25 Jahre andersrum. Die Rosa Lila Villa an der Linken Wienzeile 102 — IG Kultur

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INHALT 02/2007

 

25 Jahre andersrum. Die Rosa Lila Villa an der Linken Wienzeile 102

Marty Huber

Was diesen Herbst 25-jähriges Jubiläum feiert, hat zu seinen Anfangszeiten noch für Aufregung gesorgt. Doch wie kann der Verlauf der rosa lila Geschichte selbstkritisch beurteilt und zukünftige Politisierung provoziert werden?

Zuerst zurück zum Beginn der ganzen Chose: Ende der 1970er, Anfang der 1980er gab es in Wien, wie auch in anderen europäischen Städten den Versuch durch Häuserbesetzungen auf eklatante Wohnungsnot, wie auch auf den Bedarf nach Räumen für soziokulturelle Bewegungen aufmerksam zu machen. Im Zuge der Besetzungen von Gassergasse und Ägidigasse fand sich eine Gruppe Lesben und Schwuler, die – u.a. weil ihnen die HOSI (Homosexuellen Initiative) und ihr Marsch durch die Institutionen zu lahm erschien – einen eigenen Raum für sich suchten, um – wie sie es nannten – „permament öffentlich zu leben“. Mit einem Abrisshaus an der Linken Wienzeile im sechsten Wiener Gemeinde Bezirk war das optimale Objekt der Begierde gefunden, ein Eckhaus an der stark frequentierten Westausfahrt der Stadt. Der Moment der Besetzung war günstig, denn die Stadtregierung hatte wenig Bock auf Krawall und erfand die Befriedungstechnik namens „Instandbesetzung“. Die damals zuständige Vizebürgermeisterin Fröhlich-Sandner verstand es, die Autonomen samt ihrer Hunde sogar bis in ihr Büro vorzulassen, stärkte die AktivistInnen bei Kaffee und Kuchen (waren es wirklich Punschkrapferl?) und auch ein rosa lila Haufen schreckte sie nicht ab.

Dieser Haufen hatte schon zum Neujahrskonzert 1982 für einen „rosa Wirbel“ gesorgt, und unvergessen sind die beiden Nackten (Florian Sommer und Robert Herz nur mit einer Fliege bekleidet), die pünktlich zur Polka „Die Emanzipierte“ im traditionsreichen Wiener Musikvereinssaal die Bühne stürmten und „Freiheit für Schwule“ forderten. Gerade diese Art von Wirbel erzeugte durch seine Radikalität und durch seinen Witz einen politischen Spielraum, der das Entstehen der Rosa Lila Villa erst ermöglichte.

Popolitik ist mehr!

Besonderes Geschick bewiesen aber die VerhandlerInnen mit dem Kapern eines Baurechtsvertrages für die BesetzerInnen auf 30 Jahre. Dieser wurde im Oktober 1984 mit der Stadt Wien abgeschlossen und verhinderte die prekäre rechtliche Situation, auf den Good Will der Verwaltung angewiesen zu sein. Die Auflagen für das Zustandekommen des Vertrages waren aber auch nicht zu vernachlässigen: Selbstorganisierte, selbstverwaltete Generalsanierung des Abbruchhauses und die Einrichtung einer Beratungs- und Informationsstelle für Lesben und Schwule. Der Risikobereitschaft der HausbesetzerInnen ist zu verdanken, dass es dieses Projekt nach wie vor gibt. Nicht viele wären wohl heute dazu bereit, privat für einen Kredit zur Sanierung zur haften. Die Gemeinde Wien ihrerseits versprach, die Beratungsstelle Rosa Lila Tipp mit einer Subvention strukturell zu stützen. Diese Subvention betrug zu Beginn 350 000,- Schilling und ist mittlerweile auf 16.400,- Euro (ca. 225.670,- Schilling) geschrumpft.

Am Anfang taten alle alles: Das Wohnen organisieren, die Beratungsstelle betreiben, das „warme Nest“ – das Vereinslokal im Haus – bereiten und die Fassade gestalten. Diese Fassadengestaltung war lange Zeit Stein des Anstoßes: Dem Motto „Weil drauf steht, was drin ist!“ wird bis heute gefrönt, auch wenn sich die Aufschrift nach der Renovierung ein wenig änderte, stand doch zu Beginn „1. Wiener Schwulen- und Lesbenhaus“ auf den noch grauen Gemäuern, so strahlte nach Wiedereröffnung der Villa der bis heute bestehende Schriftzug „Lesben- und Schwulenhaus“ von der rosalila Fassade. Diese Penetranz war bei einigen PolitikerInnen im Bezirk gar nicht gerne gesehen, hatten sie sich doch erhofft, dass nach der Generalsanierung dieses Problem der Sichtbarmachung lesbischwuler Lebensart ein Ende haben möge. Nicht zu vergessen, dass es bis 1997 zwei Paragraphen im Strafgesetzbuch gab, die genau dieses „warme“ Verhalten und Organisieren strafbar machten: Der §221 untersagte es, Vereine zu gründen, die Homosexualität (oder, wie im Gesetzestext formuliert, „gleichgeschlechtliche Unzucht“) unterstützten und der §220 stellte es unter Strafe, für Homosexualität Werbung zu machen. Mit der Aufschrift und den drei Vereinen im Haus, dem Rosa Lila Tipp (Trägerverein und Beratungsstelle), dem Wohnverein Rosa Lila Villa und dem Restaurant Café Willendorf, hätte es eigentlich genug Gesetzesüberschreitungen gegeben, aber mehr als die Androhung, die Subvention zu streichen, kam dann auch von politischer Seite nicht. Die „sittenverderbende Aufschrift“ (Zitat Kurt Pint, damaliger Bezirksvorsteher Mariahilfs) verkündet, mitsamt der Telefonnummer 586 81 50, weiterhin die Funktion und Bedeutung des Hauses. Im Laufe der Geschichte des Hauses gab es immer wieder den Versuch, durch das Streuen verschiedenster Gerüchte die Subvention der Beratungsstelle zu streichen. Berühmt geworden sind derer zwei: Einmal ein gewisser Hilmar Kabas, der versuchte, die Villa dadurch zu desavourieren, dass er sie als subventioniertes Bordell bezeichnete. Heute wissen wir ja, dass Kabas selbst gerne Bordellen einen Besuch abstattet, um nach dem Rechten zu sehn.

Gerne gesehen hätte ich auch die 40 Millionen Schilling, die wir – wie die Kronenzeitung unter der Überschrift „Linksradikale rüsten gefährlich auf!“ berichtete – von der Stadt bekommen haben sollen. Der Redaktion ist im Eifer um die Ebergassing-Ermittlungen jedenfalls auch die Gefahr der rosa Zellen unermesslich groß erschienen. Die Krone wurde übrigens verklagt und wir haben gewonnen!

Differenzen Differenz

Im Zuge der 1990er Jahre kam es zu einer massiven Ausdifferenzierung der Community. Lesbische und vorrangig schwule Lebensweisen wurden für eine breitere Öffentlichkeit interessant und es war möglich, sich rund um diverse Kontexte zu organisieren. Dazu kam die AIDS-Krise, die es erforderte, politisch breit zu agieren und gezielte Präventions- und Aufklärungsarbeit zu leisten. Die Rosa Lila Villa war und ist ein wichtiger Gründungsort für Gruppen und Organisationen, die das Raumangebot und die Infrastruktur nutz(t)en. Nicht umsonst sind ehemalige rosa lila AktivistInnen heute in wichtigen Organisationen (wie dem AIDS-Hilfe Haus oder der Antidiskriminierungsstelle für gleichgeschlechtliche Lebensweisen der Stadt Wien) in leitenden Positionen. Alte Aufgaben und Funktionen, die der Rosa Lila Tipp auch übernommen hatte, wie über Lokale und Organisationen, die nicht homophob bzw. transphob sind, zu informieren, hat mittlerweile das Internet übernommen, die Szene ist breiter geworden und Lesben und Schwule beschränken ihre Anwesenheit nicht nur auf Community Lokale.

Mit der Aufgabe der Renovierung und der Verantwortung für das Haus mussten die AktivistInnen jedoch ihre Energien – entgegen der sonstigen politischen Unberechenbarkeit – in Selbstorganisierungsprozesse stecken und verschwanden mehr und mehr von den politischen Schauplätzen. Inwieweit durch dieses Beschäftigt-Sein mit den reproduktiven Arbeiten an der Community – in den unzähligen Beratungsgesprächen, Gruppen, bei Bildungsveranstaltungen mit Schulklassen und StudentInnen usw. – auch eine gewisse Schlagkraft verloren ging, ist eine nicht unbedeutende Frage, gerade in einer Welt der Nicht-Anerkennung von sozio-politischen Tätigkeiten. Der Cafébetrieb ist kommerzialisiert, das Wohnen immer noch günstig, aber das Engagement der BewohnerInnen nicht selbstverständlich. Dazu kommen auch die Bestrebungen von Teilen der lesbischwulen und transgender Community, Forderungen nach Normalisierungen in den Vordergrund zu stellen und die deviante, gar widerständische Position in der Gesellschaft für ein wenig Anerkennung aufzugeben. Dazu gehört z.B. die Forderung nach Einführung der Homo-Ehe, die für manche Organisationen die letzte noch zu überwindende Hürde zur vollständigen Integration in den Mainstream darstellt.

Schluss mit lustig!

Nicht nur politische Forderungen nach legistischer Gleichstellung werden selbst im europäischen Schlusslicht Österreich irgendwann erfüllt sein, auch der Beratungs-, Informations- und Kulturkontext hat sich seit Beginn der 1980er Jahre erweitert und die Rosa Lila Villa hat nicht mehr einen alleinigen Anspruch auf das Feld. Darum stellt sich die Frage nach einer Reanimation radikalerer Ansätze und die Besinnung auf Werte aus der GründerInnenzeit. Die Rosa Lila Villa ist ein erkämpftes Haus, das auch wegen seiner permanenten Öffentlichkeit lesbischwulen Lebens immer wieder von homophoben Angriffen betroffen ist. Die Geschichte zeigt aber auch grundsätzliche Unterschiede im Umgang mit strukturell homophoben Gesellschaften. Das Haus steht für einen politisch linken, emanzipatorischen Ansatz, der es Lesben und Schwulen nicht leichter machen soll, ein verstecktes Leben zu führen. Nur ein geringer Prozentsatz von Lesben und Schwulen sind z.B. am Arbeitsplatz out, immer noch höre ich die Ausrede „Mit wem ich ins Bett gehe, geht niemanden etwas an.“ Immer noch organisieren lesbischwule LehrerInnen Exkursionen für ihre Schulklassen, führen aufgrund der Angst vor Entlassung aber ein verstecktes Leben. Die Rosa Lila Villa bietet zwar Schutz als nicht homophober Raum, jedoch bedeutet auch das Betreten des Hauses mit jener vielsagenden Aufschrift immer noch eine Hürde. „Weil drauf steht, was drin ist!“ bedeutet für BesucherInnen im Coming Out Prozess ein „Coming Out through Coming In“.

Was für eine Intervention also kann die Villa heute als Raum noch in das Stadtbild prägen? Reicht die Fassade, die auch – meist von den lesbischen Mitarbeiterinnen – mit Transparenten behangen wird, eine queere (im eigentliche Sinn des Wortes), sperrige, deviante Provokation und Promotion für alternative Lebens- und Politikformen zu erschaffen? Wie wichtig ist der Community nicht-kommerzieller Raum, der Lesben und Schwule nicht als Opfer der Gesellschaft darstellt, sondern der politische Grundsätze verfolgt, die über den eigenen rosa lila Horizont hinausgehen? Die Villa muss sich wohl beizeiten und immer wieder selbstrevolutionieren, weil die Selbstorganisation an sich das „Umsichselbstdrehen“ verstärkt und fördert. Das Besinnen auf Traditionen ist dabei nicht immer das Schlechteste: schwule radikale Einsätze beim Performen im öffentlichen Raum, lesbische Sexualität zwischen wildem Feminismus und Frauenfeindlichkeit, das Fordern von Bewegungsfreiheit für alle Menschen und transidenten Geschlechter und das Besetzen neuer und alter Räume.

Aufruf: Rosa Lila Guerrilla!

Im wirklichen Karneval gibt es keine ZuschauerInnen, meinte Michail Bachtin und schon seit längerem gibt es die Kritik an der Regenbogen Parade, Sichtbarkeit von Lesben, Schwulen und Transgender für Menschen zu produzieren, die nicht weiter ihre eigene (Hetero-)Sexualität in Frage gestellt haben wollen. Diese sind es dann auch oft, die für ihre private „Freakshow“ den Fotoapparat zücken, um sich diese exotischen Abbildungen ins traute Wohnzimmer zu holen. AktivistInnen der Rosa Lila Villa planen deswegen, im Rahmen der diesjährigen Parade am 30. Juni in Wien kleine Einsatzkommados ins Publikum zu schicken, die dieses in die Parade assimilieren: Dazu gehört die Überreichung eines Coming Out Ordens und natürlich das obligatorische Foto für unser Familienalbum. Dafür suchen wir viele Schwestern, Brüder und Cousinen, die sich an dieser Aktion beteiligen wollen. Achtung: Die sexuelle Orientierung spielt dabei keine Rolle!

Kontakt: Lila Tipp

Anmerkung

Rosa Lila Tipp
Linke Wienzeile 102
1060 Wien

Lesbenberatung: 01/586 81 50
Schwulenberatung: 01/585 43 43

Rosa Lila Villa

Marty Huber ist seit 1996 Aktivistin im Lila Tipp, der Lesbenberatung in der Rosa Lila Villa und Sprecherin der IG Kultur Österreich.

 
 

Erhältlich in folgenden Buchhandlungen:

  • a.punkt, 1010 Wien
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