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INHALT 02/2009

 

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IRDEI

An der Akademie der bildenden Künste Wien (Ak.bild), wie auch an anderen österreichischen Universitäten formiert sich in letzter Zeit eine neue Form des Widerstands gegen die neoliberale Transformation des Bildungssektors, wie sie aktuell vor allem im so genannten Bolognaprozess zur Schaffung eines einheitlichen europäischen Hochschulwesens Gestalt annimmt. Die Kulturrisse sprachen mit AktivistInnen aus dem Umfeld der Initiative for the Re-Democratisation of Educational Institutions (IRDEI)1 über den aktuellen Stand der Debatte sowie über die Perspektiven studentischen Protests in Österreich und anderswo.

Welche Momente waren für eure Auseinandersetzung mit aktuellen Kämpfen und Bewegungen im Bildungsbereich ausschlaggebend?

Der Beginn war nicht, uns mit Studierendenbewegungen auseinanderzusetzen. Als Studierende fragten wir uns einfach, was es überhaupt bedeutet zu studieren, welche ökonomischen, sozialen und politischen Bedingungen gibt es an unserem Arbeitsplatz und welche wollen wir eigentlich. Das Spektrum reicht von der Kritik an Hierarchien in einer Unterrichtssituation bis zu der Frage, wie wir uns die gesellschaftliche Positionierung einer Bildungsinstitution vorstellen. Ist die Unterteilung in Studierende und Lehrende sinnvoll? Warum werden die einen bezahlt und die anderen nicht? Was sind Leistungsvereinbarungen? Wie beeinflussen sie Struktur und Inhalte der Uni? Wie kam es zum Bologna-Prozess? Warum ist Bildung nicht mehr staatliche sondern individuelle Verantwortung? Welche anderen Konzepte können wir denken und umsetzen, die sich sowohl vom Staat als auch vom Individualismus verabschieden? Was wird überhaupt als Bildung bzw. Wissen anerkannt? Was steht hinter Begriffen wie „Wissensproduktion“, „Wissensökonomie“ oder „kognitiver Kapitalismus“? Was bedeuten diese Fragen für das Verhältnis zwischen Studierenden- und anderen sozialen Bewegungen? All das betrifft natürlich nicht nur Österreich, sondern muss aus einer „globalisierten“ Perspektive betrachtet werden. Wir sehen unsere Auseinandersetzung per se als Versuche emanzipatorischer Bildung, d.h. es geht darum, selbst zu bestimmen, was und wie wir lernen und leben wollen. Die verschiedenen „Zugänge“ ergeben sich aus der Situation heraus.

Welche Verbindungen seht ihr zwischen den studentischen Protesten und der aktuellen Kapitalismuskrise – und könnten diese auch dazu dienen, studentische und andere soziale Bewegungen zueinander in Beziehung zu setzen?

Die Frage ist nicht, wie unterschiedliche Formen des politischen Aktivismus im Kontext der aktuellen Krise verortet werden können. Vielmehr geht es darum, den globalisierten Kapitalismus als Kontext und Gegenstand dieser Kämpfe zu erkennen. Für den Aktivismus im Bildungsbereich bedeutet dies, dass die Kämpfe in den Universitäten immer schon Teil sozialer Kämpfe jenseits des Bildungssektors sind. Der Kampf um den Zugang zu Bildung bspw. ist auch für Eltern und Kinder ein Thema, wie man etwa an den Protesten der onda anormale in Italien (siehe den Text von Andrea Benino in diesem Heft; Anm. KR), oder auch an den jüngsten Erhebungen in Griechenland sehen konnte, wo viele Proteste von SchülerInnen – gefolgt von ihren Eltern – geleitet wurden. In einer Welt, die durch steigende Arbeitslosenquoten, Prekarisierung und die Bedrohung durch Dequalifi- zierungsprozesse gekennzeichnet ist, bedeutet der Zugang zu Bildung für Millionen von ArbeiterInnen einen „Fluchtmechanismus“, durch den zukünftige Arbeit und Qualifikationen erlangt werden können. Hinsichtlich der möglichen Verbindungen zu anderen sozialen Kämpfen muss der erste Schritt also die Analyse des eigenen Umfelds sein: Welche Ausbeutungsketten verlaufen durch den Raum der Universität, welche Formen der Solidarität ermöglichen sie und wo und mit wem könnte interveniert werden? Wie können Allianzen zwischen unterschiedlichen ArbeiterInnen an verschiedenen Orten geschlossen werden, ohne die Hierarchien zwischen ihnen zu reproduzieren, die aus der kapitalistischen Arbeitsteilung und den Lohnverhältnissen resultieren? Ein Beispiel für die Verbindung von Studierendenprotesten mit anderen sozialen Kämpfen ist auch die Besetzung der School of Oriental and African Studies (SOAS) in London. Studierende und andere Universitätsangehörige protestieren dort gegen die Abschiebung von Angestellten im Reinigungsdienst (siehe den Text von Radostina Patulova in diesem Heft; Anm. KR).

Ihr habt mit einer Art „Basisarbeit“ durch alle Ordinariate der Ak.bild angefangen. Welche Erfahrungen habt ihr damit gemacht und wohin haben sich eure Praxen dadurch entwickelt?

„Basisarbeit“ ist ein ambivalenter Begriff, da er meinen kann, dass es eine „Spitze“ gibt, die der „Basis“ erklärt, was zu tun ist, was genau die repräsentationspolitischen Hierarchien widerspiegelt, gegen die wir uns richten. Natürlich kann er auch Arbeit von der Basis aus bedeuten, wie ihr ihn hier wahrscheinlich meint. In dem konkreten Fall ging es darum, dass die Diskussionen über Bachelor und Master (die neue Studienarchitektur gemäß dem Bolognaprozess, Anm. KR) in der Ak.bild in Gremien und mehr noch in „vertraulichen“ Gesprächen zwischen Einzelpersonen verschlossen blieben. Deswegen haben wir mit verschiedenen Ordinariaten Gesprächstermine ausgemacht und mit dem Angebot zur Diskussion versucht, nicht vorgesehene Räume für Kritik an der Struktur der Akademie zu öffnen. Dabei konnten wir weder einen Masterplan bieten, noch wollten wir als Mobilisierungs-Management auftreten. Am Ende der Tour stand ein Gespräch zwischen Rektorat und allen interessierten Studierenden. Obwohl die Bedingungen von Studierendenseite vorgegeben waren, ist die Diskussion stark vom „Machtdiskurs“ bestimmt gewesen. Auch wurden Erfahrungen von Studierenden schlicht als falsch abgetan, wenn Studienpläne und andere schriftliche Vereinbarungen etwas anderes aussagten. Bürokratie wird hier wichtiger genommen als Erfahrungswerte. Es ist nur selten gelungen, das Gespräch auf eine Ebene zu bringen, in der Vokabeln und Verwaltungsstrukturen in den Hintergrund treten und es ganz einfach darum geht, was aus Sicht der Studierenden verändert werden muss. Daraus lässt sich auf jeden Fall der Schluss ziehen, dass es sinnvoller und auch mehr Freude bereitend ist, eigene Strukturen zu schaffen, innerhalb und außerhalb der Institution, die weniger Ausschluss produzierend sind, statt zu viel Energie auf das Erlernen dieser Sprache und Denkweise zu verwenden. Was die gesamte Initiative innerhalb der Ak.bild anbelangt, ist es mit den Gesprächen gelungen, dass alle Diskussionen und Entscheidungen sich zu Positionen verhalten mussten, die den Bolognaprozess, die Entdemokratisierung und Kommodifizierung von Bildung ablehnen. Die Gespräche waren jedoch kein Anfang, sie liefen gleichzeitig mit anderen Aktivitäten, und es ist auch nicht so, dass wir eine „Praxisentwicklung“ bei uns suchen würden, in der wir uns effektiv von a nach b bewegen; wir machen verschiedene Sachen und es passieren auch verschiedene Sachen. Auch das „wir“ verändert sich ständig und die Ansichten der Einzelnen sind zum Teil sehr unterschiedlich.

Welche Rolle spielte die Implementierung der so genannten Bolognakriterien an der Akademie für euren Aktivismus?

Es ist wichtig festzuhalten, dass der Bolognaprozess die europäische Komponente einer allgemeinen Bewegung in Richtung der Transformation von Wissen und Bildung in eine vermarktbare Ware ist. Er markiert eine signifikante Verschiebung weg von der traditionellen Rolle, welche die Universitäten bislang bei der Reproduktion des Kapitalismus gespielt haben. Dabei ist es notwendig, die Verteidigung dieser alten Form der kapitalistischen Erziehung hinter sich zu lassen und damit zu beginnen, die Frage zu stellen, wie und was wir lernen wollen und wie und was uns gelehrt werden soll; es geht darum, nicht bloß danach zu fragen, wie eine nicht-kapitalistische Erziehung, sondern auch wie ein nicht-kapitalistisches Leben aussehen kann. Das hat zu einer Diskussion um so genannte „Commons“, also Gemeingüter im Bereich des Wissens geführt; um eine Vorstellung von Wissen und Lernen als geteilte Ressourcen in kollektivem Eigentum; und um Ideen, die eine emanzipatorische Bildung betreffen. Das sind natürlich Dinge, die im Rahmen der offiziellen Bürokratie- und Managementstrukturen zeitgenössischer Bildungsinstitutionen, seien es nun jene der Kunst- oder die anderer Universitäten, nur schwer umzusetzen sind. Es bedeutet bereits eine große Anstrengung vieler Menschen, innerhalb dieser Rahmenbedingungen die ein oder andere Art der Bottom Up- bzw. Grassroots-Organisierung zu erreichen. Es gibt eine Vielzahl von Formen des kollektiven, gemeinschaftlichen und selbstorganisierten Lernens, die an vielen Orten stattfinden. Die Frage scheint dabei zu sein, wie wir diese Praktiken verbinden und ausweiten, und wie wir dabei die uns zur Verfügung stehenden Ressourcen nutzen können, um die Kommodifizierung des Wissens – ebenso wie die aller anderen Bereiche des sozialen Lebens, welche derzeit ein Preisschild angeheftet bekommen – infrage zu stellen und herauszufordern.

Welche AkteurInnen – mit welchen Interessen und in welcher Form – sind in die Umsetzungsversuche der Bolognakriterien auf der Ak.bild involviert?

Wie schon erwähnt ist eines der mächtigsten „Instrumente“ die Möglichkeit der Uni-Leitung, keine Diskussionen mit allen Betroffenen zu führen und Entscheidungen hinter verschlossenen Türen zu treffen. Leider wird eine solche Vorgehensweise auch vom Gesetz gefördert, das Mitbestimmung und Transparenz nur marginal vorsieht. Somit sind wir auch nicht in der Position, diese Frage über Gerüchte und Vermutungen hinaus zu beantworten (aber es stimmt schon, dass Alex was mit Michi hat). Es gibt Allianzen zwischen Lehrenden und Studierenden, was sich auch in IRDEI und dem Netzwerk Emanzipatorische Bildung widerspiegelt – öffentliche ideologische Positionierungen mit entsprechenden Handlungen sind jedoch extrem rar.

Welche Rolle spielen im Rahmen der sich vollziehenden neoliberalen Bildungsreform die (z. T. neu eingetretenen) eher linken bzw. kritischen Lehrenden?

Die Akademie versucht sich als links orientierte, kritische Institution zu positionieren. Gleichzeitig passiert diese Profilbildung mit dem Wunsch, in einer von neoliberalem Wettbewerbsgedanken und Hochschulrankings beeinflussten Öffentlichkeit auf der „Exzellenzskala“ weiter nach oben zu klettern. Wie „Erneuerung“ hier gedacht wird, ist ebenfalls eng mit der neoliberalen Forderung nach permanenter Innovation verknüpft. Genau wie bei vielen Lehrinhalten ist die Frage, woran Kritik geäußert und wie Kritik verstanden wird. Wenn bspw. auf Forderung verschiedener Akademieangehöriger im Entwicklungsplan vermerkt wird, dass die Aufarbeitung der nationalsozialistischen Vergangenheit der Akademie auf der politischen Agenda stehen sollte oder den Studierenden ein Paragraph über die Wichtigkeit ihrer Stimmen gewidmet wird, heißt das noch lange nicht, dass sich an den Strukturen irgendetwas ändert. Dass in Seminaren über selbstorganisierte Bildungsstrukturen, anti-kapitalistische Kämpfe und „widerständige“ Gruppierungen gesprochen wird, hat kaum Einfluss darauf, wie sich die Lehrenden in der Akademie organisieren. Handlungsspielräume werden oft nur innerhalb der gegebenen Strukturen wahrgenommen und gerne ausgeblendet, dass diese mit der eigenen Praxis aktiv (re-)produziert werden – ganz entgegen der vermittelten Theorie.

Netzwerk Emanzipatorischer Bildung Wien
edu-meltdown Offenes Diskussions- und Veranstaltungskollektiv Wien
Widerstandscafe offene Protest- und Wissensplattform Wien
edu-factory – conflicts and transformations of the university
Plattform transnationaler Protestbewegung
Netzwerk bundesweiter Bildungsstreik Deutschland
Protesttage Umfangreiches Material zum Bildungsstreik Leipzig
Plattform Bildungsstreik Kroatien
Berichte auf Englisch über Proteste in Griechenland:
SOAS-Protest Blog:

IRDEI (Initiative for the Re-Democratisation of Educational Institutions) ist eine Initiative von Studierenden und Angehörigen des Mittelbaus an der Akademie der bildenden Künste Wien, die sich mit bildungspolitischen Fragestellungen beschäftigt.
IRDEI

Interview und Übersetzung: Petja Dimitrova und Markus Griesser

1 Anmerkung von und zu IRDEI: IRDEI hat sich aus unterschiedlichen Aktivitäten und Netzwerken von Studierenden und Leuten aus dem Mittelbau ergeben, die sich mit den hier im Interview angesprochenen Fragestellungen beschäftigen. Der Zusammenschluss unter diesem Namen war ein strategischer Schritt, um mehr öffentliche Aufmerksamkeit für die verschiedenen Initiativen zu schaffen. Es wurden z.B. Texte geschrieben, Interventionen gemacht, Diskussionen veranstaltet, eine Mailingliste eingerichtet. Wie schon zuvor, ergaben sich parallel dazu neue Aktivitäten. Es gibt einige Initiativen, die ineinander fließen – Inhalte, Strukturen als auch AktivistInnen betreffend – und nicht als fixe Gruppen mit Label funktionieren.
Unter dem Namen „edu-meltdown“ lief ein einmonatiger Lesekreis mit anschließendem Workshop zum Thema Bildung und Kapitalismus, der außerhalb der Akademie stattfand. Solche Formierungen sind Versuche, offen zu bleiben, immer wieder neue Zugänge zu schaffen, frei zu experimentieren oder auch konkret zu protestieren. So gibt es jetzt z.B. auch das „Netzwerk Emanzipatorische Bildung“, das Widerstand gegen die aktuelle UG-Novelle organisiert, bei dem unter anderem Personen aus dem IRDEI-Umfeld aktiv sind.

Es ist wichtig, dass „Selbstorganisation“ nicht wie ein schönes Etikett funktioniert, unter dem sich dann – sei es unter dem Label IRDEI oder sonst etwas – eine Gruppe vermarktet. Es gibt weder Mitglieder noch Nicht-Mitglieder, sondern Menschen, die in Zusammenhängen arbeiten, wie immer diese auch aussehen.

 
 

Erhältlich in folgenden Buchhandlungen:

  • a.punkt, 1010 Wien
  • Walther König, 1070 MQ
  • Anna Jeller, 1040 Wien
  • Phil, 1060 Wien
  • Leporello, 1010 Wien
  • Lentos, Linz
  • Pro qm, Berlin
  • b_books, Berlin

 

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