Macht und Machtlosigkeit — IG Kultur

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INHALT 02/2009

 

Macht und Machtlosigkeit

Ein Interview mit Saskia Sassen und ein Kommentar von Martin Wassermair

Die US-amerikanische Soziologin Saskia Sassen, Professorin an der Columbia University und der London School of Economics, prägte Anfang der 1990er Jahre den Begriff der Global City. Dieser bezeichnet im Gegensatz zur quantitativen Bestimmung der Megacity einen strategisch wichtigen Knotenpunkt innerhalb des globalen Wirtschaftssystems und damit einen Ort immenser Machtkonzentration. Die grenzüberschreitende Verflechtung von Städten führt zu Verschiebungen globaler Kräfteverhältnisse und stellt damit den Nationalstaat vor neue Herausforderungen. Auf der Konferenz World-Information City Paris 2009 sprach Sassen in ihrem Vortrag unter dem Titel „Re-Assembling the Urban“ von der Notwendigkeit, translokale Prozesse in der Untersuchung urbaner Konzepte zu berücksichtigen. Gerade neue Formen urbaner Fragmentierung verändern die Stadtlandschaften in immer kürzerer Zeit und widersetzen sich so einem einheitlichen Erklärungsansatz. Es ist jedoch gerade diese destabilisierte Stadt, in der Politik auf globaler Ebene stattfindet. Folgendes Interview wurde unmittelbar nach ihrem Vortrag geführt.

WII: Die beiden Begriffe „Macht“ und „Machtlosigkeit“ spielen in Ihren Analysen eine große Rolle.

Saskia Sassen: Wir müssen wieder entdecken, wie Macht und Machtlosigkeit erzeugt werden und wie vielschichtig diese Phänomene in ihren positiven wie negativen Dimensionen sind. Es ist ja ein konstruktivistischer Gedanke, dass diese Phänomene nicht einfach existieren, sondern gemacht werden. Sogar jene, die machtlos sind, können in bestimmten Momenten doch Geschichte schreiben. Wenn Menschen sich in einer Menge (Multitude) vereinigen, sind sie deshalb noch nicht automatisch ermächtigt, aber sie können trotzdem Geschichte schreiben. Vor und nach dem „Moment der Menge“ sind die einzelnen Individuen vielleicht machtlos, aber dieser eine Moment verleiht ihrer Machtlosigkeit Komplexität. Meistens dauert es viele Jahre, in manchen Fällen sogar mehrere Generationen, bis wir wissen, ob diese machtlosen Menschen in einer bestimmten Gesellschaftskonstellation tatsächlich den Lauf der Geschichte verändert haben. Nehmen wir zum Beispiel die Anstrengungen der Schwarzen in den USA, Bürgerrechte zu erlangen. Dieser Kampf dauerte fünf oder sechs Generationen, aber am Ende war er erfolgreich. Diese Anstrengungen erzwangen die Bürgerrechte vom politischen System, wenn man das so sagen will.

WII: Sie verwenden auch die Konzepte der „befreiten zivilen Territorien“ und der „Ent-Nationalisierung“.

Sassen: Die Kategorie „Territorium“ interessiert mich schon seit längerem, da sie eine Konstruktion der Macht ist. Wenn eine Stadt von Krieg und Anschlägen heimgesucht wird, dann entdecken wir, die BewohnerInnen, dass wir ZivilistInnen sind. Das sollte uns eigentlich schützen, aber heute ist das ein Zustand tiefster Verwundbarkeit und Machtlosigkeit. Natürlich sollen wir den Eindruck bekommen, dass wir geschützt sind, aber es ist eine Tatsache, dass wir nur sehr wenige Schutzmechanismen haben. Daher gehe ich von einer rein hypothetischen Frage aus: Was würde geschehen, wenn wir ein Recht darauf hätten, „zivile Territorien“ in einer Stadt zu haben, wie eine Art Sperrbezirk. Ich glaube, eine der Folgen wäre, dass wir herausfinden würden, in welchem Ausmaß der Staat Territorium besitzt. Wir mögen unser Haus besitzen, aber der Nationalstaat besitzt und kontrolliert das Territorium. In manchen Fällen trifft das auch für multinationale Konzerne zu, die Teil dieser Koalition sind. Der zweite Begriff, an dem ich interessiert bin, ist „Ent-Nationalisierung“. Ich fragte mich, ob das Vokabular der Globalisierung alle Veränderungen, die täglich passieren, sowie alle Zustände und Ereignisse, die damit in Zusammenhang stehen, wirklich einfangen kann. Diese Veränderungen betreffen zwar vielleicht nur Teile unseres Lebens, aber sie sind trotzdem grundlegend. Das Vokabular der Globalisierung entsteht gerade nicht außerhalb des Nationalstaats, sondern auch im Inneren des nationalstaatlichen Apparats werden Vorgänge in verschiedenem Ausmaß Teil dieses Transformationsprozesses. Dieses Phänomen beschreibe ich mit dem Begriff „Ent-Nationalisierung“. Er ist zugegebenermaßen nicht eindeutig, da zum Beispiel auf Französisch „dénationalisation“ gleichbedeutend ist mit „Privatisierung“. Diese ist ein Teilaspekt dieses Phänomens, aber ich versuche, den Begriff in einem weiteren Sinn zu verwenden. So beinhaltet er auch, dass wir als BürgerInnen nationale Instrumente und Institutionen benutzen können, um globale Politik zu machen. Und das zwar in einem formellen, verbindlichen, nicht nur informellen, symbolischen Sinn.

WII: Wo sehen Sie heute den Unterschied zwischen dem alten Problem der Zentralisierung und neuen Arten der Fragmentierung in Städten? Gibt es ein Ende der Global City?

Sassen: Ich glaube nicht, dass es ein Ende gibt, aber das heißt nicht, dass es sich um die gleichen Global Cities handelt, die ich seit Anfang der 1980er Jahre beschrieben habe. Damals war das große Thema „Wie operieren diese global agierenden, mobilen, oft hochgradig technisierten Firmen? Berühren sie den Boden überhaupt nicht mehr?“ Daher war ich sehr stark daran interessiert, genau den Moment zu erfassen, an dem sie sich physisch am Boden manifestieren. Dieser Moment war das Signal, dass sie doch etwas brauchten – und zwar vom Nationalstaat. In dieser Situation konnte das Nationale in der Gegenüberstellung mit diesen sehr einflussreichen globalen Akteuren durchaus an Macht gewinnen. Heutzutage entsteht dieser Bedarf aus vielen zusätzlichen Faktoren und bildet ein hochkomplexes Phänomen. Nehmen wir zum Beispiel die Urbanisierung vieler ökonomischer Faktoren. Viele große Firmen, etwa Fabriken, aber auch Minen oder Steinbrüche, kaufen mehr spezialisierte Dienstleistungen an als noch vor dreißig Jahren: Versicherungen, Buchhaltung, Öffentlichkeitsarbeit, Rechtsberatung und vieles mehr. Daher kommt es auch in Wirtschaftsräumen, die von der Güterproduktion dominiert werden wie in Deutschland, trotzdem zu einem Wachsen der Städte. Das geschieht, selbst wenn die Großindustrie außerhalb der Städte angesiedelt ist. Diese „intermediäre Ökonomie“ trägt also entscheidend zum Wachstum der Städte bei. Wenn man sich die Statistiken für alle so genannten „entwickelten“ Staaten ansieht, dann ist dieser Sektor an Firmendienstleistungen derjenige, der am stärksten wächst, weil er sowohl die Wissensökonomie wie auch die klassischen produktiven Sektoren bedient.

Städte funktionieren aber nicht nur als ökonomische Ballungsgebiete, sondern auch als kulturelle Magneten, gerade für neue Formen der multikulturellen Identitäten. Es gibt also viele andere Faktoren, die mitbedacht werden müssen, auch wenn ich mich bisher nicht damit beschäftigt habe: Fragen der Lebensstile und die Tatsache, dass viele junge Menschen in der Stadt leben wollen, weil sie die Vorstädte tödlich finden. In den USA ist zum Beispiel unter Frauen die Gruppe der jungen, frisch vermählten Frauen in den Suburbs am stärksten suizidgefährdet. Ich weiß nicht, ob diese Zahl noch zutrifft, aber bis vor zehn Jahren war das so. Es kommen also viele Dinge zusammen, die das Wachstum der Globalen Cities begünstigt.

Was mich besonders interessiert ist, dass Global Cities Orte der Macht sind. Nur dort gibt es die Möglichkeit, unternehmerische Macht oder Finanzmacht aufzubauen, weil es genau dort die Ressourcen dafür gibt. Daher ist die Global City immer auch ein vieldeutiger Zustand: Sie ist ein tatsächlicher Schauplatz der realen Welt, eine Extremzone, in der sich alle Gegensätze treffen. Auf der einen Seite gibt es die mächtigsten Akteure, auf der anderen Seite gibt es MigrantInnen, Queere und andere Bevölkerungsgruppen, die politische Projekte haben und politische Ziele verfolgen. Sie mögen keine politische Macht erlangen, aber sie machen trotzdem Geschichte. Daher ist die Global City eine Extremzone. Heute wird oft die Zahl von 75 Global Cities genannt, was bedeutet, dass es ziemlich normal wird, eine Global City zu sein. Alle diese Städte verfügen über gewisse, spezialisierte globale Funktionen. Aber dennoch sind all diese Städte strategische Orte: Es gibt zwar große Mittelklassen, große standardisierte Sektoren, aber sie haben auch diese Qualität der Extremzonen. Diese Qualität werden sie auch behalten, da Ungleichheiten von unserem System weiter erzeugt werden, teils daher, da es sich um ein kapitalistisches System handelt.

WII: Welche Rolle spielt Technologie in diesem Kontext? Wie können sie für neue Formen der Mikropolitik eingesetzt werden?

Sassen: Technologie ist ein vorherrschendes Paradigma, aber das sollte sie nicht sein. Technologie sollte auch in einer anderen Weise funktionieren. Wir sollten uns Menschen in ihren spezifischen Lebenskontexten ansehen, egal ob Großmütter oder Koranschüler, und uns genau ansehen, welche Praktiken sie haben. Danach sollten wir uns die Frage stellen, wie wir ihr Wissen und ihre Strategien online bringen können und wie wir ihnen Instrumente in die Hand geben könnten, ihnen mehr Macht zu geben. Es sollte also ein Zugang zu Technologie gefunden werden, der auf dem bereits vorhandenen Wissen der Menschen aufbaut, ihre Bedürfnisse erkennt und darauf basierend neue Software produziert. Das ist meine Hoffnung, dass wir aufhören, Technologie als Paradigma zu sehen, vor allem in den USA. Langsam spürt man schon Veränderungen, aber über lange Zeit wurde nur in zwei Dimensionen gedacht: einerseits Zugang zur Technologie, andererseits Kompetenz im Umgang damit. Das ist aber nicht genug, da es diejenigen, die entweder keinen Umgang oder keine Erfahrung mit Technologie haben, auf Unwissenheit reduziert, dass sie „ausgeschlossen“ waren. Lange Zeit wurde das Problem so gesehen, als müsste man ihnen nur den Umgang beibringen und ihnen Zugang zu einem Computer verschaffen, um sie in den Kreis der Wissenden zu bringen. Das ist eine Herangehensweise, die ich ablehne. Wir, die wir schon zu diesen vermeintlich Wissenden zählen, müssen uns vielmehr die Frage stellen: Was machen diese Menschen schon jetzt? Wie können wir dieses Wissen und diese Praktiken online bringen und sie dadurch ermächtigen?

Das Gespräch führte Clemens Apprich; Übersetzung: Christine Mayer.

World-Information Institute

Saskia Sassens neue Bücher sind: „Das Paradox des Nationalen: Territorium, Autorität und Rechte im globalen Zeitalter“ (2008) und „A Sociology of Globalization“ (2007).

„Die Stadt ist der Ground Zero des gesellschaftlichen Wandels.“

Mit diesem Bild schloss Ende April 2009 die Konferenz World-Information City in Paris, die den urbanen Raum als Brennpunkt globaler Veränderungen und somit auch als immense politische Herausforderung zum Inhalt hatte. Stephen Graham, Professor an der Universität von Durham, führte in seinem Beitrag näher aus, warum die Stadt als Austragungsorte sozialer Konflikte mehr als zuvor kritische Aufmerksamkeit verdient: „Die unentwegte Mobilmachung von Sicherheitsorganen richtet sich zunehmend gegen die urbane Zivilbevölkerung. Soziale Bewegungen und künstlerische Projekte sind aufgerufen, sich diesem militärischen Urbanismus zu widersetzen.“ Kulturschaffende können sich angesichts der asymmetrischen Konflikte nicht teilnahmslos verhalten gegenüber dem Kräftemessen zwischen jenen, die über Kultur und Hoheitszeichen nach Festigung ihrer Regime trachten, und jenen, die mit Überwachung und sozialer Kontrolle in einem schier unentrinnbaren Status der Macht- und Sprachlosigkeit gehalten werden.

Doch welche Möglichkeiten stehen Kulturschaffenden noch offen, um sich eine globale Dynamik zu Nutze zu machen? Droht dabei nicht eine Vereinnahmung durch Politik und Finanz, die ungeachtet der weltweiten Krise an Macht und Einfluss wenig eingebüßt hat? Die Analyse urbaner Entwicklungen im Kontext der Globalisierung muss sich dem Spannungsfeld von Zentrum und Peripherien zuwenden. Sie erfordert ein neues Verständnis von Räumen, die – weil sie prozesshaft sind – keine feste, unveränderliche Form und Identität haben. Dazu zählt, dass Städte Sichtbarkeit brauchen – nicht zuletzt zur Gewährleistung der Transparenz von Politik, Justiz und Verwaltung. Aber Städte müssen auch Unsichtbarkeit garantieren, die individuelle Anonymität und Souveränität von Menschen. Nicht nur Plätze, Verkehrswege und Infrastruktur müssen zur Verfügung stehen, sondern auch Freiräume und Nischen. Denn nicht in den selbsternannten Zentren der Orthodoxie werden neue Ideen geboren und genährt. Die Förderung von Differenzierung, Experiment und Dissens ist eine elementare Vorbedingung zur Erschließung urbaner Räume.

1999, wenige Monate vor dem Beginn der nationalkonservativen Regierungsepisode unter rechtsextremer Beteiligung, hat die IG Kultur Österreich mit dem Klimawechsel eine umfangreiche Sammlung kulturpolitischer Postulate zur kulturellen Differenz vorgelegt. Zehn Jahr später besticht bestenfalls noch die Erinnerung daran. Wer zum Zwecke der Strategieentwicklung Schlussfolgerungen ziehen will, die sich nicht mit der pflichtgemäßen Wunschproduktion von Interessenvertretungen begnügen, sollte sich zum Barrikadenbau in der globalen Stadt aufmachen.

Martin Wassermair

 
 

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