re:control. Das Innsbrucker Kollektiv k.u.u.g.e.l. übt die Counter-Kontrolle — IG Kultur

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Kulturrisse Ausgaben 03/2004 Kunstpraxen re:control. Das Innsbrucker Kollektiv k.u.u.g.e.l. übt die Counter-Kontrolle
 

re:control. Das Innsbrucker Kollektiv k.u.u.g.e.l. übt die Counter-Kontrolle

Gerald Raunig

“Wir treten ein in Kontrollgesellschaften, die nicht mehr durch Internierung funktionieren, sondern durch unablässige Kontrolle und unmittelbare Kommunikation”, meinte Gilles Deleuze in einem Gespräch, das er 1990 mit Antonio Negri führte. In den insistierenden Fragen Negris an Deleuze klingt schon einiges an, was in Negris späteren und weithin populären Schriften zentrale These werden sollte: vor allem die Figur, dass gegenwärtige postfordistische Arbeitsverhältnisse nicht nur einer reaktiven Transformation des neoliberalen Kapitalismus entsprechen, dessen Antwort auf die gesellschaftlichen Verschiebungen um 1968, sondern gleichzeitig auch neue Aussichten auf Widerstand erschließen. In diesem Sinne fragt Negri Deleuze dann auch, ob nicht gerade in den verschärften Bedingungen der “höchsten Perfektion der Beherrschung” auch die Möglichkeit bestehe, dass alle Minoritäten das Wort ergreifen, ob Kommunismus nicht gerade unter den Bedingungen der Kontroll- und Kommunikationsgesellschaft weniger utopisch würde. Einer Antwort entzieht sich Deleuze – der im Übrigen im ganzen Interview dem jüngeren Kollegen geduldig die Welt erklärt – und führt aus, dass es sich nicht (nur) darum drehen könne, dass Minoritäten das Wort ergreifen. Vielmehr gehe es statt um Kommunikation gerade um “leere Zwischenräume der Nicht-Kommunikation”, “störende Unterbrechungen, um der Kontrolle zu entgehen”.

Störung und Unterbrechung sind auch Leitbegriffe verschiedener künstlerischer Strategien zwischen Kommunikationsguerilla und performativen Interventionen, die die Flüsse von Kommunikation und Kontrolle zu irritieren versuchen. Und gerade wo sich konkrete Tendenzen der allgegenwärtigen Überwachung/Kontrolle und der ununterbrochenen Kommunikation überschneiden, haben sich im letzten Jahrzehnt polit-künstlerische Praxen entwickelt, die oft auch gegen das kontrollgesellschaftliche Geflecht an Sicherheitsdiskursen und gegen die Durchsetzung von immer flächendeckenderen Überwachungsnetzen arbeiten.

Seit 1996 schon spielen etwa die Surveillance Camera Players, eine New Yorker Gruppe, die die zunehmend unkontrollierte Installierung von Überwachungskameras im öffentlichen Raum angreift, im Sichtfeld von solchen Kameras für ein Publikum von SicherheitsbeamtInnen vor den Überwachungsmonitoren ebenso wie für zufällig Vorbeikommende im realen Raum. Neben diesen theatralen Aktionen arbeitet die Gruppe mit Positionspapieren, medialer Verbreitung und ihrer Website gegen den Mythos an, dass nur diejenigen etwas gegen anonyme Überwachung hätten, die etwas zu verbergen haben. Mit performativen und diskursiven Mitteln wird nicht nur gegen die Allgegenwart der Videokameras protestiert, sondern auch die ökonomisch bedingte gegenseitige Durchdringung von privaten und öffentlichen Räumen thematisiert.

In der Fokussierung der Überwachungskameras im öffentlichen Raum bestand auch ein Kernelement des Innsbrucker Projekts re:control. Die Werkstatt des universitätsaktivistischen und theorieaffinen Kollektivs k.u.u.g.e.l. hatte 2003 potenziell alle in Innsbruck lebenden Menschen aufgefordert, Überwachungskameras in der Stadt zu fotografieren und die Bilder auf die Homepage von re:control zu posten. Damit sollten einerseits die alltäglich Überwachten zu Wachsamkeit und Kontrollkontrolle motiviert werden, andererseits im Web eine Dokumentation der Kamerastandorte in Innsbruck entstehen. Durch diesen aktivistischen Teil des Projekts wurde also nicht nur die totale Durchleuchtung des – in Privatisierung begriffenen – öffentlichen Raums problematisiert, sondern vor allem versucht, breitere Bevölkerungsgruppen zu aktivieren und Öffentlichkeit herzustellen für/gegen die Übergriffe der Überwachung. Gegen die pseudodemokratische Strategie der Transparenz (als totale Kontrolle) wurde damit eine radikaldemokratische Technik praktiziert, die populär auf den Begriff “Kontrolle der Kontrolleure” oder vielleicht besser: der Counter-Kontrolle gebracht werden könnte; einer Kontrolle allerdings aus keineswegs neutraler oder zentraler Position, sondern als Subjektivierungsweise, als Selbstermächtigung gegen die verwaschene Allianz von privaten und staatlichen Machtblöcken, die sich den öffentlichen Raum mehr und mehr zu eigen machen.

Dieses Unterfangen der Counter-Kontrolle mag angesichts der Ungleichheit der Mittel nach einer Anmaßung klingen, aber gerade darum geht es auch: um die Anmaßung, sich nicht durch ein übermächtiges System von Überwachungs- und biopolitischen Repressionsstrategien ins Bockshorn jagen zu lassen und immer neue – und noch so prekäre – Vorstöße in die Felder der herrschaftlichen Kontrolle auszuprobieren.

Während verwandte Projekte wie das geheimnisumwitterte Public-Netbase-Projekt S-77CCR mit dem slowenischen Künstler Marko Peljhan, das im Mai diesen Jahres mit der Ausstellung einer Drohne für zivilgesellschaftliche Counter-Reconnaissance am Wiener Karlsplatz sogar den Fernsehsender ATVplus einigermaßen in Verwirrung brachte, eher eine Strategie der Camouflage und Uneindeutigkeit verfolgen, bestand re:control neben der fotografischen “Überwachung” der Überwachungskameras auch aus aufklärerisch-diskursiven Teilen: einer ausgedehnten Veranstaltungsreihe mit Vorträgen, Diskussionen, Filmscreenings und Installationen, einer Ausstellung der gesammelten Materialien und schließlich dem Reader zum Projekt mit dem Titel “Bildverbot”.

Mit diesem Mix an verschiedenen Formaten der Gegeninformation hat das Kollektiv in seinem lokalen Zusammenhang versucht, “die hegemonialen diskursiven Formationen rund um den Begriff Sicherheit zu verschieben”. k.u.u.g.e.l.-Mitglied Sylvia Riedmann schreibt in ihrem Aufsatz in “Bildverbot”: “Die Überwachungspraxen sind demgemäß als materielle Manifestation des Sicherheitsdiskurses zu verstehen, der Begriff der Sicherheit als ‚leerer Signifikant’ [...] Eine politische Praxis, die dieses Wissen zu ihrer Ausgangsposition macht, ringt um die Hegemonie bei der Determinierung des Begriffs der Sicherheit.” Ob eine derartige “Neubestimmung des Sicherheitsbegriffs” im lokalen Zusammenhang der Innsbrucker Kulturinitiative dann auch tatsächlich gelungen ist, ob das Projekt diesbezüglich in relevante Größenordnungen der Breitenwirkung vorstößt, ist genauso wenig messbar wie es wenig sinnvoll ist, überhaupt nach derartig messbaren Effektivitätskriterien zu suchen. Vielleicht ist es sogar auch weniger wichtig, als die ProjektorganisatorInnen von k.u.u.g.e.l. und ihre hegemonietheoretisch ausgerichtete Interpretation das nahelegen. Es liegt in der performativen Qualität eines Projekts, das die Verschiebung eines bestimmten Diskurses zum Ziel erklärt, dass allein die Schaffung und Erweiterung von spezifischen Öffentlichkeiten in diesem Zusammenhang schon einer Erreichung dieses Ziels gleichkommt. Und durch die Vielheit der Formate, vom Versuch der Aktivierung über die Veranstaltungsreihe bis zum Buchprojekt, ist davon auszugehen, dass es sich dabei gleich um mehrere dieser spezifischen Öffentlichkeiten gehandelt hat.

“Bildverbot”, im Triton-Verlag erschienen und grafisch sehr ansprechend gelöst, beinhaltet einige Beiträge des HerausgeberInnen-Kollektivs und solche aus der Veranstaltungsreihe, sammelt jedoch auch Nachdrucke einiger Texte, die das Kollektiv als besonders wichtig für den Diskurs zur Frage der Überwachung einschätzt. So ein Vorgehen ist marketingtechnisch vermutlich nicht gerade förderlich, im konkreten Fall aber äußerst verdienstvoll, weil damit die zerstreute Gemengelage der Diskurse über Überwachungsstrategien, Sicherheit, Privatisierungsprozesse, Feminisierung der Öffentlichkeit, Biometrie, elektronische Gimmicks der Kontrollgesellschaft und anderes mehr gebündelt und in einen lockeren Zusammenhang zueinander gebracht wird.

Die Texte von Konrad Becker, Alex Galloway, Kornelia Hauser, Marion von Osten/Rachel Mader, Klaus Ronneberger, Felix Stalder u.a. entbehren nicht der Lesbarkeit und beizeiten auch eines (selbst-)ironischen Gestus, der “Pessimismus des Intellekts”, der das Buch durchzieht, hat jedoch auch etwas Totalisierendes. Einer aktuellen Mode entsprechend wollen Theorieangebote ja unter überhaupt keinen Umständen Hoffnung erwecken oder Versprechen formulieren. So scheint auch “Bildverbot” jene schlechte Gewohnheit zu durchziehen, die in den kritischen Diskursen derzeit vorherrscht: nämlich allenfalls kurz zwischendurch ein Raunen des Widerstands zu erheben, das das gänzliche Verfallen in Depression oder masochistische Haltungen unterbricht. Daher steht dann am Ende einiger Texte eine Andeutung, die die Notwendigkeit von emanzipatorischen Projekten zwar en passant behauptet, jedoch davor zurückscheut, diese weiter auszuführen. Da hatte selbst Deleuze, auch wenn er den revolutionären Eifer Negris nicht teilen wollte, noch mehr und konkreteres anzubieten:

“Der Glaube an die Welt ist das, was uns am meisten fehlt; wir haben die Welt völlig verloren, wir sind ihrer beraubt worden. An die Welt glauben, das heißt zum Beispiel, Ereignisse hervorzurufen, die der Kontrolle entgehen, auch wenn sie klein sind, oder neue Zeit-Räume in die Welt zu bringen, selbst mit kleiner Oberfläche oder reduziertem Volumen.”

Nun gut, der “Pessismus des Intellekts” findet im Fall von re:control seinen “Optimismus des Willens” eben in der Erfindung des Counter-Control-Ereignisses, im konkret aktivistischen Teil des Projekts, und hoffentlich in jeder neuen Aktion des Kollektivs, das sich jetzt neuerdings auch als Preisträger politischer Kulturarbeit abschleppen darf.

Literatur

Gilles Deleuze/ Antonio Negri, Kontrolle und Werden, in: Gilles Deleuze, Unterhandlungen, Suhrkamp 1993, S.243-253

k.u.u.g.e.l. (Hg.), Bildverbot, Triton 2003


www.notbored.org/the-scp.html
www.republicart.net/disc/artsabotage/index.htm


Gerald Raunig ist Philosoph und Kunsttheoretiker, lebt in Wien.

 
 

Erhältlich in folgenden Buchhandlungen:

  • a.punkt, 1010 Wien
  • Walther König, 1070 MQ
  • Anna Jeller, 1040 Wien
  • Phil, 1060 Wien
  • Leporello, 1010 Wien
  • Lentos, Linz
  • Pro qm, Berlin
  • b_books, Berlin

 

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