Schlampige Verhältnisse — IG Kultur

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Schlampige Verhältnisse

Melina Klaus

"Männer bekommen Migräne, Stimmungswechsel, Hormonausschlag, Bulimie." (Format) "Boys grow up in a world of far fewer certainties than their dads enjoyed." (The Face) Welcherart schlampige Verhältnisse machen hier Schluss mit männlicher Gemütlichkeit?

Das einflussreiche britische Zeitgeistmagazin The Face und das heimische Format machen im Jahr 2001 mit männlichen Krisen und Identitätsverlusten auf. Allein im vergangenen Jahr hätten 50% mehr Männer als bisher Männerberatungsstellen aufgesucht. Männer bekommen also Migräne und Ausschläge. "Alles bekannte Phänomene - für Frauen: Nicht nur Kopfschmerzen und Doppelbelastung gehören für sie zum Alltag. Frauen verdienen im Regelfall immer noch weniger als ihre Kollegen und müssen mit prekären Arbeitsverhältnissen vorliebnehmen." (Format, März 01) Die Gleichbehandlungsanwältin meint dazu, dass Männer nun eben ihre Privilegien verlieren.

The Face interessiert sich vor allem für die steigenden Selbstmordraten junger Männer in den USA. Gründe seien, neben der Verherrlichung des Suizids in Kunst und Populärkultur, vor allem die wachsenden Zumutungen einer unsicheren Zukunft: "Boys grow up in a world of far fewer certainties than their dads enjoyed: stabilising social factors such as marriage, long-term contracts, fulltime employment (..) are things of the past."

Heiraten und somit eventuell eine Familie ernähren zu müssen/können, Vollzeitbeschäftigung, soziale Sicherheit, geregelte Verhältnisse - things of the past. Was hier vor allem als vergangen beschrieben wird, ist der männliche Ernährer, sind der so genannte Normalarbeitsplatz und somit die so genannte Normalbiographie, ist die fordistische Lohnarbeit.

Als ungeregelt, neu, atypisch wird erlebt und beschrieben, was von der Norm abweicht, und diese Norm wiederum wird definiert mit Hilfe von Koordinaten wie kontinuierlicher Versicherungsverlauf, Ausmaß und Lage der Arbeitszeit, Verhältnis zum Arbeitgeber und Grad der arbeits- und sozialrechtlichen Absicherung. So bemessen - und das macht durchaus Sinn vor allem in Bezug auf das soziale Sicherungssystem - ergibt sich ein weites Spektrum an Erscheinungen. Verschiedene 'atypische' Beschäftigungsverhältnisse und Erwerbsformen unterscheiden sich nicht nur verschieden von 'typischen', sondern auch stark untereinander. Auch innerhalb der einzelnen sozialrechtlichen oder arbeitsorganisatorischen Kategorien erstreckt sich durchaus eine breite Skala von Erscheinungen.

'Atypisch' sind demnach Beschäftigungsverhältnisse wie Teilzeit, geringfügige Beschäftigungen, befristete Beschäftigungen, Leiharbeit und die verschiedenen Formen der selbstständigen und freiberuflichen Tätigkeiten.

Den Formen (so genannter) selbstständiger Tätigkeit wird wohl zur Zeit die meiste Beachtung geschenkt. Nachdem sich die Erwerbsformen ausgebreitet hatten von Kreativen, freien HandwerkerInnen, Kunst- und Kulturschaffenden, bestimmten sozialen Bereichen (als Beispiel die Umwandlungen geförderter Non-Profit-Anstellungen in Werkverträge) auf immer weitere Dienstleistungsbranchen und vor allem die sich formierende IT-, Medien-, oder Consultingbranche, sind die selbstständig Tätigen zu (arbeitsmarkt-)politischen Rolemodels der Gegenwart geworden. Paradigmatisch verkörpern sie die Annäherung von Arbeits- und Freizeit, Erfindungsgeist, Eigeninitiative, Flexibilität, den Abbau der ArbeitnehmerInnen-Identität oder traditioneller Berufsidentitäten, Individualisierung, Selbstverantwortlichkeit für Qualifizierung und Networking usw.

Sozialpolitisch allerdings zeigt sich ein heterogenes Bild. Neben wenigen Selbstständigen in umsatzstarken Wachstumsbranchen tummeln sich eine Vielzahl von freien DienstnehmerInnen, WerkvertraglerInnen und neuen Selbstständigen, die zum großen Teil real meist traditionellen Lohnabhängigen mehr gleichen als klassischem Unternehmertum, gänzlich arbeitnehmerInnenähnlich, abhängig arbeiten. Gemeinsam ist jedoch ersteren wie letzteren Prekarität als Alltag und die Verabschiedung von ArbeitnehmerInnensicherheiten und Regelungen wie Urlaubsgeld, Krankenstand u.ä.

Dario Azzellini, Mitarbeiter einer Studie zu selbstständig Beschäftigten, beschreibt: "Selbstständige Arbeit ist immer noch ein kleiner Teil der gesamten Arbeit, aber sie wird mehr und mehr zu der Arbeitsform, die auch alle anderen Arbeitsverhältnisse und die gesamte Gesellschaft prägt, so wie es jahrzehntelang die fordistische Lohnarbeit getan hat - ebenfalls ohne dass ihr immer und überall die Mehrheit der Arbeitsverhältnisse entsprach. (...) Die Umbruchsphase, in der wir uns befinden, ist aber auch davon gekennzeichnet, dass gleichzeitig Anforderungen aus der selbstständigen Beschäftigung zunehmend auch die abhängige Beschäftigung prägen."

"Prekär" wurde noch Anfang der 90er vorwiegend als befristet, ungesichert, nicht-existenzsichernd beschrieben. Mittlerweile hat sich allerdings allgemein eine Bedeutung wie etwa 'risikoreich' herausgebildet. "Prekär" als befristet, ungesichert und ähnliches betrifft heute tendenziell alle Lohn- und Qualifikationsniveaus und eine Fülle von Erwerbsformen. "Prekär" als nicht-existenzsichernd meint nicht mehr nur geringfügigen Verdienst oder Entlohnung, die nicht zum Überleben reicht, sondern neben der unmittelbaren Existenzsicherung wird auch die zukünftige (z.B. Alterssicherung), verunfallte (z.B. im Falle von Arbeitsunfähigkeit) oder vermittelte (z.B. Mitversicherung) Existenz ungesichert, zumindest aber riskanter. Soziale Sicherheit ist als Ganzes zu einem Begriff der Vergangenheit mutiert. - "And security, well, is there such a thing any more?" (The Economist, Dezember 2000)

Abgesehen von der Verallgemeinerung prekärer Lebensformen betreffen auch andere Phänomene nicht nur die new sondern auch die old economy. Arbeitszeitverschiebungen, Diskontinuitäten, Nach-Qualifizierungspflichten, und vieles mehr betreffen so gut wie alle Beschäftigungsformen. Der "Erfolgsfaktor Individualität", die Ablöse traditioneller Kollektive, lebenslanges Lernen etc. betreffen viele 'Individuen' in allen Beschäftigungsverhältnissen. Selbst Arbeitslosigkeit mutiert zur "gecoachten Arbeitssuche". Die Marktförmigkeit des Arbeitsmarktes wird spürbarer, das tatsächliche Verkaufen der Arbeitskraft erlebbarer. JungakademikerInnen wie Lehrstellensuchende, alle beschäftigen sich intensiv mit dem Präsentieren der Bewerbung, der eigenen Person. Die Personalentwicklung erkennt offen die "Notwendigkeit der Selbstvermarktung", jedeR müsse sich Gedanken machen über seine/ ihre USP (=Unique Selling Proposition).
Die fordistische Lohnarbeit hat also als soziale Platzanweiserin und Garantin für Sicherheit, Integration und Gemütlichkeit ausgedient. Sie hatte den Ton angegeben als ordnendes, hegemoniales System, obwohl Diversifizierung oder Segregation durchaus nichts Neues sind.

'Neu' kann also auch neue Normalität werden und vieles, was 'atypisch' ist, war immer schon typisch für viele. Typisch für Frauen, zum Beispiel.

Frauen müssen nicht erst seit gestern mit brüchigen, diskontinuierlichen Erwerbs- und Bildungsbiographien fertig werden. Bisher hegemonial war das Bild des 'männlichen Ernährers' mit anerkannter Bildungsbescheinigung, kontinuierlicher Erwerbsarbeit in Vollzeit, rundum sozialversichert. Wenn auch nie die große Mehrheit aller Erwerbstätigen diesem Bild entsprochen hatten, war es als Ideal Kern der Sozialpolitik. Sozialleistungen jedoch sichern nicht nur ab oder entschärfen Notlagen, sondern sie geben auch Rahmenbedingungen vor, Rahmenbedingungen für die Gestaltung der Geschlechterbeziehungen.

Sie subventionierten ganz klar bestimmte Arbeitsteilungen und Lebensformen. Um die inländische, männliche Normalbiographie als Kern der Erwerbsarbeitsgesellschaft liegt nicht erst seit kurzem ein breiter, sozial schlecht gesicherter "Rand" der Erwerbstätigkeit: einige der oben genannten 'atypischen' Beschäftigungsformen plus Saisonarbeit, Heimarbeit, unentgeltliche Hilfe, karitative Versorgungsarbeit,... - all diese Systeme weichen von "Normalarbeit" ab, flexibel und schlecht gesichert. 'Vollbeschäftigung und Wohlfahrt für alle' waren nie für alle. Es gab kein 'Recht auf Lohnarbeit' für Frauen.

Dies gilt auch für viele Migranten und Migrantinnen. Diskontinuität ergab sich für MigrantInnen durch Arbeitsplatzunsicherheit. Rassistische Diskriminierung ermöglicht die Rangreihe derer, die bei Kündigungen als erstes ihren Hut nehmen müssen. Migrantinnen haben dann nochmals auf vielen Ebenen mit spezifischen Diskriminierungen zu kämpfen. Zugang haben sie nur zum Rand, nicht zum Kern.

Da nun in jüngerer Zeit mehr und mehr (inländische) Männer mit prekarisierten Arbeitsverhältnissen konfrontiert sind, erlebt auch die Thematik selbst einen Aufschwung.

Der Umbau der Gesellschaft wird für bisher gesicherte Existenzweisen als Sozialabbau spürbar. Mit der männlichen Normalbiographie geraten Identitäten ins Wanken. Der bisherige Fokus greift nicht mehr, es wird plötzlich interessant, wie mit "neuen" Beschäftigungsverhältnissen oder Unsicherheiten umzugehen sei.

Diese Diskussion allerdings um Kategorien 'normal' oder 'typisch' mit sozialrechtlichen, gewerkschaftlichen, gesellschaftlichen, politischen Folgen hat unter feministischen und frauenbewegten Theoretikerinnen und Praktikerinnen schon lange Tradition. Es darf der Verdacht aufkommen, dass die nunmehr beliebten und häufigen Themen unter Ökonomen, Gesellschaftstheoretikern und Sozialwissenschaftlern jetzt (erst) aufleben, da sie universellere (für die Genannten sichtbarere) Formen annehmen. Mit Vorliebe werden Beschäftigungsstrukturen in Branchen wie EDV, IT, Eventmanagement untersucht, weniger aber soziale Berufe, weite Teile des Dienstleistungssektors, Sphären wie die der TrainerInnen oder der psychologischen und physiologischen TherapeutInnen, PflegerInnen u.v.m.

Wenigstens kann frau sagen, vieles schon voraus gesehen zu haben. 1995, ein Beispiel unter vielen, schreibt Mascha Madörin, Ökonomin, in der "Frauensolidarität" über die "Perspektivenkrise für Männer", den Verlust der Perspektive auf eine "respektable Männeridentität" (= lebenslanger Ernährerlohn). Eine Identität und Perspektive, die Frauen und MigrantInnen nie in großer Zahl hatten.

En vogue sind nun Motive und Gestaltungsvorschläge, die von einer "Vielfalt von Interessen und Motivlagen unter den Beschäftigten" ausgehen. Die gpa fordert "Selbstbestimmungsspielräume", und das "Prinzip Recht auf Differenz soll allen Beschäftigten ihre unterschiedliche Lebensplanung gleichberechtigt ermöglichen." Die EU-Kommission spricht von der "Abkehr vom Modell des männlichen Familienernährers durch die Individualisierung des Sozialversicherungsschutzes und der Steuersysteme."

Ist also jetzt Hoffnung angebracht, dass unterschiedliche Lebensplanungen ihre gleiche Berechtigung bekommen? Dass brüchige Normen die eine oder andere Hierarchie gleich mit brechen? Dass die schlampigen Verhältnisse in ihrer Unordnung eine verhasste Ordnung ablösen? Oder dass sich mehr und mehr Männer auf die Erfahrungen von vielen Frauen und MigrantInnen beziehen werden? Eher nicht.

Genauer, die Hoffnung ist es schon wert. Allerdings sind Frauen und MigrantInnen nun wieder gefordert, ihre Rechte und weitere Differenzierungen gegen eine Neuauflage der Segmentierung einzubringen. Denn die Männer (wenn wir so allgemein bleiben) bewegen sich ja nicht nur auf diese Arbeitsformen und Identitäten zu, sondern die Platzverweise gehen weiter. Neokonservative Politik reagiert verzweifelt auf die allerorten schwindenden Leitbilder mit einer weiteren Stärkung familiärer Strukturen. Siehe "der Wille zum Kind" (Schüssel) oder die Gebärprämie (Haider). Hier sind also Steuerungsideen, wenn auch die denkbar schlechtesten, zur Hand.

Auch innerhalb sich verändernder Erwerbssphären sind weitere Ausdifferenzierungen zu erwarten. Neben weiterhin koexistierenden besser und schlechter bezahlten Branchen, der Auf- und Abwertung bestimmter Bildungsbiographien ist vor allem der arbeitszeitliche Unterschied zwischen den Geschlechtern signifikant. Die oben erwähnten Beschäftigungsverhältnisse Geringfügigkeit und Teilzeit sind Frauendomänen.

Während männliche Teilzeitbeschäftigte oftmals am Weg zur Selbstständigkeit sind oder gerade nebenbei ihr Doktoratsstudium beenden wollen, "wählen" Frauen meist diese Arbeitsform, um berufliche und außerberufliche Interessen verbinden zu können. Hinter "außerberuflichen Interessen" verbergen sich familiäre Verpflichtungen. Der Familienstatus eines Mannes hat in den seltensten Fällen Einfluss auf seine Berufsentscheidung. Dem Gebot, Erwerbsarbeit und Familie vereinbaren können zu müssen, unterliegen bis dato fast ausschließlich Frauen.

Wenn also jetzt von veränderten Lebens- und Arbeitsweisen die Rede ist, muss auch die geschlechtliche Arbeitsteilung in Diskussion gebracht werden.

Die Debatte über 'atypische' Beschäftigung muss um die über traditionelle Arbeitsteilungen erweitert werden. Bei Flexibilisierungen und Neugestaltungen von Arbeit(szeit)/Freizeit in neuen Formen der Erwerbstätigkeit handelt es sich nicht mehr nur um eine vorübergehende Intervention zur ökonomischen Krisenbewältigung, sondern um eine Neuordnung gesellschaftlicher Arbeit, was eben auch die Frage nach der Verteilung bezahlter und unbezahlter Arbeit betreffen würde/müsste/sollte. Es ist längst schon überfällig, Sicherheit unabhängig von der Erwerbsarbeitsform, ihrer Stringenz und/oder der Erwerbsarbeit schlechthin einzufordern.

Wird heute eingeschätzt, dass die Wohlfahrtssysteme der Metropolen nicht mehr als ein vorübergehender Kompromiss waren, muss auch dazu gesagt werden, dass dieser "fordistische, wohlfahrtsstaatliche Kompromiß" einer zu Lasten von Frauen und MigrantInnen innerhalb der Zentren und ganzen Regionen außerhalb der Zentren war, muss auch globaler Arbeitsteilung und globalisierten Produktionsprozessen Aufmerksamkeit geschenkt werden.

Soweit zu meinen Sorgen.

The Face hat andere: "Culture needs to come up with some new, more useful ways of being male - and proud of it - if we're going to stop men hating themselves so much they feel they can't carry on living." Abgesehen davon, dass diese in meinem Sorgenkatalog frühestens auf Nr. 748 steht, teile ich den Vorschlag überhaupt nicht. Ginge es nun lediglich um praktikable Wege, Mann zu sein, so bliebe es nicht nur ungemütlich, sondern da droht, noch schlimmer, sogar neuerliche Gemütlichkeit.

Melina Klaus ist freie Dienstnehmerin, Studentin und MALMOE-Redaktionsmitglied, lebt in Wien.

 
 

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