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Kulturrisse Ausgaben 03/2005 Kulturpolitiken Die Ausstellung als Ort der Macht. "Österreich ist frei" auf der Schallaburg
 

Die Ausstellung als Ort der Macht. "Österreich ist frei" auf der Schallaburg

Ljubomir Bratic

"Ausstellungen" und "Ausstellen" haben damit zu tun, dass bestimmte Körper, Reden und Dinge von einer Stelle – ihrer gewöhnlichen Stelle, aus ihrer Alltäglichkeit, aus ihrer Stellung des Wildern-Könnens, von dort, wo sie sich befinden, bevor sie ausgestellt werden – weggenommen, weggeworfen oder entwendet werden und an einem neuen Ort – in eine neue Semantik und Ordnung – eingesetzt bzw. dorthin gestellt werden. Dabei ist in diesem Prozess nichts zufällig. Somit haben wir es in jeder Ausstellung gleichzeitig mit einer Fortführung des Diskurses und, damit verbunden, auch mit einer Fort-, Neu-, Um- oder Entdiskursivierung der Körper, Reden und Dinge zu tun. Gleichzeitig wird durch die Platzierung dieses so entworfenen Raumes ein neuer Ort entworfen. Normtechnisch ist die Ausstellung ein Ort, wo nur bestimmte Themen in bestimmter Reihenfolge ihre Artikulation finden. Somit ist jede Ausstellung auch ein Ort des Wissens, ein Ort, wo gemeinsam Wissen angeeignet und somit verallgemeinert wird, ein Ort zur mentalen Strukturierung der BesucherInnen. Nichts ist zufällig. Hinter jeder Entscheidung steht – auch wenn die GestalterInnen sich vielleicht nicht so bewusst sind, was sie tun – eine Möglichkeit, diese und keine andere Entscheidung zu treffen. Und diese Möglichkeit markiert eine Machtposition.

Was passiert aber, wenn im österreichischen Staat ein Jubilieren ausbricht und gleichzeitig der Bundeskanzler einen Historiker als Freund hat? Der Freund wird mit einer Ausstellung zu einem der Jubiläumsthemen beauftragt. Das ist nichts Seltenes und nichts spezifisch Österreichisches, und letzten Endes trägt es kaum zur Klärung des Sinns der Ausstellung bei. Es gehört aber zu den Vorbedingungen für die Beantwortung der Frage, wer heute eine Ausstellung machen kann und wer das in der Geschichte auch gemacht hat.

Erinnern wir uns ein wenig zurück: Die Museen sind, trotz der Bemühungen ihrer dicken Gemäuer, Ewigkeit zu symbolisieren, nicht so alt. Entstanden sind sie während der französischen Revolution, und zwar aus dem Wunsch heraus, die Beute dem Volk zurückzugeben. Die Beute wird enteignet, und als solche wird sie zum Bestandteil des Reichtums aller. Dieser Wunsch war ein Aspekt eines politischen Prozesses, und kaum wurde das politische Moment in Verwaltung überführt, änderte sich auch der Charakter der revolutionären Neuerung. Nicht mehr ein Komitee entschied darüber, was in einem Museum und in der Ausstellung als dessen dem Volk zugänglicher Teil vorkommen sollte, sondern ein Direktor. Und mehr noch: Dieser wurde gleich mitgeführt, um die Beute an Ort und Stelle, z.B. in Ägypten, auszusuchen und abzutransportieren. Und Napoleon vermählte sich im Louvre, genauso wie der heutige österreichische Kunststaatssekretär seine Geburtstagsparty im Kunsthistorischen Museum feiern darf. Das Museum und die Ausstellung wurden zu Orten der Macht, und diese Tradition ist diejenige, innerhalb derer auch wir uns befinden. Das gilt für alle offiziellen, seitens der Verwaltung bezahlten Ausstellungen und somit auch für die Ausstellung "Österreich ist frei" auf der Schallaburg.

Als Orte der Macht befolgen alle diese Ausstellungen gewisse Gesetzmäßigkeiten. Zum Beispiel die, dass es eine bestimmte Reihenfolge der Themen geben muss. Diese Themen haben mit den AuftraggeberInnen zu tun, und sie haben mit der Erzählung zu tun, die diese AuftraggeberInnen uns, den ZuschauerInnen, dem Publikum und letzten Endes – politisch ausgedrückt – dem Volk in die Zukunft sozusagen mitgeben will; damit, welches Wissen für unsere weiteren Handlungen konstitutiv sein soll. Und die Themen setzen sich zusammen, indem viele andere ausgeschlossen und verborgen werden.

Nun erzählt uns die Ausstellung auf der Schallaburg eine Geschichte von einem Erfolg. Dieser Erfolg beginnt mit einem am Eingang platzierten, in Menschengröße dargestellten, österreichischen Wehrmachtssoldaten und endet mit einer viel größeren Wandfotographie von den Staatsvertragunterzeichnern (keine -Innen unter den Herren) am berühmten Balkon. Der kleine Wehrmachtssoldat hat sich somit in das große Bildnis der Repräsentation verwandelt. Könnte es sein, dass er damit auch sein Ziel erreicht hat, dass diese zwei Bilder der Anfang und das Ende einer Erfolgsgeschichte sind? Ich z.B. kann nach dieser Ausstellung die dortige Reihenfolge so lesen und es deutet einiges darauf hin, dass dies auch die Intention der VeranstalterInnen war.

Der Sündenfall des Einzelnen (auch wenn es eine halbe Million Einzelne waren) hat sich durch das richtige Handeln des Kollektivs zum Positiven gewandelt. Darum werden in der Ausstellung nicht die Gräueltaten dieser österreichischen Wehrmachtssoldaten an der "Ostfront", besonders in Jugoslawien, erwähnt. Und darum darf auch die Beraubung von Hunderttausenden von Menschen nicht das Thema solcher Ausstellungen werden. Weil eben solche Handlungsweisen kollektiver sind. Die Mobilisierung in einer Armee gehört genauso zu einem Kollektiv und seiner Willensbildung wie die Beraubung eines Teils der BürgerInnen. Solche Aktivitäten können ohne ein kollektives Einverständnis nicht durchgeführt werden.

Aber fangen wir am Anfang an: Alles beginnt mit einem Sündenfall des dort in Lebensgröße dargestellten einzelnen Soldaten. Er ist gezwungen, Schützengräben zu graben, er ist gezwungen zu kämpfen, und schon sehr bald wird er ein Teil des Volkes sein, das unter den "Besatzern" leidet. Natürlich ist es dabei nicht gleich, unter welchem "Besatzer". Das Volk – so der Grundtenor dieses staatlich inszenierten Wissens – und auch einzelne ausgesuchte Individuen leiden z.B. unter der sowjetischen Armee sehr stark. Die "Russen" – die vergewaltigen ("unsere Frauen") und plündern ("österreichische Betriebe" unter dem Decknamen "deutsches Eigentum"). Eine/die heldenhafte Frau, die - "weil sie natürlich aus patriotischen Gründen", wie die Ausstellungsvermittlerin es ausdrückt - den Wert des zu expropriierenden Gutes nicht richtig einschätzte, wurde 1948 verhaftet und in Moskau zu 25 Jahren "Sibirien" verurteilt. Ihr gelang es, dieses Urteil anzufechten, und so reduzierte sich ihre Strafe auf zehn Jahre. 1955 ist sie nach Österreich zurückgekehrt und in dieser Ausstellung wird sie zur Heldin der Nation, zur Retterin des nationalen Vermögens stilisiert. So ist es nämlich mit dem Rechts- und Unrechtsbewusstsein in diesem Land: Wenn du für die richtige Sache unrechtmäßig handelst, kann es durchaus passieren, dass du als HeldIn in irgendeiner späteren Ausstellung auch an der Wand hängst. Die unzähligen Flüchtlinge und MigrantInnen in überfüllten Gefängnissen, für die es keine Rechte gibt, werden zumindest diesen Trost haben, dem nationalstaatlichen Verherrlichungsideologen eben nicht brauchbares Material geliefert zu haben.

Erst nach diesen Räumen des Hinzeigens auf die Erniedrigung des Einzelnen als Teil des Volkes kommt eigentlich der Grund, warum das passiert ist. Vorher waren einfach die "Vier im Jeep", die Österreich "besetzen", und das leidende Volk der Grundtenor. Nun wird in einer kleinen Kammer auch darüber erzählt, dass es hier KZs gab, dass es Gaskammern gab und dass es – das ist einer der Höhepunkte der Revision der Geschichte in dieser Ausstellung – auch einen Widerstand gab. Unter dem Titel "Widerstand" steht Folgendes geschrieben: "Tausende Österreicher müssen nach dem 'Anschluss' vor NS-Verfolgung flüchten, werden ins Exil gezwungen. Viele werden verhaftet und sterben in den Konzentrationslagern oder in Gestapo-Haft. Andere gehen in den Widerstand. Seine Formen sind vielfältig: Vom Schreiben und Verteilen von Flugblättern, Sabotieren bis zum Kampf mit der Waffe in der Hand – auch als alliierte Einheiten."

Dieser Satz versteckt vieles. Zunächst einmal verleiht seine Platzierung in einem Kontext mit den Opfern der NS-Herrschaft dieser Zeit ein merkwürdiges Gleichgewicht. Ein Gleichgewicht, das dazu dienen soll, das, was nachher kommt, z.B. von Wiedergutmachung oder von Entnazifizierung zu befreien. Wo es genauso viele von denjenigen gibt, die sich die Hände schmutzig machen und denjenigen, die dagegen ankämpfen, ist es klar, dass die Richtigen am Ende gesiegt haben. Nur leider, leider haben sie mit ein paar Flugblättchen, mit ein paar auf die Wände gekritzelten O5-Zeichen gekämpft. Diejenigen, die wirklich gegen die Nazis in diesem Staat gekämpft haben und auf die sich die Moskauer-Deklaration mit ihrer Betonung der Opferrolle Österreichs bezieht, die PartisanInnen und KommunistInnen – die "zahlenmäßig die weitaus stärkste von allen politischen Gruppen" (vgl. Felix Kreissler: Der Österreicher und seine Nation, Wien/Köln/Graz, 1984, S. 233) im Widerstand waren –, werden kaum erwähnt. Oder besser gesagt, sie werden in der Ausstellung in sehr spezifischen Kontexten platziert. Sie kommen z.B. auf den KPÖ-Plakaten bei den allerersten Nachkriegswahlen vor, und zwar in dem Satz "Die Kommunisten haben für die Befreiung die größten Opfer gebracht." Die Frage, die sich hier stellt, ist die, ob die KPÖ nicht gerade wegen dieses Satzes bei den ersten Wahlen nach 1945 so katastrophal abschnitt? Wenn man dies mit nicht stattgefundener Entnazifizierung in Verbindung bringt, dann kommen wir zu dem realen Bild der damaligen gesellschaftlichen Verhältnisse in diesem Land.

Einige Ausstellungsräume weiter werden WiderstandskämpferInnen unter dem Namen "Tito-Partisanen" wieder erwähnt und zwar in dem Satz: "Teile Kärntens einschließlich Klagenfurt werden 1945 von Tito-Partisanen besetzt, ..." Nun wie war das jetzt, war Österreich 1945 "befreit", wie das am Anfang der Ausstellung steht, oder "besetzt", wie das so in einem anderen Kontext versteckt wird? Die Ausstellung zeigt uns gerade an diesem Punkt das heutige staatspolitisch wirksame Wissen: Die einen sollen "Befreier" sein und die anderen – die jugoslawischen und auch Kärntner, also auch österreichischen (!) PartisanInnen – "Besatzer". Die einen vergewaltigen und plündern, und die anderen kommen, außer in "Die Vier im Jeep", erst als "Kulturstifter" vor.

Und mehr noch, statt dass in der Ausstellung die Beteiligung von Hunderttausenden österreichischen Soldaten am Nazi-Rassismus thematisiert wird, zum Beispiel die angestrebte Knechtschaft der "slawischen Völker", die nach der Ermordung ihrer Eliten den "germanischen Herrenmenschen" sklavenähnlich dienen sollten, behauptet die Ausstellung, dass von den 1,7 Millionen Toten in Jugoslawien eine Million im "Kamof untereinander" getötet wurde. Somit landet die Schuld für das Schlachten bei "Serben", "Kroaten", "Slowenen", "Albanern", usw. und nicht bei den nazistischen Okkupatoren. Die Letzteren haben sozusagen eher nur 700.000 Menschen umgebracht, um einiges weniger also als die – auch in diesem Zusammenhang – noch immer bestialischen Balkanvölker.

Der Gipfel des Geschichtsrevisionismus gegenüber der Sowjetunion und den sowjetischen Soldaten ist aber zur Zeit in einer anderen Ausstellung zu finden, nämlich in der in Osttirol auf der Tammerburg stattfindenden Ausstellung über Kosaken in Österreich. Hier geht es um die 25.000 Kosaken, die sich als Nazikollaborateure auf der Flucht vor der Roten Armee dort verstecken wollten. Wie der "Osttiroler Bote" am 2.6. 2005 berichtet, hat man dort "in mühevoller Kleinarbeit" 60.000 Steine gelegt: 35.000 für die damaligen BewohnerInnen Osttirols und 25.000 für die Kosaken. Somit ist auch klar, wem die Sympathie der Osttiroler Bevölkerung damals und heute gilt und gelten soll: Weder den "Befreiern" noch den "Besatzern", sondern den NazikollaborateurInnen.

Damit eröffnet sich hier für die zukünftige nationale identitätsbildende Diskursproduktion ein ausgiebiges Betätigungsfeld. Dieses aber wird schon in der Ausstellung auf der Schallaburg eröffnet, indem die Kosaken und ihr Schicksal unter der Haupttitel "Übergriffe und Plünderungen" vor allem unter dem Aspekt der Selbstmorde und Erschießungen thematisiert werden.

Die "Kulturstifter" – aus der Ausstellungssicht die "Befreier" – und deren Geheimdienste kommen später auch als diejenigen vor, die in Vereinbarung mit Franz Olah, dem ÖGB-Präsidenten, österreichweit 80 Waffenlager anlegten. Der gleiche Franz Olah, der in dem Raum, in dem es um den Generalstreik im Oktober 1950 geht, in einem Interview behauptet, dass es nicht genügt, "passiven Widerstand" zu leisten, sondern dass es "einen aktiven Widerstand" geben müsse. Nur eben nicht gegen die Nazi-Schergen, die nur fünf Jahre vor seiner heldenhaften Tat das Land beherrscht haben, sondern gegen die eigenen ArbeiterInnen. Das vergisst der seitens des jetzigen autoritär-liberalen Bundeskanzlers mit dem großen goldenen Ehrenzeichen der Republik ausgezeichnete Arbeiteraristokrat zu sagen.

Sofort nach der großen Depression der "Besatzungszeit" und dem Wiederaufbau präsentiert sich Österreich als Kulturnation. Die Bilder aus "1. April 2000" fallen einem fast zwangsläufig ein, und es muss wohl sein, dass die AusstellungsmacherInnen diesen Film vorher mehrere Male gesehen haben. Wiener Oper, Theater, Herbert Boeckl und die seitens aller Besatzungsmächte betriebene kulturelle Indoktrinierung kommen auch zur Sprache. Nach der Kultur beginnt die Zeit der Industrie, die Radios, die Traktoren, Raab und Figl (Vorbilder des jetzigen Bundeskanzlers) werden entsprechend den Bedürfnissen des heutigen Staatsapparats gewürdigt. Das anwachsende "Soziale Netz" wird einfallsreich mit einem Schnürnetz dargestellt, auf dem diverse Gesetze aufgehängt werden... Und am Ende wird – über fünf Räume hinweg – der Weg des Staatsvertrages dargestellt. Da, muss ich gestehen, bin ich aus der Geschichte ausgestiegen, weil sie mich überhaupt nicht mehr interessiert hat. Wozu ist ein Staatsvertrag eines ehemals souveränen Staates heutzutage noch gut? Wahrscheinlich eignet er sich für vieles, aber für eines sicher nicht mehr, nämlich als mystisches Dokument. So bin ich einfach durch die vier Säle spaziert, um am Ende den verdienten Kaffee zu genießen.

Damit können wir auch subsumieren, dass die Ausstellung ihr – wenn überhaupt vorhanden – aufklärerisches Ziel der Informationsvermittlung verfehlt hat. Es ist keine Ausstellung über den Staatsvertrag, sondern eine über den Kontext, wie wir heute diesen Staatsvertrag verstehen sollen. Aber vielleicht war gerade das die Intention der gemeinsamen Anstrengung des Oberverwalters in diesem Staat und seinen für die Ideologie zuständigen Kameraden: eben gerade was der Bundeskanzler schon einmal erwähnt hat, der Kampf um die Köpfe der Menschen, damit sie folgerichtig die Handlungen setzen, die von ihnen erwartet werden. Darum auch die Konstruktion des Feindes als Sowjetsoldaten und jugoslawischen / österreichischen PartisanInnen, darum auch die Hintergrundtapete der anderen Alliierten... Das alles führt uns schnurgerade in die Aufgabe der mit dem Staatsvertrag erworbenen Souveränität, nämlich in die Europäische Union. Die wird aber in der Ausstellung mit keinem Wort erwähnt.


Ljubomir Bratic ist Philosoph und Publizist, lebt in Wien.

 
 

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