Revolution als Prozess. Der Kampf um „Freiräume“ — IG Kultur

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INHALT 02/2007

 

Revolution als Prozess. Der Kampf um „Freiräume“

Robert Foltin

„Raum nehmen“ war immer Teil von Revolten. Ich will in diesem Fall allerdings nicht auf Streiks und Kämpfe eingehen, wie sie in Österreich selten vorkommen und mit der Besetzung von Fabriken zu tun haben. Aber es gibt eine Geschichte der Inbesitznahme (in den 1980ern „Instandbesetzung“ genannt) von Räumen zum Wohnen oder zur Nutzung für kulturelle und soziale Zentren. Vor einigen Jahren entstand die Gruppe „Freiraum“, die sich um die Nutzung leerstehender Gebäude bemühte, u.a. durch Besetzungen. Der Begriff ist eher zufällig entstanden: Aus Italien kannte mensch die Parolen „Nehmen wir uns die Stadt“ oder „Her mit dem ganzen Leben“ und das wurde mit dem Raum zur Nutzung verbunden. Da die Verwendung des Begriffs „Lebensraum“ wegen der NS-Benutzung aber völlig unvorstellbar war, lautete das Ergebnis eben „Freiraum“.

Ich finde den Begriff etwas problematisch, weil er die Illusion vermittelt, es könnte im Kapitalismus wirklich „freie“ Bereiche, Räume, Zeiten etc. geben. Es handelt sich immer um ein ambivalentes, ein Spannungsverhältnis zwischen außerhalb der Normalität und nicht-kommerziell leben auf der einen Seite und der Vereinnahmung durch Institutionen – etwa die Abhängigkeit von Subventionen oder der Sachzwang zur Verwertung in einem kapitalistischen Markt – auf der anderen Seite. So ist es immer ein widersprüchlicher Prozess zwischen Anpassung und dem Versuch, sich aus dem Kapitalismus hinaus zu bewegen.

Vom Vereinslokal zum sozialen Zentrum

Vor 1968 war der Wunsch nach einem anderem Leben nur mit der antikapitalistischen Theorie verbunden, Treffpunkte waren organisierte Vereinslokale, wo sich das Leben abspielte, mit den gesteigerten sozialen Möglichkeiten später dann kommerzielle Lokalitäten. Anfang der 1960er beklagten sich alle linken politischen Gruppierungen, dass sich Jugendliche lieber in Tanzschuppen aufhielten als sich für politische Arbeit zu interessieren. Innerhalb kürzester Zeit änderte sich das in der zweiten Hälfte der 1960er: Der politische Aktivismus, meist nicht mehr in den traditionellen Organisationen, fiel mit dem anderen Leben zusammen, dem was „Subkultur“ genannt wurde. Es herrschte das Gefühl vor, allein das Leben außerhalb der vorgegebenen Normen ist subversiv und „gegen das Establishment“. Die herrschende Repression bestätigte das, für viele endete die Revolte im Gefängnis oder in der Psychiatrie. Die meisten aber passten sich wieder an, erst recht, weil sich die kulturellen Rebellionen auch verwerten ließen. Der Kapitalismus in seiner Logik der Verwertung ist wie ein Monster, das alle oppositionellen Aufbrüche einsaugen und ausbeuten kann.

Aber der Kampf um ein anderes, vielfältigeres Leben hörte nicht auf. Ab den 1970ern kämpften viele um selbstorganisierte „Jugendzentren“, später für Stadtteilzentren, Kultur- und Kommunikationszentren, bis sich gegen Ende des Jahrhunderts aus Italien kommend der Begriff „soziale Zentren“ durchsetzte, wo Wohnen, Arbeit, Kultur, das ganze Leben zusammenfallen sollten. Daneben gab es immer Teilforderungen, Teilkämpfe, Haus- und Wohnungsbesetzungen, um zu wohnen, Kulturzentren für nicht-kommerzielle Veranstaltungen usw. Der Kapitalismus hat sich Vielfalt und Eigeninitiative auf die Fahnen geschrieben, behindert aber immer wieder die Verwirklichung, was die Bewegungen bis heute immer wieder provoziert und damit auch die Wünsche, einen Fetzen von einer „freien“ nichtkapitalistischen Welt zu erhaschen.

Von der Revolte zur Verwertung

Insbesondere in Wien lassen sich zu unterschiedlichen Zeiten unterschiedliche Reaktionen der Institutionen feststellen. In der ersten Hälfte der 1980er wurden viele Projekte gefördert, subventioniert, unterstützt, Häuser auch als Wohnraum zur Verfügung gestellt. Häufig wird das in Zusammenhang mit der (Partei)Politik gesehen, wobei diese meiner Ansicht nach von untergeordneter Bedeutung ist. Ein Moment war das der Befriedung: In den Gemeindestuben herrschte die (vielleicht unberechtigte) Angst, die Krawalle in vielen Städten Europas könnten auch in Wien größere Ausmaße annehmen. Dass das Befriedungsargument nur halb stimmt, zeigt die andere Reaktion in der zweiten Hälfte der 1980er, wo die Bewegung größer und militanter war (mensch denke nur an die Krawalle bei den Opernballdemos oder die militante Verteidigung des besetzten Hauses in der Aegidigasse): Subventionen wurden eher eingeschränkt, die Förderung von Projekten reduziert.

An Hand der Subventionspolitik lässt sich sehen, was sich in den 1980ern geändert hat. Immer öfter wird „Evaluierung“ verlangt, der Nutzen muss nachgewiesen werden. Direkter gesagt, die Verwertbarkeit muss nachgewiesen werden. Es gab also immer eine Abfolge von Revolten, befürchteten Revolten, dann eine Einflussnahme staatlicher Institutionen und schließlich deren Kommerzialisierung. Der Kapitalismus erobert immer mehr Bereiche der Wünsche und des Lebens, aber oft nur über den nicht-kommerziellen Weg des Staates, zuerst über Repression und dann über Zugeständnisse. Und die Institutionen sind nicht mehr hauptsächlich disziplinierend und normend wie in den Zeiten des Wohlfahrtsstaates in den 1960ern und 1970ern (dem so genannten „Fordismus“), sondern fördern zumindest in den Städten die Vielfalt und Kreativität. Und nur teilweise ist es möglich, einen direkten Schritt von der Revolte zur Verwertung zu beschreiten, wenn es dafür auch genug Beispiele gibt, von der Kommerzialisierung der verschiedenen Formen der Unterhaltungsmusik bis hin zur Schwulen- und Lesbenbewegung.

Der Stachel der Rebellion

Wieso brechen dann immer wieder neue Kämpfe auf? Ist es überhaupt sinnvoll, noch um „Freiräume“ zu kämpfen, wenn doch die kapitalistische Verwertung alle Freiräume unterwirft, die Kreativität, Intellektualität, Kommunikation und Vielfalt ausbeutet, für sich produktiv macht? Die Leute sich im Kapitalismus verwirklichen können? Kritische KritikerInnen sehen das so und ziehen sich auf eine Position zurück, alle Bewegungen als in das herrschende System integriert zu analysieren, wobei sie für sich einen Standpunkt außerhalb beanspruchen, der einen objektiven Blickwinkel erlaube (wenn sie sich nicht gleich für die Unterstützung des herrschenden Systems entschieden haben, weil außerhalb des Kapitalismus nur Barbarei existieren könne).

Auch wenn sich NutzerInnen von Freiräumen und AktivistInnen wieder an ein „normales“ Leben im Kapitalismus anpassen müssen, Kompromisse schließen, auch enttäuscht sind, weil die Erfahrungen zeigen, dass mensch sich nicht von den herrschenden Strukturen lösen kann, so gehen die Wünsche und somit die Kämpfe nicht verloren. Oft bleibt ein Stachel der Rebellion, der in neuen Bewegungen wieder ausbrechen kann. So wie in der Bewegung gegen schwarz-blau im Jahr 2000 wieder Tausende auf den Straßen waren und nicht nur neu „Politisierte“. Aber es gibt auch immer wieder neue Generationen, die unzufrieden sind und etwas anderes als die vorherrschenden Lebenswege beschreiten wollen; die die Wünsche verwirklichen wollen, deren Erfüllung der Kapitalismus ungerecht verteilt und nur kommerziell zu erfüllen erlaubt. Unmögliche Vorstellungen machen dann Bewegungen unkontrollierbarer, weil Sachen passieren können, die „erfahrene“ Linke als Problem sehen. So gibt es immer wieder Situationen, in denen AktivistInnen in ihrem Wunsch nach einem anderen Leben, in ihrem Wunsch nach „Freiräumen“ dem Kapitalismus seine eigene Melodie vorspielen, um die Verhältnisse zum Tanzen zu bringen. Kreativität und Vielfalt wird gefordert wie auch Eigenverantwortung und Selbstorganisation, aber immer wieder wird das blockiert durch den Verwertungszwang.

Revolution als Prozess

Die Revolten finden aber nicht nur spektakulär und medial sichtbar statt, sondern alltäglich, manchmal mehr, manchmal weniger, wobei die Bedingungen dafür unterschiedlich sind: nicht unbedingt in Krisen und nicht unbedingt zu Zeiten konjunktureller Höhepunkte, aber doch. Meist dann, wenn gewohnte Verhältnisse mit denen mensch sich arrangiert hat, in Frage gestellt werden. Dann läuft die Kommunikation an den Arbeitsplätzen und manchmal wird der Ärger zu Widerstand, allerdings häufig gegängelt durch die sozialpartnerschaftlichen „linken“ Institutionen.

Das verbindet sich mit den Wünschen nach einem ganz anderen Leben. Die kleinen Widerständigkeiten werden gemeinsam mit AktivistInnen durchgeführt, die in „Subkulturen“, politisch oder unpolitisch leben. Hausbesetzungen funktionieren nicht auf Dauer in Wien, darum sind viele Projekte auf verschiedenen Wegen dabei, sie zu verwirklichen. Die Pankahyttn versucht, aus einer Mischung von Verhandlungen und Besetzungen ein Haus zu bekommen. Das Movimento wurde als Veranstaltungsort geschlossen, ist aber auf der Suche nach einem neuen Ort. Bereits etablierte Projekte wie das Fluc sind immer noch offen für radikalere Initiativen. Durch die Bedrohung des EKH und des TÜWI durch Räumung sind eine Reihe von Initiativen entstanden, die nicht mehr abhängig von der Güte irgendwelcher Institutionen sein möchten. Die beiden Projekte bestehen aber noch immer weiter. Bei einem Koordinierungstreffen von Projekten waren über dreißig Initiativen anwesend. Es wird von den vergangenen Kämpfen ausgegangen, was bereits erreicht wurde, dessen Integration und Anpassung wird kritisiert, Experimente über die Logik der Sachzwänge hinaus werden gemacht und sind damit ein maßgeblicher Teil einer Revolution als Prozess.

Aber handelt es sich dabei nicht nur um eine revolutionäre Subkultur ohne Bezug zur Gesamtgesellschaft? Aber die Gesellschaft ist genau durch die Kämpfe, die alle Lebensbereiche durchzogen haben, eine andere geworden. Es gibt nur noch eine Vielfalt von „Minderheiten“ und der entscheidende Unterschied zwischen „angepassten“ und „revolutionären“ Strukturen ist fast nur noch der Bezug zur kapitalistischen Eigentumsordnung. Diese Nähe von „Subkultur“ und Mainstream schafft die Möglichkeit, Risse und Sprünge im herrschenden Gefüge zu verbreitern (vgl. John Holloway). Die widersprüchliche Revolutionierung des Alltags durch Kämpfe auf der kulturellen und der ökonomischen Ebene, des ganzen Lebens ist der revolutionäre Prozess und schafft neue Möglichkeiten über den Kapitalismus hinaus. Nicht sofort, aber auch nicht mehr so lange hin!

Robert Foltin war jahrelang aktiv in der Sponti- und autonomen Szene in Wien und Salzburg. Heute ist er Mitherausgeber und Redakteur der „Grundrisse – Zeitschrift für linke Theorie & Debatte“. Zuletzt erschienen seine Bücher „Und wir bewegen uns doch. Soziale Bewegungen in Österreich“ (Edition Grundrisse 2004) sowie (gem. mit Martin Birkner) „(Post-)Operaismus. Von der Arbeiterautonomie zur Multitude“ (Schmetterling Verlag 2006)

 
 

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