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Kulturrisse Ausgaben 03/2006 Oppositionen Wir wollen keine isolierten Inseln darstellen. Medienarbeit als Teil migrantischer Kulturarbeit
 

Wir wollen keine isolierten Inseln darstellen. Medienarbeit als Teil migrantischer Kulturarbeit

E-Mail-Interview mit Simon Inou

Warum ist es notwendig und wichtig für MigrantInnen, eigene Medien zu machen und damit eigene Öffentlichkeiten zu schaffen? An welche Öffentlichkeiten richtet sich Afrikanet.info?

MigrantInnen sollten eigene Medien machen, um ihre eigenen Perspektiven der Wirklichkeit zu entwickeln und zu vermitteln. Die Entstehung dieser Medien ist sehr oft eine Reaktion gegenüber dem Establishment der Mainstream-Medien, die MigrantInnen immer als Problem (Kriminalität) betrachten und nicht als Bereicherung für Österreich. Fast jeden Tag ist es für Mainstream-Medien normaler, über internationale Ereignisse zu berichten als über die internationale Bevölkerung, die innerhalb ihrer eigenen Grenzen wohnt, arbeitet und Steuern bezahlt.
Afrikanet richtet sich an das deutschsprachige Publikum, das Interesse an Afrika und seiner Diaspora hat. Diese Teilöffentlichkeit soll von den gängigen Klischees über Afrika befreit werden und ermutigt werden, selbst etwas zu bewegen.

Unsere These: Medienarbeit ist Teil von migrantischer Kulturarbeit. Siehst du das auch so? Und was ist für dich migrantische Kulturarbeit?

MigrantInnen, die in Österreich leben, pflegen ihre eigenen Kulturen v.a. durch verschiedene Veranstaltungen. Gleichzeitig adoptieren sie Teile der Kultur dieses Landes und schaffen dabei auch neue Bewegungen. Ich sehe in der Medienarbeit von MigrantInnen mehr als nur eine Kulturarbeit. Natürlich lernen Medienschaffende aus migrantischen Kulturkreisen in Österreich mehrere Kulturen des Medienmachens. Die Produktion sowie der Vertrieb von Medienprodukten in Österreich stellen eine andere Realität dar als zuhause. Gleichzeitig versuchen diese MigrantInnen, Österreich auch sozial, politisch und wirtschaftlich aus ihren Perspektiven widerzuspiegeln. Kulturarbeit bedeutet für mich, mitzumischen und starre Horizonte sowie Strukturen aus der Wahrnehmung der MigrantInnen zu reflektieren.

Antirassistische Strategien in der Medienarbeit: Wie können migrantische Medien gegen Rassismus intervenieren?

Migrantische Medien können gegen Rassismus intervenieren in dem sie: - den Rassismus thematisieren. Sie können antirassistische NGOs unterstützen oder auch auf rassistische Strukturen, die in manchen Teilen der Gesellschaft wirksam sind, aufmerksam machen. Da Rassismus auch innerhalb der eigenen Reihen existiert, sollen sie auch darüber informieren. - Antirassismus-Aktionen planen und durchführen. Viele werden jetzt sagen: Was ist mit der Objektivität des Mediums? Im Journalismus wie im richtigen Leben gibt es keine Objektivität. Die Berichterstattung soll auch dazu dienen, Teile der Gesellschaft langfristig zu verändern. Engagement ist gefragt und eine klare Positionierung. - Ständig die Gesellschaft beobachten, riechen, hören, fühlen und aufzeigen, wo es weh tut. - JournalistInnen oder Institutionen sowie Medien für eine gute Arbeit gegen Rassismen loben und ermutigen. - Eigene Strukturen kritisieren: „Weiß“-EuropäerInnen haben nicht das Monopol auf Rassismus.

Unter welchen Bedingungen wird Afrikanet.info produziert und welche Forderungen hast du an die Politik, damit sich diese Bedingungen verbessern? Wie sollten migrantische Medien gefördert werden? Könnten hier sogar Arbeitsplätze entstehen?

Afrikanet ist ein Projekt von M-media – Verein für Interkulturelle Medienarbeit und derzeit in einer Pilotphase. Das Projekt ist stark online-orientiert und wir versuchen, delokalisierend zu arbeiten. Die Arbeit findet im Internet sowie live am Feld statt. Die Finanzen kommen von Menschen afrikanischer Herkunft, die in Österreich leben und arbeiten. Diese Gruppe von Menschen will derzeit mit Forderungen nichts zu tun haben.

Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass migrantische Medien finanzielle Mittel brauchen. Viele migrantische Medien (mehr als 90% in Wien) funktionieren nach dem Selbstausbeutungsprinzip. Ein Redaktionsteam recherchiert, sammelt und vertreibt die Zeitung bzw. die Zeitschrift. Das geschieht unentgeltlich.

Migrantische Medien sollen gefördert werden. Wie? 1. nach Erscheinungsperiode, 2. nach der Professionalität der Arbeit, 3. nach qualitativen Kriterien, die wir mit den Institutionen selbst definiert haben. Aber auch aus dem Presseförderungstopf... Tageszeitungen, die schon solid strukturiert sind, erhalten die Presseförderung. Schwache Strukturen, wie die migrantischen Medien, werden nicht gefördert. Warum? Manche österreichische EntscheidungsträgerInnen vermuten, es sei nicht nötig, migrantische Medien zu unterstützen. Na ja, die sind keine ÖsterreicherInnen und sprechen kaum Deutsch, wird dann gesagt. Es wird vermutet, dass sehr wenige ÖsterreicherInnen diese migrantischen Zeitungen lesen. Wir werden als Medienschaffende und MedienmacherInnen nicht wahrgenommen. Weil wir politisch betrachtet einfach nichts repräsentieren. Das ist einfach falsch, weil wir Teil der österreichischen Realität sind... Aber es ist immer einfacher, Beispiele aus Kanada, Großbritannien oder den USA zu erwähnen.

Wenn sie gefördert werden, könnten auch Arbeitsplätze geschaffen werden. Aus eigener Erfahrung mit anderen Medien bemerke ich, dass die Politik stumm bleibt, wenn es um die Förderung dieser Medien geht. JournalistInnen, die in diesen Medien arbeiten, werden nicht als JournalistInnen wahrgenommen. Es ist einfach schade, dass die Medienabteilungen mehrerer Bundesländer in Österreich nicht geplant haben, migrantische Medien zu unterstützen.

Wären Vernetzungen und Allianzen zwischen migrantischen und nicht-migrantischen Medien und ein Informationsaustausch und Wissenstransfer wichtig, um sich gegenseitig zu stärken? Und: Wie ist das Verhältnis von migrantischen zu nicht-migrantischen Medien?

Ein migrantisches Medium berichtet nicht nur über die MigrantInnen, die hier leben, sondern berichtet über die Region, in der es entsteht, aus der Perspektive der migrantischen Gruppe. Nicht nur Informationsaustausch und Wissenstransfer sind wichtig, sondern auch die direkte Konfrontation mit MigrantInnen in den verschiedenen Redaktionen dieses Landes.

Wir haben die Initiative M-media ins Leben gerufen, um genau diese Punkte zu behandeln. Warum sehen wir in keiner Redaktion dieses Landes migrantische Gesichter? Warum werden wir immer gettoisiert, indem wir nur über bestimmte Themen reden, schreiben und berichten sollen? Warum werden wir von Mainstream-JournalistInnen immer nur kontaktiert, wenn es um die Community geht und nicht, wenn es auch um Österreich geht? Beide Seiten sollen bereit sein, sich konstruktiv zu treffen, um Austausch zu ermöglichen.
Das Verhältnis zwischen migrantischen und nicht-migrantischen Medien hat sich in den letzten Jahren stark verbessert. Zum Beispiel werden Berichte von Afrikanet.info oft von Mainstream-JournalistInnen aufgegriffen oder wiedergegeben. Und auch wir suchen Kontakte zu den nicht-migrantischen JournalistInnen, weil wir keine isolierten Inseln darstellen wollen, sondern Teil des österreichischen Puzzles sind.

Simon Inou leitete mehrere Jahre die Afrika-Beilage der „Wiener Zeitung“ und ist Chefredakteur von Afrikanet.info, dem ersten Informationsportal im deutschsprachigen Raum über Afrika und seine Diaspora.
Afrikanet

Fragen: Sylvia Köchl

 
 

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