Fragmente des Widerstands. Zum Bildungsauftrag Freier Radios.
Der Hintergrund von „Fragmente des Widerstands“
In einer neunteiligen Sendereihe hat sich das Freie Radio Salzkammergut (FRS) mit
dem Widerstand gegen das NS-Regime in den 1930er und 40er Jahren im Salzkammergut
auseinandergesetzt. Dieser Widerstand war deshalb atypisch für die
damalige „Ostmark“, da im Salzkammergut die sonst üblichen sprachlichen,
ethnischen oder kulturellen Gegensätze, die gemeinhin mit eine Voraussetzung
für Widerstandsaktivitäten bildeten, kaum vorhanden waren. Im Gegenteil, gerade
die „alpenländischen Gaue“ waren durch deren so genannte „Volkskultur“
und einer leicht zu konstruierenden Wildererromantik oftmals Vorbild für die
völkische Ausrichtung und einen männlichen Heldenmythos, welche integrale
Bestandteile der NS-Ideologie bildeten. Dass gerade diese Wildererkreise zu
einem Kern des Widerstands werden sollten, mag für die damaligen Machthaber
eine gewisse Demütigung bedeutet haben.
Die Voraussetzungen für den Widerstand im Salzkammergut lagen zum einen in
der traditionell stark verwurzelten Arbeiterbewegung (der erste Arbeiterkonsumverein
Österreichs wurde bereits 1868 in Bad Goisern gegründet, der „Salzkammergutkonsum“
hat bis Heute überlebt), zum anderen haben sich im so genannten
Zehnten Bundesland strukturelle Formen einer gewissen Widerständigkeit entwickelt,
die sich nur zum Teil aus der Geschichte der Reformation und Gegenreformation,
die im Inneren Salzkammergut nur oberflächlich greifen konnte,
erklären lassen. Euphemistisch könnte man behaupten, die Menschen im Salzkammergut
seien von einer tief sitzenden Skepsis allem Neuen gegenüber
geprägt. Provokant ausgedrückt: Der Salzkammergütler ist xenophob.
Für die Entstehung eines regionalen Widerstands gegen das NS-System konnte
diese misstrauische Grundhaltung nur von Vorteil sein. Natürlich war nicht das
gesamte Salzkammergut ein widerständiger Fels in der braunen Brandung,
genauso wenig wie die Bezeichnung eines klassischen Partisanenkampfes auf
die lokalen Widerstandsaktivitäten im engeren Sinn zulässig ist.
Auch wenn die Widerstandsgruppierungen im Salzkammergut auf wirkliche
Sabotageakte verzichteten, so bedeutete das großzügige Verstecken von Deserteuren
und politischen Nazigegnern, sowie Vorbereitungen zur Machtübernahme
in Hinblick auf das nahende Kriegsende, eine Besonderheit in der Geschichte
des gesellschaftlichen und politischen Widerstands.
Dass die Grundlage der Widerstandsorganisationen, wie so oft, von Frauen erarbeitet
wurde, kann im Bezug auf das Salzkammergut, dank der Arbeit des Linzer
Laienhistorikers Peter Kammerstätter, relativ gut rekonstruiert werden.
Geburtshilfe
Die „Hauptschuld“ an der Entstehung der Sendereihe „Fragmente des Widerstands“
trägt ein Wanderführer des Gmundners Christian Topf, der den Titel „Auf
den Spuren der Partisanen – zeitgeschichtliche Wanderungen im Salzkammergut“
trägt. Topf geht darin anhand von 12 klassischen Wanderrouten, die immer
im Kontext mit geschichtlichen Ereignissen stehen, dem Widerstand gegen den
Nationalsozialismus im Salzkammergut nach. Dieser Wanderführer fiel mir 2003
erstmals in die Hände, und die Idee, aus dieser leicht nachvollziehbaren Form der
Geschichtsbetretung eine Sendereihe zu gestalten, nahm schnell Gestalt an.
Im Rahmen des „KUPF-Innovationstopf 2005 – Lebendige Archive“ wurde das
Projekt „Fragmente des Widerstands“ vom FRS eingereicht. Die Umsetzung des
Projektes sollte, wie schon seine Entwicklung, durch mich erfolgen. Dass eine
Sendereihe dieser Größenordnung für ein Freies Radio nur durch eine zusätzliche
Förderung zu realisieren wäre, war von Anfang an klar. Der Finanzierungsbedarf
wurde mit 11.000,- Euro veranschlagt. Von 44 eingereichten Projekten
wurde „Fragmente des Widerstands“ von einer fünfköpfigen Jury (in der mit
Wolfgang Neugebauer vom DÖW in Wien ein profunder Kenner der österreichischen
Zeitgeschichte vertreten war) an die erste Stelle gereiht. Gerade wenn
man in Betracht zieht, dass der „KUPF-Innovationstopf“ als wichtiges kulturelles
Förderinstrument in Oberösterreich für Projekte außerhalb des Linzer Zentralraums
nicht in dem Maß zum Tragen kommt, den der dezentrale Raum verdient
hätte, gewinnt diese Reihung noch an zusätzlicher Bedeutung.
Achtung, Sendung!
„Fragmente des Widerstands“ erzählt eine Geschichte des Widerstands im Salzkammergut,
auch und gerade anhand von persönlichen Geschichten. Mein Ziel
bei der Gestaltung der Sendereihe war es, mich an den Wanderführer von Christian
Topf so werktreu wie möglich zu halten.
Die konkrete Arbeit bedeutete: 1. relevante historische Quellen zu erschließen, 2.
Menschen und ZeitzeugInnen ausfindig zu machen, die mit den jeweiligen Themen
vertraut, bzw. bereit sind, sich der Interviewsituation zu stellen und über
Erlebnisse zu berichten, die mehr als 60 Jahre zurückliegen, und 3. dies alles in
eine hörzeig-, und nachvollziehbare Form zu bringen, die jeweils mit einer Stunde
Sendezeit ihr Auslangen finden muss. Für „Fragmente des Widerstands“ hieß
das ca. 3000 Seiten historisches Quellenmaterial, 45 InterviewpartnerInnen und
an die 2000 Minuten Tonaufnahmen auf 540 Sendeminuten zu verteilen.
Trotz des erheblichen Arbeitsaufwands ist dieses Projekt ein möglicher Versuch,
mit dem Freie Radios in Österreich, gerade zu Zeiten eines schwindenden Bildungsauftrags
des öffentlich-rechtlichen Rundfunks, ein Stück mehr an Legitimation
und Bedeutung erreichen können.
Die Ergebnisse dieses Versuches lassen sich hören!
Anmerkungen
Die Fragmente des Widerstands
waren eines von insgesamt
neun prämierten Projekten
beim KUPFInnovationstopf
2005 und sind
auf www.freiesradio.at oder
www.cba.fro.at nachhörbar.
Der Wanderführer Auf den
Spuren der Partisanen – zeitgeschichtliche
Wanderungen im
Salzkammergut von Christian
Topf, ist im Verlag Edition
Geschichte der Heimat oder
über toch@aon.at beziehbar.
Über das Zeitgeschichtemuseum
Ebensee kann man an
thematischen Wanderungen
zum Widerstand im Salzkammergut
teilnehmen.
David Guttner
ist Redakteur des FRS. Derzeit in Vaterkarenz, lebt in Ebensee/OÖ.
