Zwickmühle des Gedenkens — IG Kultur

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Zwickmühle des Gedenkens

Hito Steyerl

Kürzlich in der BBC: Touristen springen auf dem frisch eröffneten Denkmal an die Ermordung der europäischen Juden in Berlin herum. Das Monument ist bekanntlich in Form etlicher Stelen errichtet. Die Besucher springen von Stele zu Stele und scheinen viel Spaß dabei zu haben. Die Meinung der Experten: ratlos. Darf man auf einem Denkmal für die Shoah herumhüpfen? Bricht dies nicht mit dem Ernst, den das Gedenken an den Massenmord gebietet? Wirkt dieses Hüpfen andererseits nicht so harmlos, dass es schwer fällt, bösartige Motive zu unterstellen? Was heißt dieses Benehmen also, und wie soll man es bewerten?

Besonders peinlich ist der Umstand, dass nicht irgendein Monument in dieser unvorhergesehenen Weise beansprucht wird. Wozu hat man jahrelang öffentliche Diskussionen um Sinn und Zweck, über Form und Inhalt des Monuments geführt? Bis zu einem Punkt, an dem man denken sollte, dass wirklich alle möglichen Reaktionen des Publikums durchgespielt worden seien? Während Befürworter von der Bedeutung der Erinnerung und der Notwendigkeit der Erziehung sprachen, befürchteten die Gegner, dass mit dem Denkmal die Vergangenheit entsorgt werde. Das Hüpfen hat weder mit dem einen noch mit dem anderen zu tun. Es durchkreuzt die Logik des Gedenkens ebenso wie den Verdacht, dass ein solches Monument ein menschenleerer Ort staatlicher Pflichterfüllung und Berechnung sei. Der Ort scheint keineswegs menschenleer, im Gegenteil. Die Besucher tun bloß nicht das, was man von ihnen erwartet hat. Sie springen.

Was ist da los? Ganz klar. Das ist eine Übersprungshandlung – im wörtlichsten Sinne – die Kluft zwischen den einzelnen Stelen wird übersprungen. Was aber ist eine Übersprungshandlung? Das ist eine Verhaltensweise, die aus einer Konfliktsituation bei der Entscheidung zwischen zwei entgegengesetzten Instinkthandlungen entsteht. Und welche zwei Alternativen gibt es in diesem Fall? Beide erwachsen aus dem Paradigma der sogenannten "Vergangenheitsbewältigung", die nur zwei Alternativen kennt: einerseits die komplette Verdrängung, andererseits die Aussicht, den Massenmord an den Juden zu "bewältigen". Wie aber soll der "bewältigt" werden? Weder das eine noch das andere ist möglich – sowohl das Verdrängen als auch die Illusion, dass die Tat in den nächsten paar tausend Jahren "bewältigt" werden kann. Beide Alternativen charakterisieren die Aporie, in der sich die Diskussion um Gedenkstrategien befindet. Gegen das Verdrängen wird die Möglichkeit einer edukativen Aufarbeitung in Aussicht gestellt, die möglichst im Laufe eines Sonntagsspaziergangs zu erledigen sei. Das Verbrechen wird somit letztendlich bagatellisiert. Kein Wunder, dass angesichts der Unmöglichkeit der beiden Alternativen nur ein einziger Ausweg zu bestehen scheint: eine Übersprungshandlung – und die führt über die Stelen.

 
 

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