duch den privaten Sektor immer bedrohlicher. Unmittelbar bevor es als Biennale-Ausstellungsort ausgewählt wurde, war das Atatürk Kulturzentrum AKM vom früheren Minister für Kultur und Tourismus für überflüssig erklärt worden. Das AKM, erbaut in den 1960er Jahren, ist ein riesiger Gebäudekomplex mit einer Konzerthalle und den Räumlichkeiten der Staatsoper. Das Gebäude, das sich im Zentrum Istanbuls auf dem Taksim-Platz befindet, wurde ganz offen zur Zielscheibe privater InvestorInnen, die an seiner Stelle lieber ein profitableres Hotel oder eine Shopping Mall errichten würden. Dies hängt auch damit zusammen, dass die gesamte Gegend um den Taksim-Platz in der letzten Zeit einen Gentrifizierungsprozess erfährt. In diesem Kontext kann die Aussage des Kulturministers nur als Ruf nach privaten InvestorInnen verstanden werden. Eine große Zahl von KünstlerInnen und Intellektuellen versammelte sich vor dem AKM, um gegen seinen Abriss zu protestieren. Darin liegt eine gewisse Ironie, denn das Plakat in einem Schaukasten umittelbar vor dem Gebäude bewarb die „Blind Date“-Ausstellung des Sabanci Museums in Kooperation mit der Deutschen Bank, deren erste größere Aktivität wiederum darin bestand, die Kunstmesse „Contemporary“ in Istanbul zu finanzieren. Dieser Widerspruch veranschaulicht die aktuelle kulturpolitische Situation in Istanbul.

Mittlerweile gibt es eine neue Regierung. Die Ministerien für Kultur und Tourismus wurden wieder getrennt. Das Kulturministerium wurde an die einzige Person mit einem sozialdemokratischen Hintergrund in der muslimisch-demokratischen AKP vergeben. Unser neu gewählter Präsident wählte einen Bürokraten, der zuvor eine wichtige Stelle im Ministerium für Kultur und Tourismus innehatte. Dass der neue Kulturminister bei der Eröffnung der Biennale eine Rede hielt, mag als Hinweis auf ein stärkeres Engagement des Staates im Kulturbereich am Vorabend von „Istanbul 2010“ verstanden werden, doch sollte man nicht vergessen, dass Istanbul Modern auf Regierungsdruck früher – und zwar just im Vorfeld der Bekanntgabe der Verhandlungen für eine mögliche EU-Mitgliedschaft – eröffnet wurde. In vergleichbarer Weise musste Santralistanbul kurz vor den Wahlen eine Voreröffnung veranstalten. Während es keinerlei Ansätze von Seiten der Regierung für eine nachhaltige Kulturpolitik gibt, werden private Kunstinstitutionen offensichtlich gefördert. Gutes Make-up statt längerfristiger Förderpolitiken?

Optimismus in Zeiten der Kulturhauptstadt

Die Diskussionen in der Stadt während der Eröffnungswoche der Biennale waren dominiert von der Eröffnung von Santralistanbul und der in Istanbul Modern dokumentierten Geschichte der Biennale. Santralistanbul war als das Centre Pompidou von Istanbul lanciert worden, Istanbul Modern erinnerte alle an Tate Modern in London. Statt etwas Eigenes zu schaffen, orientierten sich beide an den großen, westlichen Paradebeispielen. Santralistanbul eröffnete mit einer Ausstellung unter dem Titel „Modern and Beyond“, eine chronologische Schau moderner Kunst in der Türkei von den 1920er Jahren bis zum Ende der 1990er. Istanbul Modern zeigte eine von deren KuratorInnen zusammengestellte Auswahl früherer Biennalen. Einige der internationalen Gäste, die in Santralistanbul in der Menge herumspazierten, fragten, ob es sich um eine Sammlung oder eine temporäre Ausstellung handle. In einem Interview gaben Mitglieder des KuratorInnenteams an, dass die Ausstellung nicht zustande gekommen wäre ohne die Exponate aus den staatlichen Gemälde- und Skulpturenmuseen. Es sei unmöglich gewesen, Exponate von der Staatlichen Kunstsammlung in Ankara zu bekommen, und sie versuchten, nicht in Izmir um Hilfe zu bitten.

Aus der Ferne klingt die Geschichte absurd. Es gibt eine staatliche Kunstammlung seit den 1930er Jahren und das Museum, das die Sammlung erhält, arbeitet unter sehr schweren Bedingungen und hat kaum BesucherInnen. Es gab Diskussionen über ein Museum moderner und zeitgenössischer Kunst. Ab der Jahrtausendwende übernahm der private Sektor diesen Bereich. Hou Hanru, der Kurator der Biennale, wies auf die problematische Rolle der Moderne in so genannten „Dritte Welt“-Ländern und der Türkei in diesen Zeiten globaler Kriege hin. In Istanbul Modern gab es bisher keine Ausstellungen, die einen diskursiven Raum für die Auseinandersetzung mit der Erfahrung der Moderne in der Türkei eröffnet hätten. Nun gibt es einen weiteren Kunstort in Privatbesitz in Istanbul, der wiederum mit einer Ausstellung eröffnet, die ohne die staatlichen Sammlungen nicht zustande gekommen wäre. Die Frage, die sich hier sofort stellt, ist, warum diese privaten BesitzerInnen nicht versuchten, die Sammlung neu instand zu setzen, sondern es vorzogen, die Exponate an einen anderen, privaten Ort zu verfrachten. Wenn man weiß, dass die Regierung auf die ehestmögliche Eröffnung von Santralistanbul drängte, werden die Dinge noch komplizierter.

Die Gefahr der nächsten Zukunft besteht darin, dass Kunst völlig vom Privatsektor übernommen und zu einem Teil des Showbusiness gemacht wird. Es macht den Eindruck, dass der Staat selbst kein Interesse an einem Engagement in kulturellen Angelegenheiten hat; daran, ein neues Profil zu entwickeln, die eigenen Museen in Stand zu setzen etc. Was wir brauchen, sind mehr unabhängige, alternative AkteurInnen im kulturellen Feld, wie etwa die von KünstlerInnen gegründeten Initiativen pist (pist-org.blogspot.com), BAS (www.b-a-s.info) oder nomad (www.nomad-tv.net) in Istanbul und K2 (www.k2org.com) in Izmir. Auch ist ein öffentliches Fördersystem notwendig, welches jüngere Produktionen unterstützt und das in der Lage ist, einen kritischen Raum zwischen Finanziers und dem Kunst- und Kulturbereich zu schaffen. Das ist auch der Grund, warum wir versuchen, hinsichtlich des „Istanbul 2010“-Prozesses optimistisch zu bleiben, denn es scheint die einzige fördergebende Einrichtung abseits von Privatförderung zu sein. Die Rolle von EU-Geldern für eine nachhaltige Politikentwicklung in den Bereichen Kunst- und Kultur ist eine schwierige Frage, da ein Systemmangel nicht durch die Förderung von einer weiteren Seite wettgemacht werden kann. Das Projekt der Europäischen Kulturhauptstädte findet heute vor allem in kleineren Städten in Europa statt und war kaum jemals erfolgreich in Bezug auf die Entwicklung unabhängiger, alternativer Strukturen. Es ist das erste mal, dass das Projekt in einer Stadt der Größe Istanbuls, einer Megacity, umgesetzt wird. Während die Wahl zur Europäischen Kulturhauptstadt in der Türkei anders bewertet wird, nämlich als Teil eines Europäisch-Werdens, ist eines sicher: Die 2010-Show wird in jedem Fall dem Tourismus zu Gute kommen.

Die Istanbul Biennale hat über 20 Jahre lang die zeitgenössische Kunst in der Türkei mit Ideen und neuen Fragen genährt und gehört heute zu den etabliertesten Biennalen der Welt. Istanbul ist zu einem wichtigen Punkt in internationalen Kunstnetzwerken geworden und zeitgenössische Kunst zu einer wesentlichen Investmentstrategie für die Privatwirtschaft. Doch bevor die Privatisierung zu weit voranschreitet, sollten wir beginnen, über diesen Prozess, den wir gerade erleben, auf konstruktive Weise nachzudenken, darüber zu schreiben und ihn zu analysieren. Wir müssen kollektiv an der Schaffung längerfristiger Alternativen und an neuen Formen der Diskussion und der Produktion arbeiten. Dafür bauchen wir dringend Räume einer kritischen Auseinandersetzung, in denen wir frei atmen können. Als die so genannten AkteurInnen des kulturellen Felds und als KulturproduzentInnen in der Türkei sollten wir uns aktiver in die Entscheidungsprozesse öffentlicher Kunsteinrichtungen einmischen, und uns für öffentliche Fördermaßnahmen einsetzen, statt einfach den Status Quo zu akzeptieren. Dies kann nur durch einen kollektiven Ansatz von unserer Seite als KünstlerInnen, KuratorInnen, AusstellungsmacherInnen und KritikerInnen realisiert werden.

Övül Durmuşoğlu ist freiberufliche Kuratorin und arbeitet in Istanbul und Wien.

Übersetzung aus dem Englischen: Therese Kaufmann.

 
 

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