„Let It Be Known“ Die eigene Geschichte selbst schreiben — IG Kultur

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INHALT 03/2006

 

„Let It Be Known“ Die eigene Geschichte selbst schreiben

Gespräch zwischen Araba Evelyn Johnston-Arthur, Ljubomir Bratic und Stephanie Njideka Iroh

Araba Evelyn Johnston-Arthur (A.E.J.-A.): Das Ziel von „Verborgene Geschichte/n – Remapping Mozart“ ist es, im pompösen nationalen Jubel-Mozartjahr Gegengeschichten zu schreiben und sichtbar zu machen und strukturelle Rahmenbedingungen zu schaffen, die das möglich machen. Das bedeutete Grundlagenarbeit, um dieses kritische Bewusstsein zu schaffen, denn es war zunächst unvorstellbar, dass wir einmal Schwarze österreichische Geschichte selber schreiben und dass es eine solche überhaupt gibt. Wir können ja nicht auf eine Tradition emanzipatorischer Schwarzer Geschichtsschreibung zurückgreifen. Schwierig war z.B. die Entscheidung, ob es sinnvoll ist, das in einem Mainstream-Projekt zu machen. Am Ende war es eine interessante Herausforderung, unsere Positionen in den Hauptkanal zu stellen und erträumte Strukturen herstellen zu können. Natürlich ist das immer tricky, ist immer ein Spagat. Interessant wird sein, was danach sein wird: Werden wir weiterarbeiten? Sind wir am Ende verschluckt worden oder nicht? So wie wir die Arbeit gemacht haben, sind wir nicht bestellt worden, denn wir sollten die Multikulti-Benetton-Truppe darstellen, die sich zur Mozart-Musik vereint, und obwohl wir so aussehen, haben wir radikale und kritische Positionen eingebracht. Die Frage ist, was passiert mit diesen Positionen in einem solchen Projekt...?

Ljubomir Bratic (L.B.): Gemeinsam mit Luisa Ziaja bin ich Kurator der Konfiguration IV „Es ist kein Traum!“ im Projekt „Remapping Mozart“ – und es ist wirklich kein Traum, dass gesellschaftliche Veränderungen möglich sind, obwohl die Grenzen klar sein müssen: Politik macht man nicht mit Kultur, sondern in politischen Kämpfen und auf der Straße und eben mit Subjektstärkung. Kulturarbeit zu bestimmten Themen kann aber die Referenz bilden für politisch aktive Menschen. Deshalb müssen wir die Grenze zwischen Kultur und Politik scharf ziehen, um die Kulturalisierung nicht noch voranzutreiben. Die eigene Geschichtsschreibung hat eine jahrhundertealte Tradition in den sozialen Kämpfen der Arbeiterklasse, der Frauenbewegung usw. Das stärkt das Subjekt, denn man ist nicht allein und besinnt sich auf bestimmte Traditionen, auf die man/frau aufbauen kann und die immer wieder verschüttet werden, da der Mainstream kein Interesse an dieser Geschichte der Unruhe, der Subversion, der Kämpfe hat. Der Mainstream will eine Geschichte des Konsens und des Dialogs, und wir sagen: Wir leben in einer Gesellschaft, in der Dissens und Streit herrscht und wo die Positionen besetzt sind. D.h. wenn man eine Stimme haben will, muss man jemanden aus einer Position verdrängen. Stimme heißt, dass das Begehren um Gleichheit im Vordergrund steht. Es war auch wichtig, dass sich die Ausstellung „Gastarbajteri“ im Mainstream abgespielt hat und im Wien Museum am Karlsplatz war, nicht in der Vorstadt, also im Herzen der Geschichte der Stadt Wien, im historischen Museum der Stadt, und dass dort dieser Diskurs um Migrationsgeschichte präsent wurde. Das Mozartprojekt geht noch weiter zurück: Bilder, die im 18. Jahrhundert geherrscht haben, in der Aufklärung. Aber es ist strategisch interessant, was man aus Mozart machen konnte und dass man Gelder lukrieren konnte, um Vorstellungen, die nicht Teil des Mainstream sind, dort hinein zu bringen.

Stephanie Njideka Iroh (S.N.I.): An der Uni, wo ich Kultur- und Sozialanthropologie studiere, gab es immer wieder Situationen, in denen ich das Gefühl hatte, da stimmt etwas nicht. Die Schwarze Recherchegruppe innerhalb von „Remapping Mozart“ gibt mir da ein Backup. Zu wissen, es gibt eine Geschichte, auf die ich mich beziehen kann, bestärkt mich, damit ich auch in der universitären Situation etwas sagen kann, denn ich kann mich auf Quellen beziehen. Die Darstellung von AfrikanerInnen und die Sicht auf ihre Situation in Österreich sind wichtige Themen. Sehr bedeutend ist dabei der Perspektivenwechsel: Wer erzählt Schwarze Geschichte? An der Uni, wo Schwarze Menschen sehr vereinzelt sind, ergibt sich immer wieder die Situation, dass jemand über eine Gruppe spricht, weil dort eh alle so tolerant sind und sich gern haben... Es wird sogar behauptet, dass es nicht gut ist, wenn „Betroffene“ ihre eigene Geschichte selbst erzählen und ihre eigenen Definitionen entwerfen. Wir haben durch die Recherchegruppe die Möglichkeit gehabt, in Berlin an der Black European Studies-Konferenz teilzunehmen und unser Projekt zu präsentieren, das war ein weiterer Schritt, um in akademischen Kreisen wahrgenommen zu werden und wir haben sehr gutes Feedback bekommen. Es ist eine Reise, ein Prozess, und es kommen immer wieder neue Kapitel hinzu, die wir aufschlagen.

A.E.J.-A.: Zunächst einmal musste das Wissen der diversen Leute geteilt werden, das sehr unterschiedlich war. Z.B. hat Beate schon zu den Habsburgern geforscht, also konservative Geschichte, und wollte in der Recherchegruppe von Anfang an über Schwarze Komponisten forschen. Oder Dominic, der ein Social Concious MC ist und die Frage der möglichen Formen von Wissensvermittlung eingebracht hat. Wir wollten keine Clique von Wissenden schaffen, die dann irgendwelche Bücher publizieren, sondern Wege finden, das Wissen zu ent-hierarchisieren. Und im Sinne von Oral History war es dann klar, dass wir auch einen Song daraus machen. Jude und Dominic haben eingebracht, dass Wissen über HipHop als Tool von Empowerment verbreitet werden kann. Alle von uns besitzen Wissen und können es einbringen. Damit haben wir Ende Mai 2005 begonnen und Wissen immer geteilt, manchmal auch mühsam präsentiert und diskutiert. Wir wollten immer Wissen schaffen, das bedeutungsvoll und ermächtigend ist für die Gegenwart. Zum Beispiel die Begriffsgeschichte, das „N“-Wort, aber auch Darstellungsformen...

S.N.I.: Und emanzipatorische Gegenbilder dazu, Widerstandsformen...

A.E.J.-A.: Natürlich war die Sehnsucht sehr groß, eine Widerstandsgeschichte zu finden, mit schönen Aufständen usw. Da haben wir den Begriff von Eigen-Sinn geprägt: Die Schwarze österreichische Geschichte ist genauso wie die Gegenwart stark an Isolation gebunden, so auch im 18. Jahrhundert. Z.B. die Geschichte der Josefine Soliman – es ist nicht so, dass sie auf die Straße gegangen ist oder eine Demo organisiert hat, aber sie hat Eigen-Sinn bewiesen. Es war ein Knackpunkt zu lernen, nicht enttäuscht zu sein, wenn wir unsere Sehnsüchte in der Geschichte nicht verwirklicht finden.

S.N.I.: Josefine Soliman ist eine wichtige Frau für uns, für die Schwarze Frauengeschichte, die Tochter von Angelo Soliman. Sie hat nach seinem Tod, als er ausgestopft und ausgestellt worden ist, einen Beschwerdebrief geschrieben für ein würdiges Begräbnis. Das hat zwar nicht geklappt, aber es geht dabei sehr wohl auch darum, nachzudenken über unsere heutige Situation als Schwarze Frauen und wie das damals war. Wie war der Kontakt damals von Schwarzen Menschen untereinander und welche Strategien hatten sie? Diese Bezüge sind auch emotional sehr bedeutend.

A.E.J.-A.: Es ist auch wichtig zu wissen, dass hier vor über 200 Jahren eine Schwester gelebt und Eigen-Sinn bewiesen und Widerstand geleistet hat, als einzelne Frau, und das ist eben auch Subjektstärkung. Es gibt schon eine Geschichtsschreibung, z.B. über Angelo Soliman, die stark exotisierend ist – es gibt ein Buch „Angelo Soliman. Ein exotisches Kapitel Alt-Wiens“, wo er sozusagen der Toleranzpokal der Gesellschaft im 18. Jahrhundert ist. Wir gehen von einer anderen Perspektive aus, nämlich von der heutigen Frage, wie sich Schwarze Menschen angesichts von tödlichem Rassismus behaupten und fragen dann, wie haben sich Schwarze Menschen behauptet in einer Zeit, als AfrikanerInnen als missing link zwischen Tier und Mensch konstruiert worden sind? Wir wollen auch offen legen, dass einiges verschüttet ist und nicht mehr erforscht werden kann, dass offene Fragen bleiben werden.
L.B.: Parteilichkeit ist hier ein zentrales Moment. Man kann das nicht neutral machen bzw. ist die behauptete Neutralität eine Machtposition. In diesem Zusammenhang sind Strategien wie Eigen-Sinn hilfreich, denn es gab Versuche, etwas zu ändern. Stimmen, die vielleicht nicht gehört wurden, die es aber gab.

Vina Yun: Kritische, differente Positionen erfahren oft eine Nivellierung, sobald sie im Mainstream rezipiert werden. Wie geht ihr mit dem Problem um, wenn dann etwa über DIE Geschichte der MigrantInnen gesprochen wird?

A.E.J.-A.: Es war eine Hauptangst von uns, diese Benetton-Truppe zu werden und wir haben uns viel überlegt, wie wir dem entgehen können. Wir wollen uns nicht minorisieren lassen, wir schreiben nicht die Geschichte der kleinen Würmchen, die nicht zu Wort gekommen sind, wir schreiben Gegengeschichte zum herrschenden Geschichtsbild – wir sind ja nicht unbescheiden. Unsere Themen waren Nationalsozialismus, Exil, Republik, Queer, Schwarze Geschichte. Und auch da war wichtig, dass Schwarze österreichische Geschichte nicht ein Minithema in der Minderheitenecke werden sollte. Wir schreiben gegen herrschende Geschichtsbilder, denn Geschichte wird von Herrschenden geschrieben, es geht also um Machtthemen.

L.B.: Im Rahmen des Projekts waren wir eingeladen, sozusagen alle 150 Kulturen von Wien ins Mozartjahr rein zu bringen. Da war ganz schnell klar, dass wir das nicht machen werden, denn wir haben schon ihren Begriff von Kultur abgelehnt. Die Erwartungen an uns gingen in die Richtung, dass wir einen Dichter aus der Slowakei und einen aus Nigeria holen, die dann Gedichte vortragen und das Ganze bei einem türkischen Buffet. Wir haben deren Wünsche nicht erfüllt. Außerdem geht es heute und damals um sehr verschiedene politische Subjekte und soziopolitische Umstände, die nicht einfach vergleichbar sind. Es gibt aber eine andere Ebene, die Ebene des Begehrens nach Gleichheit und danach, eine Stimme zu haben. Dieses Begehren ist da, das gibt es heute wie damals, das Begehren, den herrschenden Konsens zu durchbrechen. Und auf dieses Begehren können wir heute sehr wohl aufbauen. Aber es gibt immer auch Differenzen in den Bewegungen, was man sehr gut an der Geschichte der Frauenbewegung sieht, wo es im 18. Jahrhundert z.B. Olympe de Gouges gibt, eine bürgerliche Frau, und gleichzeitig die Sansculotten und Claire Lacombe, die die Hinrichtung der Königin fordert. D.h. einerseits gibt es Brüche innerhalb der Bewegungen, andererseits auch innerhalb der politischen Subjekte selbst. Mit all diesen Ebenen muss man sich auseinandersetzen, trotzdem bleibt diese Ebene des Begehrens, dieser Wunsch nach etwas anderem, zentral.

A.E.J.-A.: Es war uns auch klar, dass das ein Ausnahmezustand ist, nämlich gehört zu werden und sichtbar zu sein im Mozartjahr, dass das etwas sein wird, was sonst nicht so ist. Es musste sich ausgehen, dass wir in dieser relativ kurzen Zeit sozusagen ein Floß bauen, um auch danach noch aufs Meer hinausgehen zu können. Strukturell wäre es für mich persönlich undenkbar gewesen, um Grace Latigo zu zitieren, als Praline in einer Gruppe zu sitzen und die Schwarze Position einzubringen. Es war zentral, eine Struktur zu schaffen, in der das nicht so ist und die z.B. auch ermöglicht, die Recherchegruppe für Schwarze österreichische Geschichte ins Leben zu rufen. Das schafft auch eine Gegenstrategie zu diesem einmaligen akzeptierten flippigen Kick oder auch – wie nennt das Hikmet Kayahan? – einer „Tschuschenelite“, das sind dann die flotten Käfer, immer dieselben Leute, die eingeladen werden.

Vina Yun: Ihr habt erwähnt, dass ihr auch einen HipHop-Song gemacht habt. Worum geht es da genau?

S.N.I.: Das Lied „Let It Be Known“ von Rameez bildet den Rahmen unserer gesamten Ausstellung. Auch für die Recherche selbst war das Lied sehr wichtig, weil es irgendwie das Ganze umschließt, es ist für uns ein roter Faden. Es stellt immer Verknüpfungen zwischen der Vergangenheit und unserer jetzigen Situation her. Zum Beispiel zur Schulsituation – Rameez beginnt den Rap damit, dass er sagt: Teachers don’t wanna teach what we wanna be told. Und das ist typisch für unsere Schulsituation, also was wir da erleben, wie Schwarze dargestellt werden und wie Afrika dargestellt wird. Visuell wollten wir mit dem Video zum Rap weg vom Mainstream-HipHop und positive schwarze Frauenbilder herstellen.

A.E.J.-A.: Das war sehr spannend, nicht nur ideologische Bilderwelten auseinander zu nehmen, die unterdrückend wirken, sondern sich auch zu überlegen, was könnten denn ermächtigende und de-kolonisierende Bilder sein? Da können wir uns auch auf keine lange Tradition beziehen im österreichischen Kontext, deshalb haben wir uns schon immer wieder auf Black Power in den USA bezogen und uns visuell Dinge ausgeborgt. Es war wichtig, nicht nur die Bilder auszutauschen und umzukehren, also z.B. wenn Schwarze Frauen immer stark sexualisiert dargestellt werden, jetzt zu sagen, nein, nein, wir sind ganz brav, und damit aber in dieser Logik zu bleiben. Sondern zu fragen: Was wären denn starke Schwarze Frauenbilder? Was wären denn positive Bilder? Und das ist ein Anfang, ein Prozess, der weiter geht und auf vielen Ebenen weiter stattfindet. Aber die Schiene ist gelegt.

L.B.: Ein letzter Punkt, den wir ansprechen wollen, ist die Geschichte der Arisierung. Wir haben ja gesagt, dass das Heute bei unserer Recherche wichtig ist, insofern haben auch die Orte eine Rolle gespielt, also wo etwas stattfindet. In der Beschäftigung damit stießen wir dann auf arisierte Orte – fast automatisch. Und da müssen wir auch weiter fragen: Was heißt es, migrantische Geschichte zu schreiben in einer Stadt, in der fast 70.000 Wohnungen arisiert wurden?

A.E.J.-A.: Das hat uns gezwungen, dazu Position zu beziehen, denn das ist keine theoretische Diskussion.

S.N.I.: Der Umgang damit ist auch eine Form des Verbergens. Wir erzählen ja „verborgene Geschichte“ und hier ist es so, dass die Nazizeit ständig umschrieben wird, wenn z.B. in der Alltagssprache vom „Zweiten Weltkrieg“ gesprochen wird.

Araba Evelyn Johnston-Arthur KuratorInnenteam „Verborgene Geschichte/n – Remapping Mozart“, im Zuge dessen Initiatorin der Recherchegruppe zur Schwarzen österreichischen Geschichte.

Stephanie Njideka Iroh Mitglied der Recherchegruppe zur Schwarzen österreichischen Geschichte. Studentin der Kultur- und Sozialanthropologie an der Uni Wien.

Ljubomir Bratic KuratorInnenteam „Verborgene Geschichte/n – Remapping Mozart“, gemeinsam mit Luisa Ziaja Kurator der Konfiguration IV „Es ist kein Traum!“. Mitarbeit bei der Ausstellung „Gastarbajteri“.

Organisation und Aufzeichnung des Gesprächs: Sylvia Köchl und Vina Yun

 
 

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