Hurra, ein pinkes Pinkelbecken! Zum Denkmal für lesbischwule und transgender Opfer des Nationalsozialismus in Wien — IG Kultur

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Kulturrisse Ausgaben 03/2006 Kunstpraxen Hurra, ein pinkes Pinkelbecken! Zum Denkmal für lesbischwule und transgender Opfer des Nationalsozialismus in Wien
 

Hurra, ein pinkes Pinkelbecken! Zum Denkmal für lesbischwule und transgender Opfer des Nationalsozialismus in Wien

Marty Huber

Ich gebe es zu: Ich war dabei – beim so genannten „Community-Board“, das an der Entscheidung für das „Homodenkmal“ partizipieren durfte. Ja, und auch ich habe unterschrieben, dass ich über den Wettbewerb nichts sagen darf. Wie lange, kann ich mich jetzt nicht mehr erinnern...
Es war ein langer Weg, bis die Stadt Wien, respektive Stadtrat Andreas Mailath-Pokorny die Forderung von lesbischwulen AktivistInnen und den Grünen nach einem Denkmal für lesbischwule und transgender Opfer des Nationalsozialismus übernahm und einen internationalen Wettbewerb ausschreiben ließ. Sieben KünstlerInnen wurden eingeladen, sich an der Umgestaltung des Morzinplatzes mittels eines Denkmals zu bewerben.

Die postnazistische Gefälligkeit der Erinnerungspolitik

Am Morzinplatz, am Fuße der Vergnügungsmeile Schwedenplatz – Bermudadreieck, befand sich das Hauptquartier der Wiener Gestapo, jener Spitzel- und Denunziantenbehörde, die auch „sexuell abweichendes Verhalten“ erkundete. Auf jenem Platz befindet sich schon ein Denkmal der Stadt Wien, das an die Gewalt der Gestapo erinnert. Schwule Aktivisten forderten immer wieder die Anbringung eines rosa Winkels, neben dem roten Winkel und gelben Stern; die offizielle Anerkennung und Sichtbarmachung von Schwulen als Opfer des Nazi-Regimes soll jetzt mit diesem Mahnmal nachgeholt werden.

Dass insbesondere Nazi-Nachfolgestaaten sich mit der Anerkennung besonders viel Zeit ließen, zeigt die sehr unterschiedliche Handhabung in Wien, Berlin oder Amsterdam: Dort nämlich wurde schon ab 1987 diesen Opfern des Nationalsozialismus mit einem eigenen „Homomonument“ (entworfen von Karin Daan) gedacht, in Berlin bekamen die Dänen Michael Elmgreen & Ingar Dragset (die Teile ihrer Arbeit auch in Wien einreichten) den Zuschlag für das noch zu errichtende Denkmal. Die Einreichungen des Berliner Wettbewerbes, die im Gegensatz zum Wiener Geheimhaltungsabkommen auf einer Webseite publiziert sind, waren laut Ric Schachtebeck geprägt von „Befangenheit, Hilflosigkeit, Verharmlosung und riskanter Entgleisung.“ Dass dann jener Entwurf einer schiefen Stele (in Referenz an das Holocaust-Denkmal Peter Eisenmanns, das sich in Sichtweite befindet) gewinnt, die einen Filmloop mit zwei sich küssenden Männern in sich birgt, ist schon etwas fragwürdig.

Es verweist auf eine Erinnerungspolitik, die in keine Richtung schmerzhaft und auch nicht kontroversiell sein darf: Die Kontinuität der Verfolgung von Lesben und Schwulen nach dem Ende des Dritten Reiches in Deutschland wie in Österreich, sowie die Ausblendung der Beteiligung von Lesben und Schwulen am Nazi-Regime.[1]

Bedeutungsleere und Banalität: Der Rosa Platz

Doch zurück zu den Wiener Verhältnissen, die in ihren Ergebnissen nicht unähnlich sind: Über die Entwürfe entschieden der Beirat für Kunst im öffentlichen Raum sowie kooptierte Jurymitglieder. Ich, als Mitglied des „Community-Board“, durfte in einer Einzelführung – zusammen mit einer Kollegin – meine Meinung zu den Entwürfen abgeben und diese wurde protokolliert an den Beirat weiter gereicht. Die anderen Mitglieder des „Boards“ habe ich nie getroffen, oder gar mit ihnen über die Einreichungen diskutiert. Die Entwürfe waren bis auf wenige Ausnahmen genauso von dieser schleichenden Unentschlossenheit bis hin zur völligen Ignoranz gegenüber der speziellen österreichischen Geschichte in Bezug auf Erinnerungspolitik und Geschichtsrevisionismus geprägt.

Gewonnen hat schließlich der Entwurf Der Rosa Platz von Hans Kupelwieser, der in Krems für ein wesentlich interessanteres Mahnmal zur Vertreibung und Ermordung der jüdischen Bevölkerung verantwortlich zeichnet. Der Rosa Platz ist laut der Webseite von Kunst im öffentlichen Raum Wien eine „seichte (sic!), 400 m2 große Wasserfläche. Das Wasser ist rosa eingefärbt. Der Schriftzug ,QUE(E)R‘ zieht sich als Relief durch das Becken. Über die Buchstaben ist ein Queren des Beckens möglich.“ Die Farbgebung soll an den rosa Winkel erinnern und das Becken ein „Treffpunkt, Ort der Kontemplation oder ganz einfach ein angenehmes Nass für strapazierte Füße“ sein. Wie ein roter Teppich werde dieses Denkmal vor den Eingängen zum Inneren der Stadt liegen.

In der Jurybegründung heißt es, dass der Entwurf auf Grund seiner Maße Aufmerksamkeit fordere, und nicht davon ausgegangen werden kann, dass „ein programmatisches Kunstwerk wie ein Mahnmal mit jener Genauigkeit wahrgenommen wird, die seiner Absicht und dem Aussagewunsch entsprechen [und daher] ist die Qualität der Präsenz von großer Bedeutung.“ Wohl scheint wieder einmal der Grundsatz „Size Matters“ bewiesen, denn sonst würde dieses Denkmal in seiner Bedeutungsleere verschwinden. Wer bitte assoziiert – von denen, die diesen Begriff überhaupt kennen – „queer“ mit der Verfolgung von Lesben, Schwulen und Transgenders? Die Farbe Rosa war die Modefarbe der letzten Saison und stellt von sich aus auch keinen Bezug her – ein dreieckiges Becken hätte vielleicht wenigstens so getan als ob. Die „Innovation“ des Schriftzuges, nämlich durch das Setzen von Klammern auch eine „Querele“ aufkommen zu lassen, grenzt an eine Banalität, die bei mir nur Erstaunen hervorruft. Na ja, die Kinder werden sich freuen, wenn es im Sommer wieder mal richtig heiß ist, für den Winter werden dann die Eislaufschuhe eingepackt.

1 An dieser Stelle die Anmerkung, dass Lesben im Verhältnis zu Schwulen weniger oft Opfer von Verfolgungen wurden, da weibliche Sexualität an sich nicht wichtig war und Lesben immer noch als potenzielle Mütter betrachtet wurden. Schwule Sexualität hingegen wurde Mitte der 30er Jahre als „regimegefährdend“ betrachtet, was 1934 mit der Ermordung des SA-Stabchefs Ernst Röhm einen ersten Höhepunkt fand.

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Marty Huber ist Dramaturgin, queere Aktivistin und Sprecherin der IG Kultur Österreich.

 
 

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