Homo Laborans. Allgemeine Gefängnisstimmung und das Leitbild der Arbeit — IG Kultur

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Kulturrisse Ausgaben 03/2004 Oppositionen Homo Laborans. Allgemeine Gefängnisstimmung und das Leitbild der Arbeit
 

Homo Laborans. Allgemeine Gefängnisstimmung und das Leitbild der Arbeit

Ramón Reichert

Ein Ort wie das Gefängnis ist eine Institution, die ein integraler Bestandteil gesellschaftlicher Herrschaft und Macht ist. Daher ist es nicht verwunderlich, wenn heute in liberaldemokratischen Gesellschaften Gefängnisse wie Konzerne geführt werden. Und mittlerweile ist in fortgeschrittenen Ökonomien eine private Gefängnisindustrie entstanden, in der die Arbeitskraft von Gefangenen mit Niedrigstlöhnen honoriert wird. Wie bereits in mehreren Studien erforscht, basiert die niedrige Arbeitslosenquote der USA, das mystifizierte “US-Jobwunder”, auf einer systematischen Kriminalisierung der Armut. Das Modell des US-amerikanischen Kapitalismus wird hinsichtlich der niedrigen Arbeitslosenquote oft von Antietatisten, welche die staatliche Regulation prinzipiell als negativ – als bürokratisch, zentralistisch, unbeweglich, antiinnovatorisch, patriarchalisch etc. – bewerten, als “Paradigma” einer effektiven Beschäftigungspolitik ausgewiesen. Doch das “US-Jobwunder” ist eng verknüpft mit der Zunahme der Staatsausgaben für Überwachungskosten, um den sozioökonomischen Antagonismus zu bewältigen. So hat sich die Zahl der Inhaftierten von 1980 bis 1996 verdreifacht. Die Steigerung der Arbeitsproduktivität ist mit einem “Niedrigstlohnprinzip” erkauft, dessen Preis soziale Exklusionen sind, flankiert von erheblichen Inhaftierungsquoten, welche die Arbeitslosenquote deutlich verzerren.

Wenn es ein Menschenbild gibt, welches das breit angelegte Projekt des Gefängnisses seit dem 16. Jahrhundert am nachhaltigsten charakterisiert, dann es ist der homo laborans, und mit ihm eine Gesellschaft, die sich in ihrem Wesen als eine Arbeitsgesellschaft versteht. Es ist vor allem eine Konstante, die das Diskursfeld des modernen Gefängnisses prägt: es ist das Leitbild der Arbeit. Die enge Anknüpfung des Gefängnisses an die wirtschaftliche Verwertung der delinquenten Arbeitskraft speist sich aus einer Traditionslinie der Arbeits- und Zuchthäuser, die in den Gesellschaften des neuzeitlichen Wirtschaftsliberalismus in England, den Niederlanden, Deutschland und Frankreich etabliert wurden. Im Gefängnissystem der Frühaufklärung wurde schließlich die moderne Arbeitsgesellschaft modelliert und das System der sozialen “Verfleißigung” (Industrialisierung) methodisch fixiert.

Demzufolge ist die ökonomische Ausbeutung von Inhaftierten keineswegs ein neuartiges Phänomen, das genuin der Sozialtechnologie der New Economy entspringen würde. Urform moderner Haftanstalten sind also Arbeits- und Zuchthäuser, die seit dem Ende des 16. Jahrhunderts in Amsterdam (1597), in Deutschland und in England (work houses) errichtet wurden. Das Gefängnis der New Economy ist folglich dem Ausbeutungssystem der Arbeitshäuser viel näher als der in der Popular Culture gehypten totalen Kontrolle der Gefangenen, etwa durch visuelle Überwachung.

Der Modellentwurf von Jeremy Benthams (1748-1832) Panopticon ist jedoch weit mehr als eine visuelle Kontrolltechnik. Der englische Philosoph konzipierte einen Rundbau aus mehrstöckig angeordneten Zellen, dessen Zentrum ein mit Fenstern versehener Überwachungsturm ist. Von der Zentrale laufen Lauschröhren in jeden Trakt. Das panoptische Prinzip dauernder Überwachung mit geringst möglichem Aufwand bildet auch heute noch die Grundstruktur für Gefängnisneubauten, wie sie etwa in der Strahlenbauform überliefert ist.

Das Panopticon fokussiert eine reibungslos funktionierende Arbeitsgesellschaft und eine Arbeitsauffassung, die sich zur Ethik und Selbsttechnologie verfestigen soll. Um den bisher nicht besiegten Widerstand gegen eine industrialisierte Gesellschaft effektiver zu bekämpfen, projektierte Bentham ein Prinzip der Regierung kalkulierender Vernunft. Der Name Panopticon verweist dabei auf eine modische Einrichtung des ausgehenden 18. Jahrhunderts: Im Panoptikum, einer alles zur Anschauung bringenden Anstalt, wurden vor allem naturwissenschaftliche Sammlungen ausgestellt. Die Raumplanung des Panopticon stellte Bentham allgemein als Modell für die Errichtung von Gefängnissen wie für Fabriken und Schulen, aber auch für Pflegeanstalten, Spitäler oder workhouses vor.

Während Polizeywissenschaftler wie etwa Heinrich Wagnitz oder John Howard die Industrialisierung der Gesellschaft vom Ansatz einer flächendeckenden inneren Organisation von Zucht- und Arbeitshäusern aus denken, entwirft Bentham ein allgemeines Modell der Regierung, das den gesamten Gesellschaftskörper umfasst und sich nicht mehr mit äußeren Regeln begnügt, sondern sich auf das Innere im Menschen konzentriert. In seiner Studie Überwachen und Strafen (1975) beschreibt Michel Foucault das neue Prinzip der Totalüberwachung im panoptischen Gefängnisbau als eine Vorform des psychologischen Labors, eine “Maschine für Experimente, zur Veränderung des Verhaltens, zur Dressur und Korrektur von Individuen. Das Panopticon funktioniert als eine Art Laboratorium der Macht. Dank seiner Beobachtungsmechanismen gewinnt es an Wirksamkeit und dringt immer tiefer in das Verhalten der Menschen ein”.

Die Lehre Benthams ist, dass die Technologie des Regierens dort am intensivsten ist, wo sie unsichtbar geworden ist, zerstreut, depersonalisiert: Jeder ist Stellvertreter der Regierung als Verantwortung gegen sich selbst. Der innere Frieden sollte nicht mehr nur äußerlich durch die Macht des Souveräns verteidigt werden, sondern von jedem einzelnen auch gegen sich selbst. Daher auch das Interesse Benthams für die Schulversuche des Sozialutopisten Robert Owen, für das Projekt, Erziehung effektiver als bisher ohne äußerliche Strafen unter Selbstbeteiligung der Zöglinge durchzusetzen.

Das panoptische Gefängnismodell wird aber erst durch ein finales Prinzip zu einem Ideal einer lebendigen Staatsmaschine: Dieses Prinzip heißt Self-Government, ein Begriff, der in der neoliberalen Doktrin umfassender Bewirtschaftung des Menschen unermüdlich gepredigt wird. Das Bentham’sche Modellsubjekt soll sich selbst als Urheber der Erziehung identifizieren und seine Bereitschaft, mehr zu arbeiten, als seinen persönlichen, intimen Willen affirmieren. Wenn nun der Wille, mehr zu arbeiten, aus uns selber kommt, dann braucht er auch nicht mehr monetär entlohnt zu werden: denn aus Arbeit ist Spaß geworden, Freude, Liebe. Das Gefängnis ist jener Ort, an dem diese Wiedererkennung täglich wiederholt werden muss, in Prozeduren persönlicher Buchführung, in Ritualen der Gewissensprüfungen: “Indirekte Methoden wirken moralisch auf den Menschen, motivieren ihn, den Gesetzen zu gehorchen, nehmen ihm die Neigungen zu Verbrechen, regieren ihn durch seine eigenen Neigungen und sein eigenes Wissen”, so Bentham in seiner Schrift Panopticon, or the Inspection House von 1791.

Sämtliche Humanwissenschaften diskutierten seit Bentham die Produktivität von Gefängnisarbeit. Die Frage war: Wie muss das Gefängnis beschaffen sein, um einen Kriminellen in einen Arbeiter zu transformieren? Hier können wir die gesellschaftspolitische Dimension des Gefängnisses erkennen: das Gefängnis als Maschine der Transformation; nach der Isolation und Observation der devianten Symptome wird ein gewalttätiges, faules und sittlich verrohtes Subjekt attestiert, das in ein angepasstes, genormtes Subjekt verwandelt werden soll – schließlich die Produktion von Subjekten für die Anforderungen der industriellen Arbeitswelt.

Es ist das Bentham’sche Modell für den sozialen Sinn der Arbeit, das sich in der US-amerikanischen Gefängniskritik der Kommunitaristen wiederfinden lässt. In ihren Debatten wird an der Gefängnisgesellschaft USA heftig Kritik geübt. Es wird argumentiert, dass repressive Systeme antiproduktiv sind, insofern sie auf die Bewirtschaftung des vom Arbeitsmarkt ausgesperrten “sozialen Kapitals” verzichten. Robert Putnam, ein vielzitierter Kommunitarier, geht etwa davon aus, dass das durch traditionelle Bindungen und Mitgliedschaften in Assoziationen angesammelte “soziale Kapital” eine wesentliche Voraussetzung für die Stabilität und Modernisierung demokratischer Strukturen schafft. Ökonomische Leistungsfähigkeit einer Region hänge daher wesentlich davon ab, wie viel “soziales Kapital” sich dort gebildet hat. Armutsdelinquenz verschwende hingegen systematisch Humanressourcen.

Als Gegenstrategie diskutiert man vom kommunitaristischen Standpunkt aus jedoch nicht monetäre Verteilungssysteme, sondern bloß ein besseres Regulativ einer allgemeinen Moralisierung der Bürger (d.h. also das Bentham-Modell einer allgemeinen “Verfleißigung”), welchem zugeschrieben wird, die Kosten von Überwachen und Strafen zu senken (siehe das Projekt “Crime Watch”, wonach jeder Bürger sich in der Rolle des potenziellen Polizisten wiedererkennen darf). Vom “Bürgersinn” erwartet sich der kommunitarische Pragmatiker Amitai Etzioni die Durchsetzung einer Atmosphäre der Sicherheit und Kontrolle. Die kommunitaristische Version der Demokratisierung des Gefängnisses lautet also: Schaffen wir eine allgemeine Gefängnisstimmung im Land. Reality-TV, Container-Gesellschaft und öffentliche Videoüberwachung unter dem Banner eines auf alle ausgedehnten Sicherheitsdispositivs zeigen an, dass in der Kontrollgesellschaft Überwachung exhibitionistisch und aktiv genossen werden soll.

Kontrollgesellschaftliche Überlegungen haben sich allerdings schon bald der akademischen Philologie der Deleuze’schen Begriffsprägung entwunden und speisen sich mittlerweile aus dem Diskurs der Kommunitaristen wie Benjamin Barber, Amitai Etzioni oder Ulrich Beck. Es sind also die Debatten der Kommunitaristen, mit denen sich der Wechsel von der Disziplinargesellschaft zur Kontrollgesellschaft vollzieht. In ihren Programmen soll das Gefängnismodell auf die gesamte Gesellschaft der New Economy ausgedehnt, die sachliche Apparatur für leidenschaftslose Repression immer mehr verfeinert und mithilfe von Überwachungstechnologien erweitert werden. Gleichzeitig wird mit der zunehmenden Privatisierung von Gefängnissen einerseits versucht, die delinquente Reservearmee an billigen Arbeitskraftrekruten zu bewahren und andererseits diese manövrierfähige Masse an Arbeitskraft einem produktiven Leistungsregime zu unterwerfen. Damit wird erneut im Gefängnis ein neues Gesellschaftsmodell manifest gemacht, nämlich jenes des gefügigen, flexiblen und Anreizen gehorchenden Arbeiters, ein Modell, das wir tagtäglich in den Massenmedien als normatives Leitbild zur Kenntnis nehmen müssen.


Ramón Reichert ist Universitätsassistent am Institut für Medien/Medientheorie der Kunstuniversität Linz. Forschungsschwerpunkte: Politische Ästhetik, Medientheorie, Populärkultur. Zuletzt Kurator von Filmfestival und Symposion “Infame Bilder. Im Kino der Kontrollgesellschaft” (Wiener Festwochen 2004).

 
 

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