Architektur und (Selbst-)Kontrolle — IG Kultur

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INHALT 03/2004

 

Architektur und (Selbst-)Kontrolle

Michael Zinganel

Panopticon for Beginners

In Stuart Gordons Film Fortress (1993) ist der konventionelle Staat durch ein privates, totalitäres Wirtschaftsimperium ersetzt, das unter anderem eine rigide Geburtenkontrolle betreibt. Beim Versuch des Helden, mit seiner schwangeren Frau rechtzeitig aus dem Land zu fliehen, weil die beiden nach dem tragischen Tod ihres ersten Kindes entgegen herrschenden Gesetzen ein zweites zeugen, werden sie gefasst. Während das weitere Schicksal der Frau bis zum finalen Happy End Autor und Regisseur keine Erwähnung mehr wert scheint, wird die Inhaftierung des Helden detailgenau geschildert: Zusammen mit anderen Straftätern wird er im vergitterten Laderaum eines riesigen Lastwagens in eine Wüste und dort in eine unterirdische Anlage gebracht, in das vermeintlich sicherste Gefängnis der Welt. Ein zentraler Liftturm führt die Häftlinge über einen kreisrunden tiefen Schacht hinunter auf eine der dreiunddreißig Ebenen, wo sie über eine automatisch aus- und einfahrbare Brücke auf eine rundum laufende Galerie treten. Von hier betreten sie ihre Zellen, die nach vorne offen und einsehbar sind: nicht etwa für patrouillierendes Wachpersonal, sondern für ferngesteuerte Videokameras, die, auf Schienen laufend, die Galerie umrunden. Nachts, wenn das Licht abgeschaltet ist, wird die offene Seite jeder Zelle von tödlichen Laserstrahlen versperrt.

Die Architektur dieses Gefängnisses ist ausschließlich seiner Funktion, der permanenten Überwachung der Häftlinge, untergeordnet. Sie wird aber durch ein noch perfideres System der Kontrolle ergänzt: “I will always be with you!”, begrüßt der Gefängnisdirektor die ankommenden Häftlinge via Videomonitor. Er wird recht behalten, denn nach der Leibesvisitation wird jedem Häftling ein Sensor gewaltsam durch den Mund implantiert, der jede Bewegung an die Überwachungszentrale überträgt. Dieser Sensor kann hören und auch die Gedanken des Häftlings lesen. Räumliche Überschreitungen, etwa der gelben oder roten Warnstreifen, die überall am Fußboden angebracht sind, Fehlverhalten und unzulässige Gedanken werden unmittelbar über diesen Sensor bestraft: Gelb bedeutet Schmerz, Rot den Tod. Je nach Grad des Deliktes verabreicht der Sensor dem Häftling unterschiedlich starke Elektroschocks – oder führt als selbst zündende Sprengkapsel dessen Tod herbei. Ein Überwachungssystem, aus dem es allem Anschein nach kein Entrinnen gibt.

Während das Verbrechen in Fortress fiktiv ist, ist das perfekte Gefängnis dem historischen Diskurs der Strafjustiz entlehnt: Es ist die technologisch hochgerüstete Version jenes Panopticon, des von Jeremy Bentham 1787 erstellten Entwurfs eines idealen Gefängnisses, das in den 1830er Jahren zum architektonischen Programm der meisten Gefängnisprojekte wurde und dessen Wirkung es nach Michel Foucault sein sollte, einen “bewussten und permanenten Sichtbarkeitszustand beim Gefangenen” zu schaffen, der “das automatische Funktionieren der Macht sicherstellt.” (Foucault 1976, 258) Die Macht wird automatisiert und entindividualisiert, die Überwachung von der Architektur übernommen. Für Foucault handelte es sich dabei aber nicht nur um ein architektonisches und optisches System der Überwachung, sondern auch “um eine politische Technologie, die man von ihrer spezifischen Nutzung ablösen kann und muss.” Das panoptische Schema lasse sich nicht nur vielseitig einsetzen: “zur Besserung von Sträflingen, (...) zur Heilung von Kranken, zur Belehrung von Schülern, zur Überwachung von Wahnsinnigen, zur Beaufsichtigung von Arbeitern” (Foucault 1976, 264), es sei auch dazu bestimmt, sich im gesamten Gesellschaftskörper auszubreiten. Im Panopticon repräsentiere sich das Prinzip der Überwachungsgesellschaft, dem alle folgen: Insassen und Wärter, Direktoren und wissenschaftliche Beobachter, medizinisches Personal, Lehrer und Voyeure.

“Jeder Käfig ist ein Theater. (...) Das volle Licht und der Blick des Aufsehers erfassen besser als das Dunkel, das auch schützte. Die Sichtbarkeit ist eine Falle. (...) Der Häftling wird gesehen, ohne selber zu sehen, er ist ein Objekt der Information, niemals Subjekt einer Kommunikation.” (Foucault 1976, 257)

Paradigmenwechsel der Kontrolle

Hier unterscheidet sich der Film von der historischen Vorgabe. In Fortress gibt es keine Einzelhaft mehr, weil sich die Gefängnisleitung auf die Allmacht der elektronischen Überwachung verlässt. Das wird sich allerdings als Fehler herausstellen, denn der Film endet mit der fiktiven Verwirklichung einer politischen Utopie: Benthams und Foucaults Thesen zum Trotz gelingt der Ausbruch – zum einen weil die Gefangenen alternative Kommunikationsstrategien entwickeln, die sich den spezifischen High-Tech-Technologien des Überwachungskomplexes entziehen, und in der Folge eine alle Rassen- und Klassengrenzen überschreitende Solidargemeinschaft bilden, und zum anderen weil der Gefängnisdirektor seinen nur allzu menschlichen Schwächen erliegt und seine Machtposition dazu missbraucht, ausgewählte Gefangene an seinem Arbeitsplatz und in seiner Dienstwohnung im obersten Stockwerk als persönliche Diener zu beschäftigen – nahe der Erdoberfläche und mit Zugang zur Computerzentrale, und ihnen letztendlich unbeabsichtigt zur Flucht verhilft.

Während des Showdowns des Films stellt sich heraus, dass selbst der Gefängnisdirektor ein Gefangener des Apparates ist: Als er den Erfolg der Flucht bemerkt, beginnt auch er an Flucht zu denken, wofür er mit Elektroschocks bestraft wird, und als er den Häftlingen über die roten Grenzlinien zu folgen versucht, wird er in die Luft gesprengt. Nicht er stellte die letzte Instanz der Macht in seinem Gefängnis dar, sondern das Computerprogramm des Rechenzentrums.

Der Science Fiction Film Fortress wurde 1993 gedreht. Er spielt im Jahre 2018. Er beansprucht eigentlich nicht viel mehr, als ein fiktives Bild der Entwicklung der westlichen Gesellschaft in der nahen Zukunft zu entwerfen: Dabei illustriert er aber nicht nur historische Utopien zur Perfektionierung des Gefängnisbaus, sondern auch aktuelle technologische Flexibilisierungs- und Optimierungstendenzen der Überwachung durch elektronische Medien, die Paul Virilio am Beispiel der Videoüberwachung oder Gilles Deleuze am Beispiel der elektronischen Fußfessel diskutierten. Dabei erweisen sich die Filmautoren als tatsächliche Kenner des französischen Diskurses: Fortress illustriert nämlich auch das zentrale Paradigma, das Deleuze zufolge den Übergang von der Disziplinargesellschaft zur Kontrollgesellschaft kennzeichnet: die zunehmende Privatisierung unserer Gesellschaft. Nicht nur das Gefängnis wird in Fortress von einer privaten Gesellschaft – der Men-Tel Corporation – geführt, sondern der ganze Staat wurde bereits durch ein privates Unternehmen ersetzt.

Die Dienstleistung des Verkaufs ist die ‚Seele‘ des Unternehmens, Gewinn sein Ziel und Marketing sein Instrument der sozialen Kontrolle, schrieb Gilles Deleuze im “Postskriptum zu den Kontrollgesellschaften” (Deleuze 1993, 260). Die gesellschaftliche Dominanz des Unternehmens wirkt sich auch auf die Entwicklung der Architektur und der Nutzung des öffentlichen Raumes aus. Die zunehmende Privatisierung der vormals öffentlichen Räume und ihre permanente Bewirtschaftung haben zu einer Segmentierung der Territorien und ihrer Kontrolle geführt.

Die Großstrukturen der Stadt ändern sich und werden zunehmend von Investoren bestimmt. Daimler Benz und Sony kaufen den Potsdamer Platz in Berlin. Einkaufszentren ersetzen die öffentlichen Boulevards. Bahnhöfe werden Unternehmen und wollen auch so geführt sein. Erste Funktion neuer Gebäudestrukturen ist es nun, Gewinn abzuwerfen. Aus Bahnhöfen werden Einkaufspassagen, aus Flughäfen Plätze mit Eventkultur, aus Produktionsstätten Erlebniswelten – in den alten Primärindustrieregionen im Ruhrgebiet ebenso wie am Erzberg in Eisenerz oder auch in der Autostadt in Wolfsburg. Das Individuum findet sich in seinem Alltag zunehmend in einem Kontinuum wechselnder Kontrollmilieus wieder.

Das Individuum ist aber diesen Kontrollmilieus keineswegs nur passiv ausgeliefert, sondern es sucht einzelne dieser Milieus auch immer wieder gezielt auf. Es definiert und artikuliert sich zunehmend über Konsum und schließt sich daher in Interessengruppen zusammen, die sich nicht mehr etwa über politische Interessen, Klassendifferenzen usf. finden, sondern über ähnliche Präferenzen bezüglich ihrer Konsumtion, die über den Zugang von Räumen und die Aneignung von Symbolen kommuniziert werden. Die ausdifferenzierten Märkte bieten daher unterschiedlichen Interessengruppen unterschiedliche Territorien als exklusive Orte der Konsumtion und Selbstinszenierung an.

Neben der Politik der Symbole ist dabei das essenzielle Regulativ, das Zugang ermöglicht oder verwehrt, ein ökonomisches. Zahlungskräftige KonsumentInnen werden bevorzugt – jene, denen unterstellt wird, den ungestörten Konsum der Zielgruppe zu beeinträchtigen, werden ferngehalten: das sind in der Regel jugendliche (männliche) Subkulturen, MigrantInnen, ärmer erscheindende Individuen oder offensichtlich Arme und vor allem Obdachlose.

Die Zeichen ökonomischer Selbst-Regulation können dabei aber auch in ihr Gegenteil umschlagen: statt des automatisiertes Ausschlusses produzieren sie dann bei den ‚Auszuschließenden’ erst recht das Begehren nach Einlass und Beteiligung am Konsum – und sei es nur am visuellen Konsum der angebotenen ‚Bilder’ oder im Insistieren auf ihrem Anspruch nach Selbst-Inszenierung. Die Tendenz zu Ein- und Ausschluss betrifft nicht nur einzelne Gebäude- oder Gebäudekomplexe wie etwa Shopping Malls, sondern auch ganze Stadtteile wie die innerstädtischen Konsumzonen, und sogar ganze Staatenverbände wie den Schengen Raum, der sich ebenso mittels Fortifizierungstechniken, elektronischer Überwachung und martialischer Sicherheitstruppen als “Festung Europa” gegen die Zuwanderung aus ärmeren Regionen zu verteidigen versucht.

Gerade transitorische Zonen des vormals ‚öffentlichen’ Verkehrs, Zonen des Übergangs, der Eingliederung Fremder, sind davon in besonderem Maße betroffen: Bahnhöfe, Flughäfen und Asylbewerberheime. Die Zugänge werden zunehmend restriktiver verwaltet, provisorische Aufenthalträume für AsylbewerberInnen werden wie (private) Gefängnisse geführt, und die ‚richtigen’ Gefängnisse samt ihren Insassen in die Heimatländer der DelinquentInnen exportiert, weil deren Aufbewahrung in diesen Niedriglohnländern dem Unternehmen Staat bei weitem günstiger kommt.

Einübungsrituale in freiwilliger Selbstkontrolle

Es erscheint auf den ersten Blick paradox, dass MigrantInnen, die sich aus unterschiedlichen Ursachen gezwungen sehen, ihr Land zu verlassen, auf ihrem Weg und während ihres Aufenthalts in den wohlhabenden Zielregionen, ähnlichen Kontrollstrukturen ausgesetzt werden, denen sich TouristInnen aus den wohlhabenden Ländern bei ihren freiwilligen Reisen in den ärmeren Süden und Osten bereitwillig unterziehen. Aber auch hier gilt: die Auseinandersetzung mit dem Fremden, den Anderen dient ausschließlich dem kontrollierten Konsum durch die Wohlhabenden – und muss daher wohl dosiert bleiben. Es ist demnach kein Zufall, dass in den westlichen, zunehmend auf Freizeit und Konsum orientierten Gesellschaften gerade in Freizeit und Urlaub die Erfahrungen von Aus- und Einschluss in unterschiedlichen Kontrollmilieus besonders eindringlich eingeübt – gewissermaßen naturalisiert – werden können: In dieser vermeintlichen Auszeit vom Alltag findet sich das Individuum nach ökonomischen Leistungsklassen in unterschiedlichen Hotelkategorien aufgeteilt wieder – womöglich sogar im umzäunten und bewachten All Inclusive Club – oder in Computer-kontrollierten Skiregionen.

Sogar Orte, die einst der Selbstdarstellung des Proletariats in seiner kargen Freizeit gedient haben, werden dieser ökonomisch bedingten Segmentierung unterzogen: Die Entwicklung von Fußballstadien offenbart den Wandel durch die zunehmende Dominanz des Unternehmens auf äußerst signifikante Weise. War das Stadion einst durch einen umlaufenden Ring an annähernd gleichwertigen Stehplätzen gekennzeichnet, so wurde das Publikum zum Sitzen gezwungen und in völlig voneinander getrennten Sektoren nach Interessengruppen aufgeteilt. Wobei Interesse sich hier nicht mehr auf den Sport an sich bezieht, sondern auf die spezifische Art der Konsumtion dieses Sports – oder seiner Nebeneffekte: Die Segmentierung zwischen Heim- und Gastmannschaft wird weiter differenziert in Bereiche für Jahreskartenbesitzer und Gelegenheitsfans, in Bereiche für Familien und für deklarierte Hooligans, in Bereiche für Bürger mit niedriger oder durchschnittlicher Konsumkraft und mehr oder weniger exklusive, teure oder extrem teure VIP-Bereiche.

Vom Konsum des Fußballspiels abgesehen, ist dabei die Motivlage vielfältig: sie reicht vom Bedarf an Prügeleien unter Hooligans der verschiedenen Mannschaften oder aller Hooligans mit der Polizei, über den Bedarf der Selbstwahrnehmung als Teil eines Kollektivs – einer imagined community, die sich im Stadion endlich inszenieren und daher als real erfahren lässt – bis hin zur sozialen Distinktion in der eigenen Firmenloge, wo versucht wird, das eigene Unternehmen vor GeschäftspartnerInnen zu repräsentieren – und dabei wie alle anderen auch bestenfalls live ins Fernsehen zu geraten.

Das Spiel und das Verhalten der Fans im Stadion sind aber heute nur mehr Vorwand und Kulisse für den eigentlichen wirtschaftlichen Zweck: für jene enormen Umsätze, die durch Fernsehrechte und fernsehgerechte Produktwerbung generiert werden können. Dennoch zieht Fußball nach wie vor die Fans auch ins reale Stadion – und diese finden wie selbstverständlich das ihnen zugewiesene Segment auf der Tribüne. Diesbezüglich sind sie als erfolgreich diszipliniert zu betrachten, als Individuen, die das System der Macht bereits inkorporiert haben. Und selbst jene, die durch inszeniertes Fehlverhalten in ihrem Sektor aufzufallen versuchen, haben eine Funktion im ökonomischen Spiel: Ihre Ausschreitungen oder Überschreitungen tragen zum nötigen Flair des Authentischen bei, an dem gewöhnliche BürgerInnen, PolitikerInnen oder Wirtschaftskapitäne aus unterschiedlichen Gründen zu partizipieren versuchen.

Tatsächlich repräsentiert das Fußballstadion in der Geschichte der Kontrolldiskurse neben dem Gefängnis aber auch das signifikanteste Beispiel panoptischer Kontrollarchitekturen, wie sie im Film Fortress so vorzüglich vorgestellt wurden. Die räumliche Struktur des Stadions garantiert eine vergleichsweise weit gehende ‚Demokratisierung’ bezüglich der passiven Teilhabe am Spiel durch die ZuseherInnen. Sie optimiert die Kanalisierung des Blickes der ZuseherInnen auf das Spielfeld, aber auch auf all die anderen BesucherInnen, und bietet dadurch der Selbst-Inszenierung der Fans die perfekte Bühne.
Gleichzeitig jedoch sind alle Fans auch ständig im Blickwinkel jener, die wiederum ihr Verhalten kontrollieren, auch wenn sie ihre ÜberwacherInnen selbst nicht sehen können. Die Stadionarchitektur optimiert die Möglichkeiten der sozialen Kontrolle, und tatsächlich wissen die Fans um ihre Beobachtbarkeit. In einem selbst produzierten Werbevideo der Münchner Polizei wird demonstriert, wie sämtliche Sektoren der Tribüne durch mehrere ferngesteuerte dreh- und schwenkbare Überwachungskameras kontrolliert werden. Unzulässiges Fehlverhalten würde demnach sofort lokalisiert werden können, Beamte würden über Funk innerhalb kürzester Zeit an den jeweiligen Standort dirigiert werden, der Missetäter ergriffen und in eine Gefängnis-Zelle unterhalb der Tribünen verfrachtet werden, wo er – so der Originalton des Videos – “das Spiel dann nur mehr akustisch zu Ende verfolgen kann”. Das Video illustriert aber auch, wie die Videoüberwachung mittlerweile vom Inneren des Stadions hinaus in den öffentlichen Raum gedrungen ist: zu den Auf- und Abgängen, in den Vorbereich des Stadions, über die Parkplätze bis hin zu den Anschlüssen an öffentliche Verkehrsmittel, wo ein anderer Raumbesitzer die Überwachung mit seinen Werkzeugen fortführt. An den Kontroll-Gates werden die Karten von denselben Karten-Lesegeräten, wie sie auch in Schigebieten Verwendung finden, geprüft – und die Körper von denselben Metalldetektoren, die uns aus Flughäfen bekannt sind, abgetastet.

Tatsächlich unterwirft die Kontrollgesellschaft das Individuum permanent einem räumlich-situativen Kontrollmodus. Das Individuum durchläuft die großen Kontrollmilieus der Gesellschaft nicht mehr allein in chronologischer Reihenfolge als Teil seiner Lebensbiografie, zuerst als Kind in der eigenen Familie, dann in der Schule, auf der Universität, beim Militär, in der Fabrik, im Krankenhaus usw., wie sie Michel Foucault vorgestellt hatte, sondern es wechselt täglich zwischen den unterschiedlichsten Kontrollmilieus. Anstelle des von Foucault beschworenen alles durchziehenden Kerkergewebes der Gesellschaft stellt sich das neue Bild als Bienenstock verschiedenster Kontrollräume der unterschiedlichen privaten Regierungen dar: “Du kannst tun, was du möchtest, aber tue es in dem dafür vorgesehenen Raum in der dafür vorgesehene Weise – das gewährt dir Sicherheit vor uns und uns Sicherheit vor dir.“ Wer das ihm zugewiesene Territorium allerdings verlässt, muss mit der ganzen Härte des staatlichen Gewaltmonopols rechnen. Die neuen Formen der Kontrolle haben die alten Formen der Disziplinierung nicht verdrängt, sondern verfeinert, flexibilisiert, ökonomisiert und dadurch umfassender gemacht: Sie beschränken sich nicht auf durch Mauern ‚geschützte’ Milieus, sondern verteilen sie – unter Einbeziehung neuer Kontrollformen und vor allem des rhetorischen Bezugs auf das ‚Gemeinwesen’ – im gesamten gesellschaftlichen Raum.

Soft Skills

Risikofaktoren müssen daher ausgeschalten werden. Das kann je nach kultureller Disposition präventive Kriege gegen das Böse nach sich ziehen – oder die dauerhafte Verwahrung gefährlicher Individuen im rechtsfreien Raum. Das kann aber auch ein vermeintlich harmloseres Antlitz zeigen: In Kulturen, in denen das massive Auftreten martialischer Sicherheitsdienste die uneingeschränkte Kauffreude der KonsumentInnen ebenso zu beeinträchtigen droht, wie die Anwesenheit von Zeichen der Armut, wird bei Vertreibung von ‚Unerwünschten’ nicht mehr ausschließlich auf körperliche Gewalt gesetzt. Die neuesten Strategien diesbezüglich hat auch bereits die Deutsche Bahn in ihr neues Werbekonzept Service, Sicherheit, Sauberkeit integriert: Auf den Bahnhöfen, die nach der Privatisierung in Profitcenter verwandelt wurden, wird zum einen die ununterbrochene Videoüberwachung offensiv in einem eigenen Videoclip beworben. Gleichzeitig lenkt die Überwachungszentrale ständig patrouillierende Reinigungstrupps, um ‚unerwünschte‘ Personen solange durch das Territorium der Bahn zu verfolgen und durch kontinuierliches Putzen an deren jeweils wechselnden Aufenthaltsorten zu belästigen, bis diese zermürbt das Areal verlassen.

Und mitunter nimmt die Gebäudetechnik selbst dem Wach- oder Putzpersonal die Aufgabe der Vertreibung ab: In Toilettenanlagen werden nicht nur spezielle Schwarzlicht-Lampen installiert, die auf der bläulich-weißen nackten Haut den Verlauf der Venen unkenntlich machen, sodass sich Junkies keinen Schuss mehr setzen können, sondern auch der Fußboden absichtlich gekühlt anstatt geheizt oder die Luftfeuchtigkeit erhöht, um einen ‚zweckfremden‘ längeren Aufenthalt – z.B. von Obdachlosen – unerträglich zu gestalten.

Die Konsum fördernde und Appetit anregende Muzak-Musik, die den Kunden Freude, Heiterkeit und Geborgenheit suggerieren soll, sodass sie beschwingt ihren Einkaufswagen voll beladen, wird – nur in den Bereichen, wo sich gerade unerwünschte Personen aufhalten – vorübergehend durch empirisch nachweisbar ‚unerträgliche‘ Musik ersetzt, bis sich der beschallte Bereich nach wenigen Minuten geleert hat. Dabei soll sich – so deutsche ExpertInnen – österreichische Volksmusik sehr bewährt haben.

Die Perfektion der Kontrolle

Die wenigen oben angeführten Beispiele für Tendenzen zur Perfektion der Kontrolle lassen sich unschwer ergänzen, erweitern, präzisieren und zu einer Indizienkette für den offensichtlich unermesslich wachsenden Markt einer auf Ein- und Ausschluss, sowie auf Kontrolle spezialisierten Industrie zusammenführen. Dieser Markt ist hoch differenziert und wird nicht nur von den direkten NutznießerInnen, üblichen Verdächtigen wie populistischen PolitikerInnen, MedienvertreterInnen, der Polizei und der Sicherheitsindustrie, durch Produktion und Reproduktion von Angst am Leben erhalten, sondern selbst von den erklärten GegnerInnen von Fortifizierung und technologischer Überwachung (Zinganel 2003). Letztere setzen in ihre Hoffnungen auf das Prinzip der sozialen Kontrolle, dem zufolge alle Individuen immer, jederzeit und an allen Orten alle anderen Individuen sehen können sollten – um aufgrund dieser Sichtbarkeit jeglichem Fehlverhalten bestenfalls permanent vorzubeugen oder Sich-fehlverhaltende durch diese Sichtbarkeit zumindest sofort identifizieren zu können.

Auf dem Markt konkurrieren daher zwei gegensätzliche Strategien der Prävention von Fehlverhalten: Die erste Strategie ist, Bauten auf die technisch bestmögliche Weise zu “befestigen”, um Individuen oder Gruppen mit identischen Interessen in für absolut gehaltener Sicherheit zu isolieren. Die Schwellen zwischen Innen und Außen werden mit Überwachungskameras und Wachpersonal gesichert, Stahlbeton und Panzerglas werden bevorzugt – das Modell einer Stadt aus Bunkerarchitekturen in segmentierten Territorien, in deren Innerem private, und zwischen denen öffentliche Sicherheitsdienste patrouillieren. Die zweite Strategie ist, in jedem Individuum einen Risikoträger zu sehen, der durch seine Sichtbarkeit gehindert werden soll, eine der geltenden Regeln zu brechen. Passive Überwachung durch vollkommene Einsehbarkeit aller Winkel, die Eliminierung aller Verstecke, die Beleuchtung des gesamten Stadtgebietes, auch unter dem Terrain: in Kellern, Tiefgaragen, U-Bahnen und dergleichen. Dieses utopische Modell der “sicheren” Stadt besteht aus Glas und Licht, der Wachdienst wird von der gesamten Bevölkerung übernommen.

Das ins Feld geführte Gegenmodell der sozialen Kontrolle beruft sich auf den diffusen Begriff einer idealisierten community, eines Gemeinwesens kleiner überschaubarer sozialer Einheiten, die allein aufgrund der Überschaubarkeit und Nähe – meist aber auch aufgrund ähnlicher Interessen (und Kaufkraft) eine Art von Solidargemeinschaft bilden. Gerade durch das Insistieren auf den anerkennenswerten Schutz ihrer einzelnen Mitglieder wird das Andere, Fremde (weniger Kaufkräftige) als Quelle der Verunsicherung oder Angst mit konstruiert. So trägt dieses vermeintliche Gegenmodell mit seiner Forderung nach Verbesserung der Möglichkeiten sozialer Kontrolle ebenso zur smarten Optimierung der Kontrollgesellschaft bei wie jener Machtapparat, von dem sich seine VertreterInnen in der Regel ausgeschlossen glauben. Das ist ein grundlegender Irrtum, denn die ‚Macht’ – so Michel Foucault – hat sich längst in uns allen eingenistet.


Literatur:

Gilles Deleuze, Postskriptum zu den Kontrollgesellschaften, in: ders., Unterhandlungen, Frankfurt a. M. 1993.

Michel Foucault, Überwachen und Strafen, Frankfurt am Main 1976.

Michael Zinganel, Real Crime. Architektur, Stadt und Verbrechen, Edition Selene, Wien 2003.


Michael Zinganel arbeitet als Architekturtheoretiker, Kurator und Künstler in Graz und Wien an Ausstellungen und Projekten über Planungsmythologien und Alltagsarchitektur. Zuletzt über die Produktivität des Verbrechens für die Entwicklung von Architektur und Stadt. Zur Zeit wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Gebäudelehre und Wohnbau an der Technischen Universität Graz.

 
 

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