Der Süden lebt. Versuchsstation Kärnten, revisited — IG Kultur

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Der Süden lebt. Versuchsstation Kärnten, revisited

Tina Hofstätter

Erst kürzlich präsentierte der Kärntner Landeshauptmann und Kulturreferent Jörg Haider der Presse im schicken Foyer des brandneuen Museums für Moderne Kunst in Klagenfurt den Kulturbericht 2002. Nichts an dieser Pressekonferenz schien ungewöhnlich, nicht die langweilige Auflistung der kulturellen Taten, nicht das aufs erste unüberschaubare Zahlengewirr, nicht die behauptete kontinuierliche Aufwärtsentwicklung, die alle Bereiche gleichermaßen betreffe, von der Talentschmiede über die Brauchtumsmesse und den Kärntner Kultursommer bis zum Geigentag. Und dennoch, mit fortgesetzer Dauer des Monologs begann sich allmählich eine unerwartete Qualität, wenn man es so nennen will, im Raum auszubreiten: eine Art unaufgeregter Seriosität. Was war das? Eine neue Maske? Nur eine Verschleißerscheinung nach vier Jahren als LandesKulturReferent? Tatsächlich beantwortete Haider die lauen Fragen der JournalistInnen in moderatem Ton, ganz ohne Wolfsgesicht und Anflug von Zynismus.

Ich erinnere mich noch gut an seine Antrittskonferenz. Allerdings eher atmosphärisch. In Kärnten fällt das faktische Gedächtnis ohnehin zumeist dem Atmosphärischen und Emotionalen anheim. Damals hagelte es vor allem Vorwürfe gegen Haiders Vorgänger Außerwinkler, die Rede war von dem übernommenen Saustall, der als ziemlich kriminelle Partie bezeichnet wurde, von der herrschenden Intransparenz, der Notwendigkeit von Umbesetzungen in der Kulturabteilung, und die Ankündigung "Weg vom Subventionstropf" hin zum Sponsoring wurde als hämische Drohung vorgebracht. Der Referent am Podium signalisierte in Sprache und Gestik ganz den drahtigen Stallburschen und "Visionär" einer Kulturpolitik, die dem "linken Kulturfaschismus" schon bald den Garaus machen würde. Die IG-KIKK rief daraufhin zur Beobachtung der "Versuchsstation Kärnten" auf.

Haider und sein Berater in Sachen Kultur, Andreas Mölzer, setzten auf Spaltung unter den Kulturschaffenden. Und wirklich, einer Einladung zum ersten Koordinationstreffen gegen die neue Kulturpolitik Anfang April 1999 waren nur wenige gefolgt. Prognosen, wie sie etwa Gerald Gröchenig danach im "kunstfehler" stellte, erwiesen sich bald als zutreffend: "Eine finanziell ausgedörrte Kultur ist für derartige Taktiken natürlich durchaus empfänglich. Man sollte sich aber keine allzu großen Hoffnungen machen: die paar Aushängeschilder für eine freie Kulturpolitik wird sich die FPÖ sehr genau aussuchen, der Rest wird in das Erbauliche, in Events, oder das Volkstum umgeschichtet werden. Die Angst vor einem großen, bunten Chorland ist durchaus berechtigt."

Haider verlagerte Kulturpolitik alsbald in den Bereich, wo es seiner Meinung nach (gegen eine kulturelle Hegemonie der Linken) "noch einiges aufzuholen gilt": zur Volkskultur. Die Brauchtumsmesse, die Junge Kärntner Bläserphilharmonie und eine Chorakademie entstanden; die Abteilung Eventkoordination wurde ausgebaut; Musical-Seebühne, Beachvolleyball, Iron-Man Triathlon wurden zum Teil aus dem Kulturbudget finanziert. Förderungen wurden verteilt oder auch gekürzt und später ganz gestrichen; kleine Kulturinitiaiven gaben auf oder erhielten den Todesstoß, andere wiederholten gebetsmühlenartig, einen Subventionsantrag an Haider zu stellen, habe nur mit dessen Funktion und nichts mit seiner Person zu tun.

Seither scheint sich eine eigenwillige Förderungspraxis durchgesetzt zu haben: Wer das Zeitliche gesegnet hat, bleibt natürlich tot. Wiederbelebt werden nur die Gutwilligen, die sich nicht explizit politisch äußern möchten; die sogenannten Traditionsverbände (Kärntner Heimatdienst, Kärntner Abwehrkämpferbund) erhalten eine Basissubvention. Die Fördersumme für die Traditionsverbände entspricht angeblich fast auf den Cent der der slowenischen Kulturvereine. Ich hab’s nicht nachgerechnet, das Deutschtümelnde verbirgt sich hinter 100 weiteren Posten.

Der Kärntner Part des grenzüberschreitenden "nobordersmusicfestival" wurde zu Fall gebracht, dafür fließt ein Gutteil der sogenannten Abstimmungsspende der Bundesregierung in den Ausbau eines Abstimmungs-Gedenk-Radweges, der mit insgesamt neun Denkmälern zur Kärntner Landesgeschichte zwischen Villach und Lavamünd von ortsansässigen Künstlern gestaltet wurde. Eines der Denkmäler, dessen Symbolik zusätzlich auf einer Tafel schriftlich erläutert wird, zeigt neun Würfel auf einer schiefen Ebene. Einer der Würfel droht zu kippen, würden ihn nicht ein deutscher und ein windischer Mensch daran hindern.

Oder: Eine kometengleiche Initiative, die sich "der Süden lebt" nennt, erhält einen Landeskulturpreis. Deren "musikalische Ereignisse" sind zumindest an meinen slowenischsprachigen Bekannten ohne Erlebnis vorübergegangen, übrigens auch an den deutschsprachigen. Gerüchte besagen, man wäre sich wegen der zugesagten und nicht ausbezahlten finanziellen Unterstützung dann eben über den Umweg des Landeskulturpreises (14.500 Euro) einig geworden. Denkbar ist dies schon, wurden doch erst dieser Tage Details einer Intervention bekannt, bei der Haiders Kulturberater Mölzer die Anstellung eines Mag. S. im "Kärntner Archäologieland" als persönlichen Wunsch Haiders bezeichnet hatte, für dessen Gehaltsaufbesserung allerdings zusätzliche Mittel notwendig waren. Mölzer habe zu diesem Zweck angeregt, Mittel aus dem Publikationszuschuss zu beantragen. Er werde Sorge tragen, dass diese auch ausbezahlt werden.

Oder: Im Gurktal hinterlässt ein theatralisches Einhorn gerade eben seine Spur, die "Kleine Zeitung" titelte mit "Ein Schmarrn mit Scheiterhaufen". Die subventionierten Veranstalter verstehen das Stück, für das man im Internet Verbesserungsvorschläge deponieren kann, übrigens als Beitrag zu einer Art Karantanischer Festspiele. Von festspielartigen Veranstaltungen unterschiedlichster Güte wird Kärnten im Sommer geradezu überschwemmt. Die Vorliebe des Publikums teilt auch dessen Landeskulturchef.

Neu seit der Ära Haider ist auch die Fluktuation des Personals, unerklärlich die Permanenz der Provisorien in der Landeskulturabteilung selbst, obwohl doch die Ausschreibungen maßgeschneidert sind. Provisorisch ist derzeit auch noch die Leitung des Ende Juni 2003 fertiggestellten Umbaus der ehemaligen Landesgalerie zum Museum für Moderne Kunst, deren demontierter Ex-Leiter derzeit in irgendeinem Artothek-Keller vor sich hinarbeitet.

Die vergangenen vier Jahre hatten aber auch ihr Gutes. Mölzer, der sich selbst als gescheitert bezeichnet hat, ist von der Bildfläche verschwunden, glänzend auch die Broschüren, in denen sich der Landeskulturreferent feiern lässt, überaus gelungen auch das MMKK, in dem dennoch nicht alle Künstler ausgestellt werden wollen, wie beispielsweise Heimo Zobernig, prächtig auch der Bauchfleck mit dem geplanten Bad Bleiberger Museum für Bruno Gironcoli, der sein Lebenswerk dann doch lieber in die Steiermark verfrachtete, oder das herrliche Seebühnen-Debakel. Auch für das kommende Jahr wurde den KärntnerInnen Großes verheißen, etwa eine Schau namens "Was erleben - WasserLeben" und nicht zuletzt die Realisierung eines persönlichen Lieblingsprojektes Haiders die Großausstellung "Klassische Moderne", ursprünglicher Arbeitstitel "Licht des Südens".

Im März 2004 wird in Kärnten der Landtag gewählt. Landesrat Wurmitzer (ÖVP) hat sich schon heuer als potentieller Nachfolger mit einem passablen Barockfestival versucht. Eine Neuausrichtung der Kulturpolitik wird weiterhin kaum stattfinden. Auch das einst geprägte Wort von der "Normalität" des Schreckens ist längst reiner Pragmatik und bloßer Banalität gewichen. Der Süden lebt, mehr lässt sich kaum sagen, wenigstens nicht atmosphärisch. Analysefähig ist hier ohnehin nur, wer nicht ausschließlich kärntnerisch sozialisiert wurde.

Gerhard Pilgram vom UNIKUM stellte sich in seiner Rede anlässlich der Schlussveranstaltung des Zykluses "Schöne Öde - Lepa puπca - Bella brulla" die Frage, ob es angesichts der Funktionalisierung der Kunst und der Kulturarbeit nicht angebracht wäre, einfach nichts zu tun. Er beantwortet sie für sich mit nein, möchte sich aber den Gedanken als Utopie, als "Erinnerung an eine Zukunft, in der es heißen wird, wir müssen nicht" bewahren: "Dieser Gedanke ist tröstlich, weil er den Zweifel nährt. Nicht unbedingt den Zweifel an der Sinnhaftigkeit des eigenen Tuns, sondern den Zweifel an der Notwendigkeit zur Selbstaufgabe. Dieser Zweifel ist immer angebracht. Wir sollten ihn am Leben erhalten. Denn er schafft gedankliche Freiräume, stärkt das Immunsystem gegen Selbstbetrug und beugt Haltungsschäden vor."


Tina Hofstätter ist Journalistin und ehemalige Redakteurin des deutsch-slowenischsprachigen Radio Agora.

 
 

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