Kulturelle Übersetzung. — IG Kultur

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INHALT 02/2006

 

Kulturelle Übersetzung.

Boris Buden

Lassen Sie mich in das Problem einführen, indem ich eine Frage zitiere: „Alle fünf Jahre findet in Kassel eine der wichtigsten Ausstellungen moderner und zeitgenössischer Kunst statt. Wie heißt sie?“ Menschen, die an Kultur und Kunst interessiert sind, meist Mitglieder des so genannten BildungsbürgerInnentums können diese Frage sicherlich leicht beantworten. Aber diese Frage ist nicht an sie gerichtet. Tatsächlich handelt es sich um die 85ste Frage eines Tests, den EinwanderInnen ablegen müssen, wenn sie in Hessen die deutsche StaatsbürgerInnenschaft erlangen wollen. Es gibt eigentlich viele andere Fragen in diesem Test (insgesamt 100), die meist mit deutscher Geschichte, der deutschen Verfassung, bürgerlichen Rechten, mit dem deutschen Rechts- und Politiksystem befasst sind, mit deutscher Kultur, Sport, nationalen Symbolen, usw. Einige der Fragen sind recht merkwürdig. Zum Beispiel: „Eine Frau sollte nicht allein in die Öffentlichkeit gehen oder allein reisen ohne Begleitung männlicher Familienangehöriger. Was ist Ihre Meinung dazu?“; „Bitte erklären Sie das Existenzrecht Israels.“ oder „Wenn jemand Ihnen sagt, dass der Holocaust ein Mythos oder ein Märchen ist, was antworten Sie ihm?“ usw.

Der cultural turn und die Frage der Übersetzung

Lassen wir den Inhalt dieser Fragen beiseite und fragen lieber, was eigentlich ihr Zweck ist, oder genauer, was der Zweck der 100 richtigen Antworten ist. Alle zusammen sollen sie die Antwort auf eine bestimmte Frage bilden, die Frage: „Was ist deutsch?“. In anderen Worten sollen sie den Inhalt des Begriffs „deutsche Identität“ beschreiben. Sie sind, wenn man so will, eine Art kleiner und schneller Kanon – ein Instantkanon – von Eigenschaften, die das Deutsche definitiv vom Nicht-Deutschen trennen sollen, das heißt, eine Grenzlinie zwischen ihnen zu ziehen und so das Andere aus dem Deutschen auszuschließen.

In seinem Inhalt ebenso wie in seiner praktischen Anwendung ist der Test ein perfektes Beispiel des fundamentalen Widerspruchs eines identitären Diskurses: des Widerspruchs zwischen seinem essenzialistischem Anspruch und seinem Konstruktionscharakter. Es ist nicht schwer zu sehen, wie beliebig diese Konstruktion gemacht wurde. Sogar ihre tatsächliche politische Motivation (der Ausschluss einer bestimmten Identität, der so genannten islamistischen) liegt völlig offen. Auf der anderen Seite ist dieser Haufen von Eigenschaften mit dem angeblich einzigartigen, originalen Merkmal des „Deutschseins“ assoziiert (man könnte auch sagen auf essenzialistische Weise). Macht uns das Wissen darüber, was mit der zeitgenös- sischen Kunst alle fünf Jahre in Kassel passiert, wirklich zu Deutschen? Es klingt blöd, aber im Kontext eines deutschen Einbürgerungstests lautet die Antwort – ja!

Wie also mit diesem Unsinn umgehen, der ziemlich Ernst genommen werden muss, da seine Effekte, nämlich entweder die Staatsbürgerschaft einer demokratischen, relativ reichen und stabilen Gesellschaft zu besitzen oder nicht, nicht nur die Lebensqualität beeinflussen können, sondern auch das eigene Schicksal? Darüber hinaus beeinflusst dieser Unsinn – eigentlich der schon erwähnte Widerspruch, der hinter ihm steht – auf fundamentale Weise das, was wir heute als unsere politische Realität wahrnehmen, weil es ihr Fundament herstellt, die menschliche Basis der Gesellschaft: Er entscheidet direkt darüber, wer zur Gesellschaft, in der wir leben, gehört, und wer nicht und gestaltet so die Kräfte, aus denen unsere politische Realität gemacht wird.

Das Beispiel des deutschen Staatbürgerschaftstests ist daher nur eine, sichtbarere Manifestation eines allgemeinen Prinzips: Unsere Gesellschaften und daher auch unsere Wahrnehmung der politischen Realität wird kulturell gerahmt. Dies wirft ein Licht auf eines der auffälligsten Phänomene des postmodernen Zustands, den so genannten cultural turn. Die Kultur hat nicht, wie oft geglaubt wird, den Begriff der Gesellschaft von der politischen Bühne verdrängt und ihre führende Rolle in theoretischen Debatten und praktischen Belangen der politischen Subjekte übernommen. Die Veränderung ist radikaler. Die Kultur ist selbst zu dieser Bühne geworden, die Bedingung der Möglichkeit von Gesellschaft und unserer Wahrnehmung dessen, was heute politische Realität ist.

Es ist dieser Kontext, in dem der Begriff der Übersetzung, oder präziser, der kulturellen Übersetzung, eine so große Wichtigkeit erlangt hat. Denn er kann auf beiden Seiten des Widerspruchs zwischen einem essenzialistischen und konstruktivistischen Verständnis von Kultur angewendet werden, das bedeutet, entweder, um Beziehungen zwischen verschiedenen Kulturen zu arrangieren oder um – als eine Art rekonstruierter Universalismus – die Idee selbst einer originalen kulturellen Identität zu unterlaufen. Mit anderen Worten kann das Konzept der kulturellen Übersetzung im Dienste beider einander widersprechender Paradigmen der postmodernen Theorie und der postmodernen politischen Vision allgemein angewendet und verstanden werden: dem Multikulturalismus und der Dekonstruktion.

Multikulturalismus und Dekonstruktion

Wie allgemein bekannt ist, basiert der Multikulturalismus auf dem Konzept der Einzigartigkeit und der Originalität kultureller Formationen. Er geht davon aus, dass es eine essenzielle Verbindung zwischen der Kultur und der sexuellen oder ethnischen Herkunft gibt. Aus dieser Perspektive fordert der Multikulturalismus die Idee der Universalität selbst heraus, da er jedes universale Konzept als kulturell relatives ansieht. Es gibt keine universale Kultur, sondern eine Pluralität verschiedener Kulturen, die einander entweder tolerant anerkennen oder gewaltsam ausschließen. Für MultikulturalistInnen ist unsere Welt nichts als eine Art Cluster verschiedener Identitäten, die wir nie aufheben können. Um ein Beispiel zu geben: Im Feld der Literatur würde der Multikulturalismus den Begriff der Weltliteratur herausfordern, das bedeutet, die Idee eines Kanons von Meisterwerken, die, wie Goethe einmal bemerkte, am besten artikulieren, was an der menschlichen Natur universal ist. Vom multikulturellen Standpunkt aus gibt es stattdessen nur eine Pluralität spezifischer Kanone, von denen jeder von einer Art essenziellen Identität ausgeht.

Multikulturalismus ist die eigentliche Basis dessen, was wir identitäre Politik nennen – einer politischen Praxis, die unsere Welt immer noch entscheidend prägt. Obwohl er die Rechte von Minderheiten und marginalisierter Gemeinschaften innerhalb eines homogenisierten Nationalstaats hervorhebt, legitimiert er zur selben Zeit das Recht einer spezifischen nationalen oder ethnischen Gemeinschaft – als Mehrheit innerhalb des politischen Rahmens des Nationalstaats –, ihre angeblich einzigartige und originale Kultur zu beschützen. Sogar unsere wichtigsten politischen Visionen bezüglich der weiteren Entwicklung der Demokratie und des Wohlstands – wie das Projekt der europäischen Integration – folgen grundsätzlich demselben multikulturellen Muster.

Die Dekonstruktion fordert das Konzept des Multikulturalismus in seinem Innersten heraus, das heißt im Bezug auf die Idee, dass jede Identität ihren Ursprung in einer Art vorgegebener Essenz hat. Eine Kultur ist für DekonstruktivistInnen ein System von Zeichen, eine Erzählung ohne irgendeinen historischen oder materiellen Ursprung. Zeichen beziehen sich nur aufeinander. Dies gilt sogar für den Unterschied zwischen Zeichen und Nicht-Zeichen, die trotzdem als weitere Ebene des Zeichensystems verstanden werden. Diesem Ansatz zufolge gibt es gar keine Ursprünge, sondern nur ihre Spuren, nur ihre Kopien und es gibt kein Ende in der Progression oder Regression der Zeichen in Raum und Zeit.

Dies bedeutet eigentlich, dass auch Kulturen niemals Reflexionen eines natürlichen Zustands sind, sondern eher ihren eigenen Ursprung konstituieren oder konstruieren. Demzufolge ist „Deutschsein“ oder „schwarz“, „weiblich“, „schwul“ usw. nur das Produkt einer spezifischen kulturellen Aktivität, einer Art kultureller Konstruktion. Im Falle der Nation, um es zu wiederholen, ist dies der Glaube daran, dass Nationen gegeben sind, dass sie über die Zeit hinweg als eine Art zeitloser und ewiger Essenz fortbestehen, dass sie klar von anderen Nationen unterscheidbar sind, stabile Grenzen haben usw. Das bedeutet im Falle der Nationen, dass sie, um eine allgemein bekannte Formel von Benedict Anderson zu verwenden, erfundene Gemeinschaften sind, was bedeutet, dass die so genannte Einheit der Nation durch bestimmte diskursive und literarische Strategien konstruiert wurde. Die Nation ist eine Erzählung, schreibt Homi Bhabha. Sie taucht in der menschlichen Geschichte an bestimmten Punkten in der Zeit auf und als Konsequenz gewisser ökonomischer und soziokultureller Entwicklungen.

Dies ist extrem wichtig für unser Verständnis des Phänomens der Übersetzung. Ihre soziale und politische Rolle wird erst vor dem Hintergrund des historischen Prozesses der Entstehung von Nationen klar. Erst in diesem Kontext erlangt Übersetzung eine Bedeutung, die über einen rein linguistischen Horizont hinausreicht und ein kulturelles und politisches Phänomen wird, etwas, was wir heute „kulturelle Übersetzung“ nennen.

Aber was ist eigentlich Übersetzung?

Die traditionelle Theorie der Übersetzung versteht sie als ein binäres Phänomen: Es gibt immer zwei Elemente eines Übersetzungsprozesses, einen originalen Text in einer Sprache und seine sekundäre Produktion in einer anderen Sprache. Es ist daher ihre Beziehung zum Original, die jede Übersetzung entscheidend bestimmt. Diese Beziehung kann verschieden sein. Für Schleiermacher zum Beispiel hat eine Übersetzung zwei Hauptmöglichkeiten: Sie kann entweder den/die LeserIn dem/r AutorIn näher bringen oder den/die AutorIn dem/r LeserIn, d.h. den originalen Text in der Übersetzung so verständlich wie möglich zu machen. Schleiermacher zog die erste Option vor, was impliziert, dass Übersetzung auf der Seite des/r LeserIn ein gewisses „Gefühl des Fremden“ oder, wie Schleiermacher schreibt: das „Gefühl, dass sie Ausländisches vor sich haben“.

Das ist typisch für die frühe romantische Theorie der Übersetzung. Sie fürchtet sich nicht, wie viele Leute glauben, vor Verfremdung. Im Gegenteil begrüßt sie das Eigenartige, Verschiedene und Fremde. Humboldt drängt ÜbersetzerInnen sogar dazu, der Fremdheit einer ausländischen Sprache gegenüber treu zu sein und diese Fremdheit in ihren Übersetzungen zu artikulieren. Sonst würden sie – nicht das Original, wie man glauben könnte – betrügen, sondern ihre eigene Sprache, ihre eigene Nation. Warum? Weil für Humboldt die Treue der Übersetzung eine patriotische Tugend darstellt. Der Zweck der Übersetzung ist es nicht, die Kommunikation zwischen zwei verschiedenen Sprachen und Kulturen zu erleichtern, sondern die eigene Sprache aufzubauen und, da Humboldt Sprache und Nation gleichsetzt, ist das eigentliche Ziel der Übersetzung die Errichtung der Nation.

Aber das Konzept der kulturellen Übersetzung, wie wir sie heute verstehen, ist nicht aus der traditionellen Übersetzungstheorie entstanden, sondern eher aus ihrer radikalen Kritik, wie sie zum ersten Mal durch Walter Benjamin am Beginn der 20er Jahre in seinem bahnbrechenden Essay: „Die Aufgabe der Übersetzers” artikuliert wurde. In seinem Text – und dies ist grundsätzlich neu – entledigt sich Benjamin nämlich der Idee des Originals und damit auch des gesamten Binarismus der traditionellen Übersetzungstheorie. Eine Übersetzung bezieht sich für Benjamin nicht auf den originalen Text, sie hat nichts zu tun mit Kommunikation, ihr Ziel ist nicht die Übermittlung von Bedeutung usw. Er illustriert die Beziehung zwischen dem so genannten Original und der Übersetzung, indem er die Metapher der Tangente verwendet: Übersetzung ist wie eine Tangente, die den Kreis (das Original) nur an einem einzigen Punkt berührt und danach ihrem eigenen Weg folgt.

Weder das Original noch die Übersetzung, weder die Sprache des Originals noch die Sprache der Übersetzung sind fixierte und dauernde Kategorien. Sie haben keine essenzielle Qualität und werden in Raum und Zeit ständig verwandelt. Das ist der Grund, warum Benjamins Essay so wichtig für die dekonstruktivistische Theorie wurde, weil er die Idee eines essenziellen Ursprungs so vehement in Frage stellt. Aus derselben dekonstruktivistischen Tradition entsteht auch das Konzept der kulturellen Übersetzung. Es wurde von einem der prominentesten Theoretiker des so genannten postkolonialen Zustands geprägt, Homi Bhabha. Seine Motivation war ursprünglich die Kritik der multikulturellen Ideologie, das Bedürfnis über Kultur nachzudenken und über Beziehungen zwischen verschiedenen Kulturen jenseits der Idee einheitlicher essenzieller kultureller Identitäten und Gemeinschaften.

Nota bene: Es gibt auch ein multikulturelles Konzept kultureller Übersetzung. Sein politisches Ziel ist die Stabilität der liberalen Ordnung, die nur auf der Grundlage der friedlichen, interaktiven Beziehungen zwischen verschiedenen Kulturen in Begriffen der so genannten multikulturellen Kohabitation erlangt werden kann. Das ist der Grund, warum liberale MultikulturalistInnen kulturelle Übersetzung immer als „inter-kulturelle“ Übersetzung verstehen.

Hybridität, Universalität, Transgression

Für Homi Bhabha brächte uns das nur in die Sackgasse einer identitären Politik, die hilflos von kultureller Diversität besessen ist. Daher schlägt er das Konzept eines so genannten Third space vor. Der Third space (Dritte Raum) ist der Raum der Hybridität, der Raum der – wie er in The Location of Culture schreibt – Subversion, Transgression, Blasphemie, Häresie usw. Er glaubt, dass Hybridität – und kulturelle Übersetzung, die er als Synonym für Hybridität versteht – in sich selbst politisch subversiv ist. Hybridität ist also der Raum, in dem alle binären Teilungen und Antagonismen, die typisch für modernistische politische Konzepte sind, nicht mehr funktionieren. Statt des alten dialektischen Konzepts der Vermittlung spricht Bhabha über Verhandlung und Übersetzung als einzig möglichem Weg, die Welt zu verändern und etwas politisch Neues zu bewirken. Seiner Ansicht nach ist eine emanzipatorische Ergänzung der Politik nur im Feld der kulturellen Produktion möglich, die der Logik der kulturellen Übersetzung folgt.

Die amerikanische feministische Philosophin Judith Butler verwendet Bhabhas Konzept der kulturellen Übersetzung, um eines der traumatischsten Probleme des postmodernen politischen Denkens zu lösen – das schon erwähnte Problem der Universalität. Für Butler bedeutet die Tatsache, dass keine Kultur universale Gültigkeit beanspruchen kann, nicht, dass es heute nichts Universales in der Art gibt, in der wir die Welt erleben. Die Universalität, die sie meint, ist auch zum Problem der transkulturellen Übersetzung geworden. Sie ist ein Effekt von Prozessen der Ein- und Ausschließung.

Butlers Formel ist: Universalität kann nur als Antwort auf ihr eigenes ausgeschlossenes Außen artikuliert werden. Was vom existierenden Begriff der Universalität ausgeschlossen wurde, setzt diesen Begriff – von außen – unter Druck, da es akzeptiert und in ihn eingeschlossen werden will. Aber dies kann solange nicht geschehen, bis der Begriff selbst sich soweit wie notwendig verändert hat, um das Ausgeschlossene einzuschließen. Dieser Druck führt schließlich zu einer Reartikulation des existierenden Begriffs der Universalität. Der Prozess, durch den das Ausgeschlossene innerhalb des Universalen wieder im Begriff zugelassen wird, heißt bei Butler Übersetzung. Kulturelle Übersetzung – als „Rückkehr des Ausgeschlossenen“ – ist der einzige Katalysator der heutigen Demokratie. Sie schiebt ihre Grenzen hinaus, bewirkt sozialen Wandel und öffnet neue Räume der Emanzipation. Sie tut das durch subversive Praktiken, die die alltäglichen sozialen Beziehungen verändern.

Noch einmal: Die Weise, in der sozialer Wandel bewirkt wird, ist nicht dialektisch. Stattdessen ist sie transgressiv. Er entsteht nicht als Ergebnis von Zusammenstößen zwischen sozialen Antagonismen oder durch den Prozess der Vermittlung, sondern durch eine unendliche Transgression der existierenden sozialen und kulturellen Begrenzungen durch gewaltlose, demokratische, übersetzerische Verhandlungen. Butlers Konzept des politischen Wandels durch den Prozess der kulturellen Übersetzung geht immer noch nicht über einen allgemeinen liberalen Rahmen hinaus. Einen Schritt weiter geht Gayatri Spivak mit ihrem Konzept des „strategischen Essenzialismus“ – der unter ähnlichen Bedingungen der postmodernen und/oder postkolonialen Reflexion artikuliert wurde.

„Strategischer Essenzialismus“ als Übersetzung

Spivak weiß sehr gut, dass wir mit den Mitteln der heutigen theoretischen Reflexion fast jede mögliche Identität radikal dekonstruieren können und ihren Essenzialismus als einfach erfunden, konstruiert, usw. enthüllen können. Trotzdem arbeitet die Politik selbst immer noch mit diesen essenziellen Identitäten. Wenn wir also wirklichen politischen Wandel herbeiführen wollen, schlägt sie „einen strategischen Gebrauch eines positivistischen Essenzialismus in einem peinlich genau sichtbaren politischen Interesse“ vor.

Dies ist der Grund, warum der Begriff des „strategischen Essenzialismus“ ebenfalls als eine Art Übersetzung verstanden werden sollte. Denn die historische Situation, in der wir leben, artikuliert sich selbst in zwei verschiedenen Sprachen: der der postmodernen antiessenzialistischen Theorie und in der einer parallelen, alten essenzialistischen politischen Praxis. Spivaks Konzept des „strategischen Essenzialismus“ räumt einfach ein, dass es keine direkte Übereinstimmung zwischen beiden Sprachen gibt – sie können nicht im alten dialektischen Sinn durch einen universalen dritten Begriff, der als dialektische Einheit beider funktioniert, aufgehoben werden. Daher ist die einzige Möglichkeit einer Verständigung zwischen ihnen eine Art Übersetzung.

Aber wie funktioniert diese Übersetzung eigentlich? Wie es scheint wurde die richtige Antwort bereits 1943 gegeben – von Bertolt Brecht:

In Los Angeles vor den Richter, der die Leute examiniert / Die sich bemühen, Bürger der Vereinigten Staaten zu werden / Kam auch ein Italienischer Gastwirt. Nach ernsthafter Vorbereitung / Leider behindert durch seiner Unkenntnis der neuen Sprache / Antwortete er im Examen auf die Frage: / Was bedeutet das 8. Amendment? zögernd: / 1492. Da das Gesetz die Kenntnis der Landessprache dem Bewerber vorschreibt / Wurde er abgewiesen. Wiederkommend / Nach drei Monaten, verbracht mit weiteren Studien / Freilich immer noch behindert durch die Unkenntnis der neuen Sprache / Bekam er diesmal die Frage vorgelegt: Wer / War der General, der im Bürgerkrieg siegte? Seine Antwort war: / 1492. (Laut und freundlich erteilt.) Wieder weggeschickt / Und ein drittes Mal wiederkommend, beantwortete er / Eine dritte Frage: Für wie viele Jahre wird der Präsident gewählt? / Wieder mit: 1492. Nun / Erkannte der Richter, dem der Mann gefiel, daß er die neue Sprache / Nicht lernen konnte, erkundigte sich / Wie er lebte, und erfuhr: schwer arbeitend. Und so / Legte ihm der Richter beim vierten Erscheinen die Frage / vor:

Wann / Wurde Amerika entdeckt: Und auf Grund seiner richtigen Antwort / 1492, erhielt er die Bürgerschaft.


Boris Buden ist Philosoph und Publizist, lebt in Berlin.

 
 

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