Die Linzer Livingstones. Überlegungen zum zweiten Austrian Social Forum — IG Kultur

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INHALT 03/2004

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Kulturrisse Ausgaben 03/2004 Kulturpolitiken Die Linzer Livingstones. Überlegungen zum zweiten Austrian Social Forum
 

Die Linzer Livingstones. Überlegungen zum zweiten Austrian Social Forum

Ljubomir Bratic

Ich schreibe diesen Text nicht, um die Idee der Sozialforen als solche zu hinterfragen. Die Frage der Organisation der neuen politischen Bewegungen wird uns allerdings noch längere Zeit quälen, und diese Frage ist auch für die Sozialforen eine zentrale. Hier will ich nur auf ein paar besondere Blüten innerhalb des Austrian Social Forum (ASF) hinweisen. Dabei soll nicht verschwiegen werden, dass eine Menge guter Leute beim ASF eine Menge unbezahlte Arbeit geleistet hat, und ich will hier ihre (und auch meine) Sache nicht schlecht machen. Ich schreibe über bestimmte hartnäckige, mir nicht geheure Erscheinungen in diesem Raum. Die zweite Frage, die ich anschneide, ist die der Politik: Inwiefern können die Sozialforen, besonders das ASF, als politische Räume begriffen werden.

Ich beginne mit zwei Geschichten. Die erste bezieht sich auf das Demo-Transparent “Ein anderes Österreich in ein soziales Europa”, das offensichtlich den gesamten Diskurs des ASF immer wieder zu repräsentieren beansprucht. Die Geschichte dieses Transparentes beginnt damit, dass es um die 500 AktivistInnen aus Österreich im November 2002 beim ersten Europäischen Sozialforum in Florenz vor sich hergetragen haben. Das Transparent wurde nach Österreich zurückgebracht und tauchte wieder auf bei den ersten Nachbesprechungen von Florenz, in denen auch entschieden wurde, ein Sozialforum in Österreich zu organisieren. Nachdem aber der nationalistische und eurozentrische Inhalt von einigen AktivistInnen kritisiert wurde, verschwand das Transparent und spielte im Jahr 2003 in Hallein beim ersten Austrian Social Forum keine Rolle. Es tauchte wieder auf in Paris beim zweiten Europäischen Sozialforum, und zwar als Bestandteil einer höchst pathetischen Geste der Übergabe seitens der OrganisatorInnen des Halleiner Sozialforums an die des Linzer Sozialforums. Das ganze spielte sich im Foyer eines Hauses ab, in Anwesenheit von mehr als hundert AktivistInnen aus Österreich (“ÖsterreicherInnen”, wie es damals hieß), kurz vor der großen Demonstration, an der über 50.000 Menschen teilnahmen. Und schließlich taucht das Transparent heuer auf Seite 19 der Programmbroschüre des ASF in Linz wieder auf.

Es war mir aufgrund der dezentralen Raumaufteilung beim Linzer ASF nicht möglich festzustellen, ob dieses Transparent auch irgendwo hing. Als außenstehender Beobachter des Wegs dieses Stoffstücks kann ich nur ein offensichtlich argumentationsloses Beharren trotz aller Kritik an seinem Inhalt feststellen. Wobei ich mir dieses Beharren keineswegs als Faszination für die ästhetische Dimension des Stücks erklären kann, sondern allein dadurch, dass es offensichtlich eine Neigung einiger Menschen im organisatorischen Kern des ASF dafür gibt, die Ideen des Nationalismus und Eurozentrismus auch mittels eines solchen Beharrens auf Symbole (aber nicht nur auf diesen) weiter zu transportieren.

Zweite Geschichte: Die Ästhetik der zwei Plakate für das ASF 2003 und 2004 ist auch etwas, das mir aufgefallen ist. Während das Plakat des ersten ASF in Hallein ein Produktionsverhältnis und ausgehend davon eine Montage der Teile, der Konstruktion, andeutet, stellt das zweite, heurige Plakat eine New-Age-artige Löwenzahnwelt dar, voll mit Samen, die an Fallschirmen ins All geblasen werden und die Welt zurücklassen. Wobei sich zwangsläufig die Frage aufdrängt: Wohin fliegen diese Teile? In den Kosmos, ist die naheliegende Antwort. Allerdings ist die Forderung des ASF nicht “Ein anderer Kosmos ist möglich”, sondern sie bezieht sich allein auf die Welt. Dabei ist aber noch zu sagen, dass dieses Plakatsujet allein den Linzer OrganisatorInnen zuzuschreiben ist. Nachdem die VOEST als ehemalige Hermann-Göring-Werke und die Nibelungenbrücke als Bildinhalte der Plakate abgelehnt wurden, drängte die Zeit, und so bekamen die OrganisatorInnen aus Linz freie Hand. So entstand die Linzer Löwenzahnwelt.

Bezüglich der Reflexion über Bewegungsfragen gibt es zwei Möglichkeiten: Die erste ist langfristig strategisch und die zweite ist taktisch kurzfristig. Über das ASF können wir nur in taktischer Hinsicht nachdenken; wobei ich nicht sicher bin, ob sich diese Taktik in eine Strategie der “Veränderung der Welt” einfügt. Eher nicht, wenn wir die beharrlich nationalistisch-eurozentrische Hauptparole des ASF betrachten.

Wir können die Frage auch anders stellen und nach dem Subjekt fragen, das da eine politische Handlung inszeniert. Nun gibt es meiner Meinung nach kein ASF als politisches Subjekt. Das ASF versteht sich als “Raum” und als “größte gemeinsame Vielfalt” und nicht als politisches Subjekt, das eine Dauerhaftigkeit und - noch wichtiger - politische Schlagfertigkeit nachweisen kann. Insofern, als allen zur Verfügung stehender Raum, ist das ASF abhängig von den Machtverhältnissen, also von den TeilnehmerInnen (meistens Gruppen), die die Ressourcen haben, eine solche Inszenierung der Vielfalt zustande zu bringen. Heuer haben z.B. die Gewerkschaften ihre abwartende Haltung vom letzten Jahr in Hallein aufgegeben und sind als OrganisatorInnen und Financiers aufgetreten. Das hat zur Glanzbroschüre, aber auch zu unreflektierten Fotosujets (Kinder mit verschiedenen Hautfarben) geführt.

Hinzuzufügen ist noch, dass beim ASF in Linz auch zum ersten Mal eines der zentralen Prinzipien der Sozialforen umschifft wurde, das besagt, dass es keine SprecherInnenposition geben darf. Diese Position wurde vom Koordinator der Linzer Veranstaltung einfach für sich beansprucht. Wobei er diese Sprecherposition mainstreamtauglich einfädelte, indem er im Programm als einziger persönlich mit Dank an seine Familie und mit seinem Lebensmotto, einem Spruch von David Livingstone erschien: “Ich gehe überall hin, Hauptsache es geht vorwärts”. Dies führte dazu, dass er seitens des Medien-Mainstreams als Sprecher wahrgenommen wurde und auch dazu, dass seine Themen (die auch diejenigen der Gewerkschaft sind) in den Beiträgen der Mainstreammedien über das ASF (etwa im Ö1 Mittagsjournal oder im Standard) dominierten.

Eröffnet wurde das ASF vom Linzer Bischof, der, bei aller Ehrerbietung, die einige Menschen seiner Person entgegenbringen, ein Teil des Herrschaftssystems ist. Während den Demonstrationen zur “Steuereintreibung” redete sowohl der Präsident der oberösterreichischen Arbeiterkammer (SPÖ) als auch Rudi Anschober von den Grünen (die gerade mit der ÖVP die Regierung in Oberösterreich bilden), also diejenigen, die das Herrschaftssystem außerhalb des ASF strukturieren. Sie traten als BotschafterInnen des ASF (nach innen und nach außen) auf. Claudia von Werlhof dagegen, die als Frauensprecherin auftrat, wurde das Mikrofon aus der Hand gerissen. Die migrantischen Aktivistinnen von MAIZ mussten um den Raum für ihre Performance kämpfen.

Diese Situation, die sich schon im Vorfeld abzeichnete, führte dazu, dass die einzigen politischen Subjekte, Frauen und MigrantInnen (die anderen konnten nicht angesprochen werden oder haben sich im Vorfeld distanziert), sich beim ASF zurückzogen und einen eigenen, abgesonderten Raum bildeten. Die Absonderung hat ihren Preis, und der besteht in der Teilung oder besser Bestätigung der offiziellen Teilung des migrantischen Körpers, und zwar nicht mehr entlang der nationalstaatlichen Linien der Ethnizität, sondern auch nach dem Geschlecht.

Egal, was aber innerhalb des so strukturierten ASF passiert, es ist nicht politisch. Politisch wird es nur, wenn die “normale” Ordnung der Gesellschaft (als dessen Teil das ASF sich zunehmend einfügt) angekratzt wird. D.h. das ASF kann nur dann Teil der Politik sein, wenn es ein Treffpunkt der politischen Subjekte unter größtmöglicher Ausschließung der Verwaltungsapparate wird. In Linz war es umgekehrt: Die Verwaltungsapparate haben sich zur Position der SprecherInnen für das ASF aufgeschwungen. Insofern war das ASF dieses Jahr weniger politisch und hat sich mehr in Richtung eines Spektakels für Sensibilisierte bewegt.


Ljubomir Bratic ist Philosoph und Leiter des BUM - Büro für ungewöhnliche Maßnahmen in Wien.

 
 

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