Casa Refugio Citlaltépetl in Mexiko Stadt – Ein Zufluchtsort des „Wissens“? — IG Kultur

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Casa Refugio Citlaltépetl in Mexiko Stadt – Ein Zufluchtsort des „Wissens“?

Nina Höchtl

„What understanding begins to do is to make knowledge available for use, and that’s the urgency, that’s the push, that’s the drive.“ Audre Lorde

Wenn man durch den gentrifizierten Stadtteil Condesa, heute eines der hochpreisigsten Ausgeh- und Wohnviertel von Mexiko Stadt, schlendert, kann man das ockerfarbene Haus schnell übersehen. Und wenn man es wahrnimmt, kommt man nicht leicht auf die Idee, dass in diesem Gebäude AutorInnen, die in ihren Herkunftsländern verfolgt wurden, nicht nur einen sicheren Ort finden, sondern vor allem auch ihrer Tätigkeit weiter nachgehen können.
Das Haus ist im Besitz des Vereins Casa Refugio Citlaltépetl, der im März 1998 von den mexikanischen AutorInnen Carmen Boullosa und Álvaro Mutis gegründet wurde, um mehreren verfolgten AutorInnen für ein bis zwei Jahre einen Wohn- und Arbeitsort zu bieten sowie die Möglichkeit, ein Stipendium in Anspruch zu nehmen. 1999 wurde ein Vertrag mit der Stadt Mexiko abgeschlossen und ein Haus mit Geldern der kulturellen Ministerien des Landes und der Stadt adaptiert. Das Haus verfügt darüber hinaus über Räumlichkeiten, in denen regelmäßig Lesungen, Vorträge und Workshops stattfinden und bietet seinen AutorInnen die Möglichkeit, öffentlich aufzutreten. Im Hof des Hauses kann man in einem weiteren exklusiven Restaurant von Condesa speisen, die durch die Vermietung eingenommenen Gelder finanzieren Teile der Kosten des Vereins.

Vierteljährlich gibt die Casa Refugio auch das literarische Magazin Líneas de Fuga („Zeilen der Flucht”) mit Unterstützung der niederländischen Prince Claus Fundation heraus. Das Magazin hat den Anspruch, dem mexikanischen Publikum zeitgenössische Texte weitgehend unbekannter AutorInnen zu präsentieren. In Zusammenarbeit mit der Autorin, Film-, Theaterregisseurin und Feministin Safaa Fathy (Ägypten), die 2007 in der Casa Refugio lebte, stellte die letzte Ausgabe verschiedene SchriftstellerInnen aus ihrem Herkunftsland vor. Der nächste Schwerpunkt geht der literarischen und theoretischen Textproduktion in minoritären Sprachen wie Véneto, Vasco, Mazateco (indigenen Sprachen aus Mexiko), der Berbersprache (afroasiatische Sprache) oder Gegisch (Dialektgruppe des Albanischen) nach.
In den letzten Jahren konnte man in Mexiko beobachten, wie sich die Situation für MigrantInnen, vor allem aus Südamerika kommende, verschärfte. Das nahm die Nummer 22/23 der Líneas de Fuga (2007) zum Anlass, ihre erste Ausgabe zu reflektieren und sich dabei der Eröffnungsworte von Jacques Derrida zu erinnern, der die Reflexion und Fragen der Wichtigkeit von ciuadades refugio, Städten der Zuflucht, ins Blickfeld nahm als: „(...) Pflicht der Gastfreundschaft in einer Realität, in der wir beobachten, wie die Asylpolitik immer strenger, eine Politik der Öffnung immer enger wird und wie die Abhängigkeit dieser Politik Schritt für Schritt immer mehr mit den ökonomischen Begründungen der Staaten verbunden ist.“

Diese Fragestellung, die sich in seinem Essay COSMOPOLITAS DE TODOS LOS PAÍSES ¡UN ESFUERZO MÁS! (KOSMOPOLITEN ALLER LÄNDER EINE ANSTRENGUNG MEHR!) aus dem Jahre 1996 findet, könnte als ein Gedankenimpuls für die Gründung des Hauses gelesen werden, und erscheint dem Team heute relevanter als Jahre zuvor. Im Sinne einer solchen „unbedingten Gastfreundschaft, die untrennbar mit einem Denken der Gerechtigkeit verbunden ist“, als „ein Ort, von dem aus uns die unmittelbaren, die ganz konkreten Dringlichkeiten diktiert werden“, wie Derrida es in einem Gespräch mit Thomas Assheuer (1998) formulierte, wurde die Casa Refugio gedacht, und der Verein versucht diesem Anspruch auch zehn Jahre nach der Gründung gerecht zu werden. Er steht somit auch in der mexikanischen Tradition, politisch verfolgten KünstlerInnen und AktivistInnen Exil zu gewähren. „Casa Refugio versteht heute seine Rolle im Hinterfragen festgelegter kultureller Annahmen über andere wie auch über sich selbst, versucht oppositionelles Wissen weiterzugeben und sein Publikum mit alternativer Wissensproduktion aus unterschiedlichen Ländern vertraut zu machen.“

Die „Ausstellung als Schule“ in der Casa Refugio

Im Rahmen des als temporäre Schule strukturierten (Ausstellungs)Projekts unitednationsplaza Mexico DF (unp) von Anton Vidokle war ich zum ersten Mal in der Casa Refugio. Nachdem die eigentlich geplante Manifesta 6 in Zypern, eine temporäre Kunstschule auf beiden Seiten der Green Line, abgesagt worden war, fand sie, als Seminar/Residenzprogramm strukturiert, unter dem Namen unitednationsplaza für die Dauer eines Jahres 2006/07 in Berlin statt. Im März 2008 kam unp für einen Monat nach Mexiko Stadt, einer Einladung von El Patronato de Arte Contemporáneo (pac) folgend, einem Verein, der sich aus MuseumsdirektorInnen, GaleristInnen und KuratorInnen zusammenstetzt und sich der Aufgabe widmet, „aktuelle Kunst in Mexiko voranzutreiben“. Das Programm bestand aus zwei Teilen: Vorträgen, die öffentlich zugänglich waren und Workshops, die nur von einer Kerngruppe besucht werden konnten, die sich aus KünstlerInnen (ich war eine davon), KuratorInnen, AnthropologInnen, KunsthistorikerInnen und -theoretikerInnen, die größtenteils nicht aus Mexiko kamen, zusammensetzte. Die Einladung zur unp und die Ausschreibung für die Kerngruppe wurden vom internationalen Netzwerk versendet und waren auf der Internetseite von unp und pac einzusehen. Es standen keine Stipendien zu Verfügung und so bezahlten die KerngruppenteilnehmerInnen, wenn sie nicht aus Mexiko kamen, ihre Reise- und Aufenthaltskosten selbst. Die Verständigungssprache war Englisch. Einmal mehr war es notwendig, die dominante Sprache in Bildung, Wissenschaft und Verwaltung zu beherrschen. Ein erklärtes Ziel von unp war, durch Vorträge und Workshops die Casa Refugio als Ort zu nützen, an dem ein kritisches Publikum durch Kunstdiskurs gebildet (Anm. gebildet im Sinne von Bildung oder im Sinne von Entstehen???) werden kann. In ihren Bemühungen, unterschiedliche AkteurInnen in Verbindung zu setzen bzw. ein erweitertes Publikum anzusprechen, stellte Casa Refugio ihre Räume unp zur Verfügung. Doch das Publikum blieb im Großen und Ganzen aus - ob wegen des zeitintensiven, größtenteils mexikofernen Programms, der mangelnden Einbindung von lokalen AkteurInnen oder aber auch wegen der als Ausschluss fungierenden Arbeitsprache Englisch.

Sich in keiner Weise wiederfinden

Adriana Romero-Nieto, die Assistentin von Direktor Philippe Ollè-Laprun, meinte in einem Gespräch über die unp: „Generell gibt es in Mexiko sehr wenige Orte für kunsttheoretische Diskurse. Daher bin ich auch der Meinung, dass es sehr gut war, dass sich die Casa Refugio für solche Themen geöffnet hat. Was sich jedoch als kompliziert herausgestellte, war nicht nur das Fehlen von technischen Voraussetzungen unsererseits, sondern auch das Fehlen des Publikums.“[1] Unter anderem war dies eines der Probleme des Projekts: Der Großteil des Publikums aus Mexiko kannte weder unp noch die europäisch geprägten Diskurse rundherum, es gab auch kein besonderes Bestreben, diese zu vermitteln oder etwa auch lokale Kontexte in die Veranstaltung zu verweben. Dadurch entstand ein elitärer Kreis an Diskutierenden und die Debatten blieben innerhalb dieses Kreises. „Es haben jene Perspektiven gefehlt, die auch für das Publikum hier von Bedeutung sind. Das ist aber nicht einzig das Problem des Publikums, sondern auch des Programms. Es wäre daher wichtig, „Brücken“ zu schaffen.“ (Gespräch mit der Verfasserin)
Offen bleiben dabei jene Fragen, die das Generieren eines autonomen Wissens vor Ort anpeilen: „Wie könnte das Publikum vor Ort erreicht werden, ohne ihm dabei gleichzeitig eine spezifische Perspektive aufzuzwingen? Wie können Denkprozesse in Gang gesetzt werden, die sich dem vermittelten Wissen nicht automatisch anpassen? Wie können Räume des Denkens geschaffen werden, die Differenzen und Nichtübereinstimmungen zulassen?“
Wenn man sich mit Gayatri C. Spivaks Anspruch, „sich der eigenen Privilegien bewusst zu werden“ der Veranstaltung annähert, bleibt einer/m die Reflexion nicht erspart, als Teilnehmer/in der unp eine Privilegierte gewesen zu sein, sowohl durch die Beherrschung der gewählten Sprache, wie auch durch den Genuss einer Uniausbildung, die auch eine eurozentrische ist, und es möglich machte, eine Vielzahl der Verweise in einen sinnstiftenden Kontext zu stellen. Leider fanden bei den Reflexionen in der Gruppe weder das Spivaksche Konzept des „Lernens“ und „Verlernens“ noch jenes über die Theorie des „gegenseitiges Beeinflussens“, das gleichzeitig Widersprüche und Paradoxien produziert, Platz und Verwendung.
Wie damit vor Ort in Mexiko umzugehen? Hätte nicht das „Verlernen“ dabei einen wichtigen Stellenwert einnehmen sollen als genau der Prozess, der die Ignoranz, die sozio-politisch hergestellt wird, ins Blickfeld nimmt? Ungestellt blieben hier mehrere Fragen: Was weiß ich nicht? Was soll ich nicht wissen? Und warum? Was will ich nicht wissen? Welches „Wissen“ wurde während der unp produziert? Welches „Wissen“ wird durch die Arbeit der Casa Refugio verbreitet? Welches „Wissen“ wird vom wem als „Wissen“ qualifiziert oder disqualifiziert? Und untrennbar davon: Welche Räume, Orte, Länder darf ich betreten, bereisen, zum Leben und Arbeiten ins Auge fassen? Wem bleiben diese versperrt? Und auf Grund welcher Umstände?

Das „So wie es ist“ in Frage stellen

Ich hatte mich für die Kerngruppe der unp beworben, da ich zum einen das Konzept der „Ausstellung als Schule“ interessant fand, einige Vorträge vielversprechend klangen und ich zum anderen die Möglichkeit sah, auch KulturproduzentInnen, die in Mexiko tätig sind, kennen zu lernen und mich mit ihnen auszutauschen. Einmal mehr hat mir diese Veranstaltung vor Augen geführt, wie problematisch es ist, außerhalb eines Diskurses etwas zu produzieren, das auch für das Publikum vor Ort von Relevanz und „nachhaltiger Bedeutung sein soll“, wie es die Kerngruppenteilnehmerin und Kunsthistorikerin Helena Chávez MacGregor formuliert hat. Gleichzeitig hat es mir auch gezeigt, wie schwierig es ist, vor Ort, während des Projekts, diese Problematiken zu thematisieren, das „So wie es ist“ zu verändern.
Die Transformation des „So wie es ist“ ist ohne Bildungsprozesse nicht denkbar. Und selbstorganisierte kollektive Bildungsräume können die Orte sein, an denen Theorie und Praxis in ihrer Verflechtung miteinander gesehen werden, Theorie als akut relevant erkannt und thematisiert wird, in denen aber gleichzeitig auch Raum geschaffen wird, der es erlaubt, das „So wie es ist“ immer wieder in Frage zu stellen. In diesem Sinne hatte ich die „Ausstellung als Schule“ verstanden bzw. hatte ich sie mir erhofft. Leider habe ich die oben genannten Ansätze im Rahmen der unp in Mexiko nur bedingt wahrgenommen, da das Hier und Jetzt in Mexiko ein anderes ist und ein anderes „So wie es ist“ als das europäische im Programm kaum Platz gefunden hat. Jede Situation ist einzigartig und fragt nach anderen Methoden, für die „Wissen“ spezifisch bereitgestellt werden muss, um zu lernen, wie das, was das Hier und Jetzt ausmacht, erfahrbar gemacht werden kann. Es muss die Möglichkeit für Strategien des Aushandelns von Normen, Sichten, „Wissen“, Wertung, Denken, Grenzen, von Zu- und Einordnung geschaffen werden, um dabei das scheinbar Abwesende, Unerwähnte, Ausgelassene, Verdrängte, Verdeckte, die Macht, die von Sprache, Kultur und Institutionen ausgeht, sichtbar zu machen.

1 Original in Spanisch im Gespräch mit der Verfasserin, 20.05.2008, Mexiko Stadt

Literatur und Internetverweise:

United Nations Plaza
Pac

LORDE, AUDRE: An Interview: Audre Lorde and Adrienne Rich. In LORDE, AUDRE (Hg.): „Sister Outsider. Essays and Speeches by Audre Lorde“. Berkeley/Toronto: Crossing Press 1984

Casa Refugio Citlaltépetl (Hg.) lineas de fuga, Doppelnummer 22 23. 2007

ASSHEUER, THOMAS: „Ich misstraue der Utopie, ich will das Un-Mögliche" Ein Gespräch mit dem Philosophen Jacques Derrida über die Intellektuellen, den Kapitalismus und die Gesetze der Gastfreundschaft. “ Zeit Artikel

LANDRY, DONNA / MACLEAN, GERALD (Hg.): „The Spivak Reader. Selected Works of Gayatri Chakravorty Spivak“. New York / London: Routledge 1996

Nina Höchtl ist Künstlerin, lebt und arbeitet in Wien und Mexiko Stadt.

 
 

Erhältlich in folgenden Buchhandlungen:

  • a.punkt, 1010 Wien
  • Walther König, 1070 MQ
  • Anna Jeller, 1040 Wien
  • Phil, 1060 Wien
  • Leporello, 1010 Wien
  • Lentos, Linz
  • Pro qm, Berlin
  • b_books, Berlin

 

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