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INHALT 03/2006

 

god save king kong. zum hype der creative industries

raimund minichbauer

vor dem hintergrund der fortschreitenden ökonomisierung des kulturbereichs und der wachsenden bedeutung des kreativitäts-imperativs in post-fordistischen produktionszusammenhängen, haben sich „creative industries“-diskurs und -policies zu einem hype entwickelt.

so haben etwa die letzten drei eu-präsidentschaften – großbritannien, österreich und jetzt finnland – dem thema einen prominenten platz in ihrer kulturpolitischen agenda eingeräumt. eine serie von konferenzen wurde veranstaltet, die inhaltlich vor allem auf die themen urheberrechte und online-distribution ausgerichtet waren.

die (neu-)formierung kritischer gegenpositionen scheint also dringend nötig. auch für die auseinandersetzung mit dem thema im rahmen der kulturpolitischen workshopreihe des eipcp (European Institute for Progressive Cultural Policies) hatte es einen sehr konkreten anlass gegeben: unsere finnischen kolleg/innen sehen sich derzeit auf der ebene nationaler kulturpolitik mit einem neuen creative industries ansatz konfrontiert, zu dessen kernelementen etwa die schaffung eines „cultural export department“ gehört. die entwicklung scheint über die besonderen nationalen voraussetzungen hinaus auch einer allgemeineren tendenz in verschiedenen nordischen staaten zu folgen, etwa der vernetzung staatlicher arts- and business-organisationen zwischen dänemark, schweden und norwegen unter dem titel „nordic creative alliances“ bei gleichzeitiger entscheidung zur schließung des für inhaltliche transnationale kooperationen im kulturbereich sehr produktiven nordic institute for contemporary art/nifca (vgl. hansen 2005).

transnationale formierung kritischer positionen

im gemeinsam mit frame organisierten workshop, der anfang september in helsinki stattfand – u.a. mit branka curcic, monika mokre, maurizio lazzarato, angela mcrobbie, ulf wuggenig und gerald raunig –, wurden einerseits theoretische grundlagen für kritik am konzept der creative industries formuliert. die referenzen reichten dabei von adorno/horkheimers klassischer kulturindustrie-kritik aus den 40er jahren bis zu aktuellen analysen des kognitiven kapitalismus. in diesem kontext wurden verschiedene einzelaspekte näher beleuchtet: copyright-regime, eu-politik, selbstorganisation der intermittents,...

die große zahl der teilnehmer/innen beim workshop in helsinki zeigt, dass in solchen situationen im kulturbereich auch interesse an transnationalen formierungen kritischer ansätze besteht, und der workshop in helsinki war kein isoliertes einzelereignis. fast gleichzeitig fand im amsterdamer de balie eine veranstaltung mit dem titel creative class struggles, or creative precarity: on the creatives and their class consciousness statt, in deren rahmen auch ein „creative workers manifesto“ präsentiert wurde.

von 10. bis 12. november veranstaltet der kunstraum der universität lüneburg das symposion „creating effects“ (im rahmen des eipcp-projekts transform), das sich mit der ideologie und effektivität von kreativität im postfordismus beschäftigt. und nur eine woche später findet in amsterdam my creativity statt. diese von geert lovink und ned rossiter konzipierte und schon seit einigen monaten in einer mailinglist vorbereitete „convention of international creative industries researchers“ verspricht einerseits einige interessante inhaltliche weiterungen – etwa die einbeziehung der situation in china –, ist aber im gegensatz zu den zuvor genannten veranstaltungen offensichtlich nicht nur durch kritische haltungen getragen und lässt sich etwa im konzept auch sehr weit auf den ökonomistischen sprachgestus ein.

performative aspekte des diskurses

so massiv der creative industries-hype einerseits erscheint, ist er andererseits in den kulturpolitiken vieler europäischer länder – u.a. in frankreich und deutschland – offensichtlich noch nicht sehr präsent. wichtig erscheint deshalb vor allem die erarbeitung von strategien, um hier nicht zur entstehung eines „kritik-hypes“ beizutragen, der dann nicht zuletzt auch die verbreitung des affirmativen diskurses befördert.

ein ansatz könnte darin bestehen, in spezifischen teilbereichen (copyright, kreativitäts-imperativ, prekarisierung,...) klare kritische positionen (weiter) zu formulieren, mit schwerpunkt auf den gegenansätzen (copyleft / creative commons, widerstandspotential präkarisierter subjektivitäten, ...), sich in bezug auf das gesamtkonzept „creative industries“ aber direkt gegen den hype zu richten – und damit auf die ebene zu verweisen, über die dieser diskurs wesentlich funktioniert: seine performativen aspekte und die dahinterstehenden politischen machtkonstellationen.

links:

– „a critique of creative industries“, helsinki 31.8.-2.9.2006. infos zur veranstaltung: eipcp.net/projects/ecp2015ff/2006; die referate werden in der zeitschrift framework und – im jänner 2007 – auf der website des eipcp publiziert.

– „creative class struggles, or creative precarity: on the creatives and their class consciousness“, de balie, amsterdam, 3.9.2006 zum Artikel

– „creating effects“, lüneburg, 10.-12.11.2006 zur Homepage

– „my creativity“, amsterdam, 17.-18.11.2006 zur Homepage

literatur:

– tone hansen (2005): „ideologies to be constantly challenged“.

raimund minichbauer ist co-director des eipcp, lebt in wien.

 
 

Erhältlich in folgenden Buchhandlungen:

  • a.punkt, 1010 Wien
  • Walther König, 1070 MQ
  • Anna Jeller, 1040 Wien
  • Phil, 1060 Wien
  • Leporello, 1010 Wien
  • Lentos, Linz
  • Pro qm, Berlin
  • b_books, Berlin

 

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