Räume verändern. Das Ladyfest als feministische Raumpraxis — IG Kultur

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INHALT 02/2007

 

Räume verändern. Das Ladyfest als feministische Raumpraxis

Bettina Mooshammer und Eva Trimmel

Der Begriff Ladyfest steht für ein feministisches Kunst- und Kulturfestival, das zumeist von Frauen, Lesben und Transgender nach dem „Do-It-Yourself“-Prinzip organisiert wird, das aber für alle BesucherInnen offen ist. Da das Ladyfest ein selbst organisiertes Festival ist, gibt es in jeder Stadt unterschiedliche Organisationsteams. Je nach dem, von wem das Festival organisiert wird, liegt der Fokus auf anderen Punkten. Es gibt aber einen Punkt, den alle Ladyfeste gemeinsam haben: sie wollen traditionelle Geschlechtszuschreibungen auflösen, aber gleichzeitig auch die Repräsentation von Frauen fördern. Das führt oft zu Konflikten, weil sich diese beiden Ansätze widersprechen und konträre Ein- und Ausschlusspolitiken erfordern. Ein Weg, diesen Konflikt zu umschiffen, ist es, die Ansprüche über soziale Räume, die geschaffen werden sollen, zu beschreiben.

Sozialer und physischer Raum

Soziale Räume definieren sich im Unterschied zu physischen Räumen über die Prozesse, die zu ihrer Entstehung beitragen. So sollen in der Raumproduktion am Ladyfest Sexismus, Homophobie oder Rassismus keinen Platz haben. Frauen, Lesben und Transgender sollen die Möglichkeit haben, ihren Raumanspruch selbstverständlich umzusetzen.

Für die Umsetzung des Ladyfest-Konzeptes kommen verschiedene Strategien zur Anwendung. Das betrifft Entscheidungen, die bereits im Vorfeld die Positionen sowie die inhaltliche Ausrichtung des Ladyfestes bestimmen. Dazu gehören die Einladungs-, Finanzierungs- und Preispolitik genauso, wie die Öffentlichkeitsarbeit und die Raumauswahl. Während des Festivals hingegen kommen vor allem Repräsentationsstrategien und lokale Aktionen, die dazu dienen, mittels feministischer Raumpraktiken direkt in das Geschehen vor Ort einzugreifen, zur Anwendung.

Bei der Auswahl der physischen Räume kommen je nach Veranstaltung und Organisationsteam unterschiedliche Entscheidungskriterien zum Tragen. Vor allem kommt es zur Auseinandersetzung damit, welche Räume für das Ladyfest geeignet sind und welche Ansprüche das Ladyfest an die Räume hat. Dazu können ideologische Ansprüche gehören, wie Solidarität mit autonomen Räumen zu zeigen oder der Wunsch, sich in Räumen zu bewegen, deren politischer Hintergrund dem des Ladyfestes entspricht, aber auch das Anliegen, in einer breiten Öffentlichkeit Präsenz zu zeigen.

Feministische Gegenräume

Strategien, die sich mit der (Re-)Präsentation von kreativem Schaffen von Frauen, Lesben und Transgender auseinandersetzen, zeichnen sich durch die Aneignung von Bühnenraum, Ausstellungs- oder Projektionsflächen und das Vermitteln von feministischen Inhalten aus. Für die Schaffung von feministischen Räumen ist es wesentlich, dass die erwähnten Strategien im Raum greifen. Durch deren Gleichzeitigkeit und Zusammenwirken werden Möglichkeiten eröffnet, vorherrschende Strukturen aufzubrechen und Veränderungen im sozialen Raum herbeizuführen.

Das Ladyfest versucht, durch Verschiebungen im sozialen Raum feministische Gegenräume herzustellen. Den theoretischen Hintergrund dazu liefern Henri Lefèbvres Theorien zu Raum. Er geht bei urbanem Raum nicht von dichotomen Beschreibungen der Raumzustände wie innen und außen, offen oder geschlossen aus, sondern vielmehr von einem Raster sich wiederholender und widersprechender Räume. Als sich wiederholende Räume bezeichnet er jene Räume, in denen die alltägliche Praxis stattfindet. In diesen Räumen werden Hegemonien unhinterfragt hingenommen und gleichförmig gesellschaftliche Verhältnisse reproduziert. Neben dieser alltäglichen Praxis gibt es aber auch die Räume des Widerspruchs. In jenen liegt laut Lefèbvre das Potential für Veränderung und für die Herstellung von Gegenräumen. Das sind jene Räume, die sich im Gegensatz zur alltäglichen Praxis gegen vorherrschende Strukturen aussprechen.

Erscheinungsräume

In diesen Theorien sehen wir den Hintergrund für die am Ladyfest stattfindenden feministischen Raumpraktiken. Das Ladyfest versucht, durch die Schaffung von Räumen, die den Inhalten des Ladyfestes entsprechen, Gegenräume zu erzeugen. Dazu gehören vor allem auch Räume, die sich gegen Sexismus und Homophobie aussprechen. Dabei ist wichtig zu betonen, dass die Umsetzung nicht ausschließlich in bereits bestehenden Frauenräumen stattfinden soll, denn damit ist zumeist auch ein Ausschluss von Männern und Transgender verbunden. Dem Ladyfest geht es vielmehr darum, Anliegen wie Anspruch auf Raum in einer heterogenen Umgebung geltend zu machen.
Um in solchen Räumen, die zumeist von Heteronormativität, Sexismus und Homophobie geprägt sind, Gegenräume entstehen zu lassen, ist es, wie bereits erwähnt, wichtig, unterschiedlichste Strategien anzuwenden. Vor allem, weil Räume immer schon von ihren vorausgegangenen Ereignissen geprägt sind und es deshalb bei dem Versuch, Gegenräume in vorherrschende Strukturen einzuschreiben, zwangsläufig zu Konflikten kommt. Den Hauptkonfliktpunkt stellt das Aufeinandertreffen von Stammpublikum und Ladyfest-BesucherInnen dar, da beide Seiten unterschiedliche Handlungsweisen erwarten und auch einfordern. In diesen Auseinandersetzungen liegt aber auch das Potential für Veränderung. Erwartungen, welche die BesucherInnen zum Ladyfest mitbringen und die aktive Partizipation des Publikums am Raumkonzept können im Idealfall zu einem Umdenkprozess führen. Hanna Arendt beschreibt den Erscheinungsraum als einen Raum, der so lange existiert, wie auch an seiner Produktion gearbeitet wird. Hier können unserer Meinung nach Parallelen zum Ladyspace gezogen werden.

Denn es reicht nicht, bloß eine Anzahl von Menschen mit den gleichen politischen Anliegen an einem Ort zu versammeln, sondern es ist unumgänglich, dass diese auch aktiv an der Produktion mitarbeiten. Wenn solch aktive Partizipation an der Raumproduktion unterlassen wird, kommt der „Erscheinungsraum“ zum Verschwinden und es herrscht wieder der „alltägliche Raum“ vor, der unreflektiert die ihm zugrunde liegenden gesellschaftlichen Verhältnisse reproduziert.

Das Konzept der Self Security

Am Ladyfest wird das Einbinden aller Anwesenden so versucht, dass zum Beispiel mit der Strategie der Self Security auch die BesucherInnen eingeladen werden, Verantwortung für das Geschehen im Raum zu übernehmen. Self Security bedeutet, dass nicht, wie sonst üblich, Security Staff von den VeranstalterInnen zur Verfügung gestellt wird, sondern dass alle im Raum befindlichen Personen sich für die Sicherheit verantwortlich fühlen. Das soll heißen, dass im Fall von Übergriffen sexistischer, homophober oder rassistischer Art gemeinsam eingeschritten wird.

So gibt es bei Konzerten beispielsweise die Strategie, dass Übergriffe auf der Bühne gemeldet werden und die Band das Konzert unterbricht, bis die betreffende Person den Raum verlässt. Im Vorfeld gibt es die Möglichkeit, schon durch Ansagen über Mikrophon darauf aufmerksam zu machen, welche Verhaltensweisen im Raum erwünscht sind und welche auf der anderen Seite nicht toleriert werden. Solche eher größer angelegten Strategien helfen, um auch die BesucherInnen zu motivieren, sich den Raum nach ihren Vorstellungen zu gestalten.

Strategien gegen soziale Hierarchien im physischen Raum

Wenn das Ladyspace-Konzept aufgeht, ist es idealerweise so, dass ein Umdenkprozess und in weiterer Folge auch eine Veränderung im Verhalten betreffend den Umgang mit Raum stattfindet. Denn weil sich soziale Verhaltensregeln durch ihre Realisierung im physischen Raum in Denkstrukturen einschreiben, kann auch genau dort eine Verschiebung ansetzen. Diese Verschiebung passiert am Ladyfest aufgrund von Ereignissen, die in herkömmlichen Räumen eher keinen oder wenn, dann nur selten Platz finden. Dazu gehört, wie bereits erwähnt, dass bei den Repräsentationsstrategien Frauen, Lesben und Transgender im Vordergrund stehen und daher sämtliche repräsentativen Positionen von ihnen besetzt sind. Weiters ist es am Ladyfest auch wichtig, dass Frauen, Lesben und Transgender im Idealfall ganz selbstverständlich ihren Anspruch auf Raum geltend machen. Das ist insofern von Bedeutung, als es einen Zusammenhang zwischen der Vorstellung von einer Stellung im sozialen Raum und der Stellung im physischen Raum gibt.

Anschaulicher wird diese Behauptung bei der Überlegung, dass jedem Raum eine Hierarchisierung seiner Raumregionen zugrunde liegt. Als anschauliches Beispiel wollen wir die Platzaufteilung in einem Theater- oder Konzertsaal aufzeigen. Die Plätze direkt vor der Bühne oder in den Logen mit guter Sicht sind gleichzeitig auch die teuersten. Diese Abstufung ist eindeutig sozial konnotiert und es ist nicht zu leugnen, dass dieser Zusammenhang in unseren Köpfen existiert. Und somit ist selbst der physische Raum nicht frei von Hierarchien. Diesem Umstand wird am Ladyfest insofern Rechnung getragen, als es für wichtig erachtet wird, dass Frauen den Bereich direkt vor der Bühne bestimmen. Eine Strategie, dies zu erreichen, ist es, Personen, meist Männern, die aufgrund ihrer Körpergröße den dahinter stehenden Menschen die Sicht versperren, Aufkleber anzuheften, die sie als unreflektierte Mitmenschen deklarieren: „Ich bin der Größte hier, deshalb stehe ich auch ganz vorne.“

Ladyspace

All diese Strategien dienen dazu, einen Raum zu schaffen, in dem der respektvolle Umgang miteinander sowie das Vertrauen aufeinander einen hohen Stellenwert einnehmen. Über die Realisierung dieses umfassenden Konzeptes im physischen Raum kann eine Verschiebung in mentalen Strukturen eingeleitet werden, die den Wunsch nach einer größeren Anzahl solcher Räume entstehen lässt. Hier sehen wir die Chance, dass die Überlegungen und Strategien des Ladyfestes auch in andere Räume weiter getragen werden können.

Da ein Raum nie losgelöst von seinem alltäglichen Kontext betrachtet werden kann, ist es wichtig, dass die Strategien der Raumaneignung den vorherrschenden Strukturen stark genug widersprechen. Sonst besteht die Gefahr, dass kein Gegenraum entsteht, das widerständische Potential sich verläuft und lediglich die vorherrschenden Strukturen wiederholt werden. Weiters findet Raumaneignung auf einer subjektiven Ebene statt, und deshalb wird die Existenz eines Ladyspaces aufgrund individueller Ansprüche sehr unterschiedlich wahrgenommen. Damit ein Ladyspace entstehen kann, ist es wichtig, dass von allen Beteiligten der Wunsch nach so einem Raum mitgebracht wird und dass sich auch alle an dessen Umsetzung beteiligen. Denn nur aktives Partizipieren kann zu einer Veränderung des sozialen Raumes führen. Das bedeutet, dass Ladyspace jedes Mal und in jeder Situation aufs Neue geschaffen werden muss.

Anmerkung

Dieser Artikel ist eine gekürzte Fassung von einem Textbeitrag, der im Tagungsband zur Internationalen Fachkonferenz „Performativität und Performance. Geschlecht in Musik, Bildender Kunst, Theater und Neuen Medien“, die von 16. -18. Februar 2007 an der Universität Hildesheim stattgefunden hat, erscheinen wird.

Bettina Mooshammer Architekturstudium an der TU Wien, (Ladyfest-Doku Berlin 04, Filmprojekt Wagenplatz „Schwarzer Kanal“ Berlin) arbeitet gemeinsam mit Eva Trimmel zum Thema Ladyspace. Feministische Raumpraktiken. Lebt in Berlin.

Eva Trimmel Architekturstudium an der TU Wien, (Ladyfest Wien 04, Quote, Pauline in Rage) arbeitet gemeinsam mit Bettina Mooshammer zum Thema Ladyspace. Feministische Raumpraktiken. Lebt in Wien.

 
 

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