Zum Antisemitismus und Rassismus marginalisierter Gruppen — IG Kultur

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Zum Antisemitismus und Rassismus marginalisierter Gruppen

Alexander Ari Joskowicz

Klassifiziert werden Antisemitismen meist entlang ganz bestimmter wiederkehrender Bezeichnungen: So ist die Rede von rechtsextremen, linken, muslimischen oder schlicht "neuen" Antisemitismen. Die Zuordnung von Antisemitismen findet dabei entweder in Bezug auf das Repertoire statt, aus dem die antisemitischen Motive stammen, oder – noch öfter – anhand der Großgruppen, denen der jeweilige Sprecher oder die Sprecherin entstammt. Mit dieser Klassifizierungs- und Zuordnungsweise ist jedoch eine ganz entscheidende Problematik verbunden. Ein politischer Anti-Antisemitismus, der versucht, über die Analyse des Antisemitismus globale Zusammenhänge zwischen unterschiedlichen Formen von Ausschlüssen zu beschreiben, wäre nämlich dazu aufgerufen, den Antisemitismus in Kategorien zu denken, die eine weitergehende Theoriebildung erlauben. Gerade das ist aber anhand der oben beschriebenen, oft in tagespolitischen Auseinandersetzungen entstandenen Bezeichnungen schwierig.

Daher soll es im Weiteren um eine Unterscheidung gehen, die zu den bisher erwähnten quer steht. Unterschieden werden soll zwischen dem Antisemitismus von Subjekten, die marginale oder aber hegemoniale Positionen einnehmen und die als Mitglieder marginalisierter oder hegemonialer Gruppen auftreten und wahrgenommen werden. Abgekürzt könnte also von marginalen und hegemonialen Antisemitismen gesprochen werden, die es in unterschiedlichen politischen Lagern geben kann, die auf unterschiedlichen Argumenten basieren können und die nicht auf einzelne stabile Identitätsgruppen beschränkt sind.

Bemerkenswerterweise kennen die klassischen Analysen zum Thema eine solche Unterscheidung nicht und widmen sich insbesondere dem Phänomen eines marginalen Antisemitismus kaum. Letzteres hat seinen Grund wohl unter anderem darin, dass meist der Nationalsozialismus als methodologischer Angelpunkt dient. Besonders nach 1933 waren antisemitische Massenmobilisierung, rassistische Identitätspolitik und institutionelle Machtpolitik im NS-Antisemitismus so eng verbunden, dass er den paradigmatischen Fall eines hegemonialen Antisemitismus darstellt. Nicht nur waren jene Personen und Institutionen, die Antisemitismus propagiert haben, in einer hegemonialen Position, sondern ihr Antisemitismus hat diese Position auch mit hergestellt. Die antisemitische Tradition, die über die völkische Ideologie in die NS-Programmatik einfloss, ließ sich gleichfalls in ihrer Entwicklungsgeschichte über ihre Funktion zur Durchsetzung von Interessen bestimmter hegemonialer Gruppen beschreiben – etwa einer ehemals liberalen, protestantischen Mittelschicht, die sich seit den 1870ern zunehmend durch Demokratisierung und Massenpolitik in ihrem Einfluss bedroht sah (als nur eines von vielen Erklärungsangeboten).

Dass der Fokus auf hegemonialen Antisemitismen lag und die Unterscheidung zwischen dem Antisemitismus hegemonialer und marginaler Gruppen kaum thematisiert wurde, hat allerdings noch weitere – durchaus berücksichtigenswerte – Gründe. Am schwerwiegendsten wirkte wohl das Problem, dass auch jene Antisemitismen, die zur Durchsetzung von hegemonialen Positionen dienten, argumentiert haben, dass sie für die Unterdrückten sprechen. Auch NS-Deutschland hat antisemitische Ideologie mit dem Anspruch verbunden, die vermeintlich unterdrückten deutschen Minderheiten in Osteuropa retten zu wollen. Anders herum betrachtet lässt sich somit sagen: Auch der lautstarke Eintritt für Minderheitenrechte und für Marginalisierte ist durchaus kein Grund, den Antisemitismus von politischen AkteurInnen nicht als Resultat und Strategie zur Erhaltung einer hegemonialen gesellschaftlichen Position zu sehen.

Auch wenn wir zwischen Rhetorik und wirklicher Marginalisierung des Sprechers oder der Sprecherin unterscheiden, wird eine einfache, klare Trennung zwischen Antisemitismen von Marginalisierten und von Marginalisierenden nicht gelingen. SprecherInnen werden sich meist als beides entpuppen: als Menschen, die Ausschlüssen unterliegen, und als Menschen, die andere ausschließen. Dennoch gibt es Fälle, deren Analyse es uns erlaubt, Fragen zu Marginalisierung und Ermächtigung durch rassistische oder antisemitische Abgrenzungsdiskurse besser zu formulieren – Fälle, die plausibel machen, warum es sich trotz der zuvor geäußerten Bedenken lohnt, diese Unterscheidung einzuführen.

Um hier die überhitzten Debatten der Gegenwart zu umgehen, sei das Beispiel von Katholiken im Preußen des 19. Jahrhunderts genannt. Im Gegensatz zum politischen Katholizismus der Antirepublikaner in Frankreich oder zu Luegers Christlich-Sozialen in Österreich vertrat die katholische Zentrumspartei jene, die als Katholiken in Preußen Benachteiligungen ausgesetzt sowie Opfer von anti-katholischen Kampagnen der meist protestantischen Liberalen waren. Besonders der sogenannte Kulturkampf der 1870er war eine der Perioden der klarsten öffentlichen Marginalisierung, als nach der preußisch dominierten Nationalstaatsbildung das neue Kaiserreich und die Liberalen ein dezidiert protestantisches Nationalnarrativ beschworen und Katholiken als potenzielle Reichsfeinde und Modernisierungsfeinde gebrandmarkt wurden.

Gerade die 1870er waren allerdings auch von einer neuen Welle des katholischen Antisemitismus geprägt, die dem Aufstieg des politischen Antisemitismus in den frühen 1880ern vorausging – und die schließlich auch zur Aneignung rassistischer Argumentationsmuster zusätzlich zu den klassisch christlichen Motiven in katholischen Zeitschriften wie der Germania führten. Da Rassismen und Antisemitismen marginalisierter Gruppen per Definition unter Bedingungen eines zumindest teilweisen Ausschlusses von Rechten und Möglichkeiten stattfinden, sind sie nicht nur Versuche der Ermächtigung, sondern letztlich auch eine Interpretation der eigenen Marginalisierung. So stellt sich die Frage, ob der katholische Antisemitismus nicht genau in diesem Zusammenhang von Marginalisierung und Ermächtigung gelesen werden muss. Inwiefern wurden hier Inklusionsansprüche über den Ausschluss einer anderen Minderheit artikuliert?

Ähnliche Fragen zum Antisemitismus von marginalisierten Gruppen ließen sich auch in Bezug auf die Gegenwart stellen. Inwiefern sind die Antisemitismen von muslimischen MigrantInnen in Frankreich als Ermächtigung zu sehen? Welche neuen Handlungsspielräume bieten sich rechtsextremen Jugendlichen in Sachsen, wenn sie antisemitische Handlungen setzen? Besonders interessant sind auch Fälle, in denen es – wie im erwähnten Fall des zunehmend rassistisch argumentierenden katholischen Antisemitismus in Preußen – eine enge Verbindung von marginalen und hegemonialen Antisemitismen gibt. Wieder im Kontext der heutigen Debatten gefragt: Wie wäre der Zusammenhang zwischen dem Antisemitismus muslimischer Jugendlicher in den Banlieues französischer Großstädte und den antisemitischen Traditionen hegemonialer Gruppen zu verstehen?

Ein politischer Antirassismus und Anti-Antisemitismus müsste die Verbindung dieser unterschiedlichen Ausschlussmechanismen theoretisieren, einerseits um ebendiese marginalisierten Antisemitismen zu bekämpfen, aber andererseits auch, weil hier der neuere, linke Antisemitismus seine Energien bezieht. Entscheidend für ein Verständnis des Antisemitismus von west-europäischen linken Gruppen heute, sowie einer Vielzahl anderer politischer Richtungen in historischer Betrachtung, ist die Legitimation, die der Antisemitismus von hegemonialen politischen AkteurInnen durch den Antisemitismus marginalisierter Gruppen erhalten kann. Während Antisemitismus unabhängig davon, ob er eine Strategie der Interessendurchsetzung von Marginalisierten oder von Marginalisierenden ist, abgelehnt werden muss, gibt es, rein deskriptiv gesehen, dennoch in der politischen Arena eine Tendenz dazu, Ersterem eine höhere Legitimität zuzuschreiben. Eine solche Dynamik wird etwa an der Art und Weise sichtbar, wie Heinrich von Treitschke in seinen berüchtigten Artikeln in den Preußischen Jahrbüchern 1879/80 seine antisemitischen Einstellungen als Meinung des Volkes vortrug und seine eigenen Positionen so legitimierte.

Auch die marginalisierten Katholiken der 1870er haben für Mitglieder des post-liberalen, protestantischen Bürgertums als Motivation und Legitimation des neuen Antisemitismus der 1880er hergehalten. Zentraler Vorwurf von Seiten der katholischen Presse bereits in den 1870ern war es, dass eigentlich Juden hinter dem liberalen Antikatholizismus und der neuen Religionsgesetzgebung standen. Juden hätten also durch konfessionelle Politik die Spaltung der Nation betrieben. Gerade diese Vorwürfe wurden auch vom damals neuen politischen Antisemitismus aufgegriffen – wie etwa ein Blick auf die Titel von Otto Glagaus antisemitischem Schlüsselwerk Des Reiches Noth und der neue Culturkampf (1879) oder seiner Zeitschrift Der Kulturkämpfer (1880-88) illustriert, in denen der Antisemitismus als neuer, diesmal gegen die wahren Feinde Deutschlands gerichteter Kulturkampf propagiert wurde. So erwies sich der kritische Diskurs zum anti-katholischen Kulturkampf als ein wichtiger Stichwortgeber für den politischen Antisemitismus.

Antisemitismus findet sich auch heute gerade bei jenen Linken, die, ähnlich wie die protestantischen Post-Liberalen des späten 19. Jahrhunderts, den Antisemitismus von marginalisierten Gruppen als weniger verurteilenswert verstehen – und zwar primär dann, wenn die marginalen AntisemitInnen selbst einem rassistischen Ausschluss unterliegen. Es geht hier also um jene Positionen, die den Antisemitismus von muslimischen MigrantInnen und ihren Kindern in Frankreich als legitimer darstellen als denjenigen rechtsextremer Jugendlicher in den deutschen "neuen Bundesländern". Ebenso problematisch sind jene eigentlich hegemonialen europäischen Gruppen, die ihren eigenen Antisemitismus über den Antisemitismus von Opfern israelischer Besatzungspolitik legitimieren. Auch viele Linke laufen so Gefahr, ähnlich dem Antisemitismus der Post-Liberalen im Preußen des 19. Jahrhunderts, sich die Rhetorik der Ermächtigung von marginalisierten Gruppen anzueignen, um einen letztlich hegemonialen Antisemitismus zu unterstützen.

Sowohl aus einer Position, die identitätspolitischen Projekten von marginalisierten Gruppen positiv gegenüberseht, als auch von einem eher universalistischen Emanzipationsdenken her stellen diese Antisemitismen und Rassismen der Marginalisierten eine Herausforderung dar. Der Versuch von Menschen, ihre Marginalisierung durch Antisemitismus oder Rassismus zu überwinden oder zu thematisieren, passt schlecht zu einem romantischen Bild emanzipatorischer Kämpfe. Gefragt wäre auch gar kein Patentrezept zum Umgang mit dem Antisemitismus marginalisierter Gruppen: Es wird nicht eine einzige Form von Kritik gegen marginale Antisemitismen geben, da es eine einzige, typische Art von rassistischer Ermächtigungsstrategie genauso wenig gibt wie eine einzige, typische Art der Marginalisierung. Vielmehr bedarf es einer Sprache zur Beschreibung von Antisemitismen und Rassismen von Marginalisierten – ebenso wie von emanzipatorischen Bewegungen, die sich an diesen Marginalisierungen abarbeiten –, einer Sprache, die diese weder legitimiert noch sich jeglicher analytischen Schärfe durch ein rein moralisches Entlarven beraubt. Ein politischer Anti-Antisemitismus, der gerade auch auf linke Antisemitismen reagieren will, stünde vor der Aufgabe, marginale Antisemitismen und seine Verteidiger zu bekämpfen, ohne zu vergessen, zugleich in einer anderen Form andere Marginalisierungen anzusprechen.


Alexander Ari Joskowicz promoviert in Geschichte und Jewish Studies an der University of Chicago und ist momentan Lady Davis Fellow an der Hebrew University, Jerusalem.

 
 

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