Die perfekte Welle … … reißt den G8 der Universitäten fort. — IG Kultur

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INHALT 02/2009

 

Die perfekte Welle … … reißt den G8 der Universitäten fort.

Andrea Benino

Während des vergangenen Herbstes hatte sich an den italienischen Schulen (von den Volksschulen bis zu den Universitäten) eine große Protestbewegung gegen die von der Bildungsministerin der Regierung Berlusconis, Mariastella Gelmini, eingeführten „Reformen“ formiert. Insbesondere die Universitäten erlebten in den Monaten zwischen Oktober und Dezember eine Reihe von Besetzungen, Demonstrationen und Straßenblockaden, die in den drei Tagen der Konferenzen und landesweiten Demonstrationen vom 14. bis 16. November 2008 in Rom gipfelten. Hier hat die onda anomala („anormale Welle“; Anm.: Name der Bewegung) in einer Reihe von Diskussionen und Workshops zu den Themen Forschung, Bildung, Arbeit, Lehre und Welfare ihre eigene alternative Konzeption der Universitäten umrissen, aber auch, eher allgemeiner, jene der Produktion und Vermittlung von Wissen. Gegen das Bild einer immer mehr als Prüfungsfabrik und „Berufsvorbereitung“ konzipierten Universität hat die onda anhand der Praxen der Selbstbildung und Selbstorganisation die Notwendigkeit verdeutlicht, das Wissen als Instrument kritischer Entwicklung zu denken, das nicht versklavt und oft jenen Dynamiken entgegengesetzt ist, die die Bildung eng an die Anforderungen des nationalen und internationalen Kapitals gefesselt und unter diese untergeordnet sehen wollen. Die onda hat also vor allem jene Formen der Selbstinwertsetzung angegriffen, zu deren Anwendung sich die in einen Kampf um den Erhalt öffentlicher Förderungen eingebundenen italienischen Universitäten entschieden haben und die keine anderen Parameter als jene der produktiven Leistungsfähigkeit gelten lassen, und damit jede Möglichkeit kritischen Denkens und persönlicher Weiterentwicklung vom universitären Horizont ausgelöscht haben. Außerdem ebnen die schweren Kürzungen der öffentlichen Finanzierungen, die den Kern der Gelmini-Reform darstellen, den Weg zur Transformation der Universitäten in private Stiftungen mit der (sowohl in seinen Inhalten als auch in seinen Formen) daraus resultierenden totalen Unterwerfung der Lehre unter die Interessen des privaten Kapitals.

In Anbetracht dieser Situation lag die Größe der Bewegungen im Herbst ohne Zweifel darin (in vielen Fällen erfolgreich), die Kämpfe korporatistischer Prägung zu überwinden, die die Bewegungen der letzten Jahre (insbesondere diejenige, gegen die 2005 von der damaligen Bildungsministerin Letizia Moratti vorgelegten Reformen) charakterisiert hatten. Sie versuchten, die Forderungen jener prekären Galaxie, die den Lebensnerv der universitären Institutionen darstellt, zu vereinen. StudentInnen, ForscherInnen, technisches und administratives Personal und in einigen Fällen auch UniversitätsdozentInnen haben es geschafft, eine ebenso in den Formen der Organisation wie auch in den Inhalten radikale Bewegung ins Leben zu rufen. Die Kritik der Schulreform ist in den weiteren Kontext der Kritik des aktuellen kapitalistischen Systems und der Wirtschaftskrise gestellt worden, die direkt jene trifft, deren bereits prekäre Lebens- und Einkommenssituation durch eine zunehmende Verschuldung der StudentInnen (nach angelsächsischem Modell) und eine ebenso voranschreitende Entwertung ihres Wissens noch unsicherer gemacht wird.

Die reine Lehre der Betriebswirtschaft

In diesem Sinne haben die Treffen des so genannten G8 der Universitäten, der von 17. bis 19. Mai 2009 in Turin abgehalten wurde, eine entschiedene und radikale Antwort der Bewegung bewirkt, welche viele auf Seiten der Institutionen inzwischen für tot erklärt hatten. Im Rahmen des G8 der Universitäten trafen sich Rektoren der Exzellenzuniversitäten der acht industrialisiertesten Länder, zu denen die Rektoren von Universitäten aus anderen Teilen der Welt hinzukamen. Schon der Name, den sich die Veranstaltung gegeben hatte, zeigte seine offensichtliche Verbindung mit den Praxen, die zur globalen Krise geführt haben, so wie auch die enge Beziehung, die die Rektoren der Universitäten mit der kapitalistischen Verwertbarkeit unterhalten wollen, offensichtlich ist. Die Art und Weise, wie diese Treffen organisiert wurden, zeigt einmal mehr, wie sehr das zu Grunde liegende Modell der Universitäten mit betriebswirtschaftlichen Formen verbunden ist, deren einziges Kriterium die Bewertung der Vereinbarkeit der universitären Lehre mit der Organisierung der kapitalistischen Produktion auf globaler Ebene ist. Themen, wie sie die die Rektoren in Turin diskutierten (Verbindungen zwischen Universität und Arbeitswelt, Umweltverträglichkeit), werden ab dem Moment jeglicher realer Bedeutung beraubt, wo sie – indem sie diejenigen von der Debatte ausschließen, die die Universität leben und leben lassen – kein anderes Ergebnis erreichen als jenes Modell der globalen governance zu reproduzieren, das durch eine immer radikalere Ausbeutung und Prekarisierung derjenigen Existenzen erreicht wird, die jenen sozialen Reichtum produzieren, der ihnen dann vorenthalten wird. Eine solche Form, die Universität zu denken, beraubt jeden Diskurs über Umweltverträglichkeit oder über den Kampf gegen Rassismus und Diskriminierung jeglicher Bedeutung, wenn die Universität die gleichen Organisationsmodelle übernimmt, die eben Prekarisierung, Ausschluss und Verschmutzung produzieren: die mit einem Wort jene generalisierte Krise produzieren, in der wir uns heute wiederfinden.

Besetzung und Demonstration

Die onda hat also den G8 der Universitäten als Gelegenheit ergriffen, um den eigenen Protest wieder zu beleben und noch einmal die eigene, andere Position auszudrücken, die von einer Wiederaneignung von Zeiten, Inhalten und den Modalitäten von Produktion, Vermittlung und Beurteilung von Wissen spricht. Das Anti-G8-Treffen von Turin der onda anomala hatte die Charakteristiken eines großen, internationalen Zusammentreffens, es dauerte drei Tage und endete am Dienstag, dem 19. Mai, mit einer beeindruckenden Demonstration. Die für diese drei Tage organisierten Zusammentreffen und Diskussionen gegen den G8 der Universitäten hätten im Palazzo Nuovo, dem Sitz der humanistischen Fakultät der Universität von Turin, stattfinden sollen; dessen ungeachtet verkündete der Rektor der Universität von Turin, Ezio Pellizzetti, am Abend des 16. Mai die Schließung des Palazzo Nuovo vom 17. bis 19. Mai, um die StudentInnen davon abzuhalten, ihrem Standpunkt über den G8 und dessen Inhalte Ausdruck zu verleihen. Offiziell begründet wurde die Entscheidung mit der (von den Massenmedien in den Tagen davor umfassend geschürten) Angst vor Zusammenstößen und Gewalt, die den Sitz der Universität als Ziel gehabt hätten. Nichtsdestotrotz: Das Programm dieser drei Tage war seit langem festgelegt und öffentlich: Diskussionen, Buchpräsentationen, Ausstellungen und Filmvorführungen sollten die Demonstration am Dienstag, dem 19. Mai, vorbereiten; die Demonstration selbst war von dem Entschluss, der Ablehnung des G8 der Universitäten Ausdruck zu verleihen, getragen, hatte jedoch keinesfalls eine Verwüstung des Stadtzentrums im allgemeinen, wie von den Massenmedien behauptet, zum Ziel.

Auf die Provokation des Rektors antworteten die StudentInnen mit der Besetzung des (an den Palazzo Nuovo angrenzenden) Palazzetto Aldo Moro, womit man das große Experiment der Selbstverwaltung und der Gemeinschaft, das schon die Bewegung im Herbst charakterisiert hatte, wiederaufleben ließ. Die ersten beiden Tage waren von einer Debatte über die Transformationen der Rolle des Wissens im globalisierten Kapitalismus geprägt, an der einige ProtagonistInnen des Projektes edu-factory teilnahmen; von einem Zusammentreffen mit den VertreterInnen der Bewegungen No TAV, No dal Molin und No discarica (Bewegungen, die auf nationaler Ebene aktiv sind, um gegen Unweltverschmutzung und die Zerstörung von Ressourcen und des Gemeinwesens zu kämpfen) und, schlussendlich, von Diskussionen mit den griechischen, spanischen und französischen StudentInnen über die dortigen Kämpfe im Herbst 2008. Außerdem wurden während der zwei Tage einige Straßenblockaden durchgeführt, auf die die Polizei mit einschüchternden Angriffen antwortete.

Organisierter Widerstand

Die landesweite Demonstration am Dienstag, dem 19. Mai, brachte letztendlich das hervor, was von vielen als „perfekte Welle“ definiert worden ist: 10.000 Menschen nahmen teil, und während sie die Stadt durchquerten, gingen die Teilnehmerinnen dazu über, die für die aktuelle globale Krise verantwortlichen Institutionen (Banken, Arbeitsvermittlungsagenturen) mit symbolischen Aktionen anzugreifen. Der Zug endete vor einer gewaltigen Absperrung, an der Ordnungskräfte aufgestellt waren, zum Schutz eines Areals, das sich (ganz im Stil des G8!) als Rote Zone präsentierte. Hier lösten die StudentInnen, wie in den Tagen zuvor angekündigt, die Demonstration nicht auf, sondern rückten weiter vor, um zu zeigen, dass sie die Einschüchterungsversuche sowie Einschränkungen der Bewegungsfreiheit und des Ausdrucks in keiner Weise akzeptierten, bis sie direkt auf die Ordnungskräfte trafen. An diesem Punkt waren die Folgen voraussehbar, aber eine bessere Antwort als die der onda hätte es nicht geben können: die StudentInnen erwiderten die Angriffe der Polizei, indem sie sich organisierten, Steine warfen, Widerstand leisteten ohne sich zu zerstreuen, und indem sie den langsamen und geordneten Rückzug der Demonstration schützten. Diese kehrte nach etwa einer Viertelstunde des Straßenkampfs in Richtung des Palazzo Nuovo zurück, wo eine öffentliche Versammlung am Ende der drei Tage dieser wegen ihrer Radikalität, Qualität der Inhalte und Beteiligung außergewöhnlichen Mobilisierung stattfand.

Die Bilanz, die man aus diesen Tagen im Mai ziehen kann, ist demnach eine gänzlich positive: Nicht nur befindet sich die Bewegung vom Herbst in bestem Zustand, sie hat auch die Beziehungen mit anderen Komponenten der Bewegung auf landesweiter und internationaler Ebene und die eigenen Modalitäten der Wiederaneignung metropolitaner Räume zu vertiefen, indem sie eine Organisierung und eine Stoßkraft aufgeboten hat, die während der Herbsttage niemals eine ähnliche Intensität erreicht hatten. Außerdem hat die große Beteiligung an den Aktionen bewiesen, dass radikale Kampfformen in Anbetracht der Krise des globalen Kapitals nicht nur möglich sind, sondern dass sie immer mehr Akzeptanz unter all jenen finden, die – dazu gezwungen, die Folgen der Krise selbst zu tragen – die auferlegte Opferrolle verweigern und entscheiden, im Hier und Jetzt alternative Praxen an der Universität und in der Metropole umzusetzen. Die Analysen und die Praxen, die die Bewegung produziert hat und weiterhin produziert (Selbstorganisation, Selbstbildung, Wiederaneignung von Räumen, Zeit und Einkommen), sind demnach lebendig und machtvoll und lassen bereits jetzt einen weiteren Herbst des Kampfes erahnen, der noch radikaler sein wird und in noch höherem Ausmaß fähig, das Terrain der Krise anzugreifen.

Andrea Benino studierte Philosophie mit Schwerpunkt auf die Verbindungen zwischen Ontologie und Politik im französischen Poststrukturalismus und im italienischen Post-Operaismus. Er arbeitet derzeit als Lehrer und ist aktiv im Rahmen des centro sociale Askatasuna in Turin, wo er auch lebt.

Übersetzung: Stephanie Weiss

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