Streik bildet! Bildet Streiks! — IG Kultur

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INHALT 02/2009

 

Streik bildet! Bildet Streiks!

Marty Huber

Ein Uni-Streik hat etwas Paradoxes, ist doch der Streik an sich eine Arbeitsniederlegung und für Arbeit wird man normalerweise bezahlt und zahlt nicht, wie im Fall der Universitäten, Studiengebühren an die Arbeitgebenden. Also ist der so genannte Bildungsstreik immer auch ein wilder Streik, weil illegitim, weil von einer Ausbildungsniederlegung hab selbst ich bisweilen nichts gehört. Zum hybriden Streik wird der universitäre Streik nur, wenn Bedienstete der Universität selbst in den Streik treten, sich entweder solidarisieren mit Forderungen Studierender oder selbst Arbeitskämpfe auf die Tagesordnung setzen. Am Abbau der nicht wild streikenden Universitätsangehörigen wird gleichzeitig massiv gearbeitet, soll heißen, mehr und mehr Lehrende selbst sind nicht mehr bei den Universitäten angestellt und finden sich in prekären Arbeitsverhältnissen wieder. Also wenn der Kunst und der Wissenschaft in der Verfassung Freiheit attestiert wird, dann bitte aber gleich richtig frei.

In meiner Vorstellung von Streik ist der Uni-Streik ganz und gar nicht eine Ausbildungsniederlegung, sondern vielmehr eine Erweiterung, wenn auch eine wilde, selbstorganisierte Erweiterung des Angebots an Wissensaneignung, gar Wissensproduktion. Mein Lehrjahr war dabei das Jahr 1996, seines Zeichens Universitätsstreik gegen das Sparpaket der von Franz Vranitzky angeführten großen Koalition. Z.B. war der Auslöser für Vorlesungen in öffentlichen Verkehrsmitteln die Abschaffung der Freifahrt für Studierende: So wurden gemeinsam mit ProfessorInnen Seminare und Vorlesungen in U-Bahn Wagen verlegt oder in U-Bahn Stationen abgehalten. Unvergessen bleibt die szenische Lesung von Karl Kraus' „Die letzten Tage der Menschheit“. Alle fünf Akte wurden ohne Unterbrechung in Tages- und Nachtschichten gelesen, was uns einige Übernachtungen im Hörsaal versüßte. Jeden Vormittag wurde auf der Theaterwissenschaft (an der ich u.a. studierte, ansonsten war ich noch auf der Publizistik- und Kommunikationswissenschaft) Medienanalyse betrieben: Wie und was haben die Tagesmedien über die Streiks berichtet, welche Tendenzen gab es in der Berichterstattung? Publizistik-Studierende verfolgten die Demonstrationen mit ihren Kameras und sendeten ihre Produkte im eigenen UTV (Universitätsfernsehen auf der Publizistik) bzw. zeigten diese in eigens organisierten Public-Screenings.

Besondere UE (Übungen) im Gegensatz zu VO (Vorlesungen) und SE (Seminaren) gab es auf dem Gebiet der politischen Bildung im damals noch unrenovierten Audimax der Universität Wien. Formen konsens-demokratischer Entscheidungsstrukturen wollten da diskutiert werden, Solidaritätsbekundungen mit PostgewerkschafterInnen verliefen wohlweislich im Sand, Aktionen wurden geplant, die Auswirkungen der Novelle des UOG – des Universitätsorganisationsgesetzes – und die daraus resultierende Entmachtung des Mittelbaus diskutiert, der Ring wurde gern des öfteren spontan blockiert, um eben Beschlossenes auf die Straße und in die Medien zu bringen.

Die Unwissenheit mancher JournalistInnen brachte dabei so manche Missverständnisse hervor, wie die Besetzung der Hofburg, waren doch tatsächlich AktivistInnen am Balkon der Hofburg zum Michaelerplatz zu sehen, die ihre Hemden und T-Shirts ausgezogen hatten, um mit ihrem buchstäblichen letzten Hemd der Demonstration zuzuwinken. „Hurra, die Hofburg erstürmt!“ dachten selbst so manche DemoteilnehmerInnen, nur ist auch heute noch genau an dieser Stelle das Institut für Theater-, Film- und Medienwissenschaft.

In jedem Fall bildet Streik, selbst ein wilder Bildungsstreik!

 
 

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