Links sein im Alltag — IG Kultur

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INHALT 02/2008

 

Links sein im Alltag

Mag Wompel

Linke Menschen – nach meinen Erfahrungen egal welchen Geschlechts und Alters oder welcher Nationalität – zeichnen sich leider überwiegend dadurch aus, dass sie ihre politische Einstellung als Privatsache, als Hobby betrachten, zumindest wenn sie sie nicht beruflich vermarkten konnten. „Politik machen“, eine Linke oder ein Linker sein findet somit nach Feierabend oder am Wochenende statt. Der sonstige Alltag wird gern ausgeblendet: Privatleben ist etwas Intimes, das Geldverdienen oder dafür lernen etwas Notwendiges aber Unpolitisches. Das Motto „Das Private ist politisch“ der 1960er und 70er Jahre war da etwas weiter …

Natürlich muss jeder Mensch persönliche Widersprüche zwischen der theoretischen politischen Orientierung und einem bestenfalls unpolitischen Alltagsverhalten in Ausbildung, als Lohnabhängige/-r oder als KonsumentIn in erster Linie mit sich selbst ausmachen oder vor sich selbst verantworten. Schlimmstenfalls führen solche Widersprüche zu einem Verhalten, das ich als „Leben ohne Rückspiegel“ bezeichne. Damit meine ich Rücksichtslosigkeit, auch als Gedankenlosigkeit verkleidet, was die Sache nicht besser macht. Es geht um Rücksichtnahme und um den Respekt anderen Mitmenschen (der eigenen Klasse aller Lohnabhängigen) gegenüber. Klingt altmodisch, ist aber grundlegend für eine solidarische Gesellschaft, wie sie uns als Linke schließlich allen vorschwebt und irgendwann, irgendwo beginnen muss.
Sicher, dieser Vorwurf kann an allzu viele Menschen gerichtet werden, wohl unabhängig von der jeweiligen politischen Einstellung. Oder anders ausgedrückt: Arschlöcher gibt es überall, ich hoffe sehr, unter Rechten mehr als unter Linken.

Solidarisches Verhalten als Voraussetzung für einen Systemwechsel

Doch halte ich es für nicht übertrieben, an meine „GenossInnen“ höhere Ansprüche stellen zu dürfen (auch wenn ich sie sicherlich selbst auch nicht immer erfüllen kann). Diese höheren Ansprüche können schon allein mit dem ausdrücklich humanistischen Menschenbild und in den emanzipatorischen, antiautoritären Zielsetzungen des Linksseins, das ich als solches bezeichne und als einziges akzeptiere, begründet werden. Wer, wenn nicht linke, antiautoritäre und emanzipatorische Menschen sollten mit gutem Beispiel voran gehen und zeigen, dass eine solidarische Gesellschaft möglich ist?

Und damit geht es um Alltagswiderstand und Ungehorsam. „Jeder ist seines Glückes Schmied“ – das Motto der derzeitigen Ellenbogengesellschaft, die immer mehr auch gesetzlich betoniert wird, kann und muss nicht per Gesetz, sondern im alltäglichen Umgang miteinander widerlegt und bekämpft werden. Dieses „neoliberale“ Motto führt nämlich dazu, dass

- Menschen, die am Arbeitsplatz vor dem Vorgesetzten kriechen, nach Feierabend die Brötchenverkäuferin und nicht den Chef der Bäckerei (die Geschlechtsspezifik ist leider realistisch) für zu lange Wartezeiten etc. niedermachen;
- BahnbenutzerInnen die SchaffnerInnen und nicht Hartmut Mehdorn (Chef der Deutschen Bahn) und die Privatisierungspolitik der öffentlichen Dienste die berechtigte Wut über Preise und Verspätungen spüren lassen;
- Die kranken KollegInnen und nicht die zu dünnen „Personaldecken“ bekämpft werden;
- Leih- und Ein-Euro-ArbeiterInnen unkollegial als Konkurrenz und nicht die KapitalistInnen und ihr System als Ursache betrachtet werden;
- Allzu viele vermeintlich sichere „BesitzerInnen“ „ihres“ Arbeitsplatzes erst aufschreien, wenn sie selbst von den Hartz-Gesetzen betroffen sind.

... Diese Liste ließe sich lange fortführen.

Ein entgegengesetztes, solidarisches Verhalten untereinander und nicht mit unseren UnterdrückerInnen brauchen wir aber nicht erst nach einem Systemwechsel, und selbst dann würde es sich nicht über Nacht einstellen. Solidarisches Verhalten brauchen wir bereits vorher, um überhaupt an einen Systemwechsel denken zu können. Denn das damit verbundene Menschen- und Gesellschaftsbild hat direkte Konsequenzen für das Hinnehmen oder Abwehren der aktuellen „neoliberalen“ Politik und der dahinter stehenden Philosophie. Mehr echte Freiheit und mehr Solidarität untereinander kann es auch in einer postkapitalistischen Gesellschaft nur geben, wenn wir schon heute das Größtmögliche erproben und vorleben, an die Grenzen der bestehenden Freiheiten und des bestehenden Systems gehen.

Kollektive Regelverletzungen durch autonomes Handeln

Wie gesagt: Diesbezüglich können sich leider auch Linke nicht entspannt zurücklehnen! Allzu viele von ihnen betreiben Politik nach Feierabend und ohne die geringste Verbindung zu dem Alltag, den sie leben und arbeiten – „Das ist doch nur ein Job zum Geldverdienen, auf mein Verhalten kommt es nicht an“. Viele merken nicht, wie sie – auf dem Weg zur Uni, in der Kantine oder im Supermarkt – anderen Lohnabhängigen begegnen und deren Arbeit respektlos konsumieren.
Dabei ist ein konsequentes, solidarisches und emanzipatorisches Bestrebungen unterstützendes Verhalten im Alltag unerlässlich. Es führt in banalsten alltäglichen Begegnungen vor, dass eine lebenswertere, menschenwürdigere Gesellschaft keine Utopie ist, dass viele Menschen das Gleiche wollen und sich allein nicht trauen, dass all unsere Arbeitskämpfe zusammenhängen und könnte damit mehr bewirken, als die alljährliche bundesweite Samstagsdemonstration in der Hauptstadt mit einminütiger Erwähnung in den Nachrichten. Bestenfalls heißt ein solches Alltagsverhalten, anderen vorzuleben, dass sich die Hoffnung auf Emanzipation nicht in philosophischer Lektüre oder Demonstrationen und Diskussionsveranstaltungen erschöpfen muss, sondern auch im Alltag, ungeplant und noch besser spontan organisiert, Akte der Selbstermächtigung bedeuten kann.

Damit sind individuelle und bevorzugt kollektive Akte der Selbstermächtigung gemeint, als (Wieder-)Aneignung von Entscheidungs- und/oder Handlungsbefugnissen, als kollektive Regelverletzungen durch autonomes Handeln, die über bloßen Protest hinausgehen und Vorbildcharakter haben können. Vorbild in der Hinsicht, dass man sich trauen soll: Alle warten auf die Belegschaft, die es „denen“ mal endlich zeigt, alle warten auf die selbstbewussten KonsumentInnen, KassiererInnen und RaucherInnen, die gegen Verbote und Schikanen oder Videoüberwachung rebellieren.
So definiert, kann Selbstermächtigung auf allen Ebenen des regulierten gesellschaftlichen Lebens stattfinden, wenn Menschen sich gegen eben diese Regulierungen politischer wie ökonomischer Art (Gesetze, Tarifverträge etc.) wehren. In der Praxis finden wir sie – nicht zufälligerweise – in den am meisten regulierten Bereichen des Lohnarbeitsverhältnisses und der Sozialpolitik.

Sowohl als Selbstorganisierung der ArbeiterInnen als auch in sozialen Kämpfen kann Selbstermächtigung als alltägliche Revolte gegen herkömmliche Regularien als auch als Abkehr vom Stellvertretermodell verstanden werden, doch hat sie unterschiedliche Hintergründe.
Unter Selbstermächtigung der ArbeiterInnen wird ihre Selbstorganisierung verstanden, die sich meist in wilden, also nicht genehmigten Streiks außerhalb des Arbeitsrechts äußert und sich damit nicht nur gegen die ArbeitgeberInnen, sondern auch gegen die eigene Interessenvertretung richtet. Bis in die 1970er Jahre gab es auch in Deutschland eine lebendige Tradition von Arbeitskämpfen ohne die Gewerkschaften, seitdem hat eine enorme Professionalisierung der betrieblichen und gewerkschaftlichen Interessensvertretung für eine Stärkung des Stellvertretermodells gesorgt (Ordnungsfunktion).
Allerdings gab es in den letzten Jahren wiederholt Anlass zur Annahme, dass das Vertrauen der Belegschaften in ihre VertreterInnen bröckelt, so z.B. beim wilden Streik bei Opel Bochum, wie er im Oktober 2004 stattfand. Mit vereinten Kräften arbeiteten damals GewerkschaftsfunktionärInnen, PolitikerInnen und Medien daran, die OpelanerInnen wieder „zur Vernunft zu bringen“. Trotz reger Debatten innerhalb der Gewerkschaftslinken ist es aber bislang noch keiner Belegschaft gelungen, den Vertretungsanspruch durch die Gewerkschaften auch praktisch zu kritisierten und z.B. eine unabhängige Streikleitung zu gründen. Aufgrund des fehlenden Vertrauens des Einzelnen in die eigene Stärke ist es den Gewerkschaftsapparaten bislang immer gelungen, Ansätze zu wilden Streiks und Fabrikbesetzungen auf dem Verhandlungswege in „sozialverträgliche Lösungen“, Abfindungen und „Beschäftigungsgesellschaften“ umzubiegen.

Selbstermächtigung als Akt der Widerspenstigkeit und des Ungehorsams

Im Falle des sozialen Widerstandes richten sich die Aktionen gegen den Staat und dessen Institutionen sowie Ausführungsorgane. Selbstermächtigung bedeutet hier, Verteilungs- und Zuteilungsregelungen in Frage zu stellen. Die daraus folgenden Aktionsformen sind Aneignung (sich nehmen, was verweigert wird) oder Verweigerung (der Leistung oder der Erniedrigung) und Besetzung (als Behinderung oder Bemächtigung). Zu den bekanntesten Beispielen der letzten Jahre zählen die Aktion Agenturschluss, prekäre SuperheldInnen im Supermarkt oder Überflüssige im Gourmet-Restaurant.
Bisher bekannte Aktionen der Selbstermächtigung und Aneignung hatten allerdings meist nur symbolischen Charakter, weil es ihnen bislang nicht gelungen ist, das Gros der Betroffenen einzubeziehen. Dieser fehlende Alltagswiderstand der Betroffenen (samt Unterstützung durch alle potenziell Mitbetroffenen) führt (noch?) dazu, dass z.B. Hartz-Gesetze mit all ihren Grausamkeiten, jeglichen Protesten zum Trotz, tagtäglich reibungslos umgesetzt werden. Denn Selbstermächtigung als Akt der Widerspenstigkeit und des Ungehorsams setzt zumindest in Ansätzen ein rebellisches, emanzipatorisches Subjekt voraus, bildet es aber gleichzeitig in dieser Erfahrung heraus, ist also als kollektiver Lern- und Selbstschulungsprozess zu verstehen, abhängig von der Eigendynamik und Qualität der Selbstorganisierung. Ob sie den Charakter einer emanzipatorischen, die aktuelle Gesellschaft verändernden, Praxis erreichen, hängt von den im Prozess der Selbstermächtigung gewählten Formen der Organisation und der Proteste bzw. des Widerstandes ab. Selbsternannte StreikführerInnen z.B. führen die emanzipatorische Zielsetzung ad absurdum, ebenso wie unterwürfige oder destruktive Aktionen (z.B. ein Hungerstreik politisch ausgehungerter Langzeiterwerbsloser) kaum auf eine bessere Gesellschaftsordnung verweisen.

Werden Akte der Selbstermächtigung – wie so oft – als Unverschämtheit betrachtet, spricht das für ihren Erfolg. Sie verletzen zwar in den wenigsten Fällen bestehende Gesetze, gehen aber meist an deren Grenzen und weisen so über diese hinaus. Grenzen, die sonst – im vorauseilenden Gehorsam – nie ausgelotet werden. Ein über die Grenzen des aktuellen, kapitalistischen Systems hinausreichendes Bewusstsein setzt aber voraus, dass dieses System als zu eng und einengend empfunden wird, dass „unverschämte“ Ansprüche entwickelt werden. Erst aus der Reibung am Bestehenden – durch alltägliche Grenzüberschreitung – kann ausgelotet und geübt werden, was anders und was weiter gehen sollte. Das geht nur im Alltag, das können nur ungehorsame Linke.

Mag Wompel ist Industriesoziologin und freie Journalistin. Verantwortliche Redakteurin des LabourNet Germany seit 1997
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