Überraschung – wir ziehen keine Zähne! — IG Kultur

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INHALT 03/2006

 

Überraschung – wir ziehen keine Zähne!

Marty Huber

Ich wollte so gerne einmal überrascht werden, nicht erleichtert. „Fühlen Sie sich erleichtert!“, versuchte Karl-Heinz Grasser vor nicht allzu langer Zeit die Menschen in Österreich zu überreden. Dabei wäre ich so gerne überrascht, wie in Spanien, wo Jose Zapatero innerhalb kürzester Zeit 800.000 in Spanien lebende und arbeitende Menschen legalisierte, lesbisch-schwule Beziehungen mit denen von heterosexuellen gleichstellte und die spanischen Truppen aus dem Irak abzog. Es ist jedoch abzuwarten, wie die spanische Regierung mit dem massiv auftretenden Problem geschleppter SenegalesInnen auf den Kanaren umgeht. Hilfsorganisationen sprechen bereits von 3000 ertrunkenen oder verhungerten Flüchtlingen. Niemand flüchtet ohne Grund und nimmt dieses Risiko auf sich.

Ich wäre jedenfalls erleichtert, wenn – optimistisch zwischendurch – die derzeitige Regierung abgewählt werden würde. Das könnte dann – bildlich gesprochen – wie ein Zahn sein, der seit langer Zeit auf einen Nerv drückte, so lange, bis niemand mehr den Schmerz gefühlt hat; z.B. den der Erleichterungen um Staatseigentum oder der Aushebelung von Rechtsstaatlichkeit – und bis niemand mehr das Grinsen, das Schweigen, das Grinsen, das Schweigen, das schweigende Grinsen und das grinsende Schweigen hört. Wäre es doch so einfach und man könnte diesen Zahn einfach ziehen. Wir haben genug von den uns als Pralinen verkauften Spar-, Steuer- und Erleichterungszuckerln gegessen. Aber wie heißt es so schön: Jede Regierung ist wie eine Pralinenschachtel, man weiß nie was man bekommt. Denn auch bei einer abgewählten Regierung wird es nicht so wie bei einer anderen Süßigkeit „Spiel, Spaß, Spannung und Schokolade“ geben. Und es würde mich wirklich überraschen, wenn sich niemand mehr einer rassistischen Rhetorik bedienen müsste, wenn sich schuldig bekennende WEGA- Beamte für Quälen und Vernachlässigen eines Gefangenen (einen Folter-Paragrafen gibt es nicht im österreichischen Strafgesetzbuch) nur zu einer bedingten (sic!) Haftstrafe von 6-8 Monaten verurteilt werden und ein Salzfässchendieb dagegen 4 Jahre erhält. Es würde mich wirklich überraschen...

Wir haben keine Wahl, nutzen wir sie!

Viele meinen jedoch gar keine Wahl zu haben, obwohl sich das Angebot seit der letzten Nationalratswahl um einige Farben erweitert hat. Okay, das kann eigentlich nur ironisch verstanden werden, weil dadurch hat sich die Qual der Wahl auch nicht vergrößert. So genannte Polit-Verdrossenheitingitis ist aber auch beim Niveau österreichischer Realpolitik nicht zu unterschätzen und auch nicht unverständlich. Doch auch hier könnte vielleicht die Anregung zur Allianzenbildung eine Lösung sein, jedenfalls für jene 10% der Bevölkerung, die hier leben und ganz real keine Wahl haben, weil sie aufgrund ihrer StaatsbürgerInnenschaft davon ausgeschlossen werden. Egal wie lange sie schon in Österreich leben, arbeiten und ihren Beitrag zur Gesellschaft leisten. Wer seiner Stimme überdrüssig ist, könnte sie am 1. Oktober ja herborgen. Unter dem Motto „Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie Ihren Bäcker, Ihre Uni-Assistentin und Ihre Pflegerin, damit Sie auch morgen noch kraftvoll zubeißen können.“

Danach gibt es eines dieser dreieckigen Hustenbonbons, damit die Stimme nach der Wahl auch wiederkehrt. Zuerst ein bisschen lutschen und dann darf es auch zerbissen werden.

 
 

Erhältlich in folgenden Buchhandlungen:

  • a.punkt, 1010 Wien
  • Walther König, 1070 MQ
  • Anna Jeller, 1040 Wien
  • Phil, 1060 Wien
  • Leporello, 1010 Wien
  • Lentos, Linz
  • Pro qm, Berlin
  • b_books, Berlin

 

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