Das wirst du nie verstehen. Auf der Suche nach Filmpolitik — IG Kultur

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INHALT 03/2006

 

Das wirst du nie verstehen. Auf der Suche nach Filmpolitik

Eva Simmler

Eine Google-Suche nach „Filmpolitik Österreich“ ergibt 700 Einträge, im Vergleich dazu werden bei der Kombination „Kulturpolitik Österreich“ 251.000, bei „Wirtschaftspolitik Österreich“ 684.000 Treffer angezeigt. Allein aus diesen Zahlen lässt sich schon durchaus symptomatisch die Bedeutung oder besser gesagt die Nicht-Existenz von Filmpolitik im öffentlichen Diskurs und im politischen Alltag ablesen.

Der Begriff Filmpolitik subsumiert die Interessen von Politik am Film. Diese Begehren werden fast ausschließlich materiell, also durch Subventions- und Förderpolitik ausgedrückt und wahrgenommen. Die Frage nach Höhe und Vergabe der staatlichen Fördermittel ist genauso eine filmpolitische, wie die Genehmigung eines Multiplex-Kinos durch die Gemeinde. Nach dieser Definition müsste Filmpolitik primär als Wirtschaftspolitik, eventuell auch als Standortpolitik verstanden werden, auch wenn die zu Verfügung gestellten Budgetmittel (noch) größtenteils aus den Kulturabteilungen des Bundes und der Länder kommen. Subventionierte und ohne Auftrag hergestellte Projekte bilden allerdings nur einen sehr kleinen Anteil der gesamten Filmproduktion; um das politische Umfeld dieser Arbeiten soll es hier gehen.

Da Filme immer auch als Produkte kultureller und künstlerischer Prozesse rezipiert werden, verhandeln alle Beteiligten im Nehmen und Geben gerne soziale und ethische Werte mit. Meist bleibt es dabei bei Phrasen, ein Dialog funktioniert hier nicht wirklich, und im seltenen Fall einer stattfindenden Debatte, läuft diese ausschließlich „Unten“ – von „Oben“ ignoriert – ab.

In Publikationen und legislativen Grundlagen der Förderstellen werden Filme gerne als „kulturell wertvoll“ apostrophiert oder als wichtige Träger „kultureller Identität“ beschrieben – lauter kleine Sängerknaben. In einer (selbsternannten) Kulturnation müssen dann auch Projekte gefördert werden, die ihre Kosten nie und nimmer einspielen können – vor allem nicht in österreichischen Kinos mit ihrem beschämenden 3%-igen Marktanteil an heimischen Filmen. Der internationalen Reputation österreichischer Filme auf Festivals, die zumindest europaweit schon zu so was wie einer „Austrian Trademark“ geführt hat, folgt allerdings wenig Motivierendes und Weiterbauendes am Fördermarkt; auffällig ist vor allem aber das wiederholte Hinweisen auf die Erfolge des jungen österreichischen Films. Und genau dieses wirft auch viel Schatten, lenkt ab von neoliberalen Entwicklungen und filmpolitischen Defiziten.

Fallen

Filmförderung in Österreich basiert auf fünf Säulen: 1) Bundesfilmförderung (Österreichisches Filminstitut/ÖFI, Kunstsektion des BKA: insg. etwa 15 Mill. Euro); 2) Subventionsmittel von Ländern und Gemeinden (hier dominiert der mit annähernd 8 Mill. Euro dotierte Filmfonds Wien/FFW); 3) ORF-Gelder (Film/Fernsehabkommen, Fernsehfond: insg. etwa 13 Mill. Euro); 4) Mittel der EU (Eurimage, Media Plus: etwa 2,5 Mill. Euro); 5) Erbschaft und Selbstausbeutung. Der momentane Zustand der Filmförderung ist durch Stagnation und mangelnde Konzepte geprägt. Seit dem Jahr 2001 gibt es weder wesentliche Kürzungen, noch – angesichts der starken Entwicklung und Erfolge (zusätzliche Kino- und Verleihmaßnahmen) und der Verschiebung großer Beträge zu Filminstitutionen – notwendig gewordene Nachdotierungen oder Erhöhungen der Förderungen. Immer mehr Produktionsfirmen streiten um die knappen Subventionsmittel, wobei vor allem unabhängige, sprich selbstproduzierende Filmschaffende, das Nachsehen haben.

Es ist nahezu unmöglich, ohne Firma ein etwas größeres Filmprojekt einzureichen, auch die Förderstelle für „innovativen Film“ (BKA) muss sich vermehrt mit Ansuchen von Produktionsfirmen auseinander setzen. Diese Abteilung will (eigentlich) keine „Handlungsunkosten“, „Fertigungsgemeinkosten“ oder sonstige ProduzentInnenposten fördern, die immerhin 25-50% eines Filmbudgets ausmachen können und für die „Kreativen“ oft nur Minimalhonorare zulassen. Da die großen Förderer aber nur Langfilme unterstützen (dürfen), gerne Referenzgelder, sprich Erfolgsprämien ausbezahlen (können) und in den seltensten Fällen Debüts oder Experimentelles finanzieren, bleibt den Filmschaffenden und ihren ProduzentInnen oft gar keine Alternative als auf eine Empfehlung des Filmbeirats des BKA zu hoffen. Da gehört es schon zu den positiven Nachrichten, dass diesen Empfehlungen in der Regel auch Folge geleistet wird, wenn auch nur etwa ein Drittel der Ansuchen positiv behandelt wird.

Aber wenn dann Filme ohne eine Chance auf Beiratsempfehlung an diesem vorbei gelotst werden (100.000 Euro für einen Ausstellungsfilm), Chefsache eben, oder wenn plötzlich das hoch gefeierte Stipendienmodell (ebenfalls insgesamt 100.000 Euro) wegen Personalmangel in der Beamtenschaft auf Eis gelegt wird, dann werden diese Entwicklungen weder von der Öffentlichkeit noch von der „Szene“ wahrgenommen oder kritisiert.

Wir leben ewig

Die große Förderstelle des Bundes, das ÖFI, mit 9,6 Mill. Euro seit Jahren gleichhoch dotiert, sieht seine Aufgaben auch als Berater der Bundesregierung in der „Wahrnehmung sämtlicher filmwirtschaftlicher Interessen“ und in der „Harmonisierung der Maßnahmen auf dem Gebiet des Filmwesens“. Der 2006 vom Filminstitut erstmalig vorgelegte (gesetzlich vorgeschriebene) Filmwirtschaftsbericht „facts + figures 04“ präsentiert eben diese, viele Zahlen und Statistiken, enthält aber keine Interpretationen, Analysen, Empfehlungen oder gar Forderungen. Die österreichische Filmlandschaft wird als konventionelles Feld der Wirtschaft dargestellt und in der Einleitung wird klar gestellt, dass der eigenproduzierte Kinofilm sowieso nur etwa 10% des gesamten Filmschaffens ausmachen würde, also nur irgendwie mitläuft.

Auf diesen subventionierten Bereich werden aber in Folge die gleichen Kategorien und Maßstäbe angewandt, wie auf die restlichen 90% der Arbeiten – Fernsehproduktionen, Auftrags- oder Imagefilme. Der Verdacht liegt nahe, dass im Filmwirtschaftsbericht nicht unabsichtlich auf wesentliche kulturpolitische, weil unangenehme Fragestellungen verzichtet wurde: Welche (Erfolgs-)Kriterien können überhaupt an einen künstlerischen, unkonventionellen Film angelegt werden und welche besser nicht? Wie ist mit den tausenden prekär Beschäftigten, oft unterhalb der Armutsgrenze lebend, in diesem Arbeitssektor umzugehen? Wie kann vom größten Auftraggeber, dem ORF, eingemahnt werden, vermehrt Produktionen zu fördern (und auch auszustrahlen;-)), die seinem öffentlich-rechtlichen Auftrag entsprechen? Und: Wo sollen die immer mehr werdenden Filmschaffenden und ProduzentInnen Fördermittel lukrieren, wenn diese seit Jahren nicht aufgestockt werden? Wie können die vielen kleinen Projekte, jenseits von Kollektivvertrags- Verpflichtung und Firmenfinanzierung, in Zukunft verwirklicht werden? Wann wird die EU die österreichische Filmförderung (mit ihrer einzigartigen „cessio legis“, der automatischen Weitergabe der Verwertungsrechte an ProduzentInnen) als rechtswidrig anzeigen?

Der Schlaf der Vernunft

In den schwarz-blauen Regierungsprogrammen von 2000 und 2003 wurde von einem (und nicht über ein) „Schwerpunktprogramm für den österreichischen Film“ gesprochen, in letzterem mit dem pikanten Zusatz „im Rahmen der budgetären Möglichkeiten“: Zunächst erfolgten massive Budgetkürzungen – eine Sondermittel-Förderung wurde nicht mehr weitergeführt –, dann begann nach und nach der Zauber der Budgetbeschönigung. Durch Fernsehgebühren eingehobene Gelder, die über neu geschaffene Förderstellen (Fernsehfonds) umverteilt werden, werden plötzlich zur Filmförderung hinzugezählt und diese dann in Folge als erhöht abgefeiert. Institutionen werden gemocht und hoch subventioniert (Kremser Filmgalerie, Bergfilmfestival, Österreichisches Filmarchiv), andere wiederum gehasst und geschasst (Asifa, FilmCoop, Künstlerhauskino, Diagonale etc.).

Die Auseinandersetzungen um die Diagonale respektive „Morakonale 2004“ stellten wohl den Höhepunkt der filmpolitischen Aktivitäten des Kunststaatssekretärs Franz Morak dar und entlarvten seine Vorstellungen von Film als beliebig handelbare Ware. Die Filmszene mobilisierte sich in fast schon unheimlicher Einigkeit und schaffte es, „ihr“ Festival aus Moraks Fängen zu befreien und ein eigenes Filmfestival auf die Beine zu stellen. Dem „schwarz-blauen Hainburg“ – es wurden annähernd 400.000 Euro in den Sand gesetzt – folgen bis heute auf beiden Seiten Nachwirkungen.

Ein Effekt dieses Selbstorganisierens und erprobten, erfolgreichen Widerstands war wahrscheinlich auch die Spaltung im Verband der österreichischen Filmproduzenten im heurigen Frühjahr. Auch dort haben die vermeintlich Stärkeren, die „großen ProduzentInnen“, die immer mehr um „ihre“ Gelder zittern müssen, das Handtuch geworfen und die Bühne, den Vorstand, verlassen. Wie und ob jetzt von Seiten der „verjüngten“ und „politisierten“ AkteurInnen in Zukunft über Filmpolitik diskutiert wird, ob Diskurse transparenter und öffentlich geführt werden, bleibt noch abzuwarten. Aussendungen des Filmproduzentenverbandes, die im Zusammenhang mit Erwartungen an den neu gewählten ORF-Generaldirektor Alexander Wrabetz von „unserer kulturellen Identität“ sprechen, beweisen da allerdings nicht gerade ein hohes Maß an Reflexion oder Sensibilität.

Unsichtbare Gegner

Um die anfangs aufgezählten Säulen der Filmförderung zumindest ansatzweise zu konkretisieren, folgen hier noch kurze Bemerkungen zu den Förderstellen der europäischen Filmförderung und ihrer Bedeutung für österreichische Produktionen. Hier bestätigt sich nämlich die oben getroffene Diagnose auch auf europäischer Ebene sehr anschaulich: Filmpolitik ist fast ausschließlich Förder- und Wirtschaftspolitik. Ohne Firma, ohne Referenz und ohne kommerzielle Ausrichtung haben hier Filmprojekte so gut wie keine Chance auf Unterstützung. Besonders gerne werden so genannte „slate fundings“ finanziert, das sind Projektpakete erfolgreicher Produktionsfirmen. Neben Verleih- und Fernsehfilmförderung wurden z.B. im Jahr 2004 von Media Plus lediglich sechs österreichische Projektentwicklungen unterstützt. Strukturelle Maßnahmen, wie z.B. die Förderung von Programmkinos oder auch Verleihmaßnahmen, machen sich in Österreich nicht wirklich bemerkbar, was wohl weniger an schwachen Filmen als an den fehlenden Verleihen und Infrastrukturen liegt.

Vieles kann in diesem Text nur angerissen werden, aber eines ist hoffentlich klar: Filmpolitische Fragen und Strategien sind zu wichtig, um sie der momentanen Politik zu überlassen. Diese sollte zumindest die selbst verordneten Aufgaben durchführen (adäquate Budgetierungen, Dialogbereitschaft). Im nächsten Schritt (oder besser schon davor) müssen sich alle Beteiligten mit Taktiken gegen Elitenbildung, Abhängigkeiten, Existenzgefährdung, Kommerzialisierung, Ausschlussmechanismen usw. beschäftigen.

Eva Simmler ist Kulturarbeiterin, Filmmacherin, Notstandshilfeempfängerin und Verweigerin.

 
 

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