MAIZ. Wir lieben dich! — IG Kultur

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INHALT 03/2004

 

MAIZ. Wir lieben dich!

Marty Huber

Wir erweitern den Interventionsraum, politische Kulturarbeit ist die Waffe der Gegenwart. Der Gegenwart? Aber nein, ein Teil der MAIZschen Geschichte ließe sich leicht anhand ihrer kulturellen Interventionen schreiben. Seit Jahren, nicht erst seit gestern, sind es unzählige kleine und größere Nadeln im Pelz. Manche mögen Akupunktur, und andere halten sie für Scharlatanerie. Wir jedoch lieben komplementär Medizinisches, wir lieben MAIZ für Aktionen wie die interaktive Wanderausstellung MAIZ Airlines und PEEP SHOW – einmal anders. Für ihre Öffentlichkeitsarbeit zum Thema Zweite Generation (10.000 kleine Österreichlein) und Sexarbeit (Safer Sex Kampagne an einem Faschingsdienstag), ihre Kooperationen zur Arbeit an der Öffentlichkeit (Plakatserie zusammen mit KLUB 2) und ihr Werken in der KUPF und zusammen mit den Frauen von Fiftitu (Widerstand am Badestrand – Verstecktes Theater in Wels, Linz, Freistadt, Steyr), Fremde Dezibel, und nicht zu vergessen die Schaufenstergalerie. Um ihre Strukturförderung haben sie immer schon gekämpft, viele Preise haben sie gewonnen: Vom Herta Pammer Preis (KFBÖ) über den der Linzer Begegnungstage (SPÖ) 1) zum Förderpreis Politischer Kulturarbeit (IG Kultur). “Austria – We love you! Wir werden dich nie verlassen!” ließen sie anlässlich der Preisverleihung bei den Linzer Begegnungstagen auf Herzen drucken. Was für ein anderer Aufruf im Vergleich zu Christoph Schlingensiefs “Bitte liebt Österreich!” Die Erschütterung der strukturell rassistischen Kultureinheiten wie KUPF und auch der IG Kultur Österreich gehen auf ihre Kappe, sie ließen sich auch erschüttern. Nun ist nichts mehr, wie es war, wir sind kontaminiert, anthropophagisiert. “Ja, Anthropophagie. Du wirst mich jetzt schlucken.” 2)

Der Punkt – ein Beistrich

Nun ist es eine der Strategien von MAIZ, aus dem Punkt einen Beistrich zu machen, die Geschichte weiterzuschreiben, wo andere schon längst einen Punkt gemacht haben. Eine Geschichte wie die der Migration wird aber nicht nur weiter geschrieben, nein, die Geschichte selbst verändert sich. 3) Denn sie erzählen sie selbst, und es wird nicht über sie – die Migrantinnen, die Sexarbeiterinnen, die Ehefrauen – erzählt. Für diese Öffentlichkeit hat MAIZ in den letzten Jahren gesorgt, seit ihrem Bestehen haben sie Raum besetzt und die Geschichte dieser Räume in Frage gestellt. Sie haben eine Form der Öffentlichkeitsarbeit gewählt, die entgegen so manchen sozialen Einrichtungen die Betonung auf die politische Kulturarbeit legt. Eine politische Kulturarbeit, die es darauf anlegt, die sozialen Gefüge zu stören und nicht eine der “Kulturvermittlung”. Das nun von der IG Kultur ausgezeichnete Projekt, das 1999/2000 von Rubia Salgado und Erika Doucette das erste Mal durchgeführt wurde, ist eines derer, die den Interventionsraum transversal vermengen mit Aspekten der Politik, der Kultur, der Kunst und dem Sozialen.

Interventionen in die Pläne einer Stadt

Das Projekt Kartografische Eingriffe präsentiert sich als ein emanzipatorisches Konzept, das die Gegebenheiten eines Lebensraumes in Frage stellt. Das Projekt umfasst die Durchführung eines Workshops (gemeinsame praktische Arbeit und Diskussionen unter Migrantinnen), eine Präsentation (Ausstellung) und Diskursräume für das Thema “Migrantinnen im öffentlichen Raum” (Podiumsdiskussionen und Veranstaltungen) als fixe Bestandteile.

Alle diese Bestandteile beschäftigen sich mit Fragen nach Möglichkeiten und Hindernissen auf dem Weg der Partizipation, Sichtbarmachung und Grenzüberschreitungen im urbanen Raum durch Migrantinnen.

Wie erleben Migrantinnen diese Stadt? Wo halten sich Migrantinnen gerne auf? Wo fühlen sich Migrantinnen (nicht) erwünscht / willkommen? Welche sind verbotene / bedeutungsvolle Orte für Migrantinnen? Welche Orte könnten Migrantinnen theoretisch betreten? Warum betreten Migrantinnen diese Orte schließlich (nicht)? Wo(hin) werden Migrantinnen vordergründig von ÖsterreicherInnen eingeladen, willkommen geheißen, begehrt? Was gehört verändert? Was können wir gemeinsam verändern? (MAIZ Konzept Kartografische Eingriffe)

Die Sanktionierung des öffentlichen Raumes wird aktiv ins Blickfeld gezogen und in den unterschiedlichen Schritten von der Bearbeitung der Stadtpläne in den Workshops zu den Ausstellungen in Galerien und den anschließenden Diskussionen als verhandelbar etabliert. Die Zielsetzungen erörtern die oben genannten sozialen und politischen Aspekte dieser Arbeit:

· Migrationsgeschichten und Erfahrungen von Migrantinnen (dieser) Stadt in Form von neu geschriebenen Stadtplänen darzustellen, Grenzen zu ziehen, diese aufzubrechen und sie wieder neu zu definieren.

· Sich mit Möglichkeiten der Partizipation in dieser Gesellschaft auseinanderzusetzen und darüber kritisch zu reflektieren und sich anhand und direkt auf der vorhandenen Kartografie dazu zu äußern.

· Der Öffentlichkeit gegenüber die Problematiken und Themen aus der Perspektive der Migrantinnen sichtbar zu machen.

· Lebens- und Arbeitssituationen von Migrantinnen (in Österreich) zur Diskussion und in Frage zu stellen.

· Formen und Strategien der “Integration” von Migrantinnen in ihren jeweiligen Ortschaften zu diskutieren und zu visualisieren.

· Die Partizipation von Migrantinnen an gesellschafts- und kulturpolitischen Angelegenheiten der Stadt/Ortschaft zu ermöglichen.

Bisher wurden die Kartografischen Eingriffe mehrmals in Linz und jeweils einmal in Innsbruck, Steyr und London durchgeführt und in den jeweiligen Kontexten auch weiterentwickelt und angepasst.

Kunst & Können – Mögliches und Zuschreibungen

Was kann ein Projekt wie die Kartografischen Eingriffe nun für den Begriff der politischen Kulturarbeit leisten? Was sind die Tücken dieser Strategie und woraus entwickelt sie ihre Schlagkraft? Was kann dieses Projekt auch im Feld der Kunst an Verschiebungen hervorrufen?

MAIZ hat es immer auch verstanden, sich Raum einfach zu schaffen und zu nehmen. Das fing an mit dem Einzug in ein eigenes Vereinslokal 1998 und setzt sich bis zur Gründung der Schaufenstergalerie mitten in der Linzer Altstadt fort. MAIZ ist schon längst ein Eingriff in den städtischen Raum Linz geworden. Und sie beschränken sich nicht auf diesen Raum. Die Kartografischen Eingriffe ermöglichen es ihnen, auch in den Kunstraum und in Räume der Kunst einzutreten. War das Plakatprojekt Arbeit an der Öffentlichkeit noch eines zusammen mit österreichischen Künstlerinnen, so treten die Frauen, die die Einrichtung MAIZ benutzen, nun selbst ins Rampenlicht. Es zählt ihre Auseinandersetzung mit der Stadt, in der sie leben, und die kartografischen Fiktionen sind eine Ausdrucksform derselben. Die neuen Stadtpläne dienen als Visualisierung der Sehnsüchte, Wünsche und Vorstellungen an einen konkreten Lebensraum, der von sich meist doch nur behauptet, naturgemäß den Einheimischen zu gehören. Diese Natürlichkeit wird durch die Besetzungen verschiedener Räume – jenen der Stadtpläne wie auch den der Galerien – gestört und durchlöchert.

Die Kartografischen Eingriffe haben neben der Anerkennung auch kritische Stimmen von verschiedenen Seiten hervorgerufen. Interessanterweise haben sich diese kritischen Stimmen am wenigsten auf die Bearbeitung der Stadtpläne bezogen, sondern meist die Ausstellungen in den Kunstzusammenhängen kritisiert. Zum einen löste die abschließende öffentliche Präsentation bei den Workshopteilnehmerinnen oftmals Stress aus, in den für sie meist ungewohnten Kontexten nicht bestehen zu können, und zum anderen sahen sich oftmals so genannte Kunstversierte in der Lage, die Arbeiten der Migrantinnen als “künstlerisch uninteressant” zu benennen. Für die Workshopteilnehmerinnen erweist sich jedoch meist mit der Eröffnung der Ausstellung eine Gelegenheit, die öffentliche Anerkennung der Arbeit als Selbstermächtigung zu erleben.

Aber geht es in diesem Fall überhaupt um Kunst, oder handelt es sich nicht vielmehr um eine Penetration des Kunstraumes? Ist nicht vieles einfach Kunst, weil es in einem dieser Räume hängt, oder steht? Wenn Austin mit seiner Sprechakttheorie recht hat und Äußerungen nur einen Effekt haben können, wenn sie im richtigen Kontext getätigt werden, dann kann ich MAIZ nur gratulieren. Denn dann haben sie sich mit ihrer Strategie den Kontext Kunst so weit angeeignet, um auch in anderen Sphären außerhalb des Sozialen gehört zu werden. Und vielleicht reicht die gut gesetzte Behauptung, und die Frage, ob das denn Kunst sei, rückt in den Hintergrund, denn MAIZ hat uns schon längst auf einen anderen Pfad geführt. Nämlich den einer zutiefst politischen Frage nach Bewegungsfreiheit, denn die Festung Europa hat auch nach innen kein Ende.

Gleiche Privilegien für alle!

Ich weiß nicht, wie viele herkömmliche Kampagnen sie für die derzeitige Aufmerksamkeit und Publizität gebraucht hätten, der Weg über den bewusst nicht folkloristischen Kultur- und Kunstraum hat es ihnen sicherlich vielerorts nicht gerade erleichtert. Selbstbewusst gehen sie aber den Weg der Konfrontation weiter, dieser Weg führt auch immer wieder entlang der Zusammenarbeit mit österreichischen Künstlerinnen. Mit ihrem Kooperationsprojekt Gleiche Privilegien für alle haben sie ihre Schaufenstergalerie belebt und auch massive Reaktionen hervorgerufen. 4) Mit ihrem neuesten Projekt Die Strategien der Eindringlinge werden sie ihre Arbeit im Kulturbereich gemeinsam mit Teilnehmerinnen evaluieren. Wir können schon gespannt sein, welche Schlüsse sie für neue Strategien der Eindringlinge ziehen werden.


Anmerkungen

1) Ich danke Erika Doucette für ihre zahlreichen Hinweise und die zur Verfügungstellung ihrer Materialien und ihres Wissens. S.a. Doucette, Erika: Kulturarbeit von Migrantinnen in Österreich. Universität Wien: Diplomarbeit, 2001

2) Salgado, Rubia: Anthropophagie und Akkulturation: eine Begegnung beim Ficken. In: Der Apfel. Rundbrief des Österreichischen Frauenforums Feministische Theologie. Nr. 55, S. 12

3) Salgado, Rubia: Aus dem Punkt wollen wir einen Beistrich machen, ebd. S. 14-16

4) Eine Mitarbeiterin von MAIZ wurde von einer älteren Frau geohrfeigt. Diese hatte sich über die Forderung nach gleichen Privilegien derart aufgeregt, dass sie das Vereinslokal stürmte und nach erteilter Ohrfeige davon rannte.


Marty Huber ist Performancetheoretikerin, freie Dramaturgin sowie queere Aktivistin im Rosa Lila Tip.

 
 

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  • Walther König, 1070 MQ
  • Anna Jeller, 1040 Wien
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  • Lentos, Linz
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