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INHALT 02/2009

 

Die dunkle Seite von Twitter, Facebook & Konsorten

Christof Autengruber

Mit 20.000 Mitgliedern innerhalb einer Woche war die Gründung der Facebook-Gruppe Freiheit im MQ Anfang Juni – bescheiden ausgedrückt – ein Erfolg. Kein Wunder, ging es doch darum, die Gemütlichkeit und Offenheit des Wiener Museumsquartiers gegen die Wächter der MQ-Direktion zu verteidigen. Kein Konsum selbst mitgebrachter alkoholischer Getränke – wenn das kein Anlass ist, auf die digitalen Barrikaden zu steigen?

Auf der anderen Seite des Spektrums politischer Netznutzung steht etwa der Einsatz von Twitter durch die Oppositionsbewegung im Iran nach den umstrittenen Wahlen Anfang Juni 2009. Über die Plattform wurde trotz Mediensperre Information nach außen getragen und zum Hacken zentraler Web-Server des Mullah-Regimes geblasen.

Zwischen Narzissmus und Emanzipation

In den angeführten Beispielen werden Web-2.0-Technologien klar politisch eingesetzt. Dennoch, sie bilden die seltene Ausnahme im Schatten von Selbstinszenierung und Marketingaktivitäten. Der Netztheoretiker Geert Lovink bringt es in einem Interview in der Wochenzeitung Die Zeit (9. Dezember 2007) auf den Punkt:

„Das Entscheidende im Netz von heute sind nicht Nachrichten und Meinungen, sondern Selbstdarstellung und Selbstreflexion: Wer bin ich? Was mache ich? Wer befindet sich in meiner Gegend? [...] Nachdem man gesurft ist und geshoppt hat, stellt sich die Frage: Was ist eigentlich mit mir? Lebe ich oder werde ich bloß gelebt?“ (Lovink, ebd.)

Aber verbirgt sich hinter unserem lockeren Online-Zwitschern, der Jagd nach digitalen FreundInnen und der detailverliebten Selbstpräsentation nicht doch mehr? Haben wir mit Einzug von Web 2.0 die jahrzehntelange Dominanz von Rundfunk und Massenmedien überwunden? Hans Magnus Enzensberger definierte 1970 in seinem „Baukasten zu einer Theorie der Medien“ Aspekte eines emanzipatorischen Mediengebrauchs im Gegensatz zum repressiven Rundfunk-Ansatz. Eine Reihe an Merkmalen emanzipatorischer Mediennutzung – wie die Auflösung der Sender/Empfänger-Rollen, Interaktionspotenziale und kollektive Produktion – finden sich im Social Web wieder. Doch zwei zentrale Kriterien sind bis heute nicht erreicht: Die Kontrolle über Inhalte und Strukturen liegt nach wie vor zentral bei Medien-EigentümerInnen, und die Tendenz im Hinblick auf politische/demokratische Teilnahme geht mit Fokus auf Spaß und Selbstinszenierung stark in Richtung Entpolitisierung.

Und die beiden Beispiele? Die anarchisch-dezentrale Struktur des Netzes wurde von BürgerInnen seit dessen Anfängen mit den jeweiligen Mitteln der Zeit – von Usenet über Mailing-Lists, Foren, Online-Petitionen bis eben hin zu Social Software – für politische Zwecke eingesetzt. Selbst wenn sich Facebook und Twitter für politisch motivierte Netznutzung prinzipiell eignen, sie bergen im Unterschied zu anderen Kommunikationsmitteln im Netz erhebliche Falltüren. Diese dürfen in der Euphorie des Hypes nicht ausgeblendet werden.

Loser-Generated Content und fehlende Business-Cases

So offensichtlich das auch sein mag: Betreiber von Web-2.0-Diensten verfolgen wie jedes privatwirtschaftlich organisierte Unternehmen das primäre Ziel der Profitmaximierung. Die Konsequenzen daraus werden jedoch gerne ignoriert. Kostenlos sind diese Dienste für User nur auf den ersten Blick, denn das eigentliche Kapital liegt in den von AnwenderInnen täglich gratis und in Massen produzierten Inhalten sowie in deren Aufmerksamkeit und Profilen selbst. Die Architektur der Partizipation wird somit zur Architektur der Ausbeutung, was der dänische Kultur- und Kommunikationswissenschafter Søren Mørk Petersen (2008, online) mit dem Konzept des Loser generated Content pointiert beschreibt.

„Relations are the key here. We need to acknowledge that relations of subjectivity, everyday life, technology, media and publics also are related to dimensions of capitalism. This relation reconfigures patterns of use into practices which carries a resemblance of work relations, transforming users into losers.“ (Petersen, ebd.)

Web-2.0-Applikationen werden samt deren Gefolgschaft – trotz offensichtlich fehlendem Businessmodell – zu unfassbaren Beträgen gehandelt. Der Reiz liegt in der Masse selbst, auch wenn noch nicht recht klar ist, was man mit ihr eigentlich anfangen soll. Lovink (2008) betont in seinem Buch „Zero Comments“ das Heranwachsen der nächsten Blase, die nach der gescheiterten Dot.Com-Ära unmittelbar vorm Platzen steht. Geändert habe sich im Vergleich zu 1999 lediglich die Erkenntnis, dass User nicht wegen eCommerce ins Netz strömen, sondern um Unterhaltung zu suchen.

Es liegt auf der Hand, dass InvestorInnen für ein nachhaltiges Verwertungssystem auf eine kreative Nutzung der gewonnenen Userdaten – ihr einzig real vorhandenes Kapital – zurückgreifen. Erste Versuche in diese Richtung unternahm Facebook im Februar 2009: Durch eine Adaption der AGBs entzogen die BetreiberInnen ihren Usern ohne Vorwarnung die Verfügungsgewalt über eigene Profile. Damit hätte sich das Unternehmen das Recht eingeräumt, auch alle Daten aus gelöschten BenutzerInnenprofilen weiter verwenden zu können, was letztlich durch heftigen Protest abgewendet werden konnte.

Übertragung massenmedialer Strukturen ins Netz

Erst mit der Verbreitung von Social Software – so der regelmäßig propagierte Irrtum – sei die tatsächliche Demokratisierung des Netzes eingeläutet worden. Zwar ist der Anteil jener, die das Netz aktiv nutzen, deutlich gestiegen, doch die Rahmenbedingungen dieser Nutzung stehen einer Demokratisierung vor dem Hintergrund zunehmender Monopolisierung und Medienkonzentration diametral gegenüber.

MySpace – als eine der ersten Plattformen, der der Durchbruch gelang – ist mittlerweile im Besitz des Medien-Moguls Rupert Murdoch. Google dominiert mit seinen Services bereits einen Großteil der Netzaktivitäten und erweitert durch Einkäufe seinen Einflussbereich ungemein: Youtube, Orkut und Blogger sind die zugekauften Flaggschiffe der Google-Armada. In Kombination mit der angestrebten Providertätigkeit und dem Google-Phone erreicht der Konzern eine nahezu lückenlose Abdeckung aller Aspekte der Netzkommunikation, mit dem Google-Account als zentralen Dreh- und Angelpunkt.

Auch Yahoo sitzt mit eigenen Services und satten Zukäufen wie der Foto-Community-Site Flickr oder dem Social-Bookmarking-Dienst delicious fest im Sattel. In regelmäßigen Abständen geraten Übernahmegerüchte und Gespräche zwischen Google und Microsoft an die Öffentlichkeit. Facebook und Twitter sind momentan noch nicht im vollständigen Besitz eines Big Players. Microsoft und der russische Medienkonzern Sky Technologies haben aber bereits zu geringeren Teilen in Facebook investiert. Facebook selbst wiederum schielte mit 500 Millionen Euro in Richtung Twitter. Ein Angebot, das das Unternehmen aber ablehnte. Gerüchte über eine Übernahme von Twitter durch Google bzw. durch Apple tauchten in den letzen Monaten auf.

Die dezentrale, nicht kontrollierbare und anarchische Natur des Netzes wird zunehmend zum Spielplatz weniger Player, die einen dominanten Anteil des Traffics für sich verbuchen können und so an den Schalthebeln künftiger Netzpolitik und Technologieentwicklung sitzen. Medienkonzentration und Monopolisierung wurden längst von der klassischen Medienökonomie ins Netz übertragen.

Kannibalisierung durch Ausverkauf der NutzerInnen

Die Kombination von folgenden, bereits angesprochenen Punkten, gestaltet die Umgebung von Web-2.0-Applikationen im Hinblick auf Datenschutz äußerst prekär: die Generierung einer Unmenge an Daten durch teils sehr private, von Usern freiwillig bereitgestellte Inhalte und aufgezeichnete Verhaltensmuster die verstärkte Aggregation von Traffic und gesammelten Daten in den Händen von immer weniger Playern als Resultat von Konzentration und Monopolisierung das Fehlen eines erfolgversprechenden Businessmodells, durch das die Konzerne zunehmend unter Zugzwang geraten

Verwertungsmöglichkeiten liegen im Verkauf von Nutzungsdaten sowie in maßgeschneiderter Werbung mit geringem Streuverlust. Verschärft wird die Situation durch den Verlust der eigenen Datenhoheit. Es ist ebenso unmöglich, das unwiderrufliche Löschen von BenutzerInnenprofilen und Infos zu garantieren, wie die Weiterverwertung der eigenen Contents durch Dritte zu verhindern. Immer häufiger geraten Plattformen wie Facebook oder studiVZ wegen genau dieser Aktivitäten ins Kreuzfeuer der Kritik.

Michael Zimmer (2007, online) spricht in diesem Zusammenhang von Externalitäten des Social Webs. Neben dem vermehrten Fluss persönlicher Information in und zwischen Netzwerken und dem Anstieg an Data-Mining-Aktivitäten zur strukturierten Sammlung und Aufbereitung persönlicher Informationen fällt auch die Nutzung der gesammelten Daten zur Vorhersage von Bedürfnissen und Wünschen der User für Marketingzwecke darunter. Er diagnostiziert daher den Panoptischen Blick, der sich – hervorgerufen durch eine Infrastruktur der Datenüberwachung – permanent auf Web-2.0-User richtet.

Im Umgang mit dieser Herausforderung wird sich der Erfolg oder Misserfolg des Hypes in naher Zukunft zeigen, denn letztlich bleibt zu hoffen, dass mündige User – wie im Fall der abgeänderten Facebook AGBs – Datenmissbrauch und Ausbeutung abstrafen und sich nicht durch Selbstzensur hinter Büschen verstecken.

Fazit: Fortschritt oder Scheindemokratisierung?

Haben wir mit Einzug von Web-2.0-Plattformen die Dominanz von zentralisierten Mediensystemen, einseitiger One-to-Many-Kommunikation und isolierter Produktion überwunden, oder gehen wir vielmehr einen Schritt zurück? Mit Monopolisierung und zunehmender Konzentration von Social-Web-Plattformen werden gegenwärtig massenmediale Strukturen ins Netz transferiert. Die Kontrolle über Inhalte und Kommunikationsmittel liegt – wie bei klassischen Medien – nach wie vor zentral beim Medien-Konzern, der auch autonom über die von Usern generierten Inhalte und deren Nutzungsdaten verfügt.

Der Web-2.0-Hype befriedigt, unterstützt durch Marketinginteressen, vielmehr unseren Drang nach Unterhaltung, Selbstdarstellung und Selbstreflexion und ist nur sekundär für politisch motivierte Aktivitäten – wie im Fall der Facebook-Gruppe Freiheit im MQ oder des Twitter-Einsatzes durch die Oppositionsbewegung im Iran – relevant. Vielmehr greifen NetzaktivistInnen – wie auch in der Vergangenheit – auf aktuelle Mittel der Netzkommunikation zurück und verwenden diese für ihre Zwecke.

Technologien per se sind weder politisch noch narzisstisch. Es sind die Rahmenbedingungen der Mediennutzung, die unterschiedliche Einsatzmöglichkeiten fördern oder hindern und gegenwärtig zu einer Scheindemokratisierung im Netz führen. Umso entscheidender ist es, sich diese Rahmenbedingungen zu vergegenwärtigen, während man sich im Kommunikationsraum zwischen Facebook, Twitter, MySpace und Flickr bewegt.

Literatur

Enzensberger, Hans Magnus (1970): Baukasten zu einer Theorie der Medien. In: Pias, Claus et al. (HG 2008). Kursbuch Medienkultur. 6. Auflage, DVA, München.
Lovink, Geert (2008): Zero Comments. Elemente einer kritischen Internetkultur. Transcript. Bielefeld.
Petersen, Søren Mørk (2008): Loser Generated Content. From Participation to Exploitation. In: First Monday, Vol. 13/3. Artikel , aufgerufen am 16. Juni 2009.
Zimmer, Michael (2007): The panoptic gaze of web 2.0. How web 2.0 platforms act as infrastructure or dataveillence. PDF, aufgerufen am 16. Juni 2009.

Christof Autengruber ist Kommunikationswissenschafter und Vorsitzender des Salzburger Netzkulturvereins subnet.

 
 

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  • b_books, Berlin

 

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