Kulturelle Übersetzung.
Lassen Sie mich in das Problem einführen, indem ich eine Frage zitiere: „Alle
fünf Jahre findet in Kassel eine der wichtigsten Ausstellungen moderner und
zeitgenössischer Kunst statt. Wie heißt sie?“
Menschen, die an Kultur und Kunst interessiert sind, meist Mitglieder des so
genannten BildungsbürgerInnentums können diese Frage sicherlich leicht
beantworten. Aber diese Frage ist nicht an sie gerichtet. Tatsächlich handelt es
sich um die 85ste Frage eines Tests, den EinwanderInnen ablegen müssen, wenn
sie in Hessen die deutsche StaatsbürgerInnenschaft erlangen wollen. Es gibt
eigentlich viele andere Fragen in diesem Test (insgesamt 100), die meist mit
deutscher Geschichte, der deutschen Verfassung, bürgerlichen Rechten, mit dem
deutschen Rechts- und Politiksystem befasst sind, mit deutscher Kultur, Sport,
nationalen Symbolen, usw.
Einige der Fragen sind recht merkwürdig. Zum Beispiel: „Eine Frau sollte nicht
allein in die Öffentlichkeit gehen oder allein reisen ohne Begleitung männlicher
Familienangehöriger. Was ist Ihre Meinung dazu?“; „Bitte erklären Sie das Existenzrecht
Israels.“ oder „Wenn jemand Ihnen sagt, dass der Holocaust ein
Mythos oder ein Märchen ist, was antworten Sie ihm?“ usw.
Der cultural turn und die Frage der Übersetzung
Lassen wir den Inhalt dieser Fragen beiseite und fragen lieber, was eigentlich ihr
Zweck ist, oder genauer, was der Zweck der 100 richtigen Antworten ist. Alle
zusammen sollen sie die Antwort auf eine bestimmte Frage bilden, die Frage:
„Was ist deutsch?“. In anderen Worten sollen sie den Inhalt des Begriffs „deutsche
Identität“ beschreiben. Sie sind, wenn man so will, eine Art kleiner und
schneller Kanon – ein Instantkanon – von Eigenschaften, die das Deutsche definitiv
vom Nicht-Deutschen trennen sollen, das heißt, eine Grenzlinie zwischen ihnen zu
ziehen und so das Andere aus dem Deutschen auszuschließen.
In seinem Inhalt ebenso wie in seiner praktischen Anwendung ist der Test ein
perfektes Beispiel des fundamentalen Widerspruchs eines identitären Diskurses:
des Widerspruchs zwischen seinem essenzialistischem Anspruch und seinem
Konstruktionscharakter.
Es ist nicht schwer zu sehen, wie beliebig diese Konstruktion gemacht wurde.
Sogar ihre tatsächliche politische Motivation (der Ausschluss einer bestimmten
Identität, der so genannten islamistischen) liegt völlig offen. Auf der anderen
Seite ist dieser Haufen von Eigenschaften mit dem angeblich einzigartigen, originalen
Merkmal des „Deutschseins“ assoziiert (man könnte auch sagen auf
essenzialistische Weise). Macht uns das Wissen darüber, was mit der zeitgenös-
sischen Kunst alle fünf Jahre in Kassel passiert, wirklich zu Deutschen? Es klingt
blöd, aber im Kontext eines deutschen Einbürgerungstests lautet die Antwort – ja!
Wie also mit diesem Unsinn umgehen, der ziemlich Ernst genommen werden
muss, da seine Effekte, nämlich entweder die Staatsbürgerschaft einer demokratischen,
relativ reichen und stabilen Gesellschaft zu besitzen oder nicht, nicht
nur die Lebensqualität beeinflussen können, sondern auch das eigene Schicksal?
Darüber hinaus beeinflusst dieser Unsinn – eigentlich der schon erwähnte
Widerspruch, der hinter ihm steht – auf fundamentale Weise das, was wir heute
als unsere politische Realität wahrnehmen, weil es ihr Fundament herstellt, die
menschliche Basis der Gesellschaft: Er entscheidet direkt darüber, wer zur
Gesellschaft, in der wir leben, gehört, und wer nicht und gestaltet so die Kräfte,
aus denen unsere politische Realität gemacht wird.
Das Beispiel des deutschen Staatbürgerschaftstests ist daher nur eine, sichtbarere
Manifestation eines allgemeinen Prinzips: Unsere Gesellschaften und daher
auch unsere Wahrnehmung der politischen Realität wird kulturell gerahmt. Dies
wirft ein Licht auf eines der auffälligsten Phänomene des postmodernen
Zustands, den so genannten cultural turn. Die Kultur hat nicht, wie oft geglaubt
wird, den Begriff der Gesellschaft von der politischen Bühne verdrängt und ihre
führende Rolle in theoretischen Debatten und praktischen Belangen der politischen
Subjekte übernommen. Die Veränderung ist radikaler. Die Kultur ist selbst
zu dieser Bühne geworden, die Bedingung der Möglichkeit von Gesellschaft und
unserer Wahrnehmung dessen, was heute politische Realität ist.
Es ist dieser Kontext, in dem der Begriff der Übersetzung, oder präziser, der kulturellen
Übersetzung, eine so große Wichtigkeit erlangt hat. Denn er kann auf beiden
Seiten des Widerspruchs zwischen einem essenzialistischen und konstruktivistischen
Verständnis von Kultur angewendet werden, das bedeutet, entweder, um
Beziehungen zwischen verschiedenen Kulturen zu arrangieren oder um – als
eine Art rekonstruierter Universalismus – die Idee selbst einer originalen kulturellen
Identität zu unterlaufen. Mit anderen Worten kann das Konzept der kulturellen
Übersetzung im Dienste beider einander widersprechender Paradigmen
der postmodernen Theorie und der postmodernen politischen Vision allgemein
angewendet und verstanden werden: dem Multikulturalismus und der Dekonstruktion.
Multikulturalismus und Dekonstruktion
Wie allgemein bekannt ist, basiert der Multikulturalismus auf dem Konzept der
Einzigartigkeit und der Originalität kultureller Formationen. Er geht davon aus,
dass es eine essenzielle Verbindung zwischen der Kultur und der sexuellen oder
ethnischen Herkunft gibt. Aus dieser Perspektive fordert der Multikulturalismus
die Idee der Universalität selbst heraus, da er jedes universale Konzept als kulturell
relatives ansieht. Es gibt keine universale Kultur, sondern eine Pluralität verschiedener
Kulturen, die einander entweder tolerant anerkennen oder gewaltsam
ausschließen. Für MultikulturalistInnen ist unsere Welt nichts als eine Art Cluster
verschiedener Identitäten, die wir nie aufheben können. Um ein Beispiel zu
geben: Im Feld der Literatur würde der Multikulturalismus den Begriff der Weltliteratur
herausfordern, das bedeutet, die Idee eines Kanons von Meisterwerken,
die, wie Goethe einmal bemerkte, am besten artikulieren, was an der menschlichen
Natur universal ist. Vom multikulturellen Standpunkt aus gibt es stattdessen
nur eine Pluralität spezifischer Kanone, von denen jeder von einer Art essenziellen
Identität ausgeht.
Multikulturalismus ist die eigentliche Basis dessen, was wir identitäre Politik
nennen – einer politischen Praxis, die unsere Welt immer noch entscheidend
prägt. Obwohl er die Rechte von Minderheiten und marginalisierter Gemeinschaften
innerhalb eines homogenisierten Nationalstaats hervorhebt, legitimiert
er zur selben Zeit das Recht einer spezifischen nationalen oder ethnischen
Gemeinschaft – als Mehrheit innerhalb des politischen Rahmens des Nationalstaats
–, ihre angeblich einzigartige und originale Kultur zu beschützen. Sogar
unsere wichtigsten politischen Visionen bezüglich der weiteren Entwicklung der
Demokratie und des Wohlstands – wie das Projekt der europäischen Integration
– folgen grundsätzlich demselben multikulturellen Muster.
Die Dekonstruktion fordert das Konzept des Multikulturalismus in seinem
Innersten heraus, das heißt im Bezug auf die Idee, dass jede Identität ihren
Ursprung in einer Art vorgegebener Essenz hat. Eine Kultur ist für DekonstruktivistInnen
ein System von Zeichen, eine Erzählung ohne irgendeinen historischen
oder materiellen Ursprung. Zeichen beziehen sich nur aufeinander. Dies gilt
sogar für den Unterschied zwischen Zeichen und Nicht-Zeichen, die trotzdem
als weitere Ebene des Zeichensystems verstanden werden. Diesem Ansatz zufolge
gibt es gar keine Ursprünge, sondern nur ihre Spuren, nur ihre Kopien und es
gibt kein Ende in der Progression oder Regression der Zeichen in Raum und Zeit.
Dies bedeutet eigentlich, dass auch Kulturen niemals Reflexionen eines natürlichen
Zustands sind, sondern eher ihren eigenen Ursprung konstituieren oder
konstruieren. Demzufolge ist „Deutschsein“ oder „schwarz“, „weiblich“,
„schwul“ usw. nur das Produkt einer spezifischen kulturellen Aktivität, einer Art
kultureller Konstruktion.
Im Falle der Nation, um es zu wiederholen, ist dies der Glaube daran, dass
Nationen gegeben sind, dass sie über die Zeit hinweg als eine Art zeitloser und
ewiger Essenz fortbestehen, dass sie klar von anderen Nationen unterscheidbar
sind, stabile Grenzen haben usw. Das bedeutet im Falle der Nationen, dass sie,
um eine allgemein bekannte Formel von Benedict Anderson zu verwenden, erfundene
Gemeinschaften sind, was bedeutet, dass die so genannte Einheit der Nation
durch bestimmte diskursive und literarische Strategien konstruiert wurde. Die
Nation ist eine Erzählung, schreibt Homi Bhabha. Sie taucht in der menschlichen
Geschichte an bestimmten Punkten in der Zeit auf und als Konsequenz
gewisser ökonomischer und soziokultureller Entwicklungen.
Dies ist extrem wichtig für unser Verständnis des Phänomens der Übersetzung.
Ihre soziale und politische Rolle wird erst vor dem Hintergrund des historischen
Prozesses der Entstehung von Nationen klar. Erst in diesem Kontext erlangt
Übersetzung eine Bedeutung, die über einen rein linguistischen Horizont
hinausreicht und ein kulturelles und politisches Phänomen wird, etwas, was wir
heute „kulturelle Übersetzung“ nennen.
Aber was ist eigentlich Übersetzung?
Die traditionelle Theorie der Übersetzung versteht sie als ein binäres Phänomen:
Es gibt immer zwei Elemente eines Übersetzungsprozesses, einen originalen
Text in einer Sprache und seine sekundäre Produktion in einer anderen Sprache.
Es ist daher ihre Beziehung zum Original, die jede Übersetzung entscheidend
bestimmt. Diese Beziehung kann verschieden sein. Für Schleiermacher zum Beispiel
hat eine Übersetzung zwei Hauptmöglichkeiten: Sie kann entweder den/die
LeserIn dem/r AutorIn näher bringen oder den/die AutorIn dem/r LeserIn, d.h.
den originalen Text in der Übersetzung so verständlich wie möglich zu machen.
Schleiermacher zog die erste Option vor, was impliziert, dass Übersetzung auf
der Seite des/r LeserIn ein gewisses „Gefühl des Fremden“ oder, wie Schleiermacher
schreibt: das „Gefühl, dass sie Ausländisches vor sich haben“.
Das ist typisch für die frühe romantische Theorie der Übersetzung. Sie fürchtet
sich nicht, wie viele Leute glauben, vor Verfremdung. Im Gegenteil begrüßt sie
das Eigenartige, Verschiedene und Fremde. Humboldt drängt ÜbersetzerInnen sogar
dazu, der Fremdheit einer ausländischen Sprache gegenüber treu zu sein und
diese Fremdheit in ihren Übersetzungen zu artikulieren. Sonst würden sie –
nicht das Original, wie man glauben könnte – betrügen, sondern ihre eigene
Sprache, ihre eigene Nation. Warum? Weil für Humboldt die Treue der Übersetzung
eine patriotische Tugend darstellt. Der Zweck der Übersetzung ist es nicht,
die Kommunikation zwischen zwei verschiedenen Sprachen und Kulturen zu
erleichtern, sondern die eigene Sprache aufzubauen und, da Humboldt Sprache
und Nation gleichsetzt, ist das eigentliche Ziel der Übersetzung die Errichtung
der Nation.
Aber das Konzept der kulturellen Übersetzung, wie wir sie heute verstehen, ist
nicht aus der traditionellen Übersetzungstheorie entstanden, sondern eher aus
ihrer radikalen Kritik, wie sie zum ersten Mal durch Walter Benjamin am Beginn
der 20er Jahre in seinem bahnbrechenden Essay: „Die Aufgabe der Übersetzers”
artikuliert wurde. In seinem Text – und dies ist grundsätzlich neu – entledigt sich
Benjamin nämlich der Idee des Originals und damit auch des gesamten Binarismus
der traditionellen Übersetzungstheorie. Eine Übersetzung bezieht sich für
Benjamin nicht auf den originalen Text, sie hat nichts zu tun mit Kommunikation,
ihr Ziel ist nicht die Übermittlung von Bedeutung usw. Er illustriert die
Beziehung zwischen dem so genannten Original und der Übersetzung, indem er
die Metapher der Tangente verwendet: Übersetzung ist wie eine Tangente, die
den Kreis (das Original) nur an einem einzigen Punkt berührt und danach ihrem
eigenen Weg folgt.
Weder das Original noch die Übersetzung, weder die Sprache des Originals noch
die Sprache der Übersetzung sind fixierte und dauernde Kategorien. Sie haben
keine essenzielle Qualität und werden in Raum und Zeit ständig verwandelt. Das
ist der Grund, warum Benjamins Essay so wichtig für die dekonstruktivistische
Theorie wurde, weil er die Idee eines essenziellen Ursprungs so vehement in Frage
stellt. Aus derselben dekonstruktivistischen Tradition entsteht auch das Konzept
der kulturellen Übersetzung. Es wurde von einem der prominentesten
Theoretiker des so genannten postkolonialen Zustands geprägt, Homi Bhabha. Seine
Motivation war ursprünglich die Kritik der multikulturellen Ideologie, das
Bedürfnis über Kultur nachzudenken und über Beziehungen zwischen verschiedenen
Kulturen jenseits der Idee einheitlicher essenzieller kultureller Identitäten
und Gemeinschaften.
Nota bene: Es gibt auch ein multikulturelles Konzept kultureller Übersetzung.
Sein politisches Ziel ist die Stabilität der liberalen Ordnung, die nur auf der
Grundlage der friedlichen, interaktiven Beziehungen zwischen verschiedenen
Kulturen in Begriffen der so genannten multikulturellen Kohabitation erlangt
werden kann. Das ist der Grund, warum liberale MultikulturalistInnen kulturelle
Übersetzung immer als „inter-kulturelle“ Übersetzung verstehen.
Hybridität, Universalität, Transgression
Für Homi Bhabha brächte uns das nur in die Sackgasse einer identitären Politik,
die hilflos von kultureller Diversität besessen ist. Daher schlägt er das Konzept
eines so genannten Third space vor. Der Third space (Dritte Raum) ist der Raum der
Hybridität, der Raum der – wie er in The Location of Culture schreibt – Subversion,
Transgression, Blasphemie, Häresie usw. Er glaubt, dass Hybridität – und kulturelle
Übersetzung, die er als Synonym für Hybridität versteht – in sich selbst
politisch subversiv ist. Hybridität ist also der Raum, in dem alle binären Teilungen
und Antagonismen, die typisch für modernistische politische Konzepte
sind, nicht mehr funktionieren. Statt des alten dialektischen Konzepts der Vermittlung
spricht Bhabha über Verhandlung und Übersetzung als einzig möglichem
Weg, die Welt zu verändern und etwas politisch Neues zu bewirken. Seiner
Ansicht nach ist eine emanzipatorische Ergänzung der Politik nur im Feld der
kulturellen Produktion möglich, die der Logik der kulturellen Übersetzung folgt.
Die amerikanische feministische Philosophin Judith Butler verwendet Bhabhas
Konzept der kulturellen Übersetzung, um eines der traumatischsten Probleme
des postmodernen politischen Denkens zu lösen – das schon erwähnte Problem
der Universalität. Für Butler bedeutet die Tatsache, dass keine Kultur universale
Gültigkeit beanspruchen kann, nicht, dass es heute nichts Universales in der Art
gibt, in der wir die Welt erleben. Die Universalität, die sie meint, ist auch zum
Problem der transkulturellen Übersetzung geworden. Sie ist ein Effekt von Prozessen
der Ein- und Ausschließung.
Butlers Formel ist: Universalität kann nur als Antwort auf ihr eigenes ausgeschlossenes
Außen artikuliert werden. Was vom existierenden Begriff der Universalität
ausgeschlossen wurde, setzt diesen Begriff – von außen – unter Druck,
da es akzeptiert und in ihn eingeschlossen werden will. Aber dies kann solange
nicht geschehen, bis der Begriff selbst sich soweit wie notwendig verändert hat,
um das Ausgeschlossene einzuschließen. Dieser Druck führt schließlich zu
einer Reartikulation des existierenden Begriffs der Universalität. Der Prozess,
durch den das Ausgeschlossene innerhalb des Universalen wieder im Begriff
zugelassen wird, heißt bei Butler Übersetzung. Kulturelle Übersetzung – als
„Rückkehr des Ausgeschlossenen“ – ist der einzige Katalysator der heutigen
Demokratie. Sie schiebt ihre Grenzen hinaus, bewirkt sozialen Wandel und öffnet
neue Räume der Emanzipation. Sie tut das durch subversive Praktiken, die
die alltäglichen sozialen Beziehungen verändern.
Noch einmal: Die Weise, in der sozialer Wandel bewirkt wird, ist nicht dialektisch.
Stattdessen ist sie transgressiv. Er entsteht nicht als Ergebnis von Zusammenstößen
zwischen sozialen Antagonismen oder durch den Prozess der Vermittlung,
sondern durch eine unendliche Transgression der existierenden
sozialen und kulturellen Begrenzungen durch gewaltlose, demokratische, übersetzerische
Verhandlungen. Butlers Konzept des politischen Wandels durch den
Prozess der kulturellen Übersetzung geht immer noch nicht über einen allgemeinen
liberalen Rahmen hinaus. Einen Schritt weiter geht Gayatri Spivak mit ihrem
Konzept des „strategischen Essenzialismus“ – der unter ähnlichen Bedingungen
der postmodernen und/oder postkolonialen Reflexion artikuliert wurde.
„Strategischer Essenzialismus“ als Übersetzung
Spivak weiß sehr gut, dass wir mit den Mitteln der heutigen theoretischen Reflexion
fast jede mögliche Identität radikal dekonstruieren können und ihren
Essenzialismus als einfach erfunden, konstruiert, usw. enthüllen können. Trotzdem
arbeitet die Politik selbst immer noch mit diesen essenziellen Identitäten.
Wenn wir also wirklichen politischen Wandel herbeiführen wollen, schlägt sie
„einen strategischen Gebrauch eines positivistischen Essenzialismus in einem
peinlich genau sichtbaren politischen Interesse“ vor.
Dies ist der Grund, warum der Begriff des „strategischen Essenzialismus“ ebenfalls
als eine Art Übersetzung verstanden werden sollte. Denn die historische
Situation, in der wir leben, artikuliert sich selbst in zwei verschiedenen Sprachen:
der der postmodernen antiessenzialistischen Theorie und in der einer
parallelen, alten essenzialistischen politischen Praxis. Spivaks Konzept des
„strategischen Essenzialismus“ räumt einfach ein, dass es keine direkte Übereinstimmung
zwischen beiden Sprachen gibt – sie können nicht im alten dialektischen
Sinn durch einen universalen dritten Begriff, der als dialektische Einheit
beider funktioniert, aufgehoben werden. Daher ist die einzige Möglichkeit einer
Verständigung zwischen ihnen eine Art Übersetzung.
Aber wie funktioniert diese Übersetzung eigentlich? Wie es scheint wurde die
richtige Antwort bereits 1943 gegeben – von Bertolt Brecht:
In Los Angeles vor den Richter, der die Leute examiniert / Die sich bemühen, Bürger der Vereinigten
Staaten zu werden / Kam auch ein Italienischer Gastwirt. Nach ernsthafter Vorbereitung
/ Leider behindert durch seiner Unkenntnis der neuen Sprache / Antwortete er im Examen
auf die Frage: / Was bedeutet das 8. Amendment? zögernd: / 1492. Da das Gesetz die Kenntnis
der Landessprache dem Bewerber vorschreibt / Wurde er abgewiesen. Wiederkommend /
Nach drei Monaten, verbracht mit weiteren Studien / Freilich immer noch behindert durch die
Unkenntnis der neuen Sprache / Bekam er diesmal die Frage vorgelegt: Wer / War der General,
der im Bürgerkrieg siegte? Seine Antwort war: / 1492. (Laut und freundlich erteilt.) Wieder
weggeschickt / Und ein drittes Mal wiederkommend, beantwortete er / Eine dritte Frage: Für
wie viele Jahre wird der Präsident gewählt? / Wieder mit: 1492. Nun / Erkannte der Richter,
dem der Mann gefiel, daß er die neue Sprache / Nicht lernen konnte, erkundigte sich / Wie er
lebte, und erfuhr: schwer arbeitend. Und so / Legte ihm der Richter beim vierten Erscheinen
die Frage / vor:
Wann / Wurde Amerika entdeckt: Und auf Grund seiner richtigen Antwort / 1492, erhielt er
die Bürgerschaft.
Boris Buden ist Philosoph und Publizist, lebt in Berlin.
