Zurück in die Zukunft: A never ending story? — IG Kultur

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Zurück in die Zukunft: A never ending story?

Sylvia Riedmann

In Kürze wird in Tirol - wie auch in Oberösterreich - ein neuerlicher Urnengang über die Mehrheitsverhältnisse im Tiroler Landtag entscheiden. Vieles, ja nahezu alles deutet auf die Rückeroberung der Absoluten Mehrheit durch die Tiroler Volkspartei hin. Diese vorhersehbare Wahlentscheidung der TirolerInnen verdankt sich freilich weniger dem Bundestrend als vielmehr einer ganz spezifischen, historisch dominanten Konstellation, auf deren Klaviatur der amtierende VP-Landeshauptmann und -Spitzenkandidat Herwig van Staa geschickt zu spielen weiß. Denn Tirol ist - heute stärker denn je - geprägt von einer konservativen Hegemonie, die sich rund um die Frage der "kulturellen Identität" Tirols entscheidet.

Doch was ist gemeint, wenn von einer spezifisch konservativen Hegemonie gesprochen wird? Eine Verdeutlichung verlangt zunächst nach der Definition des Begriffs "konservativ" und damit nach einem Rückgriff auf seine historischen Wurzeln. Erstmals tauchte der Terminus im Kontext der Entwicklung des bürgerlichen Liberalismus auf. Konservativismus fungierte im Wesentlichen als ein Widerpart zu den aufklärerisch gesinnten, fortschrittsorientierten Ideen des Liberalismus. Die Triade der prägenden politischen Ideen voll machte der entstehende Sozialismus, der sich sowohl gegen die eine wie gegen die andere Denkhaltung richtete und eine egalitäre Gesellschaftsstruktur einforderte. Der Konservativismus hingegen betonte die Aufrechterhaltung der alten feudalen Ordnung, die er gegen die Neustrukturierung des Sozialen ins Feld führte. Sowohl alte Eigentums- und Machtverhältnisse als auch sittliche, moralische und religiöse Traditionen sollten die Grundlage für die Ausgestaltung der Gesellschaft bilden. Dem "klassischen" wie auch dem "gegenwärtigen" Konservativismus ist ein grundlegendes Element gemeinsam: das Bestehen auf das Fortwirken des Althergebrachten.

Der Begriff der Hegemonie im hier verwendeten, Gramscianischen Sinne bezieht sich nicht bloß auf die Stimm- oder Mandatsmehrheiten der Parteien in unterschiedlichen demokratischen Entscheidungsgremien. Antonio Gramsci rückte von der Idee ab, Herrschaft würde ausschließlich durch die Ausübung und Androhung von Gewalt zustande kommen. Hegemonie erübrigt diese Zwangsinstrumente, indem die hegemonialen Gruppen die größtmögliche Zustimmung zu ihren Positionen auf möglichst vielen Ebenen der Gesellschaft zu erreichen suchen. Kunstvolle Politik zielt daher stets auf die Überzeugung der Menschen auf ideologischer, moralischer, weltanschaulicher - also im weiteren Sinne kultureller - Ebene ab.

Dieser kulturelle Aspekt von Hegemonie macht sich selbstverständlich auch und gerade in der konservativen Verfasstheit Tirols bemerkbar. Die Dominanz des konservativen Weltbildes gewinnt ihre Vormachtsstellung - hier wie auch anderswo - vor allem über die Beherrschung der so genannten "weichen", kulturellen Felder des Politischen. Und in der Tat: Der gegenwärtig zu verzeichnende Konservativismus der Tiroler Gesellschaft manifestiert sich vorwiegend und am leichtesten erkennbar in jenem signifikanten Knotenpunkt der Selbstwahrnehmung, der auch als "kulturelle Identität" bezeichnet werden kann. Nach der Ablöse der biologistisch-rassistischen Argumentation von gesellschaftlichen Ein- und Ausschlüssen durch eine vermehrt kulturalistische stellt die Frage, was denn die jeweils eigene "Kultur" ausmache, ein zentrales Element in der hegemonialen Auseinandersetzung um die Ausrichtung einer Gesellschaft dar. In Tirol triumphiert dabei nach wie vor unangefochten ein ideologisches Netz, geknüpft aus den Faktoren Tradition, Religion, Nation und Familie. Es übt die Definitionsmacht über die Selbstvorstellung der Tirolerinnen und Tiroler aus und ordnet ausgehend davon alle anderen gesellschaftlichen Bereiche.

Besonders sichtbar wird dies am Beispiel des fortdauernd bemühten Tiroler Nationsmythos schlechthin, der alle oben genannten Faktoren in sich vereint: der Freiheitskampf von 1809 unter Andreas Hofer. Nun muss man wissen, dass dieser "Freiheitskampf" wenig mehr als die Erhebung von Tiroler Bauern war, die von einem - um seine Privilegien fürchtenden, anti-aufklärerischen - Landklerus gegen die napoleonischen Truppen gehetzt wurden. Der Mythos jedoch verklärte diese Erhebung zum todesmutigen Kampf Davids gegen Goliath, der aufgrund eines Verrats durch die Herrscher im fernen Wien am aufrechten Tiroler Volk notwendig geworden war. Die katholischen Alpen-Taliban Tirols sahen sich also genötigt, zum Äußersten zu greifen, um ihre "Scholle", ihre traditionelle Lebensweise und ihren Glauben gegen den Feind von außen zu verteidigen. Noch heute wird diese Tiroler Wehrhaftigkeit bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit gerne zur Schau gestellt: Die Tiroler Schützen, das Sinnbild des freien waffentragenden Tirolers, marschieren auf und ballern mit Platzpatronen aus vorsintflutlichen Schießrohren in die Luft, wo immer es etwas zu feiern gibt.

Die für die Landtagswahlen kandidierenden Parteien bewegen sich ausnahmslos alle in der identitätsstiftenden Matrix dieser konservativen Hegemonie. Besonders überzeugend tut dies namentlich die Volkspartei. Sie hatte 1999 die Abkehr von den konservativen Idealen unter dem ehemaligen Landeshauptmann Wendelin Weingartner und die Neuausrichtung der Partei hin zum (Neo-)Liberalismus mit einer empfindlichen Wahlniederlage und dem Verlust der absoluten Mehrheit büßen müssen. Der neue Landeshauptmann Van Staa jedoch hat seinen Machiavelli gelesen und weiß, was er den Tiroler WählerInnen schuldig ist. Er präsentiert sich als polternden, aufmüpfigen und aufrechten Kämpfer für die Anliegen Tirols im Transitstreit mit der Europäischen Union. Auch die Ikonographie seiner offiziellen Pressebilder lässt in dieser Hinsicht nichts zu wünschen übrig: Sie zeigen Van Staa im Brustportrait sitzend vor einem berühmten Andreas Hofer-Bildnis.

Noch deutlicher macht Herwig van Staa seine konservative Gesinnung als Kulturreferent des Landes auf dem dafür bestens geeigneten Terrain der Kulturpolitik. Die Probe aufs Exempel lieferte er bereits in seiner Antrittspressekonferenz als Kulturreferent. Kultur im Spannungsfeld zwischen Tradition und Moderne sei identitätsstiftend und imagebildend für Tirol. An welche Form von Kultur er dabei dachte, präzisierte er anderswo. So artikulierte er anlässlich der Generalversammlung des Landesverbandes der Heimat- und Trachtenverbände, dass die Volkskulturvereine mit Subventionen nicht reich beschenkt seien. Sie bekämen leider nur einen Bruchteil dessen, was andere "ver-experimentieren".

Die Tiroler Sozialdemokraten punkten mit einer Verdoppelung des Konservativismus. Einerseits bemühen sie sich darum, dem Landeshauptmann in Sachen Tiroler Identität um nichts nachzustehen. Der SP-Spitzenkandidat lächelt mit einem Tiroler Steinadler auf der Hand von den Plakatwänden. Überdies - erfährt der interessierte Wähler - ist er ein begeisterter Liebhaber der Tiroler Bergwelt: Er kraxelt, schwitzt auf dem Mountainbike und ist überhaupt ein großer Freund der Natur. Besonders anziehend für das konservative Wählerpotential soll die Forderung der Tiroler SP nach einem Musikpavillion für die Innsbrucker Blasmusikkapellen sein. Kultur, namentlich Volksskultur, käme in der Landeshauptstadt zu kurz. Schließlich hat so einen Beschallungsort jedes Tiroler Dorf zu bieten - warum nicht auch Innsbruck? Andererseits - und das trifft für die gesamtösterreichische Situation zu - ist den Sozialdemokraten eine ganz besondere Form von Konservativismus zu eigen: Indem sie auf die Erhaltung der Strukturen des keynsianischen Wohlfahrtsstaates setzen, agieren sie im Wortsinne rückwärtsgewandt und vor dem Hintergrund des allerorts dominierenden Neoliberalismus längst nicht mehr utopisch.

Die Freiheitlichen kämpfen in Tirol, wie in ganz Österreich, mit dem ihre Partei auszeichnenden strukturellen Problem. Das Spiel der Ambivalenz zwischen in der Partei repräsentierten nationalistisch-konservativen und (neo-)liberalen Elementen konnte nicht lange aufrecht erhalten werden. Es entwickelte sich zum echten Konflikt, der die Partei österreichweit ins Wählerstimmen-Nirvana beförderte. Noch 1999 vermochten die Tiroler Freiheitlichen allerdings um einiges überzeugender als die VP ihre konservativen Aspekte zu betonen und erreichten so satte sieben Mandate im 36-köpfigen Landtag.

Auch die Tiroler Grünen haben den Kampf darum, wer als besserer Bewahrer (in dem Fall: der Tiroler Natur) gelten darf, bemüht geführt. Gesellschafts- und kulturpolitische Themen waren nur äußerst unbeliebte Aspekte Grüner Landespolitik, wenn sie überhaupt Platz fanden. Denn auch die Grünen betreiben Arithmetik und wollen sich die Wählerschaft nicht mit allzu progressiven Äußerungen vergrätzen. Spätestens mit dem Verlust der Themenführerschaft in der Transitproblematik an den Landeshauptmann geht jedoch der Punkt auch in diesem Themengebiet an Herwig van Staa.

Dessen zu erwartender Siegeszug hat - ähnlich wie schon jener Wolfgang Schüssels - damit zu tun, dass er parteiintern alle liberalen Kritiker und somit Widersprüche zum Schweigen bringen konnte. Nun zieht er in Seelenruhe all jene Register, die zur Aufrechterhaltung der konservativen Hegemonie in diesem Land betont werden wollen. Die anderen Parteien lassen sich erst gar nicht auf einen Kampf um die Hegemonie ein, sondern geben sich mit den Brosamen zufrieden, die sie durch ihre Affirmation des Konservativismus zu erreichen suchen. Dass sie damit nur die aktuelle Hegemonie stärken, scheint ihren Strategen bislang entgangen zu sein. Gerade die Kultur fällt somit immer mehr unter die Dominanz der allseits bejahten konservativen Ideologie. Dennoch kann nur - im Sinne Gramscis - eben dieses Terrain als Kampfplatz um die Formulierung der hegemonialen Ideologie dienen. Paradox erscheint dabei die Situation der Kunst- und Kulturschaffenden in Tirol: Diejenigen, die in Van Staas Augen immense Budgets "ver-experimentieren", sollten sich offenbar befleißigen, die konservativen Vorstellungen von einer einheitlichen "kulturellen Identität" Tirols zu bedienen. Andererseits sind es genau sie, die in den von ihm eröffneten Kampf um die Hegemonie in ihrem täglichen Umfeld eintreten müssen. Dass dieser Kampf weit über ihre ureigensten Interessen hinauswirkt, hat bereits Antonio Gramsci sehr deutlich aufgezeigt. Und wer weiß: Vielleicht endet diese Geschichte dann doch irgendwann einmal mit einem Sieg?


Sylvia Riedmann ist Mitglied des StudentInnenkollektivs kuugel und arbeitet als freie Kulturwissenschaftlerin in Innsbruck.

 
 

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