„Es gibt immer neue Kämpfe…“. Medienaktivismus in Ost-Asien Teil 2: Südkorea — IG Kultur

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Kulturrisse Ausgaben 02/2007 Kosmopolitiken „Es gibt immer neue Kämpfe…“. Medienaktivismus in Ost-Asien Teil 2: Südkorea
 

„Es gibt immer neue Kämpfe…“. Medienaktivismus in Ost-Asien Teil 2: Südkorea

Gabriele Hadl

Geschichte passiert nicht, sie wird gemacht. Normalerweise von denen an der Macht. Doch manchmal auch von den Leuten auf der Straße. Und das Wissen, wann sie auf die Straße gehen sollten, warum, und was sie damit erreichen, beziehen sie sicher nicht aus der Zeitung. Es sei denn, es ist ihre eigene.

Kalt war der Krieg nicht. Nach Japanischer Kolonialisation und amerikanischer Okkupation kämpften 1950-53 pro-kapitalistische gegen pro-kommunistische Armeen. Über 1.2 Mio. Tote später wurde die Halbinsel mit dem Lineal geteilt. Im Süden machten dann US-freundliche Regimes weiter mit Zensur und dem Niederknüppeln von Protestbewegungen, die regelmäßig explodierten. Kapitalistischer Fortschritt kam ohne Demokratie. Doch 1987 war es vorbei mit der Militärdiktatur, nicht zuletzt durch breit angelegten Protest mit gut informierten, organisierten und kommunizierenden Multitudes. Seither wird der Sozialvertrag neu verhandelt. Und auch darin spielen Kommunikation und Medien eine zentrale Rolle.

Wo Nonnen für den bedrohten Salamander hungerstreiken

Heute ist Südkorea eine der lebendigsten Demokratien der Welt. DurchschnittsbürgerInnen, StudentInnen, ArbeiterInnen, Bauern/Bäuerinnen, sozial engagierten Religionen, MigrantInnen, Behinderte, Öko-, Frauen- und GayLesbianTransgenderBi-Bewegungen melden sich regelmäßig zu Wort, und gelten dafür keineswegs als QuerulantInnen, sondern als GarantInnen einer gesunden Demokratie. Neue Hauptzielscheibe: Neoliberalismus. Denn „die Miliärdiktatur wurde durch ein neues Monster ersetzt – den Kommerz“ (Inter-act 2005).

Das Protestrepertoire beschränkt sich nicht auf Märsche, Sitz- und Liegestreiks und Faustschütteln (Hadl 2005). Da ist zum Beispiel Sambo Ilbae (3 Schritte, 1 mal auf den Boden werfen, für mehrere oder mehrere hundert Kilometer), Band & Bühne-im-LKW (ideal für Protestkonzerte am Straßenrand) und, aus Diktaturzeiten überliefert, Hungerstreik und Protest-Selbstmord. Doch von alledem wüsste kaum jemand etwas, wenn es nicht autonome Mediensphären gäbe. Denn trotz beherzten Medienreformen sind die alten Medienkonglomerate noch immer stark.

Kein Freiraum ohne Kommunikationsraum

Der Gewerkschaftsaktivist Myoungjoon Kim erinnert sich: „Die DissidentInnen hatten sich lange mit Undergroundmedien verständigt, z.B. Dokumentarfilmen und radikalen Publikationen. In den frühen 1980igern versuchten wir Gewerkschaftsarbeit mit Super 8 Filmen – sehr mühselig. Wir mussten Fabriken infiltrieren und einzelne kleine Filmrollen, oft unsere einzigen Kopien, auf hereingeschmuggelten Projektoren zeigen. Damit waren keine Öffentlichkeiten zu erzeugen. Doch Video war ein Geschenk für uns.“ Dank der aggressiven Wirtschaftspolitik, die seit den späten 1970igern von Schwer- auf Informationsindustrie umgesteuert wurde, hatte bald jeder Haushalt einen Videorecorder. „So war es einfach für uns – wir produzierten ein Videomagazin, machten jede Menge Kopien und verteilten sie per Linienbus im ganzen Land. So konnten wir eine autonome Mediensphäre aufbauen.“

Das Paradox des technologischen Fortschritts

Eine Entwicklungs- bzw. Wirtschaftspolitik, die auf Medien, Infotechnologien und in neuerer Zeit auf Filmindustrie ausgerichtet ist, bietet sozialen Bewegungen ungeahnte Möglichkeiten. In den frühen 1990igern wurde Chamsaesang („Wahre Welt“), ein elektronisches Bulletin Board System (BBS, eine Art Forum) zu einer wichtigen social movement-Plattform. Doch bald wurde es klar, dass das Netz nicht kommerziellen AnbieterInnen überlassen werden durfte. Informationen wurden gelöscht, UserInnendaten den Behörden überreicht. 1998 wurden zwei Organisationen gestartet, um autonomen Internetzugang zu sichern, Nodongnet („Labornet“) und Jinbonet (Inter-act 2005). Jinbonet („Progressive“ Network, www.jinbo.net) entwickelte ein partizipatives Veröffentlichungssystem, einen der Vorläufer von Indymedia und der heutigen kommerziellen user-created content (UCC, NutzerInnenerzeugte Inhalte) Systeme. Es betreut heute über 600 social movement-Gruppen.

Demokratie Netzseidank? Nicht unbedingt: 2003 zeigte eine Studie, dass 87% der Firmen ihre Arbeitenden elektronisch überwachen (Interact 2005). Von den über 70% der SüdkoreanerInnen, die Breitbandzugang haben, gehen die meisten durch nur zwei Portale (Daum und Naver, Yahoo und Google sind kleine Fische), die wiederum Inhalte aus den same old Quellen beziehen und dazu UserInnendaten sammeln: Surfverhalten, den aktuellen Aufenthaltsort (IP Adresse) und Meldenummer. Nicht nur zu Marketingzwecken: 2004 beschloss das Parlament, dass BetreiberInnen ein Internet Realname System (IRS, Echtnamensystem) einbauen müssen, um der Anonymität, die für die Verrohung der Netzsitten verantwortlich sein soll, den Riegel vorzuschieben. Wer veröffentlicht muss seine/ihre Meldenummer eintippen.

Das Dumme: Meldenummern zeigen Geschlecht, Alter und Wohnort an und scheinen in Suchmaschinen auf. Bürgerrechtsgruppen weisen auf Datenschutz- und verfassungsrechtliche Probleme hin, und darauf, dass Medienkompetenz- und Ethikbildungskampagnen bessere Erfolge zeigen. Jinbonet, Nodongnet, Migrants in Korea (migrantsinkorea) und andere weigern sich IRS einzubauen und klagen. „Copyleft statt Copyright“ ist eine weitere wichtige Kampagne mit populärem Zuspruch, die mit der verschärften Situation seit dem Korea-US Freihandelsabkommen (Urheberrechtsverlängerung auf 70 Jahre, Aktion scharf auf UserInnen, geschwächte Schrankenbestimmungen) neuen Wind bekommt. Daneben geht die Debatte weiter über die „Überentwicklung“ (Inter-act #2) – warum müssen wir eigentlich digital Fernsehen?

Autonom von was und wem?

Progressive media, wie sie in Korea gerne genannt werden, sind einerseits die Medien von einzelnen sozialen Bewegungen (ich nenne sie single-movement media), und andererseits inter-movement media, also Plattformen für mehrere soziale Bewegungen. Gemein ist ihnen das Streben nach weitest möglicher Autonomie von Staat und Markt (Langlois & Dubois 2006). Doch: Sie brechen zwar „immer irgendwelche Regeln, aber nicht alle zugleich“ (Downing 2001). Wer sich Inhalte und Formate, Organisationsform, Ideologie und die Beziehung von ProduzentInnen und Publikum genauer ansieht, findet oft weit weniger „Autonomie“ als vermutet: „Die Mainstreamkultur macht nicht an den Schwellen unserer Organisationen halt“ (Blue 2002). Das gilt auch für Korea, wo traditionelle patriarchale und hierarchische Strukturen in den führenden Bewegungen sogar noch verstärkt zu beobachten sind.

Feministische Freiräume

In jeder neuen Welle der Demokratie- und Gewerkschaftsbewegungen hieß es: Zuerst Revolution, Frauenrechte später. Heute sind viele „progressive“ Gruppen sogar weit hinter dem Mainstream. Darum machen Frauen immer wieder ihre eigenen autonomen Räume, nicht zuletzt im Netz.

Während viele social movement media noch immer im Propaganda Modus operieren („Wir sagen dir, was wirklich los ist“), entfalteten feministische Webzines früh die dialogischen Möglichkeiten des Internets. Unninet (unninet, gegr. 2000) startete ein soziales Netzwerk mit Foren, multi-medialer Plattform und den Seiten individueller „Schwestern“ („Ein eigenes Zimmer“, in Anlehnung an Virginia Wolf). Heute schlagen Myspace & Co. Kapital aus solchen Systemen. Aber erfunden haben sie sie nicht.

Das Kollektiv von Dalara (dalara.jinbo.net, 1998-2002), einem anderen Webzine, ging es radikaler an: Sie schafften hierarchische Sprache ab (im Koreanischen ändert sich die Grammatik je nach Status der Angesprochenen), öffneten die Redaktion für jederfrau, und pflegten Pseudonyme und einen persönlichen Ton, der in jenen Vor-Blogzeiten kaum zu finden war. Als ihr BBS von Machos kolonialisiert wurde, antworteten sie nicht mit einem Login-System, sondern machten ein Frauen-only BBS auf, von wo sie alle männlichen oder maskulinistischen Postings per Hand entfernten und ins „Herrenklo“ (eine versteckte Seite) steckten. Eine kontroverse Maßnahme, die doch von vielen Frauen begeistert angenommen wurde (Choi, Steiner & Kim 2006: 73).

Wer aus der Geschichte nicht lernt, muss sie selbst erleben...

Feministische Medien haben oft Vorreiterinnenrollen: Sie entwickeln nicht nur neue Inhalte, sondern auch neue (oft anti-hierarchische) Organisations- und Kommunikationsmethoden (Kidd 2002; Choi, Steiner & Kim 2006). Ihre Themen, Experimente und Probleme tauchen später in nicht-feministischen Alternativmedien auf, und schließlich in der Mainstreamkultur (Kidd 2001, Downing 1984). Die Dalara-Geschichte hat sich seither hundert- oder tausendfach wiederholt, z.B. im internationalen Indymedia-Netzwerk (Brooten & Hadl 2007). Von den Lösungsansätzen wäre zu lernen gewesen. Doch feministische Kommunikationsprojekte werden noch immer ignoriert. So werden ständig dieselben Debatten geführt, nicht selten mit schlechteren Resultaten (wie z.B. in Internetregulierung). Dazu werden feministische Experimente – und social movement media im Allgemeinen – von politischen oder kommerziellen Fat Cats oft so kopiert, kooptiert und instrumentalisiert, dass die eigentliche Intention – Freiräume zu schaffen – ins Hintertreffen gerät (Choi, Steiner & Kim 2006: 69). Die Tendenz ist klar: Privatisierung des Profits, Verallgemeinerung des Schadens. Die Allmenden werden langsam aber sicher eingezäunt – die Geschichte der Presse und des Radios droht sich im Netz zu wiederholen (Kidd 2002). Doch nicht, wenn es nach der koreanischen Medienreformbewegung geht.

Autonomie mit öffentlichen Geldern

Heute ist Myoungjoon Kim der Direktor von MEDIACT (mediact), einer Einrichtung, die ganz offiziell Medienaktivismus mit öffentlichen Geldern fördert und die dieser Tage ihren 5. Geburtstag feiert. Hier werden VideoaktivistInnen ausgebildet: Nicht nur DurchschnittsbürgerInnen, sondern auch Frauengruppen, MigrantInnen, regionale Anti-Atombewegungen und junge Leute mit schweren Behinderungen. Videogeräte können 24 Stunden pro Tag ausgeborgt werden. Dazu gibt es Symposien und Forschungsgruppen, und nicht zuletzt viel Vernetzungs- und Lobbyarbeit: Dank breiter Koalitionen von Gruppen gibt es für Public Access TV einen Satellitenkanal und ein Sendefenster im nationalen öffentlich-rechtlichen TV, deren zivilgesellschaftlichen Nutzen es jetzt sicherzustellen gilt. MEDIACT ist ein Beispiel dafür, dass „Privatisieren“ nicht die einzige Antwort auf verfilzte Staatsstrukturen ist, und dass öffentliche Gelder durchaus autonome Medienarbeit fördern können, sogar dauerhaft.
Wie sieht die Zukunftsvision aus? „Das Ende des Turbokapitalismus.“ Myoungjoon lacht. „Und dann, hm. Wir müssen die Zukunft ständig neu formulieren. Jeder Sieg bringt neue Frustrationen. Es ist alles in Fluss.“

Literatur

Brooten, Lisa / Hadl, Gabriele (2007): „Gender and Hierarchy: A Case Study of the Independent Media Center Network“. In: Kidd, Dorothy / Laura Stein / Clemencia Rodríguez (Eds.): Making Our Media. Cresskill, NJ: Hampton Press.

Blue (2002, January 17): „Leftist Techies and Patriarchy“. Unter: de.indymedia.org

Choi, Y. / S. Kim / L. Steiner (2006): „Claiming Feminist Space in Korean Cyberterritory“. In: Javnost Vol. 13 - 2006,

Downing, John (1984): Radical Media. Boston: South End Press.

Downing, John (2001): Radical Media: Rebellious Communication and Social Movements. London: Sage

Hadl, Gabriele (2005): „Korean Protest Culture“. In: Kyoto Journal

inter-ACT! (MEDIACT Newsletter) (2005-7) Newsletter

Kidd, Dorothy (2002): „Which would you rather? Seattle or Porto Alegre?“

Langlois, Andrea & Dubois, Frederic (Eds.) (2006): Autonomous Media. Montreal: Cumulus Press. cumuluspress

Gabriele Hadl ist Medienwissenschaftlerin an der Universität Tokyo und aktivistisch tätig, u.a. in Netzwerken wie OURMedia/NUESTROSMedios und Indymedia.

 
 

Erhältlich in folgenden Buchhandlungen:

  • a.punkt, 1010 Wien
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