“Sie wollen nicht begreifen, dass es Migration gibt ...” — IG Kultur

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INHALT 03/2007

 

“Sie wollen nicht begreifen, dass es Migration gibt ...”

Ein Interview mit Doros Michael

Kulturrisse:
Der Name KISA steht für „Aktion für Gleichheit, Unterstützung, Antirassismus“. Ich würde dich gern zuerst nach dem Verständnis von „Antirassismus“ fragen, das in dieser Formulierung leitend ist. Die Frage hat einen doppelten Hintergrund: Zum einen denke ich an die jüngere Geschichte Zyperns, die eine Geschichte aufeinander prallender Nationalismen ist, welche nicht zuletzt den Status quo einer politischen Teilung sowie mittlerweile einer Teilintegrierung der Insel in die EU hinterlassen haben. Zum anderen denke ich aber auch an die Rolle, die Ländern wie Zypern oder Malta in den mir vertrauten Diskursen über Migrationen und Migrationspolitiken in Europa zumeist zugewiesen wird: die klassische Rolle der Peripherie, die einer „EU-Außengrenze“, die umso schwieriger zu „kontrollieren“ ist, als sie vor allem eine Seegrenze darstellt. Worin besteht der Einsatz eines Antirassismus vor diesem Hintergrund? Und welche Erfahrungen mit Rassismen gibt es auf Zypern?

Doros Michael:
Das Problem hier ist vor allem eines des institutionellen Rassismus. Der Staat und die politischen EntscheidungsträgerInnen haben schlicht und einfach nicht realisiert – oder sich zu realisieren geweigert –, dass wir hier in einem Land leben, in dem es nicht nur Menschen einer Religion, einer Nationalität etc. gibt. Tatsächlich leben heute etwa 100.000 Asylsuchende und MigrantInnen in der Republik Zypern, das ist ein Siebtel der Gesamtbevölkerung. Als in den frühen 1990ern eine bestimmte Art von Arbeitsmigration gefördert wurde, dachte man, die Leute, die kamen und mit kurz befristeten Arbeitsverträgen ausgestattet wurden, würden nach einer Weile wieder gehen. Sie blieben.

Kulturrisse:
Das ähnelt ziemlich genau dem Szenario, das sich in Österreich und anderen Ländern des nordwestlichen Europa seit Mitte der 1970er ergab.

Doros Michael:
Nun, in Zypern begnügt man sich heute damit, die Richtlinien der EU umzusetzen; es gibt keinerlei politische Integration. Auf der anderen Seite breitet sich zusehends ein rassistischer Diskurs aus. MigrantInnen werden für die Kriminalität verantwortlich gemacht, ihnen wird die Schuld an der Arbeitslosigkeit gegeben, was im Übrigen ganz klar den Tatsachen zuwiderläuft: Eine Studie des Economic Research Center an der University of Cyprus in Nikosia hat herausgestellt, dass im vergangenen Jahr zwei Drittel des anwachsenden zypriotischen BIP in der einen oder anderen Form der Arbeit von MigrantInnen geschuldet waren; und die MigrantInnen arbeiten in jenen Jobs, die die meisten ZypriotInnen niemals annehmen würden. Es gibt z.B. etliche Tausend HausarbeiterInnen, besonders aus Sri Lanka und von den Philippinen, die Aufgaben der Kinder- oder Altenbetreuung übernehmen, unzählige Stunden arbeiten und dafür 150 Zypern-Pfund (ca. 245.- Euro) pro Monat bekommen. Viele arbeiten am Bau neuer Hotels, überhaupt in der Hotelindustrie, die für die zypriotische Wirtschaft von zentraler Bedeutung ist. Dasselbe gilt für eine Reihe anderer Bereiche, in denen ZypriotInnen nicht arbeiten wollen. Nichtsdestotrotz gibt es in einigen Bereichen nach wie vor einen Mangel an Arbeitskräften.

Kulturrisse:
Welche sind die politischen Kräfte, die diesen rassistischen Diskurs forcieren oder aufgreifen? Spielen rechtsextreme Gruppierungen eine bedeutendere Rolle, oder zieht sich dieser Diskurs durch den politischen Mainstream? Gibt es überdies eine Art der Kontinuität oder Verbindung zwischen gegenwärtigen rassistischen Diskursen und den in der jüngeren Geschichte Zyperns verankerten Nationalismen?

Doros Michael:
Glücklicherweise gibt es in der Republik Zypern keine großen rechtsextremen Parteien, wie dies etwa in Frankreich oder Österreich der Fall ist. Es gibt allerdings eine kleine nationalistische, ja nazistische Gruppierung, die eng mit einer entsprechenden Gruppe in Griechenland kooperiert, welche dort eine Reihe von Morden zu verantworten hat. Vor ein paar Monaten haben sie uns das erste Mal attackiert und das Haus, in dem sich KISA befindet, in der Nacht mit Hakenkreuzen beschmiert. Nur ein paar Tage davor hatten sie in eine von Süd- und NordzypriotInnen gleichermaßen getragene Demonstration, die der Annäherung der beiden großen Bevölkerungsgruppen dienen sollte und gegen die Süd- und Nord-Nikosia voneinander trennenden Befestigungsanlagen auf der Hauptstraße gerichtet war, mit antitürkischen Aktionen interveniert. Und dann kamen sie zu uns und beschmierten die Wände mit Slogans, die eine Verbindung zwischen dem griechisch-nationalistischen, antitürkischen Rassismus und dem gegen MigrantInnen gerichteten Rassismus herstellten.
Das ist die eine Sache. Aber der rassistische Diskurs ist heute in sämtlichen Parteien zu finden, auch in den Parlaments- und Regierungsparteien. Da gibt es Leute wie Nicos Pittokopitis von der Demokratischen Partei, einer Zentrumspartei, der unaufhörlich über die so genannten „russischen PontierInnen“ herzieht, Menschen aus der Gegend des Schwarzen und des Kaspischen Meeres, die einen griechischen Familienhintergrund haben und nach dem Zerfall der Sowjetunion nach Zypern kamen bzw. geholt wurden. Damals wurden sie nicht zuletzt von den Rechten als Brüder und Schwestern betrachtet und als „griechische PontierInnen“ bezeichnet; heute werden sie „russische PontierInnen“ genannt und als unerwünschte ImmigrantInnen dargestellt. Ähnliches wäre auch etwa über die Sozialistische Partei zu erzählen, die sich weit nach rechts entwickelt hat, nationalistisch agiert und in der sich heute ebenfalls rassistische Positionen ausbreiten. Am schlimmsten ist der gegenwärtige Arbeitsminister, Antonis Vassiliou, der für eine Reihe von MigrantInnen und Asylsuchende diskriminierenden Arbeitsbestimmungen verantwortlich zeichnet. Die Verweigerungshaltung gegenüber der Realität von MigrantInnen findet sich also mehr oder weniger überall wieder; zudem ist niemand bereit, den rassistischen Diskurs zu bekämpfen, wodurch dieser Diskurs tatsächlich zusehends zum Mainstream werden kann.

Kulturrisse:
Ich würde gern noch einmal auf mögliche Bezüge zur zypriotischen Geschichte zurückkommen, auch auf dieser Mainstream-Ebene.

Doros Michael:
Es gibt auch auf dieser Ebene einen Zusammenhang: Das Erste, was man heute in der Schule über die Geschichte Zyperns lernt, ist, dass die Insel durch die gesamte Geschichte hindurch von fremden Mächten regiert wurde …

Kulturrisse:
Das scheint mir ein grundsätzlich interessanter Aspekt zu sein: Schließlich war Zypern bis 1960 eine britische Kolonie und später Mitglied der Blockfreien-Bewegung, in der sich viele der aus den antikolonialen Befreiungsbewegungen hervorgegangenen Staaten zusammenschlossen …

Doros Michael:
… und es war auch ein Ausgangsland vieler ArbeitsmigrantInnen. Heute leben beispielsweise etwa 200.000 Leute aus Zypern in England. Früher waren ZypriotInnen auch für ihre philoxenia, ihre „Fremdenliebe“, bekannt, was natürlich nicht zuletzt dem Tourismus entgegenkam … – Wie auch immer, heute heißt es: Wir hatten immer Besatzungsmächte. Wir sind ein kleines Land. Wir sind so klein, dass wir nicht all diese MigrantInnen aufnehmen können, von denen viele MuslimInnen sind, Pakistanis, Bangladeshis usw. Es gibt also eine Verbindung mit der spezifischen Geschichte Zyperns, denn es heißt: Wir sind klein, wir haben unser halbes Land verloren, und dann geben wir unser Land auch noch den Fremden.

Kulturrisse:
Vieles vom dem, was du beschreibst, entspricht andererseits auch Mustern, die in weiten Teilen der EU zu beobachten sind. Welche Auswirkung hat deiner Meinung nach die „Europäisierung“ bzw. „EU-isierung“ Zyperns vor diesem Hintergrund, gerade auch was den institutionellen Rassismus betrifft?

Doros Michael:
Eine der entscheidenen Fragen in diesem Zusammenhang ist natürlich die Frage der Grenze, in Bezug auf Zypern ganz konkret: der Green Line, d.h. der Zypern durchziehenden und teilenden Demarkationslinie, über die man vom Süd- in den Nordteil der Insel reisen kann und von dort weiter in die Türkei. Es handelt sich nicht um eine formelle Grenze, und die Republik Zypern möchte nichts tun, was implizit auf eine Anerkennung der Eigenstaatlichkeit Nordzyperns hinauslaufen würde. Die meisten der irregulär einreisenden MigrantInnen und die meisten Asylsuchenden kommen auf diesem Weg in die Republik Zypern und damit in die EU. Nicht mit Booten, sondern über die Green Line, denn was die Seegrenzen betrifft, hat Zypern wie viele andere Länder Patrouillen eingerichtet und handelt somit gemäß den EU-Interessen. Im Übrigen versucht sich Zypern nach Möglichkeit als europäischer Vorzugsschüler zu erweisen: Die Quote der positiven Asylbescheide beispielsweise liegt bei 3%; nur in Griechenland ist dieser Prozentsatz noch niedriger. Asylsuchende dürfen ausschließlich auf Bauernhöfen arbeiten, es gibt keine Aufnahme- und Unterstützungs- einrichtungen, die Leute bleiben sich selbst überlassen und warten, oder sie finden sich in Schubhaft wieder.

Kulturrisse:
Welche Organisations- und Widerstandsformen gibt es in dieser Situation?

Doros Michael:
Im Mai 2006 entwickelte sich für einige Zeit eine breitere Moblisierung: Alles begann mit einem Aufstand im Abschiebegefängnis von Nikosia, der von der Polizei niedergeschlagen wurde. Tags darauf besetzte eine Gruppe von 200 AsylwerberInnen den Hauptplatz von Nikosia, um in den folgenden Tagen und Wochen von dort aus zum Parlament, zum Sozialamt, zum zentralen Gefängnis zu marschieren, den Eingang des Arbeitsministeriums sowie schließlich das Gebäude des Roten Kreuzes zu besetzen. Es ging darum, Rechte einzufordern. Viele der AktivistInnen waren syrische KurdInnen v. a. aus der Gegend von Qamishli, die nach den dortigen Protesten sowie den antikurdischen Polizeiaktionen im Jahr 2004 nach Zypern gekommen waren und seither einen äußerst unsicheren Status hatten. Es kam zu einer breiteren Solidarisierung, es gab eine Bewegung, zeitweise fanden sich 1.000 Leute auf dem Platz ein. Die Kämpfe gehen heute insbesondere von verschiedenen Gruppen von Asylsuchenden aus.

Kommentar

Das Elend der europäischen Geographien

Schlagzeilen der Sorte „Flüchtlinge bedrängen Malta“ (Die Welt) gehören im fortgeschritten integrierten Europa mittlerweile zur allsommerlichen Normalität. Dass der Anlass für solche das Lied der „Bedrängung“ säuselnden Schlagzeilen oft genug im Kentern eines Flüchtlingsbootes, dem Tod mehr oder weniger großer Menschengruppen oder den katastrophalen Zuständen in maltesischen „Gewahrsamseinrichtungen“ zu finden ist, ist wiederum Teil des alltäglichen Zynismus, der diese Normalität begleitet. Der Zynismus geht so weit, dass er zuletzt nicht die Boote untergehen sehen will, sondern die Inseln, die diese Boote aufnehmen könnten: „Wir sinken“, äußerte etwa im Sommer 2006 der zypriotische Außenminister Giorgos Lillikas angesichts der Flüchtlinge, die Zypern in Kriegszeiten aus dem nahe gelegenen Libanon ansteuerten.

Dennoch reicht es nicht aus, diesen Zynismus zu beklagen und anzuprangern, um die Migrationsvorgänge der Gegenwart in jene „melodramatische Evidenz“ (Serhat Karakayalı/Vassilis Tsianos) der an den Südgrenzen Europas abprallenden MigrantInnen einzuschreiben, die das Geschehen im Mittelmeer mit humanitärem Entsetzen und moralischer Entrüstung zu begleiten erlaubt. Denn der eine wie der andere Blick bzw. Diskurs, der zynische wie auch jener der Entrüstung, konfigurieren den mediterranen Lebens- und Bewegungsraum als schroffe Grenze, deren Mangel lediglich darin besteht, entweder schwer kontrollierbar oder besonders lebensgefährlich zu sein – oder aber beides zugleich. Und es ist eben diese doppelte Konfiguration, welche letztlich EU-Maßnahmen wie „Nautilus“ ihre Legitimation verschafft, einer groß angelegten Operation, mit Hilfe deren die Seewege zwischen Malta, der italienischen Insel Lampedusa und der libyschen Küste mittels Flugzeugen, Hubschraubern und Schiffen aus mehreren EU-Staaten kontrolliert werden sollen.
Was dabei übersehen wird – und zwar nicht nur im medialen Mainstream, sondern oft genug auch in kritischeren Bestrebungen –, ist vor allem, dass, wie Karakayalı und Tsianos für Südosteuropa bemerkt haben, der mediterrane Raum insgesamt heute ein „migrationspolitisches Laboratorium“ darstellt. Und dieses Laboratorium verlangt zuallererst nach einer Verschiebung der mentalen Geographien, die das integrierte Europa kodieren. Einmal abgesehen von dem Umstand, dass diese Geographien hartnäckig in den Alphabeten nationalstaatlicher Territorien ausbuchstabiert werden, haben sie auf supranationaler Ebene längst ein „Kerneuropa“ ausgebildet, das nicht ein solches der unterschiedlichen Integrationsgeschwindigkeiten, sondern eines der symbolischen Zentren ist. Gemessen am Text dieser symbolischen Zentren gerät der Ruf maltesischer RegierungsvertreterInnen nach „Unterstützung“ angesichts ankommender MigrantInnen zur Randnotiz, der territorial nicht vollends besetz- und kontrollierbare Raum der Meeresgegenden zur Marginalspalte, zur aus dem Wahrnehmungsfeld abgedrängten Peripherie. Und doch ist dieser Raum ein sozialer Raum, und aus den Erzählungen, den regionalen oder überregionalen Bewegungen, die ihn durchziehen, ließe sich vielleicht mehr über europäische Verfasstheiten lernen als aus den großen Gefechten um Zentren.

Es gibt eine Erzählung eines kurdischen Studenten, der Anfang des 20. Jahrhundert in der Schweiz auf Verblüffung stieß, als er darüber sprach, dass er Kurde sei: „Ich war verletzt, dass ich zu einem Volk gehörte, das niemand kannte.“ Wie nebenstehendem Interview zu entnehmen ist, ist die Zugehörigkeitserklärung zu einem „Volk“ nicht unbedingt das entscheidende Kriterium, an dem sich soziales und politisches Handeln orientieren. Die Ignoranz des Zentrums indessen scheint unverändert.

Stefan Nowotny

 
 

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